Walter Schels: Berliner Retrospektive zeigt das ganze Werk

C/O Berlin widmet Walter Schels zu seinem 90. Geburtstag die erste große Berliner Retrospektive. Die Ausstellung „16° Fische“ zeigt mehr als 300 Arbeiten und rückt auch bislang unbekannte experimentelle Werkgruppen in den Blick.

C/O Berlin zeigt Walter Schels: Die Retrospektive „16° Fische“ vereint Porträts, Experimente und Archivfunde.

C/O Berlin zeigt Walter Schels: Die Retrospektive „16° Fische“ vereint Porträts, Experimente und Archivfunde. Hier: Ohne Titel, a.d.S. Knipser, Markusplatz, Venedig, 1974

© Walter Schels / Stiftung F.C. Gundlach

Vom 20. Juni bis 2. September 2026 zeigt C/O Berlin die Ausstellung „Walter Schels. 16° Fische . Retrospektive“ in Berlin. Anlässlich des 90. Geburtstags des Fotografen entsteht die Schau in Zusammenarbeit mit der Stiftung F.C. Gundlach und versammelt mehr als 300 Arbeiten aus fast sieben Jahrzehnten. Die Retrospektive verbindet bekannte Porträtserien mit einem bisher kaum öffentlichen experimentellen Werkteil, um Walter Schels’ fotografische Praxis umfassender sichtbar zu machen.

Warum ist die Walter-Schels-Ausstellung in Berlin besonders?

Die Ausstellung ist die erste große Berliner Retrospektive von Walter Schels. Sie zeigt nicht nur die bekannten Schwarzweiß-Porträts, mit denen der Fotograf seit den 1980er-Jahren eine unverwechselbare Bildsprache geprägt hat. C/O Berlin stellt ihnen auch Arbeiten gegenüber, die bisher nicht oder kaum gezeigt wurden: Übermalungen, Solarisationen, Collagen, analoge Montagen und abstrakte Experimente mit Fotochemie.

Damit verschiebt die Schau den Blick auf ein Werk, das lange vor allem über seine Porträts wahrgenommen wurde. Die Retrospektive macht deutlich, dass Schels parallel zu seinen dokumentarischen Serien immer auch an den Grenzen des fotografischen Bildes gearbeitet hat. Fotografie erscheint bei ihm nicht als abgeschlossenes Ergebnis, sondern als offener Prozess.

Walter Schels zwischen Porträt und Experiment

Seit den späten 1960er-Jahren bewegt sich Walter Schels zwischen dokumentarischer Beobachtung und künstlerischer Bildfindung. Seine Porträts sind reduziert, direkt und stark konzentriert. Sie verzichten auf erzählerische Umgebung und setzen ganz auf Gesicht, Haltung und Gegenwart des jeweiligen Gegenübers.

Schels fotografierte Neugeborene, hochbetagte Menschen, bekannte Persönlichkeiten wie den Dalai Lama, aber auch Unbekannte, Tiere und Pflanzen. Vor neutralem Hintergrund entstehen Bilder, die nicht erklären, sondern begegnen lassen. Die Personen und Wesen erscheinen nicht als Typen, sondern als Einzelne.

Welche bekannten Serien von Walter Schels zeigt C/O Berlin?

Zu den zentralen Werkgruppen zählen Serien wie „Blind“, „Noch mal leben“ und „trans*“. In ihnen beschäftigt sich Walter Schels mit Identität, Wahrnehmung, Präsenz und existenziellen Schwellen. Seine Fotografie fragt danach, was ein Gesicht zeigt, was es verbirgt und wie viel Nähe ein Bild zulässt.

C/O Berlin zeigt Walter Schels: Die Retrospektive „16° Fische“ vereint Porträts, Experimente und Archivfunde. Hier: Tom, 18 Jahre, 2016, a.d.S. Trans*

Tom, 18 Jahre, 2016, a.d.S. Trans*

© Walter Schels / Stiftung F.C. Gundlach

Gerade diese Langzeitstudien haben Schels’ Ruf als Porträtist geprägt. Sie verbinden formale Strenge mit großer Aufmerksamkeit für den einzelnen Menschen. Die Berliner Retrospektive setzt diese Arbeiten jedoch nicht isoliert, sondern zeigt sie im Zusammenhang mit den experimentellen Verfahren, die Schels’ Werk ebenfalls bestimmen.

Was verraten die frühen New-York-Arbeiten über Walter Schels?

Ein wichtiger Ausgangspunkt der Ausstellung sind Arbeiten, die Walter Schels in den 1960er- und 1970er-Jahren in New York schuf. Neben Straßenszenen entstanden dort Nahaufnahmen von Kanaldeckeln, in denen alltägliche Stadtoberflächen zu eigenständigen Bildern werden.

Auch Hochhausansichten spielen eine zentrale Rolle. Schels verdichtete sie mit analogen Fotomontagen, Doppelbelichtungen und zeichnerischen Eingriffen zu fremdartigen Stadtbildern. Die Großstadt erscheint darin nicht nur als Ort, sondern als visuelle Struktur, die das Verhältnis zwischen Individuum und urbanem Raum befragt.

Wie arbeitet Walter Schels mit fotografischer Transformation?

Ein Bild ist bei Walter Schels kein endgültiger Zustand. Viele Arbeiten wurden über Jahre hinweg erneut bearbeitet, verändert und weitergeführt. In der Ausstellung wird Transformation daher zugleich als Thema und als Methode sichtbar.

Schels nutzt Übermalungen, Solarisationen und Collagen, um die Fotografie ins Malerische zu erweitern. In jüngeren abstrakten Arbeiten setzt er Fotochemikalien und Pflanzenfragmente direkt ein. Damit wird nicht nur das Motiv, sondern auch das Material der Fotografie selbst zum Gegenstand.

Wo es möglich ist, zeigt C/O Berlin originale Handabzüge. Dazu gehören großformatige Schwammentwicklungen ebenso wie Prints, die Schels mit unterschiedlichen Techniken überarbeitet hat. Die Retrospektive macht damit auch die handwerkliche und materielle Seite seines Werks erfahrbar.

C/O Berlin zeigt Walter Schels: Die Retrospektive „16° Fische“ vereint Porträts, Experimente und Archivfunde. Hier: Moisis Katze, No. 2, 1980

Moisis Katze, No. 2, 1980

© Walter Schels / Stiftung F.C. Gundlach

Was bedeutet der Titel „16° Fische“?

Der Ausstellungstitel „16° Fische“ bezieht sich auf Walter Schels’ Geburtskonstellation. Zum Zeitpunkt seiner Geburt stand die Sonne im Tierkreiszeichen Fische bei 16 Grad. Für Schels ist diese Angabe eine poetische Form der Selbstverortung.

Der Titel verweist auf Eigenschaften wie Sensibilität und Intuition, die der Künstler mit seinem Blick auf Menschen und existenzielle Fragen verbindet. Er steht damit nicht für ein biografisches Detail allein, sondern für eine Haltung: Schels interessiert sich für Übergänge, Verletzlichkeit, Wahrnehmung und die Möglichkeit, ein Gegenüber immer wieder neu zu sehen.

Wie entstand die Retrospektive zu Walter Schels?

Die Auswahl der Werke beruht auf der Sichtung mehrerer Tausend Prints aus dem Archiv des Fotografen. Dieses Archiv soll künftig von der Stiftung F.C. Gundlach bewahrt und zugänglich gemacht werden. Die Berliner Ausstellung ist damit nicht nur eine Würdigung zu Schels’ 90. Geburtstag, sondern auch ein Schritt zur langfristigen Erschließung seines Werks.

Kuratiert wird „Walter Schels. 16° Fische . Retrospektive“ von Sophia Greiff für C/O Berlin sowie von Beate Lakotta, Sebastian Lux und Franziska Mecklenburg für die Stiftung F.C. Gundlach. Begleitend zur Ausstellung erscheint eine Publikation bei Steidl.

Wann läuft die Walter-Schels-Retrospektive in Berlin?

Die Ausstellung „Walter Schels. 16° Fische . Retrospektive“ ist vom 20. Juni bis 2. September 2026 bei C/O Berlin zu sehen. Sie entsteht in Zusammenarbeit mit der Stiftung F.C. Gundlach und wird durch den C/O Berlin Friends e.V. ermöglicht.

Mit mehr als 300 Arbeiten zeigt die Retrospektive Walter Schels als Porträtisten, Beobachter und Experimentator. Sie lädt dazu ein, ein vertrautes Werk neu zu betrachten – und eine bislang weniger bekannte Seite des Fotografen zu entdecken.

Lesen Sie hier ein ausführliches fotoMAGAZIN-Interview mit Walter Schels.

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