75 Jahre DGPh: Jubiläum zwischen Fotobuch und Auszeichnungen

Die Deutsche Gesellschaft für Photographie feiert 2026 ihr 75-jähriges Bestehen mit Veranstaltungen in Berlin und Köln. Höhepunkte sind das Symposium „Photobook 2026“ sowie die DGPh Photography Awards mit Timm Rautert, Jane Evelyn Atwood und Sarah Greenough.

75 Jahre DGPh: Timm Rautert erhält 2026 den Kulturpreis der Deutschen Gesellschaft für Photographie für sein fotografisches Lebenswerk.
Timm Rautert erhält 2026 den Kulturpreis der Deutschen Gesellschaft für Photographie für sein fotografisches Lebenswerk.
© Albrecht Fuchs

Die Deutsche Gesellschaft für Photographie (DGPh) begeht 2026 ihr 75-jähriges Bestehen mit einem ganzjährigen Programm in Berlin und Köln. Mit Fotoaktionen, einem internationalen Open Call, einem Fotobuch-Symposium und vier Preisverleihungen blickt die 1951 gegründete Gesellschaft zurück und nach vorn. Das Jubiläumsprogramm soll die kulturelle und gesellschaftliche Bedeutung der Fotografie sichtbar machen und zugleich den Wandel des Mediums durch Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und neue Bildformen aufgreifen.

75 Jahre DGPh: Was bietet das Jubiläumsprogramm?

Unter dem Motto „We Celebrate Photography“ verteilt die DGPh ihre Veranstaltungen über das gesamte Jahr. Den Anfang machte am 18. April die Fotoaktion „Moment of Exposure“. Es folgte der Open Call „Tomorrow Will Be Yesterday“, für den bis zum 21. August Arbeiten eingereicht werden konnten.

Ausgewählte Beiträge werden am 19. September bei Fotografiska Berlin im Ballroom auf einer großformatigen LED-Wand gezeigt. Live-Musik begleitet die Präsentation, die auf das letzte Wochenende der dortigen Anton-Corbbijn-Ausstellung fällt.

Über die Auswahl entscheidet eine internationale Jury. Ihr gehören Kathy Ryan, Trägerin des Dr.-Erich-Salomon-Preises 2025, Claire Ducresson-Boët, Wolfgang Zurborn, Thomas Gerwers und Ralph Baiker an.

Photobook 2026: Welche Zukunft hat das Fotobuch?

Ebenfalls am 19. September widmet sich das Symposium „Photobook 2026“ dem Fotobuch. Die Veranstaltung findet von 10 bis 17 Uhr in der Staatsbibliothek zu Berlin Unter den Linden statt und beschäftigt sich mit dem heutigen Stellenwert und den Entwicklungsmöglichkeiten des Mediums.

Zu den angekündigten Teilnehmern gehören der Verleger Gerhard Steidl, Markus Schaden vom The PhotoBookMuseum, der Buchgestalter und Künstler Helmut Völter sowie der Fotograf Nikita Teryoshin.

Eine abschließende Podiumsrunde bringt Gerhard Steidl, Thomas Gust, Nicola von Velsen von Hatje Cantz, Helmut Völter, Markus Schaden und Manfred Heiting zusammen.

DGPh Photography Awards 2026: Vier Preise in Köln

Den zweiten großen Schwerpunkt im Jubiläumsjahr bilden die DGPh Photography Awards. Am 24. Oktober vergibt die Gesellschaft im Museum für Angewandte Kunst Köln (MAKK) vier Auszeichnungen: den Kulturpreis, den Dr.-Erich-Salomon-Preis, die DGPh Manfred Heiting Medal of Curatorial Excellence in Photography sowie den Otto-Steinert-Preis als DGPh-Förderpreis für Fotografie.

Damit deckt die DGPh unterschiedliche Bereiche des Mediums ab. Sie würdigt ein fotografisches Lebenswerk ebenso wie Leistungen im Bildjournalismus und in der kuratorischen Arbeit sowie neue Projekte des fotografischen Nachwuchses.

Warum erhält Timm Rautert den Kulturpreis der DGPh?

Der Kulturpreis der DGPh 2026 geht an Timm Rautert. Der 1941 geborene Fotograf, Künstler und frühere Hochschulprofessor erhält damit die höchste Auszeichnung der Gesellschaft. Sein Werk reicht von fotojournalistischen Reportagen bis zur konzeptuellen Auseinandersetzung mit den Bedingungen fotografischer Bilder.

Rautert studierte von 1966 bis 1971 bei Otto Steinert an der Folkwangschule für Gestaltung in Essen. Bereits in dieser Zeit entstanden experimentelle Arbeiten, die später unter dem Titel „Bildanalytische Photographie“ zusammengefasst wurden. Reisen nach New York 1969 und Japan 1970 verstärkten anschließend seine Beschäftigung mit dokumentarischer und journalistischer Fotografie.

Wie wurde Timm Rautert zum Chronisten gesellschaftlicher Themen?

In den folgenden Jahren arbeitete Rautert für Magazine und Zeitungen. Besonders eng war zwischen 1974 und 1983 seine Zusammenarbeit mit dem Journalisten Michael Holzach für das ZEITmagazin. Hinzu kamen Aufträge für Geo und Merian.

Seine Kamera setzte Rautert immer wieder zur Untersuchung gesellschaftlicher Verhältnisse ein. Er fotografierte unter anderem Menschen mit Contergan-Schädigungen und Obdachlosenasyle. Parallel entstanden längerfristige Serien über Arbeitswelten, Identitäten und gesellschaftliche Rollen, darunter „Deutsche in Uniform“, „The Amish“, „Gehäuse des Unsichtbaren“ und „Eigenes Leben“.

Auch Künstler rückten früh vor seine Kamera. Zu Rauterts Porträtierten gehören Josef Sudek, Andy Warhol, Joseph Beuys, Gilbert & George, Gerhard Richter, Ed Ruscha und James Turrell.

Welche Bedeutung haben Bücher und Lehre für Rauterts Werk?

Mehr als 50 Bücher haben Rauterts Fotografie einem breiteren Publikum zugänglich gemacht. Das gedruckte Bild nimmt in seinem Werk eine besondere Stellung ein – von journalistischen Arbeiten und Künstlerprojekten bis zu Ausstellungspublikationen.

Zu den jüngeren Veröffentlichungen gehören „Bildanalytische Photographie 1968–1974“, „otl aicher / rotis“, „Anfang“ sowie der Katalog „Timm Rautert und die Leben der Fotografie“ zur Retrospektive im Museum Folkwang.

Siemens AG, München 1989, aus der Serie Gehäuse des Unsichtbaren von Timm Rauert, der im Jubiläumsjahr 75 Jahre DGPh mit dem Kulturpreis der Deutschen Gesellschaft für Photographie für sein Lebenswerk geehrt wird. 

Siemens AG, München 1989, aus der Serie Gehäuse des Unsichtbaren von Timm Rauert, der im Jubiläumsjahr 75 Jahre DGPh mit dem Kulturpreis der Deutschen Gesellschaft für Photographie für sein Lebenswerk geehrt wird.

© Archiv Timm Rautert, Museum Folkwang, Essen

Neben seiner eigenen Arbeit beeinflusste Rautert mehrere Fotografengenerationen als Lehrer. Von 1993 bis 2008 war er Professor für Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig. Zu seinen ehemaligen Studierenden zählen unter anderem Viktoria Binschtok, Johanna Diehl, Bernhard Fuchs, Sven Johne, Ricarda Roggan, Adrian Sauer und Tobias Zielony.

Wo befindet sich das fotografische Werk von Timm Rautert?

2025 übergab Rautert sein Gesamtwerk als Vorlass an die Fotografische Sammlung des Museum Folkwang in Essen. Der Bestand umfasst rund 9000 Prints, mehr als 50.000 Dias, sämtliche Negative, etwa 6500 Kontaktabzüge sowie Raum- und Videoinstallationen.

Hinzu kommen Publikationen, Bücher, Korrespondenzen, Arbeitsunterlagen und Dokumentationen zu Ausstellungen. Damit steht der Bestand künftig auch für die wissenschaftliche Beschäftigung mit Rauterts Werk zur Verfügung.

Bereits vor der Preisverleihung zeigt zudem die Galerie Parrotta Burg Lede in Bonn anlässlich seines 85. Geburtstags die Ausstellung „Früher oder später“. Sie eröffnet am 12. September und verbindet frühe mit jüngeren Arbeiten.

75 Jahre DGPh: Sarah Greenough erhält die Manfred Heiting Medal

Die DGPh Manfred Heiting Medal of Curatorial Excellence in Photography geht 2026 an Sarah Greenough und die National Gallery of Art in Washington, D. C. Die Gesellschaft würdigt damit sowohl die Arbeit der amerikanischen Kuratorin und Autorin als auch die Entwicklung der fotografischen Sammlung des Museums.

Greenough war bis zu ihrer Pensionierung 2026 Senior Curator und Leiterin der Fotoabteilung der National Gallery. 1990 übernahm sie als Gründungskuratorin den Aufbau des neuen Bereichs. Seitdem wuchs der fotografische Bestand des Museums auf mehr als 25.000 Werke und deckt die Geschichte des Mediums von 1839 bis zur Gegenwart ab.

Wie prägte Sarah Greenough die National Gallery of Art?

Mit der Gründung der Fotoabteilung erhielt Fotografie in der National Gallery den Status einer eigenständigen Sammlungssparte. Seit 2004 stehen ihr im West Building zudem Galerien für dauerhafte Präsentationen zur Verfügung.

Sarah Greenough wird im Jubiläumsjahr 75 Jahre DGPh gemeinsam mit der National Gallery of Art für ihre herausragende kuratorische Arbeit ausgezeichnet.

Sarah Greenough wird im Jubiläumsjahr 75 Jahre DGPh gemeinsam mit der National Gallery of Art für ihre herausragende kuratorische Arbeit ausgezeichnet.

© National Gallery of Art, Washington D.C.

Unter Greenoughs kuratorischer Verantwortung entstanden zahlreiche Ausstellungen zur Fotografiegeschichte. Zu den behandelten Positionen gehörten unter anderem Alfred Stieglitz, Paul Strand, André Kertész, Irving Penn, Robert Frank, Allen Ginsberg, Sally Mann und Robert Adams.

Auch als Autorin und Herausgeberin hat Greenough zur fotografischen Forschung beigetragen. Zu ihren Publikationen zählen Arbeiten über Alfred Stieglitz, Georgia O’Keeffe, Walker Evans und Roger Fenton.

Die DGPh Manfred Heiting Medal ist noch eine junge Auszeichnung. Sie wurde 2025 erstmals an die Kuratorin Mattie Boom und das Rijksmuseum vergeben. Initiator und Förderer ist der Fotoexperte Manfred Heiting.

Warum erhält Jane Evelyn Atwood den Dr.-Erich-Salomon-Preis?

Mit dem Dr.-Erich-Salomon-Preis zeichnet die DGPh 2026 Jane Evelyn Atwood aus. Die französisch-amerikanische Fotografin richtet ihren dokumentarischen Blick seit Jahrzehnten auf Menschen, Lebenswelten und gesellschaftliche Gruppen, die häufig außerhalb der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen. Die DGPh würdigt damit eine engagierte Form der Fotografie, die soziale Themen mit einer ethisch reflektierten Arbeitsweise verbindet.

Auch die für die Preisverleihung zusammengestellte Werkauswahl zeigt die thematische Spannweite ihrer Arbeit. Sie reicht von „The Blind“, fotografiert 1980 in einem Institut für Blinde im französischen Saint-Mandé, über Aufnahmen aus „Pigalle“ und „Prostitutes“ aus Paris in den späten 1970er-Jahren bis zu „Women in prison“ aus einem Frauengefängnis in Metz von 1990. Hinzu kommen Fotografien aus Haiti, der Bretagne sowie Atwoods Selbstporträt mit einer Schlange aus dem Jahr 1976.

Der seit 1971 vergebene Dr.-Erich-Salomon-Preis würdigt herausragende Leistungen der Fotografie in der Publizistik und erinnert zugleich an den Fotografen Dr. Erich Salomon. Zu früheren Preisträgern gehören unter anderem Robert Frank, Barbara Klemm, Mary Ellen Mark, Martin Parr, Letizia Battaglia, Josef Koudelka, Susan Meiselas und Kathy Ryan.

Wer gewinnt den Otto-Steinert-Preis 2026?

Der Otto-Steinert-Preis als DGPh-Förderpreis für Fotografie geht an Samuel Solazzo. Der in Leipzig lebende Fotograf erhält für sein Projekt „A Collection of Valuable Copies“ ein Stipendium in Höhe von 5000 Euro.

Im Rahmen der Preisverleihungen rund um „75 Jahre DGPh“ erhält Samuel Solazzo 2026 den Otto-Steinert-Preis für sein Projekt „A Collection of Valuable Copies“.

Im Rahmen der Preisverleihungen rund um „75 Jahre DGPh“ erhält Samuel Solazzo lt 2026 den Otto-Steinert-Preis für sein Projekt „A Collection of Valuable Copies“.

© Samuel Solazzo

Das seit 2025 fortlaufende Projekt entsteht in Kooperation mit der Gipsabguss-Sammlung des Antikenmuseums der Universität Leipzig.

Zwei weitere Projekte werden mit jeweils 500 Euro anerkannt: „Xola n’abantu“ von Clarita Maria sowie Elliott Kreyenbergs Projektidee „War Flowers“.

Der seit 1979 vergebene Förderpreis richtet sich an noch nicht realisierte fotografische Vorhaben und ist an keine bestimmte Stilrichtung oder Thematik gebunden. 2026 wurde er zum 23. Mal ausgeschrieben.

75 Jahre DGPh: Wie entstand die Deutsche Gesellschaft für Photographie?

Die Geschichte der DGPh ist eng mit der photokina verbunden. L. Fritz Gruber gab der ersten Kölner Fotomesse 1950 mit der „Welt-Ausstellung der Photographie“ eine kulturelle Dimension. Aus der Verbindung von Fotoindustrie, Ausstellungspraxis, Kunst und Wissenschaft entwickelte sich im folgenden Jahr die Deutsche Gesellschaft für Photographie.

Ihre Gründungsversammlung fand am 15. Mai 1951 im Kölner Rathaus statt. Zu den ersten ordentlichen Mitgliedern gehörten August Sander, Ernst Leitz, Herbert List, Otto Steinert, Adolf Lazi und Liselotte Strelow. Edward Steichen, damals Leiter der Fotoabteilung des Museum of Modern Art in New York, wurde korrespondierendes Mitglied.

Welche Aufgaben hat die DGPh heute?

Heute hat die Deutsche Gesellschaft für Photographie rund 1200 Mitglieder und ihren Sitz in Köln. Sie setzt sich dafür ein, Fotografie als Kulturgut zu fördern und ihre gesellschaftliche Bedeutung zu vermitteln.

Dabei beschäftigt sich die DGPh mit fotografischen Anwendungen in Kunst, Wissenschaft, Bildung, Publizistik, Wirtschaft und Politik. Zugleich diskutiert sie Veränderungen durch Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und neue Bildmedien.

Das Programm zu 75 Jahre DGPh verbindet deshalb Rückschau und Gegenwart: Es erinnert an die Geschichte einer Institution, die seit 1951 die deutsche Fotokultur begleitet, und richtet zugleich den Blick auf die Frage, wie sich Fotografie, ihre Vermittlung und ihre gesellschaftliche Rolle weiterentwickeln.

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