Für den Pirelli Calendar 2027 „India“ fotografierte Sølve Sundsbø das indische Model Lakshmi Menon in einer vom Farbenfest Holi inspirierten Inszenierung. Vor magentafarbenem Hintergrund blickt sie mit rosa und gelben Farbpigmenten auf der Haut direkt in die Kamera. Menon war bereits 2011 in Karl Lagerfelds Pirelli-Kalender zu sehen.
© Sølve Sundsbø / TheCal 2027Am 23. Oktober 2026 präsentierte Pirelli in Neu-Delhi die neue Ausgabe. Unter dem Titel „India“ beleuchtet sie die kulturelle Vielfalt und den gesellschaftlichen Wandel Indiens. Sølve Sundsbø entwickelte dafür gemeinsam mit Raghu Rai ein Konzept, das Mode- und Porträtfotografie mit dokumentarischen Bildern verbindet. Nach Raghu Rais Tod im April 2026 führte seine Tochter Avani Rai das Projekt mit einem eigenen Ansatz fort.
Erstmals in der Geschichte des 1964 gegründeten Kalenders vereinen sich drei fotografische Handschriften in einer Ausgabe. Der neue „TheCal“ umfasst 36 Fotografien, die zwischen Mai und September 2026 entstanden. Die Bilder werden in einer Kassette mit zwei getrennten Fächern präsentiert.
Sølve Sundsbø porträtiert neun prominente Inderinnen
Sølve Sundsbø, der bereits den Pirelli Calendar 2026 zum Thema „Elements“ fotografierte, widmet sich diesmal Frauen mit indischen Wurzeln. Seine Aufnahmen entstanden in Rajasthan, unter anderem im Jaigarh Fort in Jaipur und in Ajabgarh.
Für die Porträtserie wählte Sundsbø neun Frauen aus Film, Musik, Literatur, Mode und anderen kreativen Bereichen. Vor seiner Kamera standen Aditi Rao Hydari, Avantika Vandanapu, Freida Pinto, Anoushka Shankar, Rupi Kaur, Lakshmi Menon, Bhavitha Mandava, Padma Lakshmi und Avani Rai.
Die Bildgestaltung lebt von kräftigen Farben, wechselnden Lichtstimmungen und dem Zusammenspiel von Kleidung und Architektur. Leuchtende Stoffe, Blumen auf spiegelnden Wasserflächen und die Schatten historischer Steinbauten prägen die Inszenierungen.
Sundsbø wollte kein umfassendes Bild Indiens schaffen. „Indien ist zu groß, zu komplex und verändert sich zu schnell, um es auf eine einzige Definition oder Bildserie zu reduzieren“, erklärte er bei der Präsentation. Sein Fokus lag auf den Persönlichkeiten vor seiner Kamera. Die Lebenswege und künstlerischen Ausdrucksformen der Frauen sollten jeweils eine eigene visuelle Interpretation erhalten.
Raghu Rai: Ein fotografisches Lebenswerk als Grundlage
Den dokumentarischen Gegenpol zu Sundsbøs Inszenierungen bildet das Werk von Raghu Rai. Seit 1965 hielt der indische Fotograf über sechs Jahrzehnte das öffentliche und private Leben seines Landes fest.
Für den Pirelli Calendar 2027 plante er, historische Fotografien aus seinem Archiv mit neuen Porträts zu kombinieren. Ursprünglich sollten Studioaufnahmen vor bislang unveröffentlichten Bildern aus seinem Bestand entstehen.
Raghu Rai arbeitete mehrere Monate an dem Projekt, bevor er im April 2026 starb. Seine Tochter Avani Rai entwickelte das Konzept weiter. Statt die historischen Fotografien im Studio zu inszenieren, brachte sie die Bilder an ihre ursprünglichen Aufnahmeorte zurück.
Für den Pirelli Calendar 2027 „India“ fotografierte Avani Rai den Blumenmarkt in Alt-Delhi. In ihrer Aufnahme „Flower Market“ verbindet sie ein historisches Archivfoto ihres Vaters Raghu Rai mit dem heutigen Marktgeschehen. Die dokumentarische Fotografie zeigt, wie Vergangenheit und Gegenwart im Alltag der indischen Metropole aufeinandertreffen.
© Avani Rai / The Cal 2027Avani Rai verbindet Vergangenheit und Gegenwart
Avani Rai fotografierte in Delhi und Mumbai. Sie integrierte Archivaufnahmen ihres Vaters in neue Straßenszenen. Die historischen Bilder blieben unverändert und wurden in eine größere fotografische Komposition eingebettet.
Häufig kehrte Avani Rai an Orte zurück, die ihr Vater Jahrzehnte zuvor fotografiert hatte. Sie wählte jedoch andere Kamerastandpunkte und bezog die heutige Umgebung in ihre Aufnahmen ein. So verschmelzen in ihren Bildern unterschiedliche Zeitebenen.
„Mein Vater gehörte auf die Straße, zu den Menschen, die er sein Leben lang fotografiert hatte“, sagt Avani Rai über ihre Entscheidung, das ursprüngliche Studiokonzept aufzugeben.
Ihre Arbeit führte sie durch die Märkte und Gassen von Alt-Delhi, entlang des Flusses Yamuna und in die Metropole Mumbai. Dort fotografierte sie moderne Architektur, Treffpunkte junger Menschen, traditionelle Wohnviertel und Fischergemeinden.
Rund 130 Menschen wirkten an ihrem Teil des Projekts mit: Jugendliche, Tänzer, Künstler, Models, Handwerker und Familien. Auch der Filmstar Ranveer Singh gehört zur Bildserie. Die Fotografien zeigen nicht nur den Wandel indischer Großstädte, sondern auch, wie historische Orte und Traditionen in der Gegenwart weiterleben.
Zwei Perspektiven auf „India“
Die beiden Bildserien des Pirelli Calendar 2027 unterscheiden sich deutlich. Sølve Sundsbø inszeniert sorgfältig gestaltete Porträts, in denen Licht, Farbe, Kleidung und Architektur zentrale Rollen spielen. Seine 18 Fotografien rücken einzelne Persönlichkeiten in den Fokus.
Avani Rai steht für den Pirelli Calendar 2027 „India“ sowohl hinter als auch vor der Kamera. Als Fotografin kombiniert sie historische Aufnahmen ihres verstorbenen Vaters Raghu Rai mit aktuellen Straßenszenen aus Delhi und Mumbai. Als Model posiert sie für Sølve Sundsbø mitten in einem See in Rajasthan. Der Fotograf nutzt weiches Tageslicht, die spiegelnde Wasseroberfläche und die umgebende Landschaft, um ein atmosphärisches Porträt mit natürlichen Farben und starken Kontrasten zu schaffen.
© Sølve Sundsbø / TheCal 2027Die 18 Bilder von Raghu und Avani Rai setzen auf das Zusammenspiel von Archivmaterial und aktuellen Straßenszenen. Sie zeigen Menschen und Orte im gesellschaftlichen und zeitlichen Kontext. Für Avani Rai war die Weiterführung der Arbeit ihres Vaters auch eine persönliche Auseinandersetzung mit seinem Erbe. „Er hat mir nie beigebracht, wie man fotografiert. Er hat mir etwas Grundlegenderes vermittelt: die bewusste Wahrnehmung der Welt“, sagt sie.
Beide Ansätze stehen im Pirelli Calendar 2027 gleichberechtigt nebeneinander. Während Sundsbø seine Motive inszeniert, untersucht Avani Rai anhand der Fotografien ihres Vaters die Veränderungen des indischen Alltags.
TheCal: Seit 1964 ein Spiegel fotografischer Entwicklungen
Der Pirelli-Kalender erschien erstmals 1964. Die britische Tochtergesellschaft des Reifenherstellers beauftragte damals Robert Freeman mit der Gestaltung. Aus dem Marketingprojekt wurde ein exklusiver Fotokalender, an dem zahlreiche international bekannte Fotografen mitwirkten, darunter Richard Avedon, Helmut Newton, Peter Lindbergh, Annie Leibovitz, Steve McCurry, Tim Walker und Paolo Roversi.
In den letzten Jahren rückten gesellschaftliche und kulturelle Themen stärker in den Fokus. Annie Leibovitz porträtierte 2016 Frauen aus verschiedenen Berufsfeldern, Peter Lindbergh setzte 2017 auf ein natürliches Schönheitsideal, und Steve McCurry dokumentierte 2013 den Wandel Brasiliens.
Die 53. Ausgabe führt diese Entwicklung fort. Mit „India“ widmet sich der Pirelli Calendar 2027 Erinnerung, kultureller Identität und gesellschaftlichem Wandel. Die Zusammenarbeit von Sølve Sundsbø, Raghu Rai und Avani Rai markiert dabei eine Premiere: Erstmals entsteht ein Kalender aus drei fotografischen Perspektiven, die Generationen und Bildsprachen verbinden.
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