Das Hauptquartier der Bildagentur Getty Images in Seattle, USA. Das Unternehmen hat Insolvenz nach Chapter 11 angemeldet und will sich angesichts hoher Schulden und wachsender Konkurrenz durch KI-generierte Bilder finanziell neu aufstellen.
© Adobe Stock /Die US-amerikanische Bildagentur Getty Images hat am 21. Oktober 2026 beim Insolvenzgericht in Delaware Gläubigerschutz nach Chapter 11 beantragt. Mit dem Sanierungsverfahren will das Unternehmen seine Schulden reduzieren und finanzielle Verpflichtungen neu regeln. Der Geschäftsbetrieb soll währenddessen weiterlaufen. Getty Images reagiert damit auf erhebliche finanzielle Belastungen, die gescheiterte Fusion mit Shutterstock und den zunehmenden Wettbewerbsdruck im Markt für Stockfotografie.
Warum ist Getty Images insolvent?
Die finanziellen Schwierigkeiten von Getty Images haben mehrere Ursachen. Besonders schwer wiegen die hohen Schulden und kostspielige Rechtsstreitigkeiten. Im Zusammenhang mit dem Börsengang 2022 stritt das Unternehmen mit Investoren über die Ausübung von Optionsscheinen. Daraus entstanden Forderungen von mehr als 200 Millionen US-Dollar sowie Anwaltskosten von rund 35 Millionen US-Dollar.
Auch die gescheiterte Fusion mit Shutterstock hinterließ finanzielle Spuren. Allein für Berater und die Vorbereitung des Zusammenschlusses gab Getty Images mehr als 100 Millionen US-Dollar aus. Hinzu kamen zusätzliche Finanzierungskosten.
Der jährliche Schuldendienst erreichte zuletzt rund 239 Millionen US-Dollar und überstieg damit die verfügbaren Mittel aus dem laufenden Geschäft. Als Getty Images Insolvenz anmeldete, verfügte das Unternehmen noch über liquide Mittel von etwa 50 Millionen US-Dollar.
Wie stark belasten KI-generierte Bilder die Fotoagentur?
Neben den finanziellen Verpflichtungen steht Getty Images vor einem grundlegenden Wandel seines Geschäftsmodells. Generative KI ermöglicht es Unternehmen, Werbemotive, Illustrationen und andere Bilder selbst zu erstellen, statt vorhandene Stockfotos zu lizenzieren. Dadurch gerät ein wichtiger Absatzmarkt der Bildagentur unter Druck.
Die Auswirkungen zeigen sich bereits in den Geschäftszahlen. Seit 2022 ist die Zahl der zahlenden Kunden nach Angaben von Getty Images um rund 24 Prozent gesunken. Besonders betroffen sind die Microstock-Plattform iStock und das Geschäft mit Werbeagenturen.
Im zweiten Quartal 2026 sank der Umsatz mit kreativen Bildinhalten gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 2,6 Prozent auf 127,4 Millionen US-Dollar. Dagegen legte das Geschäft mit redaktionellen Bildern um 9,2 Prozent auf 96,5 Millionen US-Dollar zu. Insgesamt ging der Quartalsumsatz um 2,5 Prozent auf 229,1 Millionen US-Dollar zurück.
Die Zahlen verdeutlichen den unterschiedlichen Geschäftsverlauf. Während redaktionelle Fotografien weiterhin gefragt sind, verliert das klassische Geschäft mit kreativen Stockbildern an Umsatz. Wie viel davon unmittelbar auf KI-generierte Inhalte zurückgeht, lässt sich nicht beziffern.
Der wirtschaftliche Zusammenhang ist dennoch bedeutsam: Sinkende Einnahmen erschweren es einer hoch verschuldeten Fotoagentur, ihre finanziellen Verpflichtungen zu erfüllen. Generative KI ist damit nicht nur ein langfristiges Risiko, sondern kann die bereits bestehenden finanziellen Probleme zusätzlich verschärfen.
Sollte die Shutterstock-Fusion Getty Images gegen KI-Konkurrenz stärken?
Mit dem geplanten Zusammenschluss mit Shutterstock wollte Getty Images auch auf den Wandel des Stockfoto-Marktes reagieren. Beide Unternehmen kündigten die Fusion im Januar 2025 an und stellten jährliche Einsparungen von 150 bis 200 Millionen US-Dollar innerhalb von drei Jahren in Aussicht.
Die geplante Fusion von Getty Images mit dem Stockfoto-Anbieter Shutterstock sollte Kosten senken und die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber KI-generierten Bildern stärken. Nach dem Scheitern des Zusammenschlusses geriet die Fotoagentur Getty Images zunehmend unter finanziellen Druck und meldete Insolvenz an.
shutterstock.com, ScreenshotDie Zusammenlegung sollte Kosten senken, den Schuldenabbau erleichtern und zusätzliche Investitionen in neue Technologien ermöglichen. Dazu gehörte auch generative KI.
Allerdings hatten beide Bildagenturen bereits eigene KI-Bildgeneratoren eingeführt. Getty Images bietet seit September 2023 einen auf Nvidia-Technologie basierenden Generator an. Im Januar 2024 folgte ein entsprechendes Angebot für iStock. Shutterstock war bereits Anfang 2023 mit einem eigenen KI-Bildgenerator gestartet.
Die Fusion sollte somit keine völlig neue KI-Technologie hervorbringen, sondern vor allem die wirtschaftlichen Voraussetzungen verbessern, um bestehende Angebote weiterzuentwickeln.
Ob das ausgereicht hätte, um die rückläufige Nachfrage nach klassischen Stockfotos auszugleichen, bleibt fraglich. Denn KI-generierte Bilder können auch die bisherigen Lizenzumsätze der Agenturen verdrängen. Ein größeres Bildarchiv allein schützt nicht vor dieser Entwicklung.
Warum scheiterte der Zusammenschluss mit Shutterstock?
Die geplante Fusion im Unternehmenswert von rund 3,7 Milliarden US-Dollar stieß auf wettbewerbsrechtliche Bedenken. Die britische Wettbewerbsbehörde CMA verlangte, dass Shutterstock sein Geschäft mit redaktionellen Bildern abgibt. Damit wollte sie verhindern, dass Getty Images und Shutterstock in diesem Marktsegment eine zu starke Stellung erreichen.
Im Juli 2026 gab Getty Images den Zusammenschluss auf. Damit entfielen auch die erhofften Einsparungen, während die bereits entstandenen Kosten das Unternehmen zusätzlich belasteten.
Bemerkenswert ist die unterschiedliche Bewertung der beiden Geschäftsbereiche durch die Wettbewerbsbehörde. Während sie die Konzentration im Markt für redaktionelle Bilder kritisch sah, berücksichtigte sie bei kreativen Stockbildern den zunehmenden Wettbewerb durch generative KI.
Die geplante Fusion hätte Getty Images finanziell entlasten können. Das grundlegende Problem, dass Kunden klassische Stockfotos zunehmend durch KI-generierte Bilder ersetzen können, wäre damit jedoch nicht gelöst gewesen.
Was bedeutet die Insolvenz von Getty Images für Fotografen und iStock?
Für Fotografen, die Bilder über Getty Images oder die Tochteragentur iStock vermarkten, soll das Sanierungsverfahren zunächst keine unmittelbaren Nachteile haben. Das Unternehmen will bestehende Verträge fortführen und ausstehende Honorare regulär bezahlen.
Der Fotograf und Stockfotoexperte Robert Kneschke hat die Gerichtsunterlagen ausgewertet. Demnach gelten Forderungen der Bildlieferanten im Sanierungsplan als nicht beeinträchtigt. Auch Exklusivverträge sollen unverändert bestehen bleiben.
Eine gesonderte Anmeldung offener Honorarforderungen ist deshalb im Regelfall nicht erforderlich. Fotografen können ihre Bilder weiterhin über Getty Images und iStock anbieten.
Allerdings enthält das Verfahren zwei wichtige Punkte: Bis zum 30. November 2026 können Vertragspartner der vorgesehenen Übernahme ihrer Verträge widersprechen. Zudem sieht der Sanierungsplan einen möglichen Verzicht auf bestimmte Ansprüche vor. Dieser wird nach Kneschkes Auswertung nur wirksam, wenn Gläubiger ausdrücklich zustimmen.
Wie will Getty Images die Insolvenz überwinden?
Getty Images hat bereits vor dem Insolvenzantrag eine Vereinbarung mit wichtigen Gläubigern und Investoren ausgehandelt. Der sogenannte vorab vereinbarte Sanierungsplan soll das Verfahren beschleunigen.
Die Getty-Familie und die Investmentgesellschaft Koch Equity Development haben zugesagt, im Rahmen der finanziellen Neuordnung bis zu 533 Millionen US-Dollar bereitzustellen. Zugleich sollen Schulden reduziert, Zinsbelastungen gesenkt und Kreditlaufzeiten verlängert werden.
Das Verfahren betrifft bestimmte US-Gesellschaften des Konzerns. Getty Images will seine weltweiten Geschäfte während der Sanierung fortführen. Nach Abschluss soll das Unternehmen vollständig den beteiligten Investoren gehören und nicht mehr börsennotiert sein.
Über den Sanierungsplan soll das Insolvenzgericht am 15. Dezember 2026 entscheiden. Getty Images strebt einen Abschluss bis Ende 2026 an.
Ob die finanzielle Neuordnung langfristig ausreicht, hängt auch davon ab, wie erfolgreich die Fotoagentur ihr Geschäftsmodell an den veränderten Bildermarkt anpassen kann. Die Schulden lassen sich durch das Verfahren reduzieren. Der Wettbewerbsdruck durch KI-generierte Bilder bleibt bestehen.
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