Im Test: Canon EOS R

Spiegelloses Vollformat
24.07.2019

Mit der EOS R stieg Canon in den boomenden Markt für spiegellose Vollformatkameras ein. Vor allem beim Bedienkonzept wagten die Japaner Neues. Wir haben die Kamera in der Praxis und im Labor getestet und vergleichen sie mit der Konkurrenz von Leica, Nikon und Sony.

 

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Canon EOR R back open

Als einzige spiegellose Vollformatkamera hat die EOSR einen seitlich ausklappbaren Monitor.

© Canon

Alle spiegellosen Vollformatkameras im Test nehmen 4K-Video mit hohem Detailreichtum auf. Wenn man näher hinschaut, zeigen sich allerdings Unterschiede. Schwachpunkt bei Canon ist der Crop, der das Bild um den Faktor 1,74 beschneidet – es geht also deutlich Weitwinkel verloren, aus 24 mm werden rund 42 mm im Vergleich zum Kleinbild. Behelfen kann sich der Fotograf mit EF-S-Objektiven, die per Adapter genutzt werden. Das 18-135 mm deckt dann beispielsweise ungefähr einen Bildwinkel ab wie ein 31-235 mm am Kleinbild. Wer zusätzlich zum Bildstabilisator im Objektiv den Video-IS nutzen will, verliert – wie bei allen digitalen Stabilisatoren – noch einmal etwas Weitwinkel.
Wie die meisten Hersteller setzt auch Canon auf den H.264-Codec und zeichnet damit 4K (3840 x 2160 Pixel, 30p) standardmäßig mit 120 Mbit/s im MP4-Format auf. Schnittfreundlicheres Material lässt sich im All-I-Modus erstellen, in dem keine Bildgruppen, sondern nur Einzelbilder komprimiert werden. Da dieses Verfahren weniger effizient ist, steigt die Datenrate auf 480 Mbit/s. Intern speichert die Kamera die Videos mit einer Farbtiefe von 8 Bit und einer Farbunterabtastung von 4:2:0, über HDMI sind auch 10 Bit mit 4:2:2 möglich. Bei der Full-HD-Aufzeichnung mit 60 Bildern/s entfällt der Crop. Optimales Material für die Nachbearbeitung liefert das flache C-Log-Gamma-Profil. Anschlüsse für ein externes Mikrofon und einen Kopfhörer sind vorhanden.
Etwas schwach ist die Zeitlupenfunktion: 120 Bilder/s sind nur mit 1280 x 720 Pixeln möglich, bei den meisten hochwertigeren Kameras geht das auch in Full-HD. Für Zeitrafferaufnahmen nimmt die Kamera Bilder in Intervallen zwischen 2 s bis zu 99 Minuten auf, und setzt diese zu einen 4K- oder Full-HD-Video zusammen. Intervallbilder in voller Foto-Auflösung speichert die EOS R nicht.

Geschwindigkeit und Bildqualität

Wie die Nikon Z 7 hat auch die Canon EOS R mit dem Kitobjektiv RF 4/24-105 mm L IS USM und Einzel-Autofokus eine extrem kurze Auslöseverzögerung von ca. 0,1 s. Etwas langsamer und lauter fokussiert das RF 1,8/35 mm Macro IS STM, das uns als zweites Objektiv zum Test zur Verfügung stand. Erfreulich ist die AF-Geschwindigkeit mit per Adapter angeschlossenen EF-Objektiven. Im Praxistest haben wir viel mit dem neuen EF 2,8/70-200 mm L IS III USM fotografiert und beim AF keinen relevanten Unterschied zu den RF-Objektiven festgestellt.
Die höchste Serienbildfrequenz liegt bei rund 8 Bildern/s – allerdings ohne AF- und AE-Nachführung. Wir haben dabei folgende Anzahl Bilder in Folge gemessen:

  • • JPEG normal: 112
  • • Raw: 57
  • • Komprimiertes C-Raw: 89

Aktiviert man den Servo-AF, um Schärfe und Belichtung nachzuführen, so nimmt die EOS R nur noch rund 5 Bilder/s auf, dann mit folgender Bildlänge:

  • • JPEG normal: >500 (Test bei 500 abgebrochen)
  • • Raw: 49
  • • Komprimiertes C-Raw: 499

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Belegbild Canon EOS R

Auch das EF 1,4/85 mm mit Adapter stellt an der EOS R bei wenig Licht problemlos scharf.
Kamera: Canon EOS R; Objektiv: EF 1,4/85 mm IS USM mit Adapter; Einstellungen: f/1,4, 1/125s, ISO 250.

© Andreas Jordan

C-Raw ist nach unseren Erfahrungen in der Regel ohne sichtbare Verluste nutzbar, womit der Puffer bei 5 Bildern/s für beeindruckende 100 s ausreicht. Bessere Serienbildmodi haben im Test vor allem die neuen Sony Alpha 7 III und 7R III, die 10 Bilder/s mit AF-Nachführung schießen, und die Alpha 9, die es sogar auf 20 Bilder/s bringt.

Sehr gute Ergebnisse erzielt die EOS R bei der JPEG-Bildqualität, was wohl auch dem DIGIC-8-Bildprozessor mit eingebautem Lens Optimizer zu verdanken ist: Bei der Auflösung erreicht die 30-Megapixel-Kamera bei ISO 100 einen Wirkungsgrad von 91,6 %, bei ISO 400 sind es noch 86,8 % und bei ISO 800 und 1600 rund 80 %. Erst ab ISO 3200 geht deutlich Auflösung verloren. Herausragend im Konkurrenzvergleich ist das Rauschverhalten, das selbst bei ISO 6400 noch gering ausfällt. Auch beim JPEG-Dynamikumfang sind die Werte sehr gut – bis ISO 1600 haben wir 9,0 bis 9,3 Blendenstufen gemessen. Zur hervorragenden Gesamtnote tragen schließlich die guten Artefakt- (2,5) und Scharfzeichnungsnoten (1,9) bei. Unter dem Strich liegt die EOS R bei der Bildqualität gleichauf mit der Nikon Z 7, besser ist im Test nur die Sony Alpha 7R III.

FAZIT
Canon-Fotografen, die ihre SLR-Objektive per Adapter weiternutzen wollen, finden jetzt im eigenen Lager eine attraktive Kamera mit einem allerdings etwas ungewöhnlichen Bedienkonzept, das uns nicht ganz überzeugt hat. Wer Video aufnehmen will, muss im Gegensatz zu Nikon und Sony mit einem recht starken Crop leben. Die Bildqualität ist dagegen hervorragend. Im Testvergleich landet die EOS R mit einer Gesamtwertung von 88 % gleichauf mit der etwas günstigeren Sony Alpha 7 III und knapp hinter der teureren Nikon Z7. Die preislich vergleichbare Nikon Z6 testen wir voraussichtlich im nächsten Heft. Testsieger bei spiegellosen Vollformatkameras bleibt die deutlich teurere Alpha 7R III.

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Hier gelangen Sie zum Download der Tabelle mit allen Ergebnissen aus unserem Test (Canon EOS R, Leica SL - Typ 601, Nikon Z7, Sony Alpha 7 III, Sony Alpha 7R III, Sony Alpha 7s II, Sony Alpha 9).

Labormessungen: Anders Uschold
 

Dieser Test ist in unserer Ausgabe fotoMAGAZIN 12/2018 erschienen. Zur Einzelheftbestellung gelangen Sie hier.

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Andreas Jordan
Über den Autor
Andreas Jordan

Andreas Jordan ist Sozialwissenschaftler und Mediendesigner und arbeitet seit 1994 als Redakteur und Autor mit den Schwerpunkten Multimedia, Imaging und Fotografie für verschiedene Fach- und Special-Interest-Magazine (u. a. Screen Multimedia, Computerfoto, MACup) und Tageszeitungen (Hamburger Abendblatt, Berliner Kurier). Seit 2003 ist er Redakteur beim fotoMAGAZIN und leitet dort seit 2007 das Ressort Test & Technik.