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Das Fotografen-Duo Adrian Sonderegger und Jojakim Cortis
Das Fotografen-Duo Adrian Sonderegger (l.) und Jojakim Cortis (r.) | Foto: © Manfred Zollner

Cortis und Sonderegger

Fotografie als Geschichtsmodell
20.03.2020

Dieses Künstlerduo rekonstruiert mit Kunstrasen und Teppichmessern im Studio berühmte Bilder der Fotogeschichte. Jojakim Cortis und Adrian Sonderegger spielen am Miniatur-Modell mit unserer Idee des Realen. Ein Gespräch über modellierte Geschichte, den Blick auf die Fotohistorie und die Inflation der Bildikonen.

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Making of „Behind the Gare St. Lazare“ vom Künstler-Duo Cortis und Sonderegger

Making of „Behind the Gare St. Lazare“ (by Henri Cartier-Bresson, 1932), 2016

© Jojakim Cortis & Adrian Sonderegger

Der Fußabdruck des ersten Menschen auf der Mondoberfläche, Robert Capas fallender Soldat im spanischen Bürgerkrieg, das World Trade Center am 11. September, der Atompilz über Nagasaki, Henri Cartier-Bressons Bild eines Mannes am Gare Saint-Lazare, der über eine Pfütze springt – den meisten dieser Beschreibungen ordnen wir automatisch ein Bild zu. Diese Aufnahmen sind Ikonen der Fotogeschichte. Das Künstlerduo Jojakim Cortis und Adrian Sonderegger rekonstruieren seit 2012 in ihrem Langzeitprojekt „Icons“ diese weltbekannten Motive als Miniatur-Modelle im Schweizer Studio und lichtet sie ab. Dabei fotografieren sie ihre Modelle mit allen Utensilien ihrer Entstehungsgeschichte wie Karton, Gips, Kleber, Watte, Styropor und Schraubendrehern. Ihre Aufnahmen spielen mit unserer Wahrnehmung von  Wahrheit und Manipulation. In einer Zeit, in der viel über die Authentizität von Bildern und „alternative Fakten“ diskutiert wird, fordern uns die Arbeiten von Cortis und Sonderegger dazu heraus, die Fotografie auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen und doch etwas genauer hinzusehen. Ihre Fotos sind aber auch eine Reflexion über das Medium Fotografie.
Jojakim Cortis (Jahrgang 1978) und Adrian Sonderegger (Jahrgang 1980) arbeiten seit ihrer Studienzeit an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Zürich zusammen und sind sowohl freischaffende Fotografen als auch Dozenten. fotoMAGAZIN-Chefredakteur Manfred Zollner hat mit dem Duo gesprochen.

fotoMAGAZIN: Was macht für Sie eine fotografische Ikone aus?
Adrian Sonderegger: Dafür gibt es viele Kriterien. Die älteren Bildikonen zeigen mehr geschichtliche Ereignisse, Erfindungen, Wechsel in der Gesellschaft. Wir haben uns auch Ikonen ausgesucht, die das Medium – also die Fotografie – selbst thematisieren: Nehmen wir beispielsweise das Hindenburg-Luftschiff: Das Bild der Explosion wurde per Kabel in die ganze Welt übertragen. Oder die live im TV übertragenen Mondlandungen: Da steckt immer Mediengeschichte drin. Darüber hinaus sind da noch Pressebilder in unserer Auswahl wie das Foto vom Aufmarsch der Panzer am Platz des Himmlischen Friedens in Peking. Diese Aufnahmen sind gestalterisch und ästhetisch gut aufgebaut und bringen auch etwas auf den Punkt, das man in vielen Worten erzählen müsste.
Jojakim Cortis: Sie stehen auch oft für einen Wendepunkt. Zum Beispiel war die Hindenburg-Katastrophe der Anfang vom Ende des Zeppelins. Danach distanzierte man sich davon. Bei dem Concorde-Unglück in Paris war das ein ähnlicher Wendepunkt. Auch der 11. September zählt dazu. Unser Sicherheitsdenken hat sich danach schlagartig verändert.

Wir spielen mit dem kollektiven Gedächtnis. Das bezieht sich immer ganz klar auf die Ursprungsfotografie.

fotoMAGAZIN: Bei Ihrer Vorgehensweise würden sich mehrere künstlerische Umsetzungen anbieten: Da wäre zum einen das Medium Film. Sie machen selbst kleine Clips, bei denen Sie aus einem Motiv zurück in den Raum zoomen und den Set-Aufbau zeigen. Denkbar wäre auch der skulpturale Ansatz, den Sie 2019 in Zürich zeigten. Sie trugen dort einen kompletten Studioaufbau in die Veranstaltungshalle. Die Besucher konnten um dieses Set gehen und durch eine Camera Obscura blicken. Die dritte Variante ist Ihre fotografische Umsetzung. Warum haben Sie sich für den letzteren Weg entschieden?
Jojakim Cortis: Weil wir von der Fotografie kommen. In erster Linie sind wir Fotografen. Es bietet sich natürlich an, das Thema anders zu präsentieren. Die Camera Obscura in Zürich war ein Versuch. Das filmische Wegzoomen setzen wir jedoch nur im Social-Media-Bereich ein. Es ist ein wenig wie die Umkehrung des Erlebens, wenn man in einen Ausstellungsraum reingeht. Man sieht auf den ersten Blick die Ikone, zoomt rein und sieht dann die Details.  
Adrian Sonderegger: Wir spielen ja mit dem kollektiven Bildgedächtnis. Das bezieht sich immer ganz klar auf die Ursprungsfotografie. Deshalb liegt es auf der Hand, dass wir als Endprodukt wieder eine Fotografie zeigen.

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Making of „Moon and Half Dome“ von Cortis und Sonderegger

Making of „Moon and Half Dome“ (by Ansel Adams, 1960), 2016

© Jojakim Cortis & Adrian Sonderegger

fotoMAGAZIN: Ist es einfacher oder vielleicht sogar schwieriger, wenn man zu zweit an derlei komplexen Inszenierungen arbeitet?
Jojakim Cortis: Am Anfang funktioniert der Dialog nicht immer. Jeder verteidigt seine Position. Wir mussten auf einen gemeinsamen Nenner kommen und das war zunächst noch schwieriger. Mittlerweile ist ein gegenseitiges Vertrauen da. Der Dialog bleibt und der ist gut. Alleine hättest du nur einen inneren Dialog, keine solche Distanz zu dem, was du gerade machst. Wenn du am „Half Dome“ von Ansel Adams sitzt, könntest du ewig spachteln und pinseln. Dann kann der andere einen Blick darauf werfen und auch mal sagen: sieht gut aus, jetzt ist es fertig.
Adrian Sonderegger: Die Zusammenarbeit hat Vor- und Nachteile. Es kommt darauf an, wie man lieber arbeitet. Für uns hat es mehr Vorteile, sonst würden wir das nicht machen.
Jojakim Cortis: Unsere Arbeitsweise wird schnell aufwendiger. Da bringt es viele Vorteile, zusammenzuarbeiten.

fotoMAGAZIN: Können Sie mir sagen, welche besondere Qualität der jeweils andere in die Zusammenarbeit einbringt? Wie ist bei Ihnen die Aufgabenteilung?
Jojakim Cortis: Ich schätze den Durchhaltewillen bei Adrian, gerade beim Herstellen von Figuren. Er macht mehr die Figuren ich eher die Landschaft. So kommt man sich auch nicht in die Quere.
Adrian Sonderegger: Grundsätzlich können beide alles machen. Wir haben jedoch schon ein wenig unsere Spezialgebiete. Jojakim ist sehr gut am Computer bei der Bildaufbereitung und behält vielleicht häufiger den Überblick, die Distanz zum Ganzen.

fotoMAGAZIN: Sie haben beide keinen Background als Bildhauer ...
Adrian Sonderegger: Ich finde es erstaunlich, dass wir es so weit gebracht haben. Ich muss aber sagen, dass wir viel zu lange brauchen, bis etwas fertig ist. Wenn du ein Bild machst mit Figuren und das zum ersten Mal anpackst, musst du vieles erst austesten.

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Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Manfred Zollner

Unser Chefredakteur Manfred Zollner hat bereits während seines Studiums der Kommunikationswissenschaft sein Taschengeld als Konzertfotograf verdient. Der langjährige stellvertretende Chefredakteur des Heftes leitet seit April 2019 die Redaktion. Darüber hinaus betreut er das einmal im Jahr erscheinende XXL-Heft fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios.