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Sony ZV-1 im Praxistest
Sony ZV-1 im Praxistest an der Alster in Hamburg.
Bild: Sony, Andreas Jordan

Sony ZV-1 im Test

Kompaktkamera für Vlogger
29.06.2020

Mit der ZV-1 bringt Sony eine für Video-Blogger optimierte Version der RX100 V auf den Markt. Wir wollten im Praxistest wissen, ob sie der Anforderungen der Zielgruppe gerecht wird.

Äußerlich sieht man der Ende Mai vorgestellten ZV-1 ihre Verwandtschaft zur RX100-Serie zwar an, aber auch die Unterschiede offenbaren sich schnell. So ist die Neue in allen Dimensionen ein paar Millimeter größer als die RX100 V bzw. die leicht modifizierten Variante RX100 VA. Hinzugekommen ist ein kleiner gummierter Griff, der besseren Halt verleiht. Den Objektivbedienring hat Sony dagegen weggelassen. Auf der Oberseite fehlt der Moduswahlrad, das durch eine Mode-Taste ersetzt wurde. Diese blendet auf dem Monitor ein virtuelles Rad ein, über das bspw. zwischen Voll-, Programm-, Halbautomatiken und Szenenprogramme sowie manueller Belichtung gewechselt werden kann. Auch spezielle Videomodi wie HFR (Zeitlupe) und der Schwenkpanoramamodus lassen sich hier anwählen.

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Das Belichtungsprogramm nach dem Drücken der Mode-Taste auf dem Monitor angezeigt und mit dem Daumenrad angewählt.

Das Belichtungsprogramm nach dem Drücken der Mode-Taste auf dem Monitor angezeigt und mit dem Daumenrad angewählt. Der Puschel wird mitgeliefert und auf dem Zubehörschuh angebracht. Er unterdrückt effektiv Windgeräusche.

Bild: Sony

Kein Sucher, aber ein Blitzschuh

Aus Platz- und Preisgründen verzichtet die ZV-1 im Vergleich zu RX100er Serie auf den Sucher und den eingebauten Blitz. Dafür gibt es einen Multi-Interface-Schuh, der unter anderem einen Aufsteckblitz aufnehmen kann. Alternativ lässt sich hier auch der kleine mitgeliefert Mikrofon-Windschutz (alias Puschel) anbringen, der das Mikrofon abdeckt. Das Mikro selber ist vielleicht die interessanteste Neuerung: Es handelt es sich um eine Konstruktion mit drei Kapseln die für nach vorne gerichtete Aufnahmen optimiert ist, um Nebengeräusche zu reduzieren. In unserem Test lieferte es tatsächlich einen sehr guten Ton – zumindest auf geringe Distanz bei Video-Selfies braucht man in der Regel kein externes Mikro mehr. Ein solches lässt sich aber bei Bedarf über eine 3,5-mm-Klinkenbuchse oder den Multi-Interface-Zubehörschuh anschließen (beides fehlt der RX100 V).

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Den Bluetooth-Griff GP-VPT2BT mit Auslöser und Zoom-Hebel gibt es für etwas 200 Euro als Zubehör. Er kann auch als Tischstativ genutzt werden.

Den Bluetooth-Griff GP-VPT2BT mit Auslöser und Zoom-Hebel gibt es für etwas 200 Euro als Zubehör. Er kann auch als Tischstativ genutzt werden.

Bild: Sony

Auf der Kameraoberseite hat Sony einen vergleichsweise großen Video-Auslöser platziert, der sich auch in der Selfie-Stellung gut bedienen lässt. Eine weitere Besonderheit auf der Oberseite ist die C1-Taste, die standardmäßig mit einem Blendenwechsel belegt ist („Bokeh-Switch“). Wer sich selber aufnimmt, kann im laufenden Betrieb schnell zwischen offener Blende (je nach Brennweite f/1,8 bis f/2,8) und f/5,6 wechseln. Stärker blendet die Kamera mit Hilfe dieser Taste selbst bei sehr hellen Lichtverhältnissen nicht ab. Dies ist auch nicht notwendig, denn beim angepeilten Einsatzbereich werden Video-Blogger eher im Weitwinkel aufnehmen und dann ist der Hintergrund bei f/5,6 weitgehend scharf und bei offener Blende leicht unscharf. Wer trotzdem weiter abblenden will, kann das natürlich in der Zeitautomatik mit Blendenvorwahl tun, allerdings verschlechtert sich auch die Abbildungsleistung durch Beugung beim Abblenden über f/5,6 hinaus.

Inkonsequente Touchscreen-Implementierung

Eingeschaltet wird die ZV-1 entweder durch den Einschaltknopf oder durch das Ausklappen des Monitors. Hier zeigt sich auch die – neben dem Mikrofon – wohl wichtigste Neuerung: Statt nur nach oben und unten lässt sich der Monitor nun seitlich ausschwenken und dann drehen. Das ist für Selbstaufnahmen noch besser geeignet als der Klappmechanismus der RX100 V, unter anderem weil man den Monitor flexibler anwinkeln kann und er dann trotz Mikrofonpuschel noch komplett zu sehen ist. Während die RX100 V noch ganz ohne Touchscreen auskam, hat Sony diesen bei der ZV-1 – wie bei anderen aktuellen Kameras – ergänzt, allerdings sehr halbherzig. Im Aufnahmemodus lässt sich nur das AF-Messfeld setzen und im Wiedergabemodus in das Bild hineinzoomen. Gerade bei einer Vlogging-Kamera wäre eine Menübedienung über den Touchscreen, das Starten eines aufgenommenen Videos durch Antippen oder das Weiterblättern im Wiedergabemodus wünschenswert. Das macht die ebenfalls auf die Zielgruppe der Vlogger ausgerichtete Panasonic Lumix G110 besser.

Starke Videoqualität

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Anschlüsss stehen für USB, HDMI und Mikrofon zur Verfügung.

Anschlüsss stehen für USB, HDMI und ein Mikrofon zur Verfügung.

Bild: Sony

Neben der Audio- ist auch die Videoqualität ein absoluter Pluspunkt der ZV-1 (das gilt natürlich auch für die RX100 V). Die Kamera nimmt 4K (3840 x 2160 Pixel), mit bis zu 30p (alternativ 25p, 24p) und 100 MBit/s auf. Das Video ist auch deshalb besonders scharf, weil eigentlich 14 Megapixel (5K) erfasst und auf 8 Megapixel (4K) heruntergerechnet werden. Bei 4K cropt die Kamera leicht (aus kleinbildäquivalenten 24 mm Weitwinkel werden ca. 28 mm), bei Full-HD entfällt der Crop. Ein stärker Beschnitt zeigt sich, wenn der SteadyShot-Bildstabilisator auf „Active“ geschaltet wird: Der Weitwinkel beginnt dann erst bei rund 33 mm (kleinbildäquivalent).

Die Länge der 4K-Videos ist in der Standard-Einstellung auf fünf Minuten beschränkt, weil die Kamera danach recht warm wird. Im Menü lässt sich die Temperaturwarnung auf „hoch“ stellen, dann sind längere Clips möglich, wobei die Dauer im Einzelfall von der Umgebungstemperatur abhängt. Wir konnten bei normaler Raumtemperatur bis zu 30 Minuten am Stück aufnehmen, draußen bei rund 20 Grad Celsius sogar etwas über eine Stunde. Danach war der Akku allerdings leer. Full-HD-Video sind mit bis zu 120p möglich, ab 60p funktioniert die Gesichts-/Augenerkennung.

Aus der RX100-Serie bekannt ist der HFR-Zeitlupenmodus. Drei Einstellungen stehen zur Verfügung (Angaben jeweils PAL/NTSC):

  • 240/250 Bilder/s (10x-Zeitlupe), 1824 x 1026 Pixel, Aufnahmelänge 2 s.
  • 480/500 B/s (20x-Zeitlupe), 1824 x 616 Pixel, Aufnahmelänge 1 bis 3 s.
  • 960/1000 B/s (40x-Zeitlupe), 912 x 308 Pixel, Aufnahmelänge 1 bis 3 s.

Alle Zeitlupenaufnahmen werden in der Kamera auf Full-HD (1920 x 1080 Pixel) skaliert, die 40fach-Zeitlupen wirken dadurch recht unscharf.

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Das Mikrofon hat drei Kapseln. Ein Blitz ist zwar nicht eingebaut, lässt sich aber über den Zubehörschuh nachrüsten.

Das Mikrofon hat drei Kapseln. Ein Blitz ist zwar nicht eingebaut, lässt sich aber über den Zubehörschuh nachrüsten.

Bild: Sony

Eine interessante neue Funktion ist der „Product Showcase“-Modus der dafür sorgt, dass die Kamera den Fokus nahtlos zwischen einem Gesicht einer einem näher gelegenen Gegenstand verlagert. Laut Hersteller verfügt die ZV-1 über ein fortschrittliches Farbmanagement das speziell zur Optimierung von Hauttönen entwickelt wurde. Wer meint, zu viele Falten zu haben oder vergessen hat, sich zu rasieren, kann auf den Soft Skin-Modus zurückgreifen, der bei Bedarf die Haut glättet. Profis finden sowohl ein Profil für HDR-Videos (Hybrid Log Gamma) als auch die Sony-typischen flachen logarithmischen Gammakurven (S-Log3 und S-Gamut3). Neu ist, dass eine LED auf der Vorderseite signalisiert, wenn die Aufnahme läuft („Tally Light“).

Schnell bei Serien und Autofokus

Serien mit AF-Nachführung schießt die ZV-1 wie die RX100V bei Nutzung des elektronischen Verschlusses mit bis zu 24 Bildern/s. Wir haben 182 JPEGs und 78 Raws in Folge gemessen – das ist hervorragend. Mit mechanischem Verschluss sind immer noch 10 Bilder/s möglich in unserem Test 397 JPEGs und 89 Raws. Der Hybrid-Autofokus mit „Realtime Tracking“ ist wie von den neuen Sony-Kameras gewohnt schnell und erkennt neben menschlichen auch Tieraugen – letzteres allerdings nur im Foto- und nicht im Videomodus. Dank der neuen AF-Algorithmen ist der Autofokus besser als bei der der RX100 V.

Weitere Funktionen sind Wi-Fi, Intervallaufnahmen, HDR, lautloses Auslösen und Fokus-Peaking. Nicht mehr ganz auf der Höhe der Zeit ist die ZV-1 bei der USB-Schnittstelle – statt USB-C ist hier noch eine Micro-Buchse verbaut. Über USB kann die Kamera nicht nur geladen werden (eine Ladeschale wird nicht mitgeliefert), sondern sie hält auch im laufenden Betrieb Strom. Bei den Speicherkarten haben wir die Unterstützung für die schnellen UHS-II-Karten vermisst. Typisch für Sony sind die fehlenden Bildbearbeitungsfunktionen in der Kamera (mit Ausnahme einer Beauty-Retusche).

Im Juli will Sony eine Software hausbringen, die das Live-Streaming mit der die ZV-1 über USB ermöglicht – damit ließe sich die Kamera dann auch als Webcam nutzen.

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Der Weitwinkel des Objektivs beginnt bei 24 mm (KB-äquivalent).

Der Weitwinkel des Objektivs beginnt bei 24 mm (KB-äquivalent).

Bild: Andreas Jordan

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Das Zoom hat eine Endbrennweite von 70 mm (entsprechend KB).

Das Zoom hat eine Endbrennweite von 70 mm (entsprechend KB).

Bild: Andreas Jordan

Bildqualität

Bei der Bildqualität konnten wir rein visuell keine relevanten Unterschiede zur RX100 V feststellen. Gemessen über den ISO-Bereich zeigt die ZV-1 bei ISO 125 eine sehr gute und bis ISO 400 eine gute Detailzeichnung, danach reduziert der Rauschfilter die Auflösung zunehmend. Von Einstellungen über ISO 1600 raten wir ab. Erfreulich ist, dass die Auflösung über die Brennweiten gemessen relativ konstant bleibt – weder im Tele noch Weitwinkel leistet sich das Objektiv signifikante Schwächen. Abblenden über f/5,6 hinaus reduziert die Auflösung durch Beugung.

Fazit

Wie Sonys RX100 V überzeugt auch die ZV-1 mit hoher Geschwindigkeit und – für eine Kompaktkamera – guter Bildqualität und starkem Videomodus. Auf den Sucher kann der Vlogger vermutlich verzichten, wichtiger dürfte der Zielgruppe das sehr gute Mikrofon sein. Ein Schwachpunkt ist der inkonsequent implementierte Touchscreen. Gerade für Selfies würde dieser Bedienung der Kamera erleichtern. Eine Alternative könnte die Micro-Four-Third-Systemkamera Panasonic Lumix G110 sein – die Vor- und Nachteile der beiden Modelle haben wir hier zusammengefasst:


  Panasonic Lumix G110 Sony ZV-1
Preis mit Standardzoom ca. 750 Euro (mit 12-32 mm) ca. 800 Euro 
Bildsensor MFT, 17,3 x 13 mm 1 Zoll, 13,2 x 8,8 mm
KB-Crop 2 2,7
Wechselobjektive ja nein
(Kit)Objektiv 3,5-5,6/12-32 mm 1,8-2,8/9,4-25,7
(Kit)Objektiv: KB-äquivalent (Schärfentiefe, Bildwinkel) 7,0-11,2/24-64 mm 4,9-6,7/24-70 mm
Touchscreen konsequent umgesetzt rudimentär
Anschluss für externes Mikro/ Kopfhörer ja/ nein ja/ nein
4K/30p-Länge 10 min 5 min (je nach Temperatur über eine Stunde möglich)
4K-Crop ja, ca. 1,25x ja, ca. 1,15
FHD/60p-Länge 20 min über eine Stunde
Zeitlupe/Zeitraffer 4fach bei FHD 10fach bei ca Full-HD (1824 x 1026 Pixel )
Log-Gamma-Profil ja ja
Mikrofon Nokia Ozo Audio mit Surround und Tracking internes Mikro mit 3 Kapseln
Windschutz Digital Puschel
Sucher ja (sehr gut) nein
USB-Webcam-Funktion nein ja (ab Juli)
Tallly-Signal Rahmen Lampe
Griff mit Auslöser optional für 50 Euro Aufpreis, Kabel optional für ca. 200 Euro, Bluetooth
Autofokus DFD PDAF
Serienbilder 10 B/s (S-AF), ca. 6 Bilder/s (C-AF) 24 B/s (C-AF)
     
Grün = besser    

 

> Sony ZV-1 in der fotoMAGAZIN-Kameradatenbank

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Andreas Jordan
Über den Autor
Andreas Jordan

Andreas Jordan ist Sozialwissenschaftler und Mediendesigner und arbeitet seit 1994 als Redakteur und Autor mit den Schwerpunkten Multimedia, Imaging und Fotografie für verschiedene Fach- und Special-Interest-Magazine (u. a. Screen Multimedia, Computerfoto, MACup) und Tageszeitungen (Hamburger Abendblatt, Berliner Kurier). Seit 2003 ist er Redakteur beim fotoMAGAZIN und leitet dort seit 2007 das Ressort Test & Technik.