Michael Grecco

15.01.2010

Dieser Amerikaner portraitiert Superstars wie Steve Martin oder Ben Stiller bei sich im kalifornischen Studio. Im exklusiven fM-Interview spricht Michael Grecco über Starallüren, Image und die Krise der Portraitfotografie.

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Der Fotograf und Filmemacher: Michael Grecco

fotoMAGAZIN: Herr Grecco, haben Sie eine Portrait-Philosophie für Ihre Bilder?
Michael Grecco: Ich habe meine Karriere als Bildjournalist begonnen und das hat meine Portraitarbeit beeinflusst. Ich erzähle gerne im Bild eine Geschichte, jedoch nicht so offensichtlich, wie das ein Fotojournalist machen würde. Bei mir geht es mehr um Stil und Humor, als um eine erkennbare Story.
fM: Warum haben Sie den Bildjournalismus verlassen und sich der Portraitfotografie gewidmet?
MG: Ich habe festgestellt, dass Fotojournalismus nichts für mich ist. Ich hasste es, dass ich nicht meine eigenen Bilder schaffen konnte. Meine Karriere habe ich noch als College-Student in Boston begonnen. Ich arbeitete für Associated Press. Nachts fotografierte ich Bands in der Punk/New Wave-Undergroundclubszene. Irgendwann bekam ich dann einen Job bei einer der beiden großen Bostoner Tageszeitungen, dem Boston Herald. Dort machte ich ein wenig von allem. Nach vier Jahren war mir klar, dass ich die Zeitungsarbeit und das schlechte Wetter in Boston hasste. Ich zog nach Los Angeles um und wurde Mitarbeiter von People Magazine. Von dort ging ich dann später weg, um meinen Traum zu verwirklichen, die Prominenten zu portraitieren. Ich lebe noch immer in Los Angeles.
fM: Was zeichnet ein gutes Portrait aus?
MG: Die wichtigsten Elemente neben dem Erzählen einer Geschichte  sind bei mir der Humor, das Aussehen eines Bildes, das ich durch Licht und Ausdruckskraft beeinflusse. Ich mache gerne dramatisch ausgeleuchtete Bilder mit einem Schuss Humor. Der Ausdruck trägt dazu bei, dass sich der Abgebildete stärker in die Aufnahme einbringt. So fühlt sich das fertige Bild später realer an.
fM: Fotografieren Sie die Stars lieber in ihrem häuslichen Umfeld oder im Studio, an einem Set, den Sie gestaltet haben?
MG: Gewöhnlich baue ich lieber den Set auf, da ich dann das Konzept kontrollieren kann und meinen Touch einbringen kann. Homestories sind etwas für Lifestyle-Magazine. Sie verkaufen sich gut über Agenturen, lassen aber rein künstlerisch wenig Platz für große Konzepte. Normalerweise lasse ich ein Set bauen, hole mir Designer/Art Directoren dazu, die Stil und Kreativität einbringen.

 

 

 

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Portrait des US-Regisseurs Martin Scorsese

 

fM: Wer ist schwerer zu portraitieren: der Superstar oder der unerfahrene Newcomer, der noch kein zementiertes Images hat?
MG: Gute Frage. Mit meinen Konzepten folge ich oft aktuellen Projekten, an denen jemand gerade arbeitet. Ich könnte mich beispielsweise am letzten Film orientieren, den er oder sie gerade promoten. Es hat also keinen Einfluss auf meine Ideenfindung, ob jemand neu dabei ist oder nicht. Mit neuen Talenten gestaltet sich die Zusammenarbeit manchmal ein wenig schwieriger und weniger professionell. Plötzlicher Ruhm steigt manchen Menschen zu stark zu Kopf und fördert das Schlimmste eines Charakters an den Tag.

Plötzlicher Ruhm fördert manchmal das Schlimmste eines Charakters an den Tag

fM: Wie gehen Sie generell mit dem Image von Stars um: Arbeiten Sie lieber gegen die Klischees oder forcieren Sie diese lieber?
MG: Es ist eine Kombination von beidem. Manchmal arbeite ich mit dem, was so zum Allgemeinwissen über eine Person zählt. Bei Martin Scorsese weiß man beispielsweise, dass er New Yorker ist. Bei anderen Stars wie Steve Martin spielen wir mit einer Idee. Martin schreibt gerade seine Memoiren. Das führte dann zu einem ganz spezifischen Konzept, dass wenig mit den üblichen Klischees zur Person zu tun hat, abgesehen davon, dass er Komödiant ist und das Foto einen komischen Dreh hat.
fM: Wie gehen Sie vor, wenn Sie sich eine Story für ein Portrait ausdenken: Können Sie uns bitte ein Beispiel geben?
MG: Normalerweise verrate ich den Agenten meine Bildideen nicht vorab, wenn man mich nicht speziell darum bittet. Ich möchte sie  lieber den Prominenten persönlich vortragen, wenn sie mir gegenüberstehen.  Oft hast Du keine Chance, mit den Stars vorab zu sprechen, das geht meist erst am Set. Ausnahmen mache ich nur, wenn meine Idee sehr kostenaufwändig ist. Als man mich bat, Helen Hunt für das Cover für Entertainment Weekly anlässlich des Filmstarts von Twister zu schießen, fragte ich sie zuerst, ob ich sie bei der Aufnahme in der Luft schweben lassen könne. Der Hebekran und das ganze Equipment hätten an die 8000 Dollar gekostet, deshalb dachte ich, ich frage vorsichtshalber. Letztlich lehnte sie die Idee ab und ich musste mir etwas anderes ausdenken.
fM: Wie sehen Sie Hollywood heute: Können Sie uns diesen Ort und seine Leute bitte beschreiben?
MG: Nun, es ist ganz sicher eine Stadt der (Film)Industrie. Obwohl wir alle nicht für ein Filmstudio oder einen Fernsehsender arbeiten, stehen wir alle unter dem Einfluss dieser Industrie, die uns umgibt. Sehen Sie sich an, welche Wirkung sie auf die Fotografie hatte: Starportraits sind ein wichtiger Teil dieser Industrie geworden. Mit dem Gewerbe kommt eine gewisse Mentalität. Die Menschen hier sind nicht offen und ehrlich, weil jeder Angst hat, etwas Falsches zu sagen. Ich komme aus New York und dort ist man sehr direkt.

 

 

 

 

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wie von den Klischees abweisen: Der Schauspieler und Autor Steve Martin schreibt seine Memoiren

 

fM: Wie hat sich die Portraitfotografie verändert, seit Sie nach Los Angeles gekommen sind?
MG: Die ganze Fotobranche hat sich verändert. Das Internet killt den Print. Es gibt immer weniger Zeitschriften und die, die übrig bleiben, haben weniger Seiten. Das wird alle, die kommerziell arbeiten, zwingen, nebenbei auch zu Filmen. Der Bildermarkt wird immer kleiner. Die Fotografie könnte eines Tages nur noch Platz an den Wänden von Galerien und Museen finden.

Fotografie könnte eines Tages nur noch Platz an den Wänden von Galerien und Museen finden

fM: Bei Zeitschriften scheint es eine verstärkte Nachfrage nach dem Paparazzi-Foto von Prominenten zu geben. Haben Sie dafür eine Erklärung?
MG: Ich glaube nicht, dass dahinter ein ästhetisches Verlangen steckt. Es ist die die wirtschaftliche Situation, die hinter dieser Entwicklung steht. Prominentenfotos sind teuer und kontrolliert. Die Maschinerie hinter den VIPs stellt viele Forderungen, legt fest, wer eine Aufnahme macht und wo sie abgebildet werden darf. Gleichzeitig erkennen immer mehr Zeitschriften diese Gier der Menschen nach Prominentenfotos. Billige Trash-Blätter sind einer der wenigen Wachstumsbereiche in der Zeitschriftenindustrie. So scheint es ganz natürlich, wenn immer mehr Prominente öffentlich geknipst werden. Die Fotografen und Agenten lieben das,, weil die Verbreitung der Bilder uneingeschränkt bleibt und jeder Fotograf solch ein Bild machen kann. Die meisten Stars mögen das, weil sie gewöhnlich bei Events aufgenommen werden, zu denen sie sich herausgeputzt haben und bei denen sie gesehen werden wollen. 
fM: Wieviel Geld wird in den USA heute noch für inszenierte Titelbilder ausgegeben?
MG: Nun, alle haben die Budgets gekürzt. Kleine Zeitschriften produzieren für wenig Geld oder fast nichts ihre Titel, die großen Zeitschriften haben schon mehr als sechsstellige Beträge für Cover- und Reportagefotos von Prominenten ausgegeben. Bei den Stars kann es ganz besonders teuer werden, wenn diese ihre eigenen Leute für Haare, Make-up und Garderobe anfordern. Die wissen dann, dass sie speziell ausgesucht wurden und können verlangen, was sie wollen.
fM: Müssen Sie heute erst einmal das Vertragswerk der Star-Anwälte unterschreiben, bevor Sie in Hollywood fotografieren dürfen?
MG: Nein, die Verträge kommen von den Publizisten, den PR-Agenten. Mein Bildvermarkter Contour bei Getty Images kümmert sich um diese Verträge. Ich muss sowieso schon so viele Verträge lesen.
Interview: Manfred Zollner



Unser Portfolio des Starfotografen finden Sie hier

Website des Fotografen: www.michaelgrecco.com
 

 

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Manfred Zollner

Unser Chefredakteur Manfred Zollner hat bereits während seines Studiums der Kommunikationswissenschaft sein Taschengeld als Konzertfotograf verdient. Der langjährige stellvertretende Chefredakteur des Heftes leitet seit April 2019 die Redaktion. Darüber hinaus betreut er das einmal im Jahr erscheinende XXL-Heft fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios.