Generative KI und Kameras zwischen Fake und Authentizität (aktualisiert)


Generative KI hat längst Einzug in Smartphones und Apps gehalten. Der Frage, wie Kamerahersteller dazu stehen und wie sie die Authentizität von Bildern nachweisen, gehen wir in einem Artikel in fotoMAGAZIN 6/26 nach. An dieser Stelle liefern die vollständigen Antworten auf unsere Umfrage. Aktualisierung 6.5. 2026: Jetzt auch mit Anworten von Canon.

Farbiges Porträt von Andreas Jordan vor neutralem Hintergrund

Andreas Jordan

Andreas Jordan ist freier Journalist und Mediendesigner.

So funktioniert die Technologie der ETH Zürich

So funktioniert die Technologie der ETH Zürich: Ein reales Ereignis (1) wird von einer Kamera aufgezeichnet, deren Sensorchip im Moment der Aufnahme sowohl die Bilddaten als auch eine kryptografische Signatur erzeugt (2). Nach der Speicherung in einem öffentlichen Register (3) kann diese Signatur später verwendet werden, um zu überprüfen, dass die Aufnahme authentisch ist und nicht verändert wurde (4). 

Grafik: © Felix Franke / ETH Zürich, erstellt mit KI

Dass Kamerahersteller generativer KI eher kritisch gegenüberstehen, liegt in der Natur der Sache. Für komplette Generierung von Bilder per KI braucht man weder eine Kamera noch einen Fotografen. Was nicht heißt, dass die Fotografie und KI-gestützte Bildbearbeitung nicht auch koexistieren können.

Vor allem für die Pressefotografie ist aber wichtig, dass die Authentizität von Fotos nachgewiesen werden kann. Zu diesem Zweck haben sich zahlreiche Firmen aus dem Imaging-Bereich schon 2019 in der Content Authenticity Initiative (CAI) und 2021 in der größeren C2PA (Coalition for Content Provenance and Authenticity) zusammengeschlossen. Vor allen Kameras von Leica und Sony sind bereits mit Authentifizierungsfunktionen, sogenannten Content Credentials, ausgestattet. Sogar in Smartphones (bspw. Leica Leitzphone und Vivo X300 Ultra) hält die Technologie Einzug.

Im April hatten wir für den Artikel in fotoMAGAZIN 7/26 die wichtigsten Kamerahersteller gefragt, wie sie zum Thema generative KI und Content Credentials stehen. Geantwortet hatten bis Redaktionsschluss am 10. April leider nur Leica und OM Digital Solutions, am 6. Mai hat auch Canon unsere Fragen beantwortet. Fujifilm, Nikon, Panasonic und Sony konnten oder wollten sich nicht äußern, bzw. haben uns auf einen späteren Zeitpunkt vertröstet, an dem es Neuigkeiten zu diesem Thema geben soll. Offensichtlich ist hinter den Kulissen Einiges in Bewegung.

Eine interessante neue Entwicklung ist die Chip-Technologie der ETH Zürich gegen Deepfakes, die direkt auf dem bildgebenden Sensor implementiert werden soll. Ein Statement dazu finden Sie an Ende des Artikels.

Hier die vollständigen Fragen und Antworten:

Antworten von Leica zum Thema generative KI und Content Credentials

Geantwortet hat Fabian Pecht, Corporate Communications Leica Camera AG.

Frage 1: Wie steht Leica zur Integration generativer KI-Funktionen in Kameras wie sie bspw. in Smartphones zu finden ist?

Die Leica Camera AG setzt bei ihren Kameras auf authentische Bildgestaltung und die bewusste fotografische Entscheidung des Nutzers. Generative KI-Funktionen, wie sie teilweise aus dem Smartphone-Bereich bekannt sind, stehen derzeit nicht im Fokus unserer Kameraentwicklung.

Frage 2: Welche Pläne hat Leica zur Integration von Technologien zur Bild-Authentifizierung z. B. in Form von Content Credentials im Rahmen der C2PA? In welche Kameras soll die Technologie integriert werden?

Mit der Leica M11-P hat Leica 2023 die weltweit erste Kamera mit integrierter Content-Credentials-Technologie zur Authentifizierung von Bildern auf den Markt gebracht. Seitdem wird diese Technologie auch in neue Kameramodelle integriert. Stand 06. Mär. 2026: Die Kameras Leica M11-P, M11-D, M EV1, Q3 Monochrom und SL3-S; Das Smartphone Leica Leitzphone powered by Xiaomi.

Frage 3: Funktioniert die Bild-Authentifizierung auch bei Videos?

Der Fokus von Leica liegt aktuell auf der Authentifizierung von fotografischen Bildern und der Implementierung des neuen C2PA-Standards. Eine Ausweitung der "Leica Content Credentials" auf Videoformate wird grundsätzlich geprüft, ist aktuell jedoch noch nicht verfügbar.

Frage 4: Ist für die Bild-Authentifizierung eine spezielle Hardware (Chip) erforderlich oder lässt sich dies per Software lösen?

Content Credentials sind gesicherte Metadaten in digitalen Bildern, die die Herkunft, Urheberschaft und Bearbeitungsschritte transparent, nachvollziehbar und sicher dokumentieren. Die Gerätezertifikate für die Leica Kameras werden direkt bei der Produktion einzelnen individuell erzeugt und auf einem extra eingebauten verschlüsselten Chip gespeichert.

Frage 5: Was hält Leica von neuen Ansätzen wie der Chip-Technologie der ETH Zürich?

Leica begrüßt grundsätzlich technologische Innovationen, die dazu beitragen, Vertrauen in digitale Inhalte zu stärken. Ansätze wie die Chip-Technologie der ETH Zürich, bei der Bild- und Videodaten bereits im Moment der Aufnahme direkt im Sensor kryptografisch signiert werden, zeigen spannende Perspektiven für die Zukunft.

Gleichzeitig setzt Leica aktuell auf den etablierten Industriestandard C2PA. Dieser ermöglicht es bereits heute, Herkunft und Bearbeitungsschritte digitaler Inhalte transparent und nachvollziehbar zu dokumentieren und ist als offenes Ökosystem breit anschlussfähig.

Aus Sicht von Leica liegt der entscheidende Mehrwert derzeit in der breiten Implementierbarkeit und Interoperabilität solcher Lösungen. Hardwarebasierte Ansätze wie der ETH-Chip können perspektivisch eine zusätzliche Absicherung auf Sensorebene bieten, erfordern jedoch grundlegende Änderungen in der Hardwarearchitektur und befinden sich noch in einem frühen Entwicklungsstadium.

Antworten von OM System zum Thema generative KI und Content Credentials

Geantwortet hat Mr. Hiroki Koyama Director, Product Planning, Global Brand & Marketing Strategy, OM System Business Unit, OM Digital Solutions Corporation.

Frage 1: Wie steht OM System zur Integration generativer KI-Funktionen in Kameras wie sie bspw. in Smartphones zu finden ist?

Wir sind uns bewusst, dass sich KI-Technologien rasant weiterentwickeln und das Potenzial haben, die Zukunft der Fotografie zu beeinflussen. Gleichzeitig sind wir der Überzeugung, dass der Wert der Fotografie darin liegt, dass der Fotograf den Auslöser drückt und Bilder nach seiner eigenen Vorstellung schafft. Während generative KI-Funktionen zunehmend in Smartphones integriert werden, gehen wir bei der Bewertung, inwieweit solche Technologien mit dieser Philosophie vereinbar sind, vorsichtig vor. Anstatt KI lediglich zur Automatisierung oder Bildgenerierung einzuführen, legen wir Wert darauf, das Aufnahmeerlebnis zu verbessern, die Kreativität der Nutzer zu fördern und die Authentizität der aufgenommenen Bilder zu bewahren. Wir glauben, dass es unerlässlich ist, ein Gleichgewicht zwischen technologischer Innovation und dem grundlegenden Wert der Fotografie zu finden.

Frage 2: Welche Pläne hat OM System zur Integration von Technologien zur Bild-Authentifizierung z. B. in Form von Content Credentials im Rahmen der C2PA? In welche Kameras soll die Technologie integriert werden?

Angesichts der stetig wachsenden Menge an durch KI generierten und bearbeiteten Inhalten sind wir uns bewusst, dass die Gewährleistung der Authentizität digitaler Inhalte ein wichtiges Thema ist, und prüfen derzeit technische Ansätze sowie mögliche Umsetzungsmethoden. Derzeit ist unsere Kompaktkamera TG-7 zwar auf bestimmte Regionen und Anwendungsfälle beschränkt, verfügt jedoch über einen „Construction Mode“. In Kombination mit Software von externen Partnern ermöglicht dies die Überprüfung auf einem Computer mittels einer „Originalbild-Verifizierungsfunktion“, ob die aufgenommenen Bilder bearbeitet oder verändert wurden.

Frage 3: Funktioniert die Bild-Authentifizierung auch bei Videos?

Die Funktion „Originalbildüberprüfung“ der TG-7 unterstützt keine Videos. Wir werden uns weiterhin mit diesem Thema befassen und dabei die Entwicklungen im Bereich der KI-generierten Videos auf dem Markt genau beobachten.

Frage 4: Ist für die Bild-Authentifizierung eine spezielle Hardware (Chip) erforderlich oder lässt sich dies per Software lösen?

Wir prüfen derzeit die am besten geeigneten Ansätze zur Bildauthentifizierung und möchten daher zum jetzigen Zeitpunkt noch keine endgültige Antwort geben.

Frage 5: Was hält OM System von neuen Ansätzen wie der Chip-Technologie der ETH Zürich?

Wir möchten uns zwar nicht zu bestimmten Technologien einzelner Unternehmen äußern, betrachten es jedoch als wichtiges technisches Thema, die Authentizität zu gewährleisten, ohne kreative Aktivitäten unnötig einzuschränken. Wir werden neue technologische Ansätze in diesem Bereich weiterhin beobachten und bewerten.

Antworten von Canon zum Thema generative KI und Content Credentials

Frage 1: Wie steht Canon zur Integration generativer KI-Funktionen in Kameras, wie sie bspw. in Smartphones zu finden ist?

Wir sehen sehr genau, was im Smartphone-Bereich passiert, aber der Ansatz unterscheidet sich grundlegend von dem, was unsere Kunden von einer Kamera erwarten. Für uns steht die authentische Bildentstehung im Mittelpunkt. Unsere Kunden, ob professionelle Fotografen, Content Creator oder ambitionierte Anwender, wollen Realität bewusst erfassen und gestalten, nicht nachträglich generieren. Das heißt nicht, dass wir KI nicht einsetzen. Im Gegenteil: KI ist heute ein zentraler Bestandteil unserer Kameras, etwa bei Autofokus, Motiverkennung oder Bildverarbeitung. Der entscheidende Unterschied ist: Wir nutzen KI, um reale Aufnahmen besser zu machen – nicht, um sie zu ersetzen. Eine Kamera ist für uns ein Werkzeug zur präzisen und kreativen Erfassung von Realität, nicht zu deren Erzeugung.

Frage 2: Welche Pläne hat Canon zur Integration von Technologien zur Bild-Authentifizierung, z. B. Content Credentials im Rahmen der C2PA?

Das Thema Bild-Authentizität hat für uns gerade im Kontext generativer KI eine sehr hohe strategische Relevanz. Canon engagiert sich aktiv in der Content Authenticity Initiative und im C2PA-Standard. Mit der EOS R1 und der EOS R5 Mark II haben wir erste Kameras im professionellen Segment, die eine integrierte Unterstützung für die Authentifizierung von Bildinhalten bieten, insbesondere für Anwendungen im journalistischen Umfeld. Unser Ansatz ist dabei klar: Wir wollen eine nachvollziehbare Vertrauenskette vom Moment der Aufnahme bis zur Veröffentlichung ermöglichen. Gleichzeitig geht es dabei nicht um eine einzelne Funktion, sondern um ein Ökosystem. Authentizität entsteht nur dann, wenn sie entlang der gesamten Wertschöpfungskette unterstützt wird – von der Kamera über die Bearbeitung bis zur Distribution. Unser Ziel ist es, Vertrauen in digitale Bildinhalte wieder überprüfbar zu machen.

Frage 3: Funktioniert die Bild-Authentifizierung auch bei Videos?

Grundsätzlich ist der zugrunde liegende Standard nicht auf Fotos beschränkt. Content Credentials sind so konzipiert, dass sie auch für Video- und andere Medienformate eingesetzt werden können. Aktuell liegt der Schwerpunkt unserer konkreten Implementierungen noch auf der Authentifizierung von Fotos, insbesondere in professionellen Anwendungsfeldern, in denen die Anforderungen an Verlässlichkeit besonders hoch sind. Mit zunehmender Verbreitung von KI-generierten Inhalten wird die Frage der Authentizität aber auch im Videobereich weiter an Bedeutung gewinnen. Die Herausforderung liegt hier weniger in der Technologie als in der Integration in bestehende Produktions- und Distributionsprozesse.

Frage 4: Ist für die Bild-Authentifizierung eine spezielle Hardware erforderlich oder lässt sich dies per Software lösen?

Grundsätzlich lassen sich viele Elemente der Bild-Authentifizierung softwareseitig abbilden. Entscheidend ist jedoch die Frage, wie belastbar die Vertrauenskette ist. Je näher die Signatur an der tatsächlichen Entstehung des Bildes erfolgt und je besser sie geschützt ist, desto höher ist ihre Aussagekraft. Deshalb spielen abgesicherte Hardware-Komponenten insbesondere im professionellen Umfeld eine wichtige Rolle. Wir sehen hier kein Entweder-oder, sondern ein Zusammenspiel: Software ermöglicht Skalierbarkeit und Flexibilität, Hardware sorgt für zusätzliche Sicherheit und Integrität. Am Ende geht es darum, eine möglichst robuste und manipulationssichere Vertrauenskette zu schaffen.

Frage 5: Was hält Canon von neuen Ansätzen wie der Chip-Technologie der ETH Zürich?

Zu der konkret genannten Technologie der ETH Zürich liegt uns aktuell keine belastbare eigene Bewertung vor. Grundsätzlich sind alle Ansätze relevant, die dazu beitragen, Vertrauen in digitale Bild- und Videoinhalte zu stärken. Der Ansatz, Authentizität möglichst früh – idealerweise direkt bei der Entstehung eines Bildes – abzusichern, ist nachvollziehbar und entspricht auch der Richtung, in die sich die Branche insgesamt entwickelt. Gleichzeitig wird entscheidend sein, wie gut sich solche Lösungen in bestehende Systeme integrieren lassen und ob sie sich im Markt skalieren lassen. Am Ende wird sich nicht eine einzelne Technologie durchsetzen, sondern ein Zusammenspiel aus Standards, technischen Lösungen und breiter Marktakzeptanz.

Statement der ETH Zürich, Professor Felix Franke

Frage 1: Wie unterscheidet sich Ihr Verfahren von Content Credentials wie sie von der C2PA bzw. CAI genutzt werden? Leica hat eine entsprechende Technologie mit einen Chip ja bereits in mehrere Kameras integriert.

C2PA ist ein vielversprechender Ansatz mit dem sich unsere Technologie gut kombinieren ließe. Die dort vorgeschlagenen Standards setzen auf Provenance Tracking z. B. durch Bildbearbeitungssysteme und dies kann in einem dedizierten Chip in der Kamera starten. Allerdings ist hier der Prozess angreifbar, da der Sensor und der Chip, der die Sicherheit garantiert, getrennt sind. Ein einmal in die Pipeline eingespeißtes künstlich erstelltes Bild kann dann nicht mehr als solches entlarvt werden. Wir setzen hier früher an, indem wir die Sicherheit direkt bis in den Sensor bringen.

Frage 2: Sind Sie in Gesprächen mit Kameraherstellern, Presse-Agenturen oder Medien zur Integration Ihrer Technologie?

Wir arbeiten weiter daran, die technologischen Hürden für Sensorhersteller zu senken, die Technologie auch tatsächlich zu integrieren. Es gibt aber bisher keine konkreten Pläne der Umsetzung. 

Lesen Sie zu diesem Thema auch den Artikel in fotoMAGAZIN 6/26.

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