„Fluchtpunkt Paris“: Drei Fotografinnen zwischen Avantgarde und Exil

Die Ausstellung „Fluchtpunkt Paris“ im LVR-Landesmuseum Bonn vereint erstmals die Werke von Gisèle Freund, Rogi André und Madame d’Ora. Rund 300 Fotografien erzählen von der künstlerischen Aufbruchstimmung in Paris, von weiblicher Selbstbestimmung und den Folgen nationalsozialistischer Verfolgung.

Rogi André porträtierte um 1935 die rauchende Kunstsammlerin Peggy Guggenheim an einem offenen Fenster mit Blick auf den Chor von Notre-Dame in Paris. Die Aufnahme ist Teil der Ausstellung „Fluchtpunkt Paris“ im LVR-Landesmuseum Bonn.

Rogi André porträtierte um 1935 die rauchende Kunstsammlerin Peggy Guggenheim an einem offenen Fenster mit Blick auf den Chor von Notre-Dame in Paris. Die Aufnahme ist Teil der Ausstellung „Fluchtpunkt Paris“ im LVR-Landesmuseum Bonn.

© Rogi André / BnF (Bibliothèque nationale de France)

Seit dem 15. Oktober 2026 zeigt das LVR-Landesmuseum Bonn die Ausstellung „Fluchtpunkt Paris. Gisèle Freund, Rogi André, Madame d’Ora“. Bis zum 7. Februar 2027 beleuchtet die Schau anhand von rund 300 Fotografien, Glasplattennegativen, Büchern und historischen Dokumenten das Schaffen dreier bedeutender Fotografinnen des 20. Jahrhunderts. Ihre Lebenswege kreuzten sich im Paris der Zwischenkriegszeit, das Künstler und Intellektuelle aus ganz Europa anzog. Neben ihrer Arbeit in der Porträt-, Mode- und Reportagefotografie verbindet die drei Frauen ihre jüdische Herkunft und die Erfahrung von Verfolgung und Exil.

Fluchtpunkt Paris: Drei Fotografinnen prägen die Moderne

Paris entwickelte sich nach dem Ersten Weltkrieg zu einem Zentrum der europäischen Avantgarde. Die französische Hauptstadt bot Fotografinnen neue berufliche Möglichkeiten: Illustrierte benötigten Bildreportagen, Modehäuser beauftragten Fotografen und Künstler ließen sich porträtieren.

Dora Kallmus (1881–1963), die unter dem Namen Madame d’Ora arbeitete, eröffnete 1925 ein Atelier in Paris. Die gebürtige Wienerin hatte sich bereits als Porträtfotografin einen Namen gemacht und fotografierte unter anderem Gustav Klimt, Arthur Schnitzler und Max Reinhardt. In Frankreich konzentrierte sie sich zunehmend auf die Mode- und Gesellschaftsfotografie.

Ebenfalls 1925 kam Rogi André (1900–1970) nach Paris. Die in Budapest geborene Künstlerin hatte zunächst Malerei studiert. Nach ihrer Begegnung mit André Kertész, den sie 1928 heiratete, begann sie zu fotografieren. Zunächst entstanden vor allem Aktaufnahmen, später wurde die Porträtfotografie zu ihrem wichtigsten Arbeitsgebiet.

Gisèle Freund (1908–2000) floh 1933 vor den Nationalsozialisten aus Deutschland nach Frankreich. Die gebürtige Berlinerin setzte in Paris ihr Studium fort und arbeitete als Fotojournalistin. Ihre Porträts bedeutender Schriftsteller und Intellektueller machten sie international bekannt.

Gisèle Freund, Rogi André und Madame d’Ora: Berühmte Persönlichkeiten vor der Kamera

Ein Schwerpunkt der Ausstellung gilt der Porträtfotografie. Die drei Künstlerinnen fotografierten zahlreiche Persönlichkeiten aus Literatur, Kunst und Philosophie, darunter Pablo Picasso, James Joyce, Virginia Woolf, Colette und Simone de Beauvoir.

Besonders bekannt sind Gisèle Freunds frühe Farbporträts des Schriftstellers James Joyce von 1938 und 1939. Ihre Aufnahmen zeigen, welche gestalterischen Möglichkeiten die damals noch junge Farbfotografie für das Künstlerporträt eröffnete.

Die Ausstellung stellt unterschiedliche fotografische Interpretationen bekannter Persönlichkeiten gegenüber. Dabei wird deutlich, wie Bildausschnitt, Lichtführung, Körperhaltung und Umgebung die Wirkung eines Porträts beeinflussen.

Modefotografie und Tanz im Paris der Avantgarde

Neben Porträts präsentiert „Fluchtpunkt Paris“ Mode-, Tanz- und Aktfotografien. Madame d’Ora arbeitete für Zeitschriften wie „L’Officiel“, „Vu“ und „Die Dame“. Ihre Bilder verbanden modische Eleganz mit einer ausgeprägten Inszenierung der fotografierten Personen.

Zu ihren Motiven gehörten die Tänzer Anita Berber und Sebastian Droste. Durch Lichtführung und Körperhaltung entwickelte d’Ora eine Bildsprache, die den Ausdruck der Tänzer in den Mittelpunkt rückte.

Rogi André beschäftigte sich ebenfalls mit der Darstellung des menschlichen Körpers. Um 1934 fotografierte sie die Künstlerin Jacqueline Lamba bei ihren Auftritten in einem Wasserbecken des Pariser Nachtclubs Le Coliseum. Eines dieser Bilder veröffentlichte André Breton 1937 in seinem Buch „L’Amour fou“.

Auch Gisèle Freund widmete sich der Modefotografie. Noch 1940, kurz vor dem Einmarsch deutscher Truppen in Paris, dokumentierte sie Modeschauen in der französischen Hauptstadt.

Sozialkritische Fotoreportagen dokumentieren politische Umbrüche

Die Ausstellung beschränkt sich nicht auf das kulturelle Leben der französischen Metropole. Ein weiterer Schwerpunkt untersucht die gesellschaftspolitische Dimension der Arbeiten von Freund, André und d’Ora.

Gisèle Freund fotografierte bereits während ihres Studiums in Frankfurt am Main politische Demonstrationen. 1935 dokumentierte sie die Lebensbedingungen in nordenglischen Arbeitslosengebieten. Ihre Aufnahmen erschienen 1936 im amerikanischen Magazin „Life“, das sie mit einem Beitrag über den Wohlstand der britischen Aristokratie kombinierte.

Auch Rogi André und Madame d’Ora richteten ihre Kameras auf gesellschaftliche Konflikte und soziale Missstände. Die Gegenüberstellung ihrer Arbeiten zeigt, wie unterschiedlich die drei Fotografinnen ihre dokumentarischen Interessen entwickelten.

Wie Verfolgung und Exil die Fotografinnen veränderten

Mit der deutschen Besetzung Frankreichs verschlechterte sich die Lebenssituation der drei jüdischen Fotografinnen dramatisch. Ihre künstlerischen Karrieren wurden durch Verfolgung, Flucht und den Zweiten Weltkrieg unterbrochen.

Gisèle Freund gelang 1942 die Flucht nach Argentinien. In Lateinamerika setzte sie ihre journalistische Arbeit fort, bevor sie 1953 dauerhaft nach Paris zurückkehrte.

Rogi André überlebte die nationalsozialistische Verfolgung im Versteck bei der Pariser Galeristin Jeanne Bucher. Nach Kriegsende widmete sie sich wieder verstärkt der Malerei, arbeitete aber weiterhin als Fotografin.

Madame d’Ora konnte sich ebenfalls in Frankreich verstecken. Ihre Schwester wurde deportiert und ermordet. Nach dem Krieg veränderte sich d’Oras fotografische Arbeit deutlich. Sie porträtierte Überlebende und Geflüchtete in österreichischen Lagern. Ab 1949 entstanden zudem ihre Aufnahmen in Pariser Schlachthöfen, die einen starken Kontrast zu ihren früheren Mode- und Gesellschaftsfotografien bilden.

Historische Negative zeigen die fotografischen Arbeitsweisen

Für Fotografieinteressierte bietet die Ausstellung auch Einblicke in die technischen und gestalterischen Verfahren der drei Künstlerinnen. Originale Glasplattennegative von Rogi André und frühe Farbfotografien von Gisèle Freund veranschaulichen die Entstehung ihrer Bilder.

Dabei geht es um die Wahl der Kamera, den Einsatz von Licht, die Retusche und die Festlegung des Bildausschnitts. Die historischen Materialien verdeutlichen, wie die Fotografinnen ihre Aufnahmen für die spätere Veröffentlichung bearbeiteten.

Zu den Leihgebern gehören die Bibliothèque nationale de France, das Institut Mémoires de l’édition contemporaine (IMEC) und das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg. Darüber hinaus präsentiert das LVR-Landesmuseum erstmals ausgewählte Fotografien aus einem umfangreichen Bestand von Gisèle Freund, den es 2023 erworben hat.

Fluchtpunkt Paris im LVR-Landesmuseum Bonn: Öffnungszeiten und Eintritt

Die Ausstellung „Fluchtpunkt Paris. Gisèle Freund, Rogi André, Madame d’Ora“ ist noch bis zum 7. Februar 2027 im LVR-Landesmuseum Bonn zu sehen. Kuratiert wurde sie von Kerstin Stremmel, Thorsten Valk und Anna Zens.

Das Museum ist dienstags bis sonntags von 11 bis 18 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet 11 Euro, ermäßigt 7 Euro. Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren haben freien Eintritt. Am ersten Freitag im Monat ist der Besuch kostenlos.

Zur Ausstellung erscheint im Hirmer Verlag ein 304 Seiten umfassender Begleitband mit rund 250 Abbildungen (ISBN 978-3-7774-4812-1). Führungen, Fotowalks und weitere Veranstaltungen ergänzen das Programm.

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