Im Test: Canon EOS R

Spiegelloses Vollformat
24.07.2019

Mit der EOS R stieg Canon in den boomenden Markt für spiegellose Vollformatkameras ein. Vor allem beim Bedienkonzept wagten die Japaner Neues. Wir haben die Kamera in der Praxis und im Labor getestet und vergleichen sie mit der Konkurrenz von Leica, Nikon und Sony.

 

canon-eor_r_f24-105-top_front_web.jpg

Canon EOS R top front

Canon EOS R
Preis: ca. 2500 Euro.

© Canon

Eine der größten Innovationen der letzten Jahre war bei Canon der „Dual Pixel CMOS AF“, der sich auch bei der EOS R wiederfindet: Im Gegensatz zu Nikon und Sony setzt Canon keinen Hybrid-AF aus Kontrasterkennung und Phasen-Detektionspixeln ein, sondern kann alle Pixel vom Aufnahmemodus in einen Phasen-Detektionsmodus umschalten. Dazu besteht jeder Pixel aus zwei Fotodioden, die getrennt ausgelesen werden können. Das hat den Vorteil, dass bei der Bildaufnahme alle Pixel zur Verfügung stehen – beim Hybrid-AF sind einige hundert dauerhaft nur für die Fokussierung zuständig. Außerdem deckt die Phasen-Detektion fast das komplette Bildfeld ab: Bei RF-Objektiven 100 % in der Höhe und 88 % in der Breite. Bei einigen adaptierten EF-Objektiven werden horizontal „nur“ 80% unterstützt, was aber immer noch deutlich besser ist als bei Spiegelreflexkameras. Beachtlich ist auch die Empfindlichkeit: Mit dem RF 1,2/50 mm stellt die EOS R bis -6 EV scharf, das ist ein Rekord im Testfeld. Mit dem RF 4/24-105 mm reduziert sich der Wert auf -2,5 EV, im Praxistest reichte dies aber aus, um in relativ dunklen Innenräumen problemlos zu fokussieren. Der Autofokus beherrscht auch eine Gesichts- und eine Augenerkennung, letztere allerdings nicht mit AF-Nachführung. Zum Vergleich: Sony kann seit der zweiten Alpha-7-Generation den AF bei der Augenerkennung nachführen, Nikon hat dagegen gar keine Augenerkennung.

Die EOS R hat eine sehr gute Ausstattung – mit kleinen Schwächen

Wie die meisten Kameras im Testfeld ist auch die EOS R sehr gut ausgestattet. Der größte Schwachpunkt ist der fehlende Bildstabilisator in der Kamera. Sony (ab der zweiten Alpha-7-Generation) und Nikon nutzen hierfür einen beweglich gelagerten Sensor, Sony hat zusätzlich stabilisierte Objektive und kann die beiden Verfahren sogar kombinieren. Bei Canon (und Leica) ist der Fotograf also auf stabilisierte Objektive angewiesen – von den fünf bisher angekündigten EOS-R-Objektiven bringen allerdings nur drei einen Bildstabilisator mit, bei den lichtstarken 1,2/50 und dem 2,0/28-70 mm muss man kürzere Belichtungszeiten einplanen, um nicht zu verwackeln.
Wie bei der EOS 5D Mark IV können die Dual-Pixel auch für die „Dual Pixel Raw“-Aufnahmen genutzt werden. Ist die Option im Menü aktiviert, so zeichnet die Kamera eine fast doppelt so große Raw-Datei auf, die Informationen aus beiden Fotodioden enthält. In Canons eigenem Raw-Konverter Digital Photo Professional lassen sich diese Informationen auf unterschiedliche Weise nutzen:

  • • Geringfügige Bildanpassung: Die Schärfeebene kann leicht verschoben werden. Nach unseren Erfahrungen allerdings bestenfalls minimal, eine echte Fehlfokussierung lässt sich so nicht korrigieren.
  • • Bokeh-Verschiebung: Vorder- und Hintergrund lassen sich minimal gegeneinander versetzen.
  • • Ghosting-Reduzierung: Überstrahlungen und Geisterbilder, beispielsweise bei Nachtaufnahmen, können reduziert werden.

Der mechanische Verschluss schafft 1/8000 s und eine Blitzsynchronzeit von 1/200 s. Wer lautlos fotografieren will, kann auf einen rein elektronischen Verschluss zurückgreifen, allerdings nicht im Serienmodus. Weitere Einschränkungen: Das Blitzen ist nicht möglich, bei flackerndem Kunstlicht kann es bei kurzen Belichtungszeiten zu Streifenbildungen kommen und der Rolling Shutter (also das zeilenweise Auslesen) kann dazu führen, dass sich schnell bewegende Motive verzerrt werden. Diese Probleme hat aktuell jede Fotokamera, wobei im Testfeld die Sony Alpha 9 den Sensor am schnellsten ausliest und daher die geringsten Rolling-Shutter-Effekte zeigt.

Zu den erfreulichen Seiten der Ausstattung gehören Funktionen wie Mehrfachbelichtungen, HDR-Aufnahmen (auch mit Raws für die spätere Bearbeitung am Rechner), die Anti-Flickr-Funktion für das Fotografieren unter flackerndem Kunstlicht (nur mit mechanischem Verschluss nutzbar), eine 3D-Wasserwaage, der integrierte Raw-Konverter, Wi-Fi mit Bluetooth und eine USB-C-(3.1)Schnittstelle. Ähnlich wie die Nikon Z-Modelle hat auch die EOS R nur ein Speicherkartenlaufwerk, allerdings nicht für XQD-, sondern für SD-Karten (UHS-II wird unterstützt). Die meisten Sony-Kameras (außer der älteren A7S II) und die Leica SL haben zwei Karten-Slots. Der beispielsweise aus der EOS 5D Mark IV bekannte LP-E6N-Akku liefert Strom für bis zu 350 Aufnahmen mit Sucher bzw. 370 mit Monitor; sind alle Energiesparmodi aktiviert, so verlängert sich die Laufzeit auf 430 (Sucher) bzw. 560 (Monitor). Deutlich bessere Akkulaufzeiten haben wiederum die neuen Sony-Modelle, vor allem die Alpha 7 III. Bei der EOS R lässt sich die Anzahl der Bilder, die mit einer Batterieladung aufgenommen werden können, mit dem als Zubehör erhältlichen Batteriegriff BG-E22 etwa verdoppeln. Geladen werden kann die Kamera übrigens per USB mit Powerbanks, die mindestens drei Ampere haben.

Seite 1
Seite 2
Seite 3
Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.

Kameras im Test

Wählen Sie eine Vergleichskamera
Andreas Jordan
Über den Autor
Andreas Jordan

Andreas Jordan ist Sozialwissenschaftler und Mediendesigner und arbeitet seit 1994 als Redakteur und Autor mit den Schwerpunkten Multimedia, Imaging und Fotografie für verschiedene Fach- und Special-Interest-Magazine (u. a. Screen Multimedia, Computerfoto, MACup) und Tageszeitungen (Hamburger Abendblatt, Berliner Kurier). Seit 2003 ist er Redakteur beim fotoMAGAZIN und leitet dort seit 2007 das Ressort Test & Technik.