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Sternenfotografie
Nebel im Tal reduziert die Lichtverschmutzung enorm. Einstellungen: 15 mm, f/2,8, ISO 3200, 30 s. Foto: © Bastian Werner

So fotografieren Sie den Sternenhimmel

Von der Planung bis zur Durchführung – Schritt für Schritt zum perfekten Bild
27.03.2020

Viele Apps wollen den Sternenhimmel für Fotografen einfach zugänglich machen. Doch welche Applikationen Sie wirklich benötigen und wie Sie das Wetter für einen klaren Nachthimmel prognostizieren können, verrät Wetterfotograf Bastian Werner. Sein persönlicher Workflow führt auch Sie zum Foto.

 

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Sternschnuppen

Komposition mehrerer Sternschnuppen mit einer Belichtung für den Vordergrund.
Einstellungen: 27 mm (KB-äquivalent), f/1,8, ISO 6400, 20 s.

© Bastian Werner

Der Nachthimmel bietet die unterschiedlichsten Motive. Angefangen bei einem einfachen Sternenhimmel, über eine Aufnahme des Galaktischen Zentrums („die Milchstraße“) bis hin zur Deep-Sky Astrofotografie mit nachgeführtem Teleskop. In diesem Artikel blicke ich mit Ihnen als Landschaftsfotograf zum Nachthimmel.
Zu Beginn des Workflows kümmern wir uns um das gewünschte Motiv, gekoppelt an einen bestimmten Zeitpunkt, wie etwa eine Mondfinsternis oder das Auftreten eines Sternschnuppenschauers. Unser Sonnensystem ist im zeitlichen Maßstab eines menschlichen Lebens wie ein perfektes Uhrwerk. Bestimmte Ereignisse treten genau planbar an unserem Himmel auf. Im zweiten Schritt finden wir den Ort, an dem wir das Motiv am Nachthimmel aufnehmen möchten. Es dürfte klar sein, dass sich der eigene Garten selten eignet und bei den wenigsten ein reizvolles Motiv bietet. Zuletzt erfolgt im dritten Schritt eine Wetterprognose. Auch wenn die wie ein Uhrwerk ablaufenden Ereignisse am Nachthimmel (außerhalb unserer Erd­atmosphäre) planbar sind – das Wetter bleibt über über längere Zeiträume unplanbar. Eine gute Fotografie des Nachthimmels ist immer mit zeitlichem Aufwand verbunden; ärgerlich, wenn dieser durch bewölkten Himmel umsonst getätigt wird. Die moderne Wetterprognose erlaubt es zwei bis drei Tage im Voraus zu sehen, wie klar die Nacht Ihres Begehrens sein wird.

Schritt 1: Das Motiv am Himmel

Ein unendliches Universum bietet unendlich viele Motive, doch möchte ich mich mit meinem Artikel auf die beschränken, welche Sie mit Ihrer Kameraausrüstung ohne Extras fotografieren können.

Das greifbarste Motiv ist der Mond. Eine Mondphase dauert 29,5 Tage. Dies ist der Zeitraum, der zwischen zwei Vollmonden vergeht. Dieser immer gleiche Takt bestimmt die Fotografie des Nachthimmels. Ist nicht der Mond das Motiv, stört dessen Licht. Mit eigenen Augen haben Sie dies bereits gesehen: Steht der Vollmond am Himmel, sind nur die hellsten Sterne zu sehen.
Als Neumond bezeichnet man die Mondphase, in welcher der Mond die ganze Nacht lang nicht am Himmel zu sehen ist. Die Nächte vor und nach Neumond sind die Nächte, welche Sie sich zur Fotografie des Nachthimmels im Kalender markieren. Im Allgemeinen gesprochen fotografieren Sie den Sternenhimmel, wenn der Mond nicht am Himmel steht. Geht dieser in der zweiten Nachthälfte auf, fotografiert man vor Mitternacht und umgekehrt. Ist der Mond bei Nacht nicht am Himmel, sind Sie auf Tour. Steht dieser am Himmel sind Sie im Bett.

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Screenshot Stellarium-Software

Stellarium-Software mit geöffnetem Location-Window und Date-and-Time-Fenster.

Abbildung: www.stellarium.org

Für einen schnellen Überblick verwende ich die Website www.mondverlauf.de. Tragen Sie die Termine mit Neumond in Ihren Kalender ein. Zur genauen Planung der Fotografie des Nachthimmels installieren Sie sich die Stellarium-Software von www.stellarium.org. Die erklärt sich schnell von selbst. Sie sehen eine 3D-Ansicht des Nachthimmels, weltweit für jeden Ort der Erde und Jahrzehnte in die Zukunft.

Die Milchstraße
Das begehrteste Motiv ist für Viele die Milchstraße, oder besser gesagt das Galaktische Zentrum – so bezeichnet man den leuchtenden Mittelpunkt der Milchstraße. In Mitteleuropa ist das Galaktische Zentrum von Ende März bis Anfang Oktober sichtbar. Dazwischen geht es in die Winterpause, denn nur im Sommer befinden wir uns auf der richtigen Seite der Sonne, sodass wir bei Nacht hinaus schauen in Richtung des Milchstraßenzentrums. Im Winter befindet sich die Erde um 180 Grad auf ihrer Bahn versetzt auf der gegenüberliegenden Seite der Sonne. Wir schauen am Tag in Richtung des Zentrums, verdeckt durch die Sonne.
Gehen Sie in die Stellarium-Software und schauen Sie sich einige Nächte von März bis Oktober an. Dies können Sie links unten über das Zeitfenster einstellen. Im Idealfall verwenden Sie gleich die Nächte mit Neumond, die Sie bereits recherchiert haben. Erkunden Sie, wie das Zentrum im Laufe der Nacht wandert. Auf der Kompassrose sehen Sie die Himmelsrichtungen, in welchen sich das Galaktische Zentrum nach Monat sortiert am Nachthimmel befindet.

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Grafik Himmelsrichtungen

Die Himmelsrichtungen, in denen die Milch­straße im entsprechenden Monat sichtbar ist.

Grafik: Bastian Werner, fotoMAGAZIN

Mit der Stellarium-Software visualisieren Sie sich exakt die Lage der Milchstraße am Nachthimmel für jeden Termin um Neumond herum. Im März und April geht das Galaktische Zentrum in der zweiten Nachthälfte im Osten auf.
Von Mai bis August ist es die ganze Nacht am Himmel zu sehen und wandert wie die Sonne von Ost nach West. Ab September versinkt das Galaktische Zentrum vor Sonnenaufgang am Westhimmel. Ab November versinkt es dort, bevor die Nacht anbricht. Für uns als Fotografen bedeutet dies, dass wir das Galaktische Zentrum, je nach Monat, in einer bestimmte Himmelsrichtung fotografieren müssen. Dies ist zu beachten bei der Auswahl eines Motivs für den Vordergrund unserer Fotografie des Nachthimmels.

Sternschnuppen
Im Laufe der Jahrmillionen haben viele Objekte die Umlaufbahn der Erde gekreuzt und eine mehr oder weniger starke Spur aus Bruchstücken hinterlassen. Einmal pro Jahr an bestimmten Tagen passieren wir mit der Erde die Trümmerspuren. Die Bruchstücke verglühen als Sternschnuppen in unserer Atmosphäre. Alle Sternschnuppenschauer besitzen einen sogenannten Radianten. Ein Radiant ist ein bestimmter Bereich am Nachthimmel, welchen die Sternschnuppen als gemeinsamen Ursprung zu haben scheinen. Verlängert man die Flugbahn der Sternschnuppen aus dem gleichen Sternschnuppenschauer, treffen diese im Radianten aufeinander. Ein Sternschnuppenschauer wird nach dem Ort seines Radianten benannt. Die Perseiden liegen im Sternbild Perseus, die Leoniden im Sternbild Löwe (Leo). Jeder Sternschnuppenschauer hat ein Maximum, das Datum, an welchem wir mit der Erde durch das Zentrum der Bruchstücke fliegen. Davor und danach ist die Zahl der Sternschnuppen deutlich geringer. Aus diesem Grund fotografiert man meist nur um das Maximum herum. Auf www.leoniden.net können Sie sich ausgiebig über die verschiedenen Sternschnuppenschauer informieren.
Die Stellarium-Software zeigt für jeden Sternschnuppenschauer dessen Radianten an. Sie können sich deshalb für eine entsprechende Nacht mit Sternschnuppen genau anzeigen lassen, in welche Richtung des Nachthimmels Sie Ihre Kamera ausrichten müssen. Beachten Sie, dass sich auch der Radiant (als ein fiktives Objekt) – wie alle Objekte an unserem Nachthimmel – von Ost nach West bewegt. Unter Mondlicht sind nur die hellsten Sternschnuppen einigermaßen gut zu fotografieren.

Schritt 2: Lichtverschmutzung und Standort

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Karte Lichtverschmutzung

Die besten Gebiete in Deutschland zum Fotografieren des Sternenhimmels.

Karte: © www.lightpollutionmap.ifno

Wenn Sie an diesem Schritt ankommen, dann haben Sie ein bestimmtes Datum zur Fotografie des Galaktischen Zentrums, eines Sternschnuppenschauers oder eines anderen Phänomens am mondlosen Nachthimmel herausgefunden. In diesem zweiten Schritt des Workflows geht es darum einen Ort zu finden, der keine – oder nur eine geringe – Lichtverschmutzung aufweist.
Lichtverschmutzung, das ist das Streulicht unserer Leuchtmittel bei Nacht. Das Licht wird im Staub und Dunst der Atmosphäre gestreut, die Luft beginnt zu leuchten. Dieses Leuchten ist wesentlich heller als die große Mehrheit der Sterne und damit sind keine Aufnahmen des Sternenhimmels möglich.
Es ist nicht damit getan, sich mit der Kamera an einen dunklen Ort zu begeben. Die Lichtverschmutzung bildet über Regionen mit vielen Leuchtmitteln eine Art Lichtkegel, der weit in die Atmosphäre hinaufragt. Bestimmte Motive am Nachthimmel sind mit einer bestimmten Beobachtungsrichtung am Nachthimmel verknüpft. Diese Beobachtungsrichtung darf nun nicht in Richtung einer Region liegen, die besonders hohe Lichtverschmutzung aufweist. Stellen Sie sich vor, Sie befinden sich auf der zu sehenden Karte der Lichtverschmutzung unweit nördlich von Berlin. An sich ist Ihr Aufenthaltsort dunkel. Jedoch fotografieren Sie direkt in den Lichtkegel von Berlin hinein, wenn Sie nach Süden fotografieren müssen. Damit Sie die Lichtverschmutzung nicht stört, sollte in diejenige Richtung, in welche Sie Ihr Motiv fotografieren, in den nächsten 100 km keine größere Stadt liegen. Dies berücksichtigen Sie nun bei der Auswahl Ihres Standorts auf der Lichtverschmutzungskarte. Sie suchen sich eine Region, in der es dunkel ist und von welcher Sie in Richtung Ihres Motivs am Nachthimmel nicht in Richtung einer Stadt fotografieren.

Für Ihre Recherche eignet sich die Website www.lightpollutionmap.info. Wenn Sie dort stöbern, kommen Sie für Deutschland schnell zu einem ernüchternden Ergebnis, denn bei uns ist der Nachthimmel fast überall hell erleuchtet. Die besten Regionen habe ich auf der oben dargestellten Karte markiert, aber es gibt auch andere Gegenden, die gute Bedingungen bieten.
Haben Sie eine passende Region ausfindig gemacht, dann können Sie dort nach einem Vordergrund für Ihr Motiv am Nachthimmel suchen, der auch in völliger Dunkelheit ein reizvolles Foto erschafft.

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Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
fotoMAGAZIN

1949 erschien die erste Ausgabe der ersten Fotozeitschrift im deutschsprachigen Raum. Seither begleiten wir die Fotogeschichte. Unsere Kamera- und Objektivtests unter Labor- und Praxisbedingungen helfen Einsteigern und Profis seit jeher bei der Kaufentscheidung. Mancher Fotograf wurde von uns entdeckt. Und seit Steven J. Sasson 1975 für Kodak die erste Digitalkamera entwickelte, haben wir die digitale Fotografie auf dem Schirm. Unsere Fotoexpertise ist Ihr Vorteil.

Artikel unter dieser Autorenzeile sind Gemeinschaftsprojekte der Redaktion.