Duane Michals verstorben – der Fotograf des Unsichtbaren

Der amerikanische Fotograf Duane Michals ist tot. Er starb am 9. Juni 2026 in Manhattan im Alter von 94 Jahren. Obwohl er nie eine Fotografenausbildung absolvierte, keiner Schule angehörte und keine großen Verkaufserfolge erzielte, hinterlässt er ein Werk, das die Fotografie verändert hat.

UpsideDown aus dem Jahr 1982 zeigt den verstorbenen Duane Michals als doppelt inszeniertes Selbstporträt, in dem der Künstler sein eigenes Gesicht in einer scheinbar schwebenden, umgekehrten Perspektive gegenüberstellt.

UpsideDown aus dem Jahr 1982 zeigt den verstorbenen Duane Michals als doppelt inszeniertes Selbstporträt, in dem der Künstler sein eigenes Gesicht in einer scheinbar schwebenden, umgekehrten Perspektive gegenüberstellt.

© Duane Michals Courtesy Galerie Clara Maria Sels

Nachruf auf Duane Michals, 18. Februar 1932 – 9. Juni 2026

„Ich glaube an das Unsichtbare. Ich glaube nicht an das Sichtbare." Wer diesen Satz sagt, hat ein Problem mit der Fotografie. Duane Michals hat dieses Problem sein Leben lang produktiv gemacht.

Michals starb am 9. Juni 2026 in Manhattan. Er wurde 94 Jahre alt.

Er kam spät zur Fotografie, und er kam durch Zufall: 1958, auf einer Reise in die Sowjetunion, lieh er sich eine Kamera. Ausgebildet hatte er sich als Grafikdesigner, gedient hatte er in Deutschland, gearbeitet hatte er im New Yorker Verlagswesen. Was er nicht getan hatte: eine Fotografenschule besuchen. Das bedeutete: niemand hatte ihm erklärt, was ein Foto zu sein hat. Also erfand er es neu.

Seine ersten Bilder waren noch dokumentarisch. Empty New York (1964–65) zeigt menschenleere Straßen, verlassene U-Bahnen, leere Mittagstische — kühl und sachlich, nah an Eugène Atgets Pariser Straßenfotografien der Jahrhundertwende. Doch das Dokumentarische ließ ihn bald kalt. „Die Wirklichkeit zu fotografieren heißt Nichts zu fotografieren", sagte er. Ein Satz, der wie eine Kriegserklärung klingt — und es war einer.

Was ihn interessierte, war das, was kein Bild zeigen kann: Verwandlung, Auflösung, das Gleiten zwischen Körper und Geist. Er begann, Sequenzen zu bauen. Keine Einzelbilder, sondern Bildfolgen wie Comicstrips — vier, acht, dreißig Aufnahmen, inszeniert mit sparsamen Mitteln: ein Stuhl, ein Bett, eine Topfpflanze. Auf die Abzüge schrieb er von Hand: Gedanken, Parabeln, Gedichte. Nicht als Beschriftung, sondern als zweite Stimme. „Ich schreibe, um über das zu sprechen, was man im Bild nicht sehen kann", erklärte er 2019. „Um der Stille eine Stimme zu geben."

Seine Vorbilder waren keine Fotografen. Er schaute auf René Magritte, den er auch porträtierte — mehrfach, in Brüssel, als wäre das eine Selbstverständlichkeit. Auf William Blake, Joseph Cornell, Lewis Carroll. Von ihnen übernahm er die Bereitschaft, hinter der sichtbaren Welt eine andere zu vermuten und sie trotzdem ins Bild zu bringen. The Spirit Leaves the Body (1968): ein nackter Mann liegt auf einem Tisch, Doppelbelichtungen lassen einen Schatten aufstehen, auf die Kamera zugehen, verschwinden. Things are Queer (1973): Realitätsebenen öffnen sich ineinander wie Schachteln. Christ in New York (1982): eine seiner dichtesten Sequenzen, zwischen Bibel und Straße.

Diese Arbeiten waren keine Verkaufsschlager. Michals unterhielt sich jahrzehntelang mit Auftragsarbeiten: Porträts für Newsweek, Fortune, Vogue. Er fotografierte Andy Warhol, Meryl Streep, Robin Williams, Sting. Das Album-Cover von Synchronicity (The Police, 1983) stammt von ihm. Die Honorare finanzierten die Kunst, die Kunst kaufte niemand so recht. Das verbitterte ihn im Alter, und er sagte das laut.

Die Kunstwelt bemerkte ihn früh und hielt ihn trotzdem auf Abstand. 1970 widmete ihm das Museum of Modern Art eine Einzelausstellung. 1977 war er auf der documenta 6 in Kassel. Retrospektiven folgten: 2014 am Carnegie Museum of Art in Pittsburgh und im NRW-Forum Düsseldorf, 2019 in der Morgan Library in Manhattan. Hunderte Ausstellungen weltweit, über 25 Bücher. Und 2017 der DGPh-Kulturpreis der Deutschen Gesellschaft für Photographie, verliehen in Köln — eine späte, aber treffende Ehrung aus einem Land, das seine Ernsthaftigkeit immer geschätzt hatte.

Er gehörte keiner Schule an und gründete keine. „Ich wusste nicht, dass man nicht auf Fotos schreiben darf", sagte er einmal. Dieser Satz klingt naiv. Er ist es nicht. Er beschreibt eine Methode: die absichtliche Ignoranz gegenüber dem, was erlaubt ist, als Voraussetzung dafür, etwas Neues zu tun.

Michals lebte mehr als fünfzig Jahre lang in Manhattan mit dem Architekten Frederick Gorree zusammen; sie heirateten 2011. Nach Gorrees Tod 2017 blieb er allein. Unmittelbare Hinterbliebene hat er keine.

Was bleibt? Ein Werk, das zeigt, dass Fotografie nicht abbilden muss, um wahr zu sein. Und ein Satz, der jeden Fotografen treffen sollte, der glaubt, mit dem Auslöser schon alles gesagt zu haben: „Ich will wissen, wie sich etwas anfühlt — nicht wie es aussieht."

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