Im Test: Canon RF 11/600 mm IS STM und RF 11/800 mm IS STM

Es sind kleine Leichtgewichte: die Supertele-Festbrennweiten von Canon, das RF 11/600 mm IS STM und das RF 11/800 mm IS STM. Wir haben sie ins Labor geschickt und in der Praxis getestet.

Porträt Lars Theiß

Lars Theiß

Praxis-Redakteur, seit 1995 im fotoMAGAZIN-Team.

Canon Superteles

Wir haben das RF 11/600 mm IS STM und das RF 11/800 mm IS STM im November 2020 getestet und konnten beide mit einem „Gut“ auszeichnen.

© Canon

Geringes Gewicht, kurze Maße, kleine Preise – sind denn die Leistungen groß? Die beiden Festbrennweiten für die spiegellosen Vollformatkameras von Canon, das RF 11/600 mm IS STM und das RF 11/800 mm IS STM, wiegen nur einen Bruchteil von herkömmlichen Spiegelreflexobjektiven dieser Brennweite, sind kleiner und kosten im Vergleich nur einen Apfel und ein Ei. Um dieses Ziel zu erreichen, musste Canon ein paar „Tricks“ anwenden.

Canon RF 11/600 mm IS STM

Das RF 11/800 mm IS STM wiegt 1260 Gramm bei einer Baulänge von 352 mm (282 mm).

© Canon

Da wäre zum einen die geringe Licht­stärke von Blende f/11. Da diese Blendenöffnung auch nicht verstellbar angelegt wurde, fehlt eine aufwendige Blendensteuerung und die Linsendurchmesser konnten geringer ausfallen, was – neben Kosten – Volumen und Gewicht einspart.

Gleiches gilt für den Einsatz von Diffractive-Optics-Linsen (DO). Diese Fresnel-Linsen sind bereits aus früheren Canon-Objektiven bekannt und ersetzen mehrere herkömmliche Linsen. Ein weiterer Kniff besteht darin, die Teles mit einem Tubus-Auszug zu konstruieren. Für den Fotoeinsatz müssen sie um sieben Zentimeter auseinandergezogen und mit einem kleinen Dreh am entsprechenden Feststellring arretiert werden.

Im Vergleich mit dem – selbstredend zwei Blenden lichtstärkeren – Canon EF 5,6/800 mm L IS USM (Länge 46,1 cm) ist das RF 800 mm in Transportstellung knapp 40 Prozent kürzer und wiegt nur 1260 Gramm statt 4,5 Kilogramm.

Aufnahme mit Canon RF 11/600 mm IS STM

Das Canon RF 11/600 mm IS STM hat eine Länge von 269,5 mm (199,5 mm) und wieg 930 Gramm.

© Canon

Nicht verzichtet hat Canon auf Auto­fokus und Bildstabilisator (IS). Der Schritt­motor stellt schnell und leise scharf, eine Einschränkung gibt es jedoch: Der ganz normal arbeitende Autofokus wird in seiner Bildfeldabdeckung auf etwa 60 % vertikal und 40 % horizontal begrenzt. Damit soll der nahezu quadratische, nutzbare AF-Bereich aber immer noch größer sein als der einer EOS 6D Mark II, beispielsweise.

Bildkompositionen mit einem deutlich außerhalb der Mitte platzierten und scharfzustellendem Motiv werden allerdings erschwert. Wem die Telebrennweiten noch nicht ausreichen, der sollte sich die beiden Extender RF 1,4x und 2x anschauen: Sie sind mit den beiden Festbrennweiten voll kompatibel, da der Dual-Pixel-CMOS-Autofokus bis Blende f/22 unterstützt wird.

Das RF 11/600 und 11/800 in der Praxis

Der IS schafft beim RF 600 mm bis zu fünf Blendenstufen Verwacklungsausgleich, beim 800er etwas weniger (vier Stufen). Der Image Stabilizer ist auch nötig, um aus der freien Hand bei Blende f/11 und extrem engen Bildwinkel noch scharfe Aufnahmen zu erzielen, ohne die ISO-Empfindlichkeit in schwindelerregende Höhen zu treiben.

Dennoch ist für Aufnahmen von Wildlife, auf Reisen oder beim Flugzeug-Spotting und Sport (mit gewissen Einschränkungen) eine Menge Licht nötig. Der in jüngeren Canon-R-Gehäusen vorhandene interne Bildstabilisator (IBIS) ist in diesem Telebereich keine Hilfe mehr.

Mechanisch sind die beiden Teles nahezu identisch, außer der Brennweite, der Nahgrenze, dem eingeschränkten Fokussierbereich, den Abmessungen und Gewicht sind sie gleichartig gebaut. Die Fassung samt Filtergewinde ist sehr gut aus Kunststoff gefertigt.

Es ist fast verwunderlich, dass Canon einen Metallbajonettring spendiert, da bei diesem Objektiv(typ) die Gewichtsersparnis im Vordergrund steht und auch eine Gummilippe gegen Staub und Nässe eingespart wurde. Seltsam bei einem Objektiv, das nahezu ausschließlich an der frischen Luft verwendet wird, allein schon wegen der Nahgrenzen von 4,5 m bzw. 6 m (die übrigens im Bereich der gleichbrennweitigen Spiegelreflexobjektive liegen).

Der Fokussierring ist breit und gummiert, er lässt sich auf Wunsch in Sachen Drehrichtung und Empfindlichkeit verstellen und sehr gut bedienen; eine Entfernungsskala sucht man vergeblich, die Einstellung findet man nur im Sucher. Ebenso gut läuft der schlanke, klickende, silberne Steuerring im vorderen Teil, auf den sich die Empfindlichkeit, Verschlusszeit oder anderes – abhängig von der Kamera – programmieren lassen.

Aufnahme mit Canon RF 11/800 mm IS STM

Auch im Stadtpark lassen sich mit den Consumer-Teles Wildlife-Aufnahmen machen.
Objektiv: Canon RF 11/600 mm IS STM

© Lars Theiß

Die Streulichtschutzmaßnahmen sind im Inneren des 800ers etwas besser ausgeführt. Eine Sonnenblende muss für knapp 50 Euro extra erworben werden. Die bei langen Teles übliche Stativschelle gibt es bei dem Duo nicht, aber immerhin findet sich auf Höhe der Schalter (um mit angesetzter Kamera halbwegs ausbalanciert zu sein) ein 1/4-Zoll-Stativgewinde. Der Sockel ist fest angebracht, für Stativaufnahmen im Hochformat müsste also der Stativkopf um 90 Grad gekippt werden.

Aufnahmedaten: 600 mm, Blende f/11, 1/1640 s, ISO 3200

© Lars Theiß

Optische Leistungen

Bei so vielen Ähnlichkeiten überrascht es nicht, dass auch die optischen Leistungen fast gleich sind. Die Auflösung ist beim RF 600 mm etwas höher und erreicht mittlere bis gute Werte, beim RF 800 mm sind sie mittel. Jeweils gleich leicht kissenförmig ist die Verzeichnung, die Randabdunklung ausgezeichnet und sehr natürlich im Verlauf.

FAZIT
Es gibt einige Kritikpunkte in Sachen Ausstattung, Fertigung und optischer Leistung bei den Fliegengewichts-Teles, doch Canon musste Kompromisse eingehen, um Größe, Gewicht und schließlich den Preispunkt zu treffen. Insofern darf der Fotograf auch keine Wunderdinge von den RF-Telefestbrennweiten erwarten. Wer sich für eine vergleichsweise geringe Investition darauf einlässt, kann seinen fotografischen Blickwinkel verengen und seinen Horizont erweitern.

> Hier gelangen Sie zum Download der Tabelle mit allen Ergebnissen aus unserem Test.

Labormessungen: Anders Uschold

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Dieser Test ist in unserer Ausgabe fotoMAGAZIN 1/2021 erschienen.

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