Fotografieren mit dem Weitwinkel: 7 hilfreiche Tipps

28.03.2017

Das Fotografieren mit dem Weitwinkel sorgt für viel Motiv im Bild – erfordert aber eine sorgfältige Bildgestaltung. Lesen Sie hier, wie Sie mehr aus Ihren Weitwinkelbildern herausholen

 

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Weitwinkel: Verzeichnung 01

VERZEICHNUNG: KORRIGIERT

KAMERA: Olympus Pen E-P3
OBJEKTIV: 8/9 mm Bodycap Lense Fisheye bei 9 mm (18 mm KB-äquivalent)

© Markus Linden

Als Weitwinkel werden traditionell alle Objektive bezeichnet, die einen größeren Bildwinkel als den Sehwinkel unserer Augen abdecken. Übertragen auf das Kleinbild bedeutet das grob: Objektive mit 35 mm und kürzer sind Weitwinkelobjektive.

Der offensichtliche Vorteil der Fotografie im Weitwinkel: Bei gleichem Abstand zum Motiv ist deutlich „mehr drauf“. Weitwinkelobjektive kommen daher bei der Fotografie in Innenräumen zum Einsatz (weil man ja nicht beliebig weit nach hinten ausweichen kann) sowie bei der Landschafts- und Architekturfotografie – also immer dann, wenn viel auf das Bild soll.

1. Vermeiden Sie perspektivische Verzerrungen

Aber ganz so einfach ist das nicht: Beim Einsatz von Weitwinkel-Optiken kommt es zu perspektivischen Verzerrungen. Die haben zwar rein optisch gesehen nichts mit der Brennweite zu tun – allerdings verändert der Fotograf in der Regel aufgrund des geringen Abbildungsmaßstabs die Abstandsverhältnisse: Er geht näher an sein Hauptmotiv heran und verschiebt so den Fluchtpunkt nach vorne. Das Resultat: Fluchtlinien werden steiler, Objekte im Vordergrund erscheinen deutlich größer als bei längeren Brennweiten (auf dem Bild von Ortaköy in Istanbul das Boot und der Steg), die im Hintergrund werden kleiner: Die sehr hohe Bosporus-Brücke wirkt kleiner als die Ortaköy-Moschee.

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Weitwinkel: Verzeichnung 02

VERZEICHNUNG
Bei Fisheye-Objektiven ist die Verzeichnung eingebaut. Jede horizontale oder vertikale Linie, die nicht durch die Bildmitte führt, wird zu einem Bogen verzerrt. Der Effekt kann zu einer dramatischen Bildwirkung führen – will man jedoch mit dem Fisheye „normale“ Landschafts- oder Weitwinkel-Fotos machen, ist die digitale Nachbearbeitung angesagt. Hier kam die „Adaptive Weitwinkelkorrektur“ von Photoshop zum Einsatz. Mit der automatischen Kantenerkennung reicht es, einige vertikale und ein oder zwei horizontale Linien nachzuzeichnen. Photoshop verzerrt das Bild dann so, dass diese auf dem Bild gekrümmten Linien zu Geraden werden.

© Markus Linden

2. Der Einsatz selektiver Schärfe ist leider kaum möglich

Dazu kommt ein weiterer Effekt, der nicht direkt mit der Brennweite, aber mit dem geringen Abbildungsmaßstab zu tun hat: Bei der Weitwinkelfotografie ist die Schärfentiefe deutlich erhöht. Selbst bei Offenblende ist es bei Brennweiten unter 28 mm nur selten möglich, mit selektiver Schärfe zu arbeiten. Zusammen mit der perspektivischen Verzerrung erzeugen Weitwinkel-Aufnahmen daher oft einen Eindruck von großer Tiefe im Bild.

3. Unterscheiden Sie die Verzerrung bzw. die Verzeichnung voneinander

Nicht verwechseln sollte man übrigens die Verzerrung mit der Verzeichnung: Erstere ist ein optischer Effekt, letztere eine technische Eigenschaft des Objektivs.

Bei einer Verzeichnung werden die Linien, die nicht genau durch die Bildmitte laufen, gebogen. Das lässt sich bei Fisheye-Optiken nicht vermeiden, bei reinen Weitwinkel-Objektiven schon. Gute Weitwinkel-Objektive (vor allem die Festbrennweiten) sind optisch fast vollständig korrigiert. Den letzten Rest an Verzeichnung beseitigen Objektivprofile zum Beispiel in Lightroom oder DxO Optics Pro, hartnäckige Fälle (notfalls auch die Verzeichnung vom Fisheye) bekommen Sie mit Tools wie der „Adaptiven Weitwinkelkorrektur“ von Photoshop in den Griff. Aber gerade beim Fisheye ist die Verzeichnung oft ein Teil der Bildgestaltung und soll gar nicht korrigiert werden.

4. Halten Sie stürzende Linien möglichst klein

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Weitwinkel: Stürzende Linien 01

STÜRZENDE LINIEN: KORRIGIERT

KAMERA: Nikon D800
OBJEKTIV: Nikkor 3,5-4,5/18-35 mm bei 18 mm

© Markus Linden

Die perspektivische Verzerrung sorgt auch dafür, dass bei geneigter Sensorebene die senkrecht stehenden Linien aufeinander zuzulaufen scheinen. Dieser Effekt der stürzenden Linien ist beim Weitwinkel-Einsatz stärker als bei anderen Optiken. Das ist ein weiterer Grund dafür, die Kamera möglichst gerade zu halten. Ein Weitwinkel-Objektiv verzeiht eine unperfekte Ausrichtung nicht.

5. Achten Sie auf die Belichtung im gesamten Bild und bessern Sie notfalls direkt nach

Das „viel drauf“ beim Weitwinkel-Einsatz sorgt bei Außenaufnahmen dafür, dass auch fast immer viel Himmel auf dem Bild ist. Bei Fisheyes mit 180-Grad-Abdeckung stehen die Chancen 50 zu 50, dass Sie zusätzlich direkt in die Sonne fotografieren. Die übliche Mehrfeld-Messung kommt damit selten klar. Fast immer wird der Vordergrund bei Landschaftsaufnahmen zu knapp belichtet. Hier können Sie sich mit einer selektiven Belichtungsmessung oder gleich einer Belichtungskorrektur behelfen.

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Weitwinkel: Stürzende Linien 02

STÜRZENDE LINIEN
Weitwinkel-Objektive sind für die Architekturfotografie ideal – führen aber verstärkt zu den sogenannten „stürzenden Linien“, sobald die Kamera nach oben (oder unten) geschwenkt wird. Wer kein Shift-Objektiv hat, kann einfach die Kamera gerade halten und den überflüssigen Bereich im Vordergrund (meist nur Boden) in der Software wegschneiden. Alternativ nutzt man die „Upright“-Funktionen (digitale Perspektivkorrektur) der Software, die mittlerweile in fast allen gängigen Bildbearbeitungsprogrammen als Automatik oder mit manueller Einstellung vorhanden ist. Achtung: Bei der Korrektur stürzender Linien entsteht viel Beschnitt. Man muss also beim Fotografieren ausreichend Raum (vor allem an den Rändern links und rechts) um das Hauptmotiv herum lassen.

© Markus Linden

6. Greifen Sie bei Filtern besser zur Slim-Variante

Im Prinzip helfen auch Verlaufsfilter bei der Landschaftsfotografie. Allerdings müssen Sie vor dem Kauf des Objektivs wissen, welches Filtersystem zum Einsatz kommen soll. Schraubfilter sind bei starken Weitwinkel-Zooms (und bei Fisheye-Objektiven) aufgrund gewölbter Linsen und daher fehlender Gewinde nicht verwendbar. Für einige Steckfiltersysteme gibt es Halterungen auch für solche Objektive. Der Vignettierungs-Effekt der Filter wird im Weitwinkel-Einsatz noch verstärkt. Es gibt extra Slim-Filter für Weitwinkel.

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7. Die Qual der Wahl: Welches Weitwinkelobjektiv soll es sein?

Bei der Wahl des Objektivs sollten Sie den zukünftigen Einsatzzweck bedenken: Für „normale“ Landschafts- und Architekturfotografie ist die Lichtstärke kein Thema. Da Sie sowieso nicht mit knapper Schärfentiefe spielen können, benötigen Sie die offene Blende nicht. Anders sieht es aus, wenn Nachtfotos entstehen sollen: Soll der Sternenhimmel mit auf das Bild, so ist eine Blende ab 2,8 fast Pflicht. Andernfalls werden die Belichtungszeiten zu lang und die Sterne aufgrund der Erddrehung nicht mehr scharf. Auch für die Reportage oder die Street Photography sind lichtstarke, gemäßigte Weitwinkelobjektive (28 bis 35 mm) ideal.

Fotografieren mit Weitwinkel

Dieser Artikel ist in unserer Ausgabe fotoMAGAZIN 03/2017 erschienen.

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Markus Linden
Über den Autor
Markus Linden

Markus Linden hat sein Hobby zum Beruf gemacht: Er schreibt on- und offline über Fotografie und Fotografen, organisiert Fotowettbewerbe und fotografiert selbst leidenschaftlich gerne. Dem fotoMAGAZIN ist er seit 2003 zunächst als Redakteur und jetzt als freier Mitarbeiter verbunden.