Fünf Portraitobjektive im Praxis- und Labortest

Helle Lichter mit Gewicht
27.03.2019

Interessante Tele-Festbrennweiten für Portraits erleben einen Boom. Wir testen fünf sehr lichtstarke Neuheiten für Vollformat-Spiegelreflexkameras von Canon, Nikon, Samyang und Sigma.

 

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Sigma 1,4/105 mm DG HSM Art

Sigma 1,4/105 mm DG HSM Art. Preis: ca. 1500 Euro.

© Sigma

Zu den Top-Motiven vieler Fotografen gehören Portraits, selbstredend nicht nur von Menschen, sondern auch von Tieren. Wenn man von den mit typischem Umfeld inszenierten Bildern absieht, gehört zu einer als angenehm empfundenen Portraitaufnahme dabei das Herausarbeiten der Portraitierten, also die Konzentration auf das Wesentliche. Das gelingt zum einen durch die Positionierung vor einem ruhigen Hintergrund, der den Blick des Betrachters nicht ablenkt, zum anderen durch eine geringe Schärfentiefe, bei der in der Regel die punktgenaue Schärfe auf den Augen liegt und Vorder- und Hintergründe sanft zu verschwimmen beginnen – und hier kommen die sogenannten Portraitobjektive ins Spiel. Bei ihnen handelt es sich um leichte Telebrennweiten mit Kleinbild-Brennweiten zwischen etwa 85 und 105 mm, manche Fotografen mögen es auch kürzer oder länger. Diese Brennweiten verbunden mit ihren Bildwinkeln sorgen im Bild für gute Proportionen des Gesichts und eine ausreichend plastische Abbildung, ohne die Verflachung des Motivs bei stärkeren Telebrennweiten zu verursachen.
Die Brennweite des Portraitobjektivs und seine typischerweise sehr hohe Lichtstärke von Blende f/1,2, 1,4 oder 1,8 (für die geringe Schärfentiefe) tragen also zu dem gewünschten Bildeffekt bei, den Smartphones heute teilweise mit mehreren Objektiven und Software-seitig mühsam nachzubilden versuchen. Natürlich können Portraitobjektive auch für viele andere Sujets verwendet werden.  

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Sigma 1,4/85 mm DG HSM Art

Sigma 1,4/85 mm DG HSM Art. Preis: ca. 1250 Euro.

© Sigma

Für unser Testfeld haben wir sehr aktuelle Portraitobjektive für das Vollformat ausgesucht, die alle mit der sehr hohen Lichtstärke von f/1,4 aufwarten. Vorne weg das ganz neue und riesige 105er von Sigma, das 1,4/105 mm DG HSM Art. Ebenfalls bereits im Labor zum BAS-Digital-Test: das taufrische Samyang AF 1,4/85 mm EF für Canon-Reflexen zum Dumping-Preis. Seit rund einem halben Jahr ist das Canon EF 1,4/85 mm L IS USM erhältlich, das einzige Vollformatobjektiv dieser Klasse mit eingebautem Bildstabilisator. Zur Abrundung und zum Vergleich fügen wir aus unserem letzten Test von Portraitobjektiven (in fotoMAGAZIN 4/17) die Ergebnisse der kaum viel älteren Nikon AF-S Nikkor 1,4/105 mm E ED und Sigma 1,4/85 mm DG HSM Art hinzu.

Beginnen wir mit dem für vier Bajonettanschlüsse verfügbaren Sigma 1,4/105 mm DG HSM Art, das mit 1500 Euro der preislichen Mittelschicht entstammt. Das auffällige, voluminöse Objektiv ist ein Schwergewicht, sowohl was die Waage betrifft (mit 1645 g wiegt es mehr als das Dreifache des Samyang), als auch seine optischen Leistungen. Doch bleiben wir bei der Mechanik. Neben dem imposanten Gewicht fällt sofort die sinnvolle Stativschelle auf, die dem Fotografen eine Menge Last abnehmen kann. Sie kann komplett abgenommen und durch eine Gummiabdeckung ersetzt werden. Praktisch ist das Arca-Swiss-Profil am Fuß. Ungewöhnlich ist auch die großzügig dimensionierte Streulichtblende, die über eine große Klemmschraube befestigt wird und deren vordere Kante gummiert ist. Sie schützt die riesige Frontlinse (Filterdurchmesser 105 mm). Insgesamt ist der Streulichtschutz sehr gut bis ausgezeichnet. Mit seinem Spritzwasserschutz und der typisch hohen Verarbeitungsqualität der Art-Serie setzt das Sigma im Testfeld Maßstäbe.
Optisch muss es sich auch nicht verstecken. Dazu sollte vorausgeschickt werden, dass es – besonders für ein 105 mm – eine besondere Herausforderung für die Ingenieure ist, die hohe Lichtstärke von f/1,4 an einem Vollformatsensor in ansprechende optische Qualität umzumünzen. Das ist in Aizu, dem Werk in Japan, sehr gut gelungen. Ungewöhnlicherweise liegt die Auflösung des 105 mm am Vollformatsensor (VF) über alle Blenden und sogar deutlich über der des APS-C-Sensors. Die erwartbare und bei allen Testmodellen feststellbare Offenblendeinschränkung bleibt im normalen Rahmen, von mittlerer bis guter Auflösung im VF bei offener Blende steigert sich das Sigma auf ausgezeichnete Werte bei Blende f/4. Bei APS, wo das 105er immerhin zum attraktiven 1,4/168 mm an Canon wird, klettert die Leistung auf sehr gute Werte.
Eine Schwäche leistet sich das Art-Objektiv bei der Randabdunklung: Zumindest am getesteten Canon-Anschluss zeigt das Sigma keine grundlegende, digitale Korrektur der Vignettierung und so bleibt es dem Fotografen überlassen, in der Nachbearbeitung die bei Offenblende im VF starke Randabdunklung bei Bedarf auszubügeln. Abgeblendet lässt die Randabdunklung und auch ihr etwas unregelmäßiger Verlauf deutlich nach, bei APS ist sie schon bei Offenblende gut. Voll im Griff hat Sigma die Verzeichnung, die absolut erstklassig korrigiert ist. Unter dem Strich steht ein souveränes „Super“.

 

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Lars Theiß
Über den Autor
Lars Theiß

Unser Redakteur Lars Theiß kümmert sich vorwiegend um Tests und Praxisthemen rund um Kameras, Objektive und Zubehör. Seit 1995 arbeitet der besonders an naturfotografischen Themen interessierte Wahlhamburger beim fotoMAGAZIN. Zu seinen weiteren Aufgabenbereichen gehören die Objektivtests, Secondhand-Themen und die fotoMAGAZIN-Spezialausgabe Einkaufsberater.