Interview mit Patrick Demarchelier

"Du bist nur gut, wenn du täglich übst"
06.09.2015

Er arbeitet für Glamour-Zeitschriften wie die Vogue und Vanity Fair, fotografierte die schönsten Frauen der Welt für Pirellis Kultkalender und war der Lieblingsfotograf von Lady Diana. Der Franzose Patrick Demarchelier ist heute einer der bedeutendsten Fashion- und Portraitfotografen. Im Exklusiv-Interview spricht er über nackte Schönheiten und das Lächeln eines Augenblicks

Ein sonniger Frühlingstag in Berlin. Gleich wird sich die Hauptstadt-Society zur Vernissage von Patrick Demarchelier in der Galerie Camera Work treffen. Der Künstler ist für den Abend aus Los Angeles eingeflogen. Tiefenentspannt nimmt er sich jetzt Zeit für unser Interview, spricht dabei schnell, mit einem auch nach fast 40 Jahren in den USA stark ausgeprägten französischen Akzent. Seine Antworten bleiben kurz, prägnant, ohne große Ausschmückungen. Man versteht jetzt, dass manche prominente Portraitierte seine Arbeitsweise als schnell und spontan beschreiben.

Sie vergleichen Fotografen mit Athleten. Man müsse täglich üben, um gut zu sein. Ist das wirklich so?

Patrick Demarchelier: Das stimmt. Du magst ein gutes Auge und Talent mitbringen, doch es ist letztendlich wie bei einem Sportler; wenn Du nicht trainierst, bringst du keine gute Leistung.

Bedeutet das im Umkehrschluss, dass man schlechter wird, wenn man nicht ständig fotografiert?

Demarchelier: Nein, aber wenn Du viel fotografierst, schärfst du deinen Blick und die Fähigkeit, das zum Ausdruck zu bringen, was Du möchtest. Falls Du nur ein Foto machst, bekommst Du wahrscheinlich nicht das, was Du wolltest. Wenn ich einem jungen Fotografen erklären soll, wie er erfolgreich wird, dann sage ich ihm: fotografiere ständig, probiere und übe! Das ist der einzige Weg, etwas zu lernen. Wenn Du Deine Bilder siehst und sie nicht magst, lernst Du etwas aus dieser Erfahrung.

Sie sind seit Jahrzehnten als Fashion- und Beauty-Fotograf ganz oben. Wie haben Sie es geschafft, über 30 Jahre stilprägend zu bleiben?

Demarchelier: Für mich ist Fotografieren keine Arbeit. Ich liebe es. Das hat sich nie geändert. Jeder Tag bringt eine neue Herausforderung. Manche Fotografen machen jedoch alles im gleichen Stil und nach einer Weile sind sie gelangeweilt.

Als Sie 1975 nach New York zogen, war das die Ära der Art-Direktoren Brodovitsch und Liberman. Was machte das Genie eines Alexander Liberman aus?

Demarchelier: Er war selbst Künstler und er liebte es, ein Bild zuzuschneiden. Wenn du ihm ein Querformat gabst, verwendete er nut den Kopf einer Person und zeigte den dann groß im Hochformat. Bei Liberman konntest du nicht viel von Deinem Bild erwarten (schmunzeln). Er war ein netter Kerl, der sexy Bilder mochte und sich gerne vom Fotografen überraschen ließ.

Gibt es heute noch Leute wie Liberman in der Branche?

Demarchelier: Alexander Liberman war ein Unikum. Seine Vorgehensweise lief so: Er suchte junge Fotografen (für die Vogue), ließ sie für sich arbeiten und nachdem er sie zum Star gemacht hatte, ließ er sie fallen und suchte sich den nächsten.

Sie kannten Richard Avedon gut. Trafen sich große Fotografen Ihres Kalibers öfter zum Gedankenaustausch?

Demarchelier: Nein, aber Avedon war wirklich ganz erstaunlich. Der Mann hatte so viel Energie bei der Arbeit. Und er hatte praktisch schon alles vor allen anderen gemacht. Schauen Sie sich seine Bildbände an! Jede Art der Lichtführung hat Avedon bereits vor uns ausprobiert.

Welche Ambitionen hatten Sie, als Sie in den 60er-Jahren als Fotograf anfingen?

Demarchelier: Ich wollte einfach nur genug Geld verdienen, um Essen zu kaufen und meine Miete zu bezahlen. Heute sehen die Kids im Internet, wie andere leben, und wollen sofort groß rauskommen. Die Werbung hämmert ihnen ständig in den Kopf, was sie kaufen sollen. Als ich klein war, hatte ich nicht diese Werbewelt um mich. Du warst glücklich, wenn Du etwas machen konntest, das Dir Spaß bereitete und Du damit Geld verdienen konntest.

Hat sich Ihre Idee von Schönheit über die Jahre verändert?

Demarchelier: Nein. Schönheit findet sich überall. Die ganze Welt ist schön. Blumen sind wunderschön, Steine, Wände, Bäume. Die Schönheit der Jugend und des Alters!

Manchmal strahlen Menschen auf Fotos, als hätten sie innerlich ein Licht angeknipst. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Demarchelier: Das ist in einem Foto schwieriger rüberzubringen, als im Film. Eine Persönlichkeit kommt im Film besser rüber. Das merkt man oft bei Schauspielerinnen, die nicht wirklich hübsch sind. Schönheit strahlt durch den Charakter, die Persönlichkeit eines Menschen. In einem Bild musst Du einen Moment festhalten, der Dir gefällt. Im Leben kommt oft die Stimmung eines Augenblicks dazu, der Klang einer Stimme und anderes. Wenn jemand im Film lacht, verschwindet das nach einer Sekunde wieder. Auf dem Foto bleibt dieses Lächeln permanent.

Sie sagten mal, Ihnen gefalle bei Aktaufnahmen eine Kombination von Schüchternheit und Nacktheit ...

Demarchelier: Ich mag Spontaneität bei Akten. Sogenannte Nacktmodelle, also Frauen, die sich ständig vor der Kamera ausziehen, kann ich nicht ausstehen. Wenn eine Frau ja zu Aktaufnahmen sagt, mache ich die Bilder meist sofort und schnell, um das Spontane festzuhalten. Da ist etwas an diesem Augenblick, der ungestellt bleibt. Es steckt ein ehrlicher Moment drin, das Gegenteil von einem Pin-up-Girl.

Mögen Sie deshalb auch Paparazzi-Bilder so gerne, weil diese die Menschen oft mit ehrlichen Emotionen zeigen?

Manchmal besitzen Paparazzi-Bilder eine große Schönheit, weil sie die Menschen unvorbereitet und schutzlos zeigen. Jemand wie Lady Diana sah immer gut auf Paparazzi-Fotos aus. Sie hatte darauf ein hübsches Lächeln. Wenn die Leute nicht wissen, dass da eine Kamera ist, verhalten sie sich anders. Sie kommen echter rüber.

Wir reagierten Sie, als Ihr Sohn Viktor Ihnen eines Tages sagte, er wolle Fotograf werden?

Demarchelier: Zunächst studierte er Architektur. Nachdem er dann zwei Monate in einem Architekturbüro gearbeitet hatte, beschloss er, dass er kein Architekt sein möchte und teilte mir mit, er wolle gerne assistieren. Viktor hat ein gutes Auge, darum hatte ich nichts einzuwenden, als er mir sagte, er wolle Fotograf werden. Wenn er nicht gut wäre, wäre das für ihn ein wenig peinlich.

Dieses Interview ist in unserer Ausgabe fotoMAGAZIN 07/2014 erschienen.

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Manfred Zollner

Unser stellvertretender Chefredakteur Manfred Zollner gilt in der Fotoszene als "Anwalt des guten Bildes." Sein thematischer Schwerpunkt liegt in der professionellen Fotografie, seine Vorliebe gilt der Fotokunst. Die jährlich erscheinende fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios ist sein Projekt. 1991 kam der Münchner als Director of Photography zum fotoMAGAZIN, von 2004 bis 2006 leitete er als Chefredakteur die Zeitschrift Photo Technik International.