Ryan McGinley

Fotokünstler aus New York: Ryan McGinley über seine Schüchternheit, die Energie der Gruppe und den bleibenden Reiz der Aktfotografie. Wir sprachen mit dem Fotokünstler kurz vor der Vernissage seiner neuen Serie „Pretty Free“ in der Londoner Marlborough Gallery.

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Die ganze Welt der Fotografie

Fotografie aus der Serie "Pretty Free" von Ryan McGinley

Ein Foto aus der Serie „Pretty Free“.

Foto: © Ryan McGinley

Text: Tom Seymour

Der 42-jährige Ryan McGinley ist heute einer der wichtigsten Fotografen seiner Generation. In seinen persönlichen Projekten lichtet der New Yorker Künstler Freunde und Bekannte nackt in ekstatischen Augenblicken ab.

fotoMAGAZIN: Sie sind in einer großen Familie aufgewachsen. Welchen Einfluss hat das auf Ihre Arbeit als Fotograf gehabt?
Ryan McGinley: Als ich klein war, habe ich ständig alle um mich herum beobachtet. Ich habe alles genau registriert, was meine Brüder und Schwestern machten. Heute liebe ich es, mit einer größeren Gruppe von Menschen zu arbeiten. Wir waren zu zehnt in unserer Familie. Deshalb umgebe ich mich bei der Arbeit gerne mit vielen anderen. Ich mag es noch immer, eine Gruppe zusammenzubringen. Es inspiriert mich, diese Energie einzufangen, die sie zusammen entwickelt.

Fotografie von Fotokünstler Ryan McGinley

Die hier gezeigten Motive stammen aus „Pretty Free“, der jüngsten Ausstellung des Amerikaners in der Londoner Marlborough Gallery.

Foto: © Ryan McGinley

fotoMAGAZIN: Sie haben über Ihr Interesse am Skateboarden als Teenager gesprochen und wie Sie das zu Ihrer heutigen Arbeit brachte. Können Sie mir diesen Bezugspunkt beschreiben?
Ryan McGinley: Beim Skateboarden geht es um eine Neuinterpretation der Stadtlandschaft. Sie für etwas kreativ zu nutzen, das zuvor nicht beabsichtigt war. Ich habe es geliebt, die Bewegung auf Video festzuhalten. Die Filme, die ich mit meiner alten digitalen Videokamera und meinem Fisheye-Objektiv gemacht habe, betrachte ich als meine ersten Fotografien. Ich habe meine Freunde gefilmt, als sie an Treppengeländern runterschrubbten und in die Parkhäuser skateten – einfach nur beim Herumalbern.

„Ich bin von Natur aus schüchtern. Die Kamera gibt mir einen Grund, in die Welt hinauszugehen und mit anderen Abenteuer zu erleben.“

Foto aus der Ausstellung "Pretty Free" von Ryan McGinley

Ryan McGinleys Arbeiten greifen das Genre der Aktfotografie auf und suchen nach zeitgenössischen Wegen der Abbildung des Körpers im Raum. Oft lichtet er auch bei neuen Projekten wie diesem seine Modelle in der Natur ab.

Foto: © Ryan McGinley

fotoMAGAZIN: Was war es, das Sie zur Fotografie hingezogen hat statt zu anderen künstlerischen Ausdrucksformen?
Ryan McGinley: Fotografieren bedeutet, dass ich am Geschehen um mich herum teilhaben kann – doch ich kann mich auch tarnen. Ich nehme mit der Kamera vor dem Gesicht teil. Ich bin von Natur aus schüchtern. Die Kamera gibt mir einen Grund, in die Welt hinauszugehen und mit anderen Abenteuer zu erleben.

So habe ich fünf Jahre lang meine Szene im East Village dokumentiert. Ich war im Grunde nur das stille Mäuschen, das Fotos von dem machte, was Downtown in New York passierte. Das hatte Tradition, ich folgte den Fußstapfen von Allen Ginsberg, Andy Warhol und Nan Goldin – ich fotografierte meine Gleichgesinnten in Brooklyn und Manhattan. Die Kamera hat es mir erst ermöglicht, die Welt zu bereisen. Ich bin in einer Familie mit acht Kindern aufgewachsen und wir hatten kein Geld für Reisen. Ich bin zum ersten Mal geflogen, als ich den Auftrag bekam, in Berlin einen Musiker zu portraitieren.

Aktfotografie von Ryan McGinley

Ryan McGinleys Aktfotos entstehen oft bei ausgedehnten „Road Trips“ durch amerikanische Naturreservate.

Foto: © Ryan McGinley

fotoMAGAZIN: Im Alter von fünfundzwanzig Jahren hatten Sie eine Einzelausstellung im New Yorker Whitney Museum of American Art. Wie hat sich Ihr Leben danach verändert?
Ryan McGinley: Diese Ausstellung hat mir viele Türen geöffnet. Das war ein wichtiges Sprungbrett für mich, um als Künstler und Fotograf weiterzukommen. Ich wusste, dass es Zeit war für einen neuen Schritt. Nach der Ausstellung im Whitney konnte ich nicht länger ein anonymer Fotograf sein. Ich begann zu reisen und fing an, künstlerische Konzepte zu entwickeln und meine Leute und meine Shootings zu inszenieren.

Ich konnte jetzt mein eigenes Studio aufmachen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich im meinem Schlafzimmer im East Village gearbeitet. Nun begann ich meine fotografischen Roadtrips durch die Vereinigten Staaten. Ich bekam Aufträge von großen Modemagazinen, für die ich nun Models wie Kate Moss fotografieren sollte. Mit der Schauspielerin Tilda Swinton drehte ich einen Kurzfilm. Und ich habe jede Gelegenheit genutzt, die sich mir durch den Erfolg dieser Ausstellung bot, um einige kreative Sachen mit meiner Fotografie umzusetzen.

„Nackt zu posen ist immer noch ein Akt der Rebellion.“

Ryan McGinley fotografiert auch gerne in der Natur

Ryan McGinley fotografiert auch gerne in der Natur.

Foto: © Ryan McGinley

fotoMAGAZIN: Warum interessiert es Sie noch immer, Fotos von Nackten zu machen?
Ryan McGinley: Ich denke, der nackte Körper bringt am authentischsten etwas über eine Person zum Ausdruck. Mir als Künstler ist es anvertraut, ihren Körper so anmutig wie möglich abzubilden und ein schönes Kunstwerk zu schaffen.  Nackt zu posen ist immer noch ein Akt der Rebellion. Ich mag dieses Zitat von Rei Kawakubo und denke immer wieder darüber nach, wenn ich fotografiere: „Meine Energie kommt aus der Freiheit und einem rebellischen Geist.“

fotoMAGAZIN: Welchen Ratschlag haben Sie für junge Fotografen?
Ryan McGinley: Eine Vision oder ein erkennbarer Stil sind unerlässlich. Du musst drei Dinge mitbringen: Ambition, Praxis und Besessenheit. Der letzte Schliff besteht darin, nett zu sein, pünktlich zu erscheinen und dankbar zu bleiben.

Foto aus der Ausstellung "Pretty Free" von Ryan McGinley

Als der in New York lebende Fotokünstler 17 Jahre alt war, starb sein Bruder Michael an den Folgen von Aids. „Mein Werk ist auch eine Reaktion auf seinen Tod, ein Versuch, das Leben zu feiern“, sagt Ryan.

Foto: © Ryan McGinley

fotoMAGAZIN: Was würden Sie heute dem jungen Ryan McGinley sagen, der gerade erst nach New York gezogen ist?
Ryan McGinley: Versuche, vor Mittag aufzustehen. Halte dich von den Drogen fern, die durch die Nase reingezogen werden. Ich hätte mehr mit meinen Freunden zusammenarbeiten sollen, hätte mir ein billiges Auto kaufen und die Stadt verlassen sollen. Ich würde ihm sagen: Du bist als Kind der Natur geboren. Und ich würde ihm raten, sich doch öfter die Haare schneiden zu lassen.

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