Nachträglich gestrichen: Leica disqualifiziert Valery Melnikov von der LOBA-Shortlist

Zwölf Serien standen auf der Shortlist, jetzt sind es nur noch elf: Leica hat die bereits nominierte Mariupol-Reportage des russischen Fotografen Valery Melnikov nachträglich aus dem Rennen genommen. Der Fall wirft Fragen nach Sanktionen, Kontext und dem richtigen Zeitpunkt auf.

Motiv aus der Langzeitserie „Mariupol – Open Wounds" des russischen Fotografen Valery Melnikov, eingereicht beim Leica Oskar Barnack Award (LOBA) 2026.

Motiv aus der Langzeitserie „Mariupol – Open Wounds“ des russischen Fotografen Valery Melnikov, eingereicht beim Leica Oskar Barnack Award (LOBA) 2026.

© Valery Melnikov / Leica Oskar Barnack Award

Leica hat den russischen Fotografen Valery Melnikov nachträglich von der Shortlist des Leica Oskar Barnack Award (LOBA) 2026 gestrichen. Seine Langzeitserie „Mariupol – Open Wounds" war im Juli als eine von zwölf Finalarbeiten vorgestellt worden. Seither zählt die Shortlist nur noch elf Serien. Das Unternehmen begründete den Schritt mit einer „rechtlichen und Compliance-Prüfung", nannte jedoch keine konkrete Rechtsgrundlage.

Was „Mariupol – Open Wounds" zeigt

Melnikovs Arbeit dokumentiert seit 2022 Menschen, die nach der russischen Belagerung in Mariupol geblieben sind. Russische Truppen hatten die ukrainische Hafenstadt monatelang beschossen, große Teile zerstört und schließlich eingenommen; seither steht Mariupol unter russischer Besatzung. Leica selbst hatte das Projekt bei der Bekanntgabe der Shortlist als Dokumentation der humanitären Kriegsfolgen beschrieben.

Warum der Leica Oskar-Barnack-Award in die Kritik geriet

Ausgelöst wurde die Streichung durch öffentliche Kritik. Der „Kyiv Independent“ hatte über Melnikovs Verbindung zur staatlichen Agentur RIA Nowosti berichtet, die zur sanktionierten Medienholding Rossija Sewodnja gehört. Ukrainische Fotografen warfen der Präsentation vor, sie zeige das Leid, benenne aber Russlands Verantwortung für die Zerstörung nicht. Der Fotograf Serhii Korovainyi kritisierte den fehlenden Kontext; die Serie erwähne nicht, dass Russland die Stadt weiter besetzt hält.

Wie Valery Melnikov reagiert

Melnikov wies die Disqualifikation scharf zurück. Über Instagram erklärte er, seine Tätigkeit für RIA Nowosti sei seit Langem bekannt gewesen und habe die Jury bei der ursprünglichen Auswahl nicht gestört. Er bezeichnete seine Serie als persönliches Projekt, das er nicht im Auftrag eines Staates verfolge, sondern für die Menschen und die Geschichte. Zugespitzt schrieb er: „Ein Künstler muss niemandem etwas beweisen." Der Jury sprach er ausdrücklich Kompetenz zu; seine Zweifel richteten sich gegen die Unabhängigkeit des Wettbewerbs nach der Auswahl.

Nach Melnikovs Darstellung, die russische Medien verbreiteten, soll ihm ein Leica-Manager nahegelegt haben, den Rückzug selbst zu beantragen – verbunden mit der Aussicht auf eine spätere Zusammenarbeit. Leica hat sich zu dieser Schilderung öffentlich nicht geäußert; eine unabhängige Bestätigung liegt nicht vor.

Die offene Frage: der Zeitpunkt

Offen bleibt vor allem der Zeitpunkt. Melnikovs beruflicher Hintergrund war bekannt, seine Serie bereits ausgewählt und veröffentlicht. Warum die Prüfung erst unter öffentlichem Druck griff, hat Leica bisher nicht erklärt. Die Preisträger des 46. LOBA sollen im Oktober in Wetzlar bekanntgegeben werden.

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