Andy Summers

Geschichten der Nacht und andere surreale Augenblicke aus dem Leben eines Weltstars auf Reisen. Der Brite Andy Summers über seinen Weg von der Kultband The Police zur Fotokunst.

Manfred Zollner

Manfred Zollner

Chefredakteur fotoMAGAZIN

Andy Summers

Gitarrist der Kultband „The Police“, Autor und Fotograf: der heute in Los Angeles lebende Brite Andy Summers.

Foto: © Mo Summers

Als Gitarrist der Kultband The Police wurde Andy Summers rund um den Globus gefeiert. Bereits in Zeiten seiner größten Erfolge als Musiker entdeckte der Brite seine Liebe zur Fotografie.

Andy Summers: Der Fotograf und Musiker

Heute ist die Band Pop- und Rock-Historie und Summers veröffentlichte bereits vier Bildbände mit seinen Aufnahmen. Seit drei Jahren hat er einen Weg gefunden, bei Performances seine Songs und seine Fotos auf der Bühne zu präsentieren.

Vor dem Start einer großen Retrospektive seiner Bilder in Wetzlar (18. Juli bis 5. Oktober 2022, Ernst Leitz Muesum) und seiner nächsten großen Konzerttournee durch Europa nahm sich der 79-jährige Musiker, Fotograf und Autor Anfang Mai 2022 in seinem Haus in Los Angeles Zeit für ein ausführliches Interview. Ein Gespräch über Ausflüge zu später Stunde, Bildrhythmen und seine Vorliebe für schräge Noten im Foto.

"A Certain Strangeness"

fotoMAGAZIN: Herr Summers, was erzählen uns Ihre Bilder über Sie persönlich?
Andy Summers: Ich glaube, sie erzählen etwas über meinen Geschmack. Genau wie meine Musik, wenn ich nach Akkorden und Harmonien suche, die ich ansprechend finde. Das ist so, als ob du etwas isst, das einen nicht klar identifizierbaren Geschmack hat. Mich hat immer der Surrealismus beeinflusst – ob das nun ein ungewöhnlicher Bildausschnitt und eine seltsame Form im Foto ist oder wir überhaupt nicht erkennen, was wir gerade sehen.

fotoMAGAZIN: Wird ein Foto für Sie interessanter,
wenn es uns eine Frage stellt?
Andy Summers: Aber sicher!! Du wirst nie in der Lage sein, diese Mehrdeutigkeit völlig zu entschlüsseln – und daraus entsteht die Kraft dieses Bildes. Sie bringt dich dazu, immer wieder hinzuschauen – so wie das in der Musik bei manchen Kompositionen von Thelonious Monk passiert. Sie werden nie langweilig. Je nachdem, wie gut du das kapierst, bekommst du ein Gefühl für derlei Fotos.

fotoMAGAZIN: Was interessiert Sie sonst am Surrea­lismus?
Andy Summers: Der Surrealist Man Ray war einer der Ersten, die mich beeinflusst haben. Der Surrealismus stellt Dinge einander gegenüber, die nicht wirklich zusammenpassen. Das regt mich visuell an und bringt mich zum Nachdenken. Wenn wir das Wort „surreal“ verwenden, dann denken viele sofort an etwas Seltsames und zugleich Cooles.

fotoMAGAZIN: Hier kommt wieder eine Mehrdeutigkeit und etwas Mysteriöses ins Spiel …
Andy Summers: Diese Ambiguität ist total wichtig! Natürlich kannst du ganz straighte, direkte Fotos aufnehmen. Doch selbst Fotografen wie Walker Evans und Luigi Ghirri, die sonst so fotografierten, haben Bilder gemacht, die eine surreale Qualität besitzen.

fotoMAGAZIN: War nicht bereits der gigantische Erfolg Ihrer Band The Police für Sie komplett surreal?
Andy Summers: Ich hatte eine Riesenkarriere mit einer der größten Bands der Welt. Es war ein Glücksfall, dass wir uns alle begegnet sind und sich diese Magie entwickelt hat.

“Manchmal verschwand ich sofort nach einem Police-Konzert in den Straßen einer fremden Stadt und fotografierte.“

Andy Summers

fotoMAGAZIN: Wie und wann hat sich bei dem Musiker Andy Summers der Sinn für fotografische Bildkompositionen entwickelt?
Andy Summers: Wenn ich meine Entwicklung als Fotograf betrachte, dann stelle ich fest, dass die Saat zwar bereits früh gestreut wurde, aber mein Fokus zunächst bei der Musik lag. Ich erzähle immer wieder von meiner frühen Obsession mit der Filmkunst als Teenager.

Damals sah ich Filme von François Truffaut, Federico Fellini und Jean-Luc Godard im Kino. Mich haben Spielfilme beeinflusst, die meist Schwarzweiß waren. Ihre Bildsprache hat mich total beeindruckt. Alles erschien mir so komplett anders als mein Leben. „Das siebte Siegel“ von Ingmar Bergmann war damals für einen 16-Jährigen geradezu hochgradig dramatisch. Ich fand das zwar faszinierend, doch ich bin nicht mit dem Verlangen aus dem Kino gekommen, sofort eine Kamera kaufen zu müssen.

Ich war Gitarrist und konzentrierte mich zunächst total auf die Musik. In Ansätzen blieb all das jedoch in mir präsent und später konnte ich auf meine emotionale Resonanz zurückgreifen.

Ich erinnere mich noch genau an jenen Tag in New York im Jahr 1979. Mit The Police ging es damals steil nach oben und wir verbrachten auf Tournee unglaublich viel Zeit in Hotelzimmern. Ich merkte, dass ich unbedingt etwas zu tun brauchte – und so kam plötzlich die Fotografie ins Spiel. Davor war das bei mir nicht anders als bei vielen anderen: Ich habe nur rumgeknipst. Doch nun kam dieser Moment, an dem ich das Fotografieren richtig lernen wollte.

Lippen-Piercing

Peking, 2017.

Foto: © Andy Summers

fotoMAGAZIN: War die Fotografie für Sie zunächst ein Weg, eine innere Ausgeglichenheit zu finden, als Sie anfingen, das Leben Ihrer Band zu dokumentieren?
Andy Summers: Ich glaube nicht. Es entwickelte sich einfach alles so, dass ich richtig in die Fotografie eintauchte. Ich hatte nun immer Kameras dabei und fing an, alles zu fotografieren. Zwölf bis achtzehn Monate später wurde mir bewusst, dass ich das Leben von The Police dokumentierte. Dann wurde alles immer intensiver. Ich war in einer berühmten Band und fotografierte sie von Innen. Das konnte sonst niemand machen.

fotoMAGAZIN: Es ist kaum vorstellbar, was für ein unglaubliches Kontrastprogramm es gewesen sein muss, von der Bühne eines Police-Konzerts zu kommen und unmittelbar danach in einer fremden Stadt zu fotografieren.
Andy Summers: Ich machte das natürlich nicht an jedem Abend, doch manchmal ging ich nach dem Konzert von der Bühne und verschwand direkt in den Straßen der Stadt. Das ist schon verrückt. Auch mir ging manchmal der Gedanke durch den Kopf: ‚Moment mal – stand ich nicht gerade noch vor 50.000 Menschen? Und jetzt bin ich hier auf einer Straße mitten in Austin (Texas)‘.

Nach einem Konzert hast du zwei Optionen: Du kannst vor Ort warten und wirst drei Stunden eingesperrt, denn draußen stehen so viele Menschen, dass du nicht früher rauskommst. Oder du hast eine Limousine, die Backstage mit laufendem Motor auf dich wartet. Wir rannten dann völlig verschwitzt von der Bühne, sprangen in den Wagen und wurden sofort weggebracht. Zehn Minuten nach dem Konzert in der tobenden Menge sitzt du bereits in einem stillen Hotelzimmer und starrst dort auf die Tapete. Das war fast schockierend.

fotoMAGAZIN: Müssen Sie in einer besonderen Stimmung sein, um dann mit der Kamera loszuziehen – oder gibt es hier bei Ihnen bereits ein eingespieltes Verhaltensmuster?
Andy Summers: Das mache ich schon fast automatisch. Ich habe auf Reisen immer meine Grundausrüstung dabei: Zwei Leicas und vier Objektive. Gerade habe ich noch eine gebrauchte Leica Noctilux von 1970 erworben und freue mich schon darauf, sie jetzt auszuprobieren. Es ist letztlich ganz einfach: Ich ziehe mit einer Leica M10 und einer M10-R los, dazu nehme ich noch viele Speicherkarten mit. Wenn alles gut läuft, dann lade ich später die Bilder auf meinen Computer.

Bonito, Brasilien, 2018

Los Angeles, 2017. „Ich halte gerne nach seltsamen Dingen Ausschau“, erklärt der Fotograf zu seiner Vorliebe für surreale Momente.

Foto: © Andy Summers

fotoMAGAZIN: Gehen Sie stets alleine auf Fototour?
Andy Summers: Hier bin ich ganz strikt, denn ich weiß: Wenn du durch eine Stadt streifst, dann willst du dich umsehen und kannst keine Begleitung gebrauchen. Andere hätten ein anderes Tempo, wären schneller als ich. Ich will die Dinge betrachten. Für mich ist das etwas, das man ganz alleine durchzieht.

fotoMAGAZIN: In Ihrer Arbeit finden sich viele Aufnahmen, die bei Nacht aufgenommen worden sind. Hat das vorwiegend mit Ihren Arbeitszeiten als Musiker zu tun?
Andy Summers: Das könnte man so sehen, aber ich habe mich auch sehr für das Fotografieren bei Nacht begeistert. Es ist ganz einfach so: Ich mag gerne Aufnahmen mit tiefen Schwärzen. Und die bekommst du eben, wenn du nachts fotografierst. Ich finde Nachtaufnahmen sehr ansprechend, bin mir aber überhaupt nicht sicher, woher das kommt.

fotoMAGAZIN: Die Nacht bietet eine gute Bühne für dramatische Bilder …
Andy Summers: So ist es. Sie birgt Geheimnisse und Mehrdeutiges. Das gefällt mir. Du kannst nicht immer erkennen, was auf den Bildern vor sich geht. Vor Kurzem habe ich in New York Fotos von einer seltsamen Pflanze gemacht, die mitten in der Nacht auf der Straße lag. Ich habe keine Ahnung, was das sollte – und genau deshalb mag ich das Motiv.

“Ich mag einfach keine strahlenden, fröhlichen Bilder.“

Andy Summers

fotoMAGAZIN: Viele Ihrer Aufnahmen haben eine ziemlich melancholische Stimmung.
Andy Summers: Ich bin bestimmt kein unglücklicher Mensch, glauben Sie mir das! Doch ich fühle mich tatsächlich mehr zu diesen Stimmungen hingezogen. Das ist wie mit den Moll-Tönen in der Musik. Ich mag einfach keine strahlenden, fröhlichen Aufnahmen. Es gäbe bei mir allerdings immer Platz für Humor, wenn er ein wenig abgedreht ist.

Das ist genauso in der Musik – zum Beispiel bei Thelonious Monk. Seine Musik können manche nicht ertragen, weil sie voller schräger Harmonien ist. Als Musiker fühle ich mich hingegen dazu hingezogen. Ich finde sie sehr „sophisticated“. Auf dem gleichen Level versuche ich, visuell etwas zu finden. Ich will nichts Gewöhnliches fotografieren und halte gerne nach seltsamen Dingen Ausschau. Dinge die uns anziehen, weil wir nicht so richtig erkennen, was wir hier sehen.

fotoMAGAZIN: Wann entstand bei Ihnen der Wunsch, einen eigenen Weg mit der Fotografie zu beschreiten?
Andy Summers: Das passiert nicht über Nacht. Du machst erst einmal ganz viele Fotos. Manche funktionieren und andere überhaupt nicht. Dann beschäftigst du dich mehr mit ästhetischen Dingen. Das dauert Jahre und dabei beeinflussen dich alle möglichen Leute und Dinge. Nun möchtest du irgendwann herausfinden, ob du eine eigene Stimme hast.

Mit meiner Gitarre ist mir das gut gelungen. Hier habe ich einen ganz spezifischen Geschmack und weiß, was ich hören möchte und wie ich klingen möchte. In meiner Anfangszeit als Fotograf fand ich es bereits gut, wenn mir überhaupt Fotos gelangen, die gut aussahen. Ich habe mich dann weitergebildet und Fotobücher studiert. Zudem war ich mit meiner Band ständig umgeben von Fotografen. Natürlich habe ich mich mit diesen unterhalten, aber das waren keine Fotokünstler, sondern Konzertfotografen.

Dennoch habe ich einiges von ihnen mitbekommen. Ich wollte keine Stills oder Mode ablichten. Ich war ein berühmter Musiker und ständig auf Tour. So fotografierte ich rund um den Globus. Doch ich hatte auch kein Interesse an der Street Photography. Mich interessierte mehr, was ich dort rausholen konnte. Es hat sich dann alles so entwickelt, dass ich ganz andere Dinge studierte, mir meine Kontaktabzüge ansah und danach suchte, was mir gefiel. Das war also eine Art Negativauswahl. Ich fand heraus, was ich nicht mochte und widmete mich danach dem, was übrig blieb.

Farbiger Mann, leuchtendes Bokeh

Bonito, Brasilien, 2018.

Foto: © Andy Summers

fotoMAGAZIN: Wie viel Privates und Persönliches sind Sie gewillt, in Ihren Fotografien zu zeigen?
Andy Summers: Privates halte ich komplett aus meinen Bildern raus. Ich möchte meine Kinder und meine Familie nicht in meine Fotografien einbringen. Sie können sich vorstellen: Von dem Moment an, an dem ich das machen würde, kämen sofort sehr seltsame Menschen zu mir.

fotoMAGAZIN: Sie haben die Fotografie mit einem Prozess verglichen, bei dem man Seiten aus Büchern reißt und sie anschließend neu arrangiert. Haben Sie dabei bereits an die Bildauswahl bei einem Fotobuch gedacht?
Andy Summers: Es ist eine ganz eigene Disziplin, wie sich  bei der Bildauswahl Sequenzen entwickeln. Wie kommst du von einem Bild zum nächsten? Im Laufe eines Lernprozesses versteht man dann leichter, warum ein Buch funktioniert und ein anderes nicht. Hier habe ich viel von (dem Fotograf) Ralph Gibson gelernt – im persönlichen Gespräch und beim Blättern in seinen Bildbänden.

fotoMAGAZIN: Ist die Sequenzierung in diesem Fall eine andere Bezeichnung für die Komposition von Bildrhythmen?
Andy Summers: Das kann man so sagen. Sie kann sehr subtil sein, stützt sich auf grafische Bildmotive, Formen, Linien und Schatten. So war das zumindest bei mir, als ich anfing. Es gibt hier verschiedene Lehrmeinungen und alles hängt davon ab, wo sie sich hingezogen fühlen.

fotoMAGAZIN: Kommen ähnliche Rhythmen zum Einsatz bei der Gestaltung einzelner Bilder, eines Buches oder eines Diavortrags?
Andy Summers: Es gibt im Englischen eine Redewendung, wonach jede Kunstform die Bedingungen der Musik anstrebt. Mir bedeutet die Musik alles. Deshalb war mein Kopf voll mit all diesen musikalischen Dingen: Formen, Muster, Linien, Rhythmen, Abstraktionen, diatonisch oder auch nicht – Musikbegriffe, die ich jeden Tag beim Improvisieren mit der Gitarre zum Ausdruck bringe.

Als ich dann zur Fotografie kam, begriff ich langsam, dass ich einige dieser Ideen von einem Medium ins andere bringen konnte. Damit hatte ich ein Wissen, dass ich das ich auf verschiedensten Wegen in die Fotografie übersetzen konnte. Jetzt freue ich mich auf Deutschland. Dort werde ich demnächst meine Multimedia-Show präsentieren: Ich mit meiner Gitarre und einer Kinoleinwand, auf die ich Bildsequenzen projiziere. Das passt sehr gut zusammen.

Pferd im Wasser

New York City, 2010. „Ich mag Aufnahmen mit tiefen Schwärzen. Und die bekommst du eben, wenn du nachts unterwegs bist“, sagt Summers.

Foto: © Andy Summers

fotoMAGAZIN: Musste es zwangsläufig irgendwann zu dieser Zusammenführung von Musik und Fotografie kommen?
Andy Summers: Ja! Erstaunlich ist nur, dass ich das nicht bereits vor vielen Jahren gemacht habe. Ich habe vor etwa drei Jahren damit begonnen. Dann kam die Pandemie und hat alles unterbrochen.

fotoMAGAZIN: Sie sind seit vielen Jahren mit dem Fotokünstler Ralph Gibson befreundet. Was war der wichtigste fotografische Ratschlag, den er Ihnen gegeben hat?
Andy Summers: Kauf dir eine Leica! Gleich nachdem ich Ralph traf, wechselte ich von einer Nikon-Kamera zu einer Leica. Er meinte, ich solle sie ausprobieren und ich stellte sofort fest, dass das meine Kamera ist. Heute fotografiere ich mit einer Leica M10 und einer M10 R. Ralph und ich sind mittlerweile dicke Kumpel und haben uns von Anfang an großartig über Musik und Fotografie unterhalten.

fotoMAGAZIN: Sie haben in Ihrem Leben extrem viel Zeit auf Reisen verbracht. Wurde die Fotografie dabei zu einem ständigen Lebensgefährten?
Andy Summers: Ja! Ich war gerade in Mexiko. Noch bevor ich überhaupt ankam, überlegte ich, welche Möglichkeiten für Fotos sich mir dort bieten. Und natürlich ist das so: Wenn ich auf Tournee gehe, dann wird das immer auch zugleich eine Fototour – da gibt es überhaupt keinen Zweifel. Ich liebe es, fremde Städte mit der Kamera zu durchstreifen. Diese Orte erscheinen mir viel belebter, wenn ich dort nach Motiven Ausschau halte, als wenn ich einfach nur durch die dortigen Souvenirläden wandern würde.

Bolivien, 2009. „Ich habe immer nach derlei Fotos Ausschau gehalten“, sagt Summers zu diesem Motiv, das das Cover seines Bildbandes „A Certain Strangeness schmückt.

Foto: © Andy Summers

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Die Ausstellung:

„Andy Summers: A Certain Strangeness“ 

Zu sehen vom 18. Juli bis zum 5. Oktober 2022 im Ernst Leitz Museum in Wetzlar.

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