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Portrait Vincent Peters
Der gebürtige Bremer hat seine Karriere in England als Fotograf für 
Zeitschiften wie die britsche Vogue und The Face begonnen. Heute ist 
er als Porträt- und Fashionfotograf international gefragt.
© Knut Koivisto

Vincent Peters

Sinn und Sinnlichkeit
07.01.2022

Die Schwarzweißporträts des deutschen Starfotografen Vincent Peters sind zeitlose Ikonen der weiblichen Schönheit. Ein Gespräch über Sehnsüchte, Celebrity-Fotos und Kontrollverlust beim Fotografieren.

fotoMAGAZIN: Was steht im Fokus Ihrer Arbeit, Herr Peters?
Vincent Peters: Bei meiner Arbeit ist das eine Art Selbstentdeckung. In der 1/125 Sekunde, in der ein Bild entsteht, trifft das Unterbewusste auf etwas Bewusstes. Nachdem ich Fotobücher produziert habe, gucke ich diese an und denke: Gut, das habe ich jetzt also gemacht. Da steckt viel Arbeit drin. Doch zugleich gibt es hier einen zweiten Prozess, bei dem du dich selbst über deine Bilder kennenlernst, denn hinter jedem fotografischen Bild stehen sehr viele Auswahlprozesse. Bei dieser Auswahl ist es ein wenig so, als würdest du deine eigene Biografie lesen. Du erkennst:  Ich habe mich immer dafür entschieden und dagegen habe ich mich entschieden.

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Emma Watson

Die britische Schauspielerin Emma Watson.

© Vincent Peters

fotoMAGAZIN: Entdecken Sie etwas über Ihre Entwicklung beim Betrachten der alten Bilder?
Vincent Peters: Ich bin immer wieder überrascht. Ich kann das vielleicht jetzt besser umsetzen. Man ist ja von seinen eigenen Bildern in einer gewissen Form berührt. Und genau darum sollte es ja eigentlich gehen. Ein Beispiel: Wenn ich morgens ins Studio fahre und unterwegs versehentlich einen Hund überfahre, dann bin ich natürlich davon emotional stark betroffen. Das bedeutet nicht, dass es auf irgendwelchen Werbefotos danach nur noch um Trauer ginge. Aber ich muss das natürlich irgendwie mit in meinen Arbeitsprozess aufnehmen. Wenn ich das nicht täte, dann wäre ich ja sozusagen ersetzbar. Diese Handlung definiert also meinen Tag.
Wenn du dann weiter zurückblickst, siehst du, wovon du damals beeinflusst warst. Meine Bilder sind immer das Resultat von Begegnungen mit Menschen und den Ländern, die ich bereist habe. Und natürlich auch ganz stark davon, wie ich aufgewachsen bin. Das geht zurück bis zur Beziehung zu Mutter und Vater. Du entdeckst dich selbst. Wenn du ehrlich zu dir bist, geschieht das oft über deine Auswahlprozesse.

fotoMAGAZIN: Was lesen Sie in Ihren Bildern über sich?
Vincent Peters: Ich überlege immer, woher diese Nostalgie in den Fotos kommt. Eine interessante Definition von Nostalgie besagt, sie sei die Sehnsucht nach Dingen, die man nie hatte. Sentimentalität ist dann vielleicht das Verhältnis zu Gefühlen, die man nie gefunden hat. Die meisten Fotografen fotografieren eine Welt, in der sie gerne leben würden, beziehungsweise eine Welt, die ihnen irgendetwas gibt. Ich glaube nicht, dass das eine Welt ist, die sie bewusst suchen! Ich kämpfe ja sogar teilweise dagegen an, dass meine Bilder eine gewisse Zeitlosigkeit haben. Das ist für mich als Modefotograf kein einfacher Standpunkt. Ich habe immer das Zeitlose im Bild gesucht, auch im Modefoto. Wobei die Redakteure, die Zeitschrift und der Kunde immer auf dem Punkt sein wollten. Irgendwann habe ich mich dann gefragt, woher dieser Kampf kommt. Warum ist man da so beeinflusst?

fotoMAGAZIN: Welche Antwort haben Sie darauf gefunden?
Vincent Peters: Ich denke, dass das damit zu tun hat, wie ich in Deutschland aufgewachsen bin. In meiner Kindheit gab es in Deutschland nur drei Fernsehprogramme. Im dritten Programm gab es damals den „Samstagabend-Film“, ein amerikanischer Schwarzweißfilm. Ich habe mittlerweile verstanden, dass die Generation meiner Eltern in diesen Filmen ein unglaubliches Freiheitsversprechen sah. Da war diese ganze Idee von Marlon Brando oder Gene Kellys „Amerikaner in Paris“. Und danach kamen die Franzosen mit der Nouvelle Vague. Das waren Befreiungsversprechen in Anbetracht dessen, was damals in Deutschland sehr aktiv war. Ich wundere mich immer wieder, auf welche Art ich das gefühlsmäßig übernommen habe. Bis heute habe ich zu einem Schwarzweißfilm einen ganz anderen emotionalen Bezug als zu einem Farbfilm.

Bei Celebrities ist es oft, als ob du einen fahrenden Zug fotografierst. Das Intuitive wird dann immer wichtiger.

fotoMAGAZIN: Trennen Sie bei Ihren Werk zwischen Auftragsarbeiten und Fotos, die Sie in Ihre Bildbände aufnehmen.
Vincent Peters: Unglücklicherweise habe ich immer versucht, das zu verbinden. Zum Schrecken einiger Kunden. An Halloween hat David Beckham ein Foto von mir gepostet, auf dem ihm Blut übers Gesicht läuft. Mein Auftrag war damals, ein Porträt von David zu fotografieren. Ich hatte am Tag davor den Spielfilm „Der Soldat James Ryan“ gesehen und  dachte mir, irgendwie sei David eine Art moderner Gladiator. Ich fotografiere ihn also als eine Art Soldat, als Kämpfer. Komischerweise fand er diese Idee sehr gut. Daraufhin haben wir ihn dreckig gemacht und die auftraggebende Zeitschrift fand das damals ganz furchtbar. Ich habe das dennoch durchgezogen und nach dem Essen hat sich David selbst Worcestersoße über den Kopf gekippt. Sie lief dann rot wie Blut über sein Gesicht. Und ich habe mit Analogfilm sechs bis sieben Bilder gemacht, bis die Zeitschrift das Shooting abbrach. Heute sind derlei Bilder nicht nur in meinen Büchern. Es sind jene Aufnahmen, die am längsten überlebt haben. Ich könnte zehn dieser Geschichten erzählen.
Das Titelmotiv meines Bildbandes mit Emma Watson, die sich das Gesicht weiß geschminkt hatte ist kurz nachdem ich den Filmklassiker „Die Kinder des Olymp“ gesehen hatte entstanden. Damals wurde mir bewusst, dass ich Zugang zu sehr interessanten Personen hatte. Oft waren die Job-Anfragen eher banal, aber ich dachte, ich muss wie Annie Leibovitz größere Metaphern schaffen und alles für mich auf ein anderes Niveau bringen. Nach meinem Shooting fragte ich also Emma, ob ich noch fünf Minuten für weitere Bilder bekäme. Und ich zeigte ihr Bilder aus „Kinder des Olymp“. In solchen Momenten sagt erst einmal die Hälfte der Leute „Ich muss jetzt leider weg, ich habe noch ein Interview.“ Doch Emma willigte ein. Dann kam aber die Redakteurin der auftraggebenden Zeitschrift und sagte den Satz, der normalerweise alles beendet: Wir drucken das aber nicht! Emma fand jedoch, das sei eine gute Idee. Habe ich mir bei der Zeitschrift Freunde gemacht? Eher nicht.

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Adriana Lima

Das brasilianische Topmodel Adriana Lima im südfranzösischen Menton.

© Vincent Peters

fotoMAGAZIN: Gerade Schauspieler, die derart häufig fotografiert werden, sollten eine Sehnsucht danach haben, dass mal andere Bilder entstehen.
Vincent Peters: Könnte man meinen. Doch in Hollywood haben diese Prominenten inzwischen zwei Publizisten und hinter ihnen stehen immer noch PR-Firmen mit einem Marketingkonzept. Da fängst du an mit der Idee, ein Bild wie die Mona Lisa zu machen. Dann nimmst du den Stift und die ganzen Mittelsmänner fassen deine Hand an und dürfen den Stift mitführen. Am Ende bist du froh, wenn du noch eine Mickey Mouse zeichnen konntest. Jede Hand zieht in eine andere Richtung und du musst versuchen, dennoch eine gewisse Linienführung reinzubringen. Das Image von Celebrities ist heute durchgeplant. Da wird natürlich schnell gedacht, in diese Richtung ging schon die andere und hier wollen wir hin.

fotoMAGAZIN: Ellen von Unwerth meinte kürzlich in unserem Interview, nun wachse in Hollywood eine neue Generation junger, offener PR-Agenten heran.
Vincent Peters: Das wäre erfreulich. Andererseits hat sich durch Social Media diese permanente Präsenz und dieses Marketing nochmal sehr stark gesteigert. Es wäre heute unmöglich, Bilder zu machen wie einst Robert Lebeck, der mit Romy Schneider wochenlang rumgereist ist und sie in allen möglichen Situationen fotografierte. Heute muss vorab jedes Bild mit der PR-Firma besprochen werden.

fotoMAGAZIN: Sie haben doch ebenfalls die Nähe zu den Top-Stars gefunden und wenn ich mir Ihre Bilder betrachte, bekomme ich den Eindruck, dass sie Ihnen bereits öfter Sonderwege geöffnet haben …
Vincent Peters: Ja, ich dränge natürlich immer ein wenig, doch es muss selbstverständlich immer im Einklang mit den Schauspielern sein. Die Stars müssen auf deiner Seite sein und das ist dann auch eine Frage der Tagesform. Als ich beispielsweise Scarlett Johansson fotografierte, war sie schwanger, wollte jedoch nicht, dass das publik wird. Bei Celebrities und selbst sehr prominenten Models ist das oft, als ob du einen fahrenden Zug fotografierst. Das Intuitive wird bei diesen Aufnahmen immer wichtiger. Der Akt des Fotografierens muss dann sehr schnell gehen.
Oder du machst das umgekehrt und planst deine Sache vorab derart durch, dass du nur noch Regieanweisungen gibst: „Setz dich hier hin, schau ins Licht und dreh den Arm nach rechts …“ Das möchte ich nicht. So bekommst du ein sehr gestelltes Bild, das nicht das Lebensgefühl ausdrückt, das ich suche.

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Scarlett Johansson

Scarlett Johansson, New York. Als Vincent Peters sie fotografierte, war die Schauspielerin schwanger und wollte nicht, 
dass dies auf den Bildern erkennbar wird. Bei ihrem Blick in den Spiegel 
fand Peters eine Perspektive, die das Geheimnis des Hollywoodstars bewahrte.

© Vincent Peters

fotoMAGAZIN: Stars wie Monica Bellucci scheinen Sie über einen längeren Zeitraum zu kennen und immer wieder fotografiert zu haben.
Vincent Peters: Monica ist Italienerin und in Europa ist das ganz anders. Hier gibt es lange nicht das gleiche Marketing-Gefühl, das du in Hollywood bekommst. Monica kommt ohne Agenten zum Set und schaut auch so mal bei mir vorbei. Bei Emma Watson ist das ebenfalls so, ich kenne ihren Agenten jetzt ganz gut. Wenn du einen guten Draht zu den Stars hast, wollen diese auch, dass du sie fotografierst. Dann schlagen die dich vor, wenn es um einen Job geht.

fotoMAGAZIN: Ist das heute bei Supermodels schon genauso kompliziert?
Vincent Peters: Ich habe gerade Adriana Lima in Los Angeles fotografiert und die Grundstruktur ist auch nicht anders. Der Unterschied ist, dass ein Model immer noch deine Vorstellung visualisiert, während eine Schauspielerin immer sie selbst ist. Ich empfinde es als Degradierung, eine Schauspielerin als Model zu fotografieren. Das wird zwar immer wieder gemacht, doch ich möchte das nicht. Ich denke, sie hat so viel mehr zu bieten! Dann versuche ich eher, den Fokus auf die Persönlichkeit zu legen und Tiefe zu finden.
Es gibt dieses Geheimnis der Kamera, das Geheimnis der Maschine. In dieser Box werden manche Leute zum Leben erweckt und manche sterben darin. Es gibt sehr interessante Leute, bei denen überhaupt nichts passiert, wenn sie vor der Kamera stehen. Und umkehrt. Schönheit und Charisma sind auch nicht austauschbar. Es ist natürlich immer so, dass die Umstände den Charakter beeinflussen, den man zeigen kann. Das sieht man auch im Film. Schauspieler hatten in den 50er-Jahren ein ganz anderes Persönlichkeitsprofil als in den 60er- oder 70er-Jahren. Ich glaube nicht, dass Dustin Hoffman in den 50er-Jahren ein großer Star geworden wäre. Das ist mit den Models auch so. Hier findet also ein Selektionsprozess statt, bei dem bestimmte Leute durch mehrere Türen durchgehen können.

fotoMAGAZIN: Wenn ich Ihre Bilder sehe, werde ich an die großen Studioporträts von George Hurrell oder dem Pariser Studio Harcourt erinnert. Wie stark haben Sie derlei Bilder in Ihrer Entwicklung als Fotograf beeinflusst?
Vincent Peters: Ehrlich gesagt überhaupt nicht. Ich merke zwar immer wieder, dass es diese gibt. Man kämpft ja auch ein wenig gegen sich selber. Ich habe zwischendrin Europa verlassen und auch in letzter Zeit mehr in Amerika gearbeitet. Weil ich in meinen Bildern wieder eine gewisse Härte suche, wenn ich merke, die Bilder werden sentimentaler. Ich habe allerdings nicht so viel Kontrolle darüber. Ich habe aber gelernt, dass ich damit gewissen Erfolg habe und Leute sich von diesen Bildern angesprochen fühlen. So fühle ich mich in einer Arbeitsweise bestätigt, die mir selbst gar nicht so geheuer ist. Irgendwann spüre ich beim Fotografieren: Das ist es jetzt. Dahinter steht nichts Rationales. Ich kann auch meine Bilder ganz schwer erklären. Es ist eben alles eine Gefühlssache und ich merke am Set, ob sich etwas gut anfühlt oder nicht. Und weiß sofort, wenn ich einen guten Schuss habe. Beim Betrachten meiner Kontaktbogen suche ich später genau dieses Bild.

„Alles, was mich wirklich fasziniert im Leben, sind Dinge,
die wir nicht kontrollieren können.“

fotoMAGAZIN: Dennoch zieht sich durch alles eine absolute technische Perfektion und Ihre Bilder sind bis ins Detail perfekt ausgeleuchtet.
Vincent Peters: Es gibt dabei zwei Aspekte: Das Menschliche und das Technische. Man muss natürlich erkennen, wo die Balance ist. Sind die Bilder zu technisch? Dann verlieren sie für mich die Lebendigkeit. Wenn die Aufnahmen zu wenig technisch sind, verschenken sie für mich die Möglichkeiten des Mediums. Ich will ja auch dem Betrachter etwas fotografisch erklären.

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Francesca

Francesca, Sizilien.

© Vincent Peters

fotoMAGAZIN: Die Aufnahmetechnik macht ja auch nie das ganze Bild aus. Emotionen sind ja trotzdem dabei. Die Technik bietet lediglich einen Weg an, auf dem die Emotion transportiert wird.
Vincent Peters: Man muss gerade bei all den technischen Möglichkeiten von heute erkennen, dass wenn alles möglich ist auch alles wertlos ist. Die wirkliche Qualität eines Fotografen heute ist der Widerstand. Gerade nicht professionelle Fotografen sind sehr oft befangen von dieser Technik. Ein Bild braucht das Organische, das Lebendige, es braucht das Unvorhersehbare. Die ganze technische Entwicklung der Fotografie hat sich in eine unglückliche Ideologie der Kontrolle entwickelt. Ich sehe Leute, die ein Foto mit der Digitalkamera machen und dann erst mal auf den Bildschirm gucken.
Was uns Menschen jedoch beeindruckt, sind Dinge, die wir nicht kontrollieren können. Die Gefühle des anderen Menschen sind unkontrollierbar. Alles, was mich wirklich fasziniert im Leben, sind Dinge, die wir nicht kontrollieren können.

fotoMAGAZIN: Weil diese uns herausfordern.
Vincent Peters: Das ist ein sehr großes Thema und auch der Grund, weswegen ich analog fotografiere. Analoge Fotografie ist ein absoluter Kontrollverlust. Es ist eine absolute Nervensache, wenn du in Los Angeles Fotos von Penelope Cruz machst und die Bilder danach vier bis fünf Tage lang nicht siehst. Ich weiß nicht einmal, ob ich die Aufnahmen falsch belichtet habe. Ich denke jedoch, es ist dieser Kontrollverlust, bei dem das Bild seine Eigenständigkeit entwickelt. Das Bild kommt zu mir als etwas zurück, das mich mit mir selbst und mit der Sache konfrontiert. Ich will ein Bild nicht durch Kontrolle auf etwas reduzieren. Es kann viel mehr sein, es kann mich überraschen und über sich selbst hinauswachsen.
Es geht ja bereits um die Umsetzung. Allein schon ein Bild, das etwas unscharf ist oder schlecht beschnitten! Die ganze Idee der modernen Kunst, die anfängt mit dem Impressionismus, ist eigentlich eine Art Kontrollverlust. Wenn wir uns die Bilder von 1840 oder 1850 ansehen, hatten die Maler damals eine unglaubliche Kontrolle über das Thema. Und die Qualität der Bilder war einfach dann irgendwann tot in ihrer Mythologie. Diese Bilder berühren uns lange nicht so wie diese impressionistischen Bilder, die durch die aufgelöste Farbe und die aufgelösten Linien viel mehr ins Gefühl reinkommen. Das heisst ja nicht, dass nicht trotzdem jeder Maler in irgendeiner Form Kontrolle über sein Bild haben möchte. Natürlich will ich als Fotograf auch sehen, wie mein Bild wird.

Ich habe schöne Bilder gemacht, die ich teilweise nicht veröffentlichen möchte, weil sie für mich zu perfekt sind.

fotoMAGAZIN: Ist nicht die Kreativität generell oft verknüpft mit einer Art von Kontrollverlust, weil der Künstler Neuland betritt – und das bedeutet, offen für neue Wege zu sein?
Vincent Peters: Vielleicht fängt die Kreativität auch nur dort an, wo wir nicht mehr Kontrolle haben. Die Kunst fängt da an, wo die Freiheit anfängt. Eine Maschine muss Sinn machen –  ein Auto, einen Herd, einen Staubsauger muss ich kontrollieren. Kunst muss ich nicht kontrollieren. Alles, was ästhetisch ist, ist eben nicht notwendig. Das Ergebnis muss hier Gefühle vermitteln.

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Úrsula Corberó

Die spanische Schauspielerin Úrsula Corberó, Madrid.

© Vincent Peters

fotoMAGAZIN: Die Bilder unseres Portfolios im fotoMAGAZIN 1/2022 sind vermutlich alle in einer Situation des Loslassens entstanden …
Vincent Peters: Mich interessiert immer „The Lucky Accident“, der glückliche Zufall. Ich setze also ein Licht, dann kommt das Model und einer von uns wechselt den Standpunkt und ich merke, dass sich aus einem anderen Standpunkt zum Beispiel ein viel besseres oder unerwartetes Licht ergibt. Die Bilder alter Hollywood-Fotografen waren noch wahnsinnig kontrolliert und natürlich steckt das bei mir noch drin, mit dem Licht Dinge zu erzählen und natürlich muss man dabei das Licht beherrschen. Gleichzeitig nicht vom Licht beherrscht zu werden, ist immer dieser innere Kampf. Ich habe schöne Bilder gemacht, die ich teilweise nicht veröffentlichen möchte, weil sie für mich zu perfekt sind. Es gibt diese Momente, an dem das Licht so perfekt war, dass ich sagte, ja aber das Bild daneben, bei dem der Schatten vielleicht ein wenig zu hart ist, ist eigentlich das Interessantere.

fotoMAGAZIN: Sie haben bereits die Schwarzweiß-Einflüsse und die französische Nouvelle Vague als prägend erwähnt. Ist das der Grund, warum Sie bei Schwarzweiß geblieben sind oder kam zu diesen frühen Einflüssen noch etwas dazu?
Vincent Peters: Ich merke, dass ich persönlich sehr auf Licht reagiere. Das Licht ist eine Art Gefühl, das sich über die Dinge legt. Ich sehe die gleiche Sache in verschiedenen Lichtern, ähnlich wie vielleicht Monet, wenn er die Kathedrale in Rouen in acht verschiedenen Lichtsituationen malte. Ob dabei die Sonne scheint oder es grau ist – in diesen Situationen entstehen für mich immer andere Bilder. Für mich ist die Wahrheit nicht in der Sache selbst, sondern in dem Licht, in dem sie mir erscheint. Das Schwarzweiße reduziert eine Situation für mich auf das Wesentliche. Wenn man kommerziell so wie ich viel arbeitet und ständig in verschiedenen Ländern unterwegs ist, wird man in sehr viele verschiedene Richtungen gedrückt. Du musst immer "das Problem des Tages“ lösen. Dabei gerät oft ein wenig der Horizont aus der Kontrolle.
Das ist wie eine Beziehung, die sich etwas im Alltag verloren hat. Dann sitzt man beim Frühstück zusammen und hat sich nicht mehr richtig viel zu sagen. Man mag sich noch, aber was einen zusammenhält, ist mehr die Routine als das Gefühl. Ich habe Angst, dass meine Beziehung zur Fotografie ein ähnliches Schicksal hat. Doch irgendwann hatte ich mich ja entschieden, Fotograf zu sein. Ich mache Bilder, seit ich 14 Jahre alt war und habe nie etwas anderes gemacht. Nun wollte ich einfach nochmal zurück und habe mich gefragt: Warum war mir das so wichtig? Als würde man mit seiner Frau an jene Orte fahren, an denen man sich verliebt und kennengelernt hat.

fotoMAGAZIN: Und warum war Ihnen das so wichtig?
Vincent Peters: Weil ich gemerkt habe, dass es in der kommerziellen Fotografie viel um Geld, Erfolg und Status geht. Aber ich wusste nicht, ob meine Bilder selber noch den Wert haben. Haben meine Bilder einen Wert, abgesehen von der Darstellung eines Produktes und der Abbildung in der Vogue, wenn sie nur als Bild an der Wand hängen? Findet sie jemand interessant wenn sie nur als Bild gesehen werden, wenn darunter nicht Saint Laurent steht und sie keine Information mehr vermitteln? Entwickelt das Bild selbst ein Gefühl das einen eigenen Wert hat? Das habe ich mich lange gefragt. Daraufhin habe ich angefangen, diese Bilder zu suchen, die für mich das erreichen und begonnen, Bücher und Ausstellungen zu machen. Dafür habe ich auch viel gelernt. Ich merkte, dass das Bild an sich eine gewisse Mitte haben muss.

Man fotografiert die Dinge nicht so, wie sie sind,
sondern so, wie man selber ist.

fotoMAGAZIN: Woran bemessen Sie den Wert eines Bildes? Ist es die Anzahl der Menschen, die es mögen oder müssen Sie das mit sich selbst ausmachen?
Vincent Peters: Zu einem hohen Grad ist es das intuitive Gefühl, dass in einem Bild etwas steckt. Nicht jedes Mal, aber oft ist es so, dass ich merke, das sind die guten Fotos. Manchmal möchte ich, dass andere Bilder auch gut sind, weiß jedoch, dass sie es nicht sind.
Bei guten Bildern merke ich, dass Leute darauf reagieren. Ich kann ihnen nicht das Gefühl vermitteln, was ich sagen wollte, meine Bilder haben keine präzise Gefühlsaussage, aber ich kann eine Brücke zeigen zu einem Ort, an dem Leute etwas empfinden, das sie ohne dieses Bild nicht empfunden hätten.
Das ist wie bei einem Film oder einem Musikstück. Du kannst niemand sagen, was er empfinden soll, wenn er deine Musik hört. Doch wenn er etwas fühlt, dann ist das schon sehr interessant. Das ist noch immer das Beste, was Kommunikation jeglicher Form tun kann.

fotoMAGAZIN: Sie erwähnten jetzt einige Male die Impressionisten. Gewissenmaßen scheint mir der Impressionismus auch ein Gegenstück zu Ihrer Fotografie, denn die Impressionisten arbeiteten stark mit der Farbe und Licht. Sie machen das Gleiche mit Schwarzweiß.
Vincent Peters: Die Impressionisten haben ja in erster Linie die Subjektivität des Lichteinfalls als ihr Hauptthema entdeckt. Es geht nicht mehr um Form und Darstellung, sondern darum, was das Licht als eine Art Prisma auf uns zurückwirft. Beim Impressionismus interessiert mich der Fokus auf die Reflektion, wie das Licht reflektiert, die Zufälligkeit des Anschnitts und das Aufgelöste. Aber ich mag auch gerne die amerikanische Fotografie der 1920er-Jahre.
Ich finde es immer unglaublich, wenn Menschen eine völlig neue Sprache entwickeln. Der klassische Einfluss bei mir wäre ja immer der Film noir und der expressionistische Film der 1930er-/40er-Jahre. Da hat der Film in dieser expressionistischen Lichtführung eine Art Vokabular entwickelt.
Fotografie hat ja etwas anderes, sie hat keine Zeit in sich selbst. Selbst wenn ich ein Buch lese, muss ich das mit einer gewissen Geschwindigkeit machen. Der Film hat eine eigene Geschwindigkeit, aber die Fotografie hat das nicht. Man kann sie anschauen, solange man möchte. Und gerade hier geht heute wahnsinnig viel verloren, wenn man sich die Bilder auf dem Smartphone durchsaugt.

fotoMAGAZIN: Die Kunst der Fotografie ist es ja gerade, die Zeit zu verdichten. Manche Bilder erzählen uns ja auch die Geschichte davor und danach.
Vincent Peters: Der klassische Grundsatz ist doch: Man fotografiert die Dinge nicht so, wie sie sind, sondern so, wie man selber ist. Sich damit zu konfrontieren braucht eben auch Zeit. Das ist eine Art Schwangerschaft. Es entsteht etwas ganz Kleines und das wird etwas. Ich kann ja auch nicht das Kind in der Mutter kontrollieren und ich kann das noch weniger kontrollieren, wenn es nicht mehr im Körper ist. Es wird dieses eigene Leben bekommen.

fotoMAGAZIN: Sie reisen viel zwischen den Ländern und Kontinenten. Was können Sie aus diesem Pendeln zwischen den Kulturen für sich und Ihre Bilder ziehen?
Vincent Peters: Es gibt gottseidank noch unglaubliche kulturelle Unterschiede. Allein bei Moral und Ästhetik. Wenn man eine Leidenschaft mitbringt, dann ist es immer eine Neugierde, mit der man alles filtern kann. Als Fotograf sucht man seine Bilder, um Zugang zu der Welt zu bekommen.
Deine erste Sprache gibt dir einen Grundstock und wird dir immer einen Akzent geben. Auch Einwanderer, die sehr lange in Amerika leben behalten immer noch einen Akzent. Diese erste Sprache ist sehr prägend. Genauso hat unsere Wahrnehmung auch immer einen Akzent. Alles andere wird durch den Filter der ersten Dinge, die man gesehen hat, weiterhin betrachtet. Genauso wie ich in der Sprache diesen deutschen Akzent behalten habe. Ich bin jetzt seit über 30 Jahren nicht mehr in Deutschland, zumindest nur selten. Aber man hört das auch. Genauso hat unsere Wahrnehmung diesen Akzent. Statt ihn abzutrainieren sollte man eher wissen, woher er kommt. Wo habe ich das gelernt? Das meine ich, wenn ich sage, jedes Bild ist eine Reise ins Innere – auch für den Betrachter, der sieht, was er ist. Je mehr du dich mit dieser Kommunikation beschäftigst, desto mehr wirst du Dinge in dir entdecken.

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Kim Basinger

Die Schauspielerin Kim Basinger, Los Angeles.

© Vincent Peters

fotoMAGAZIN: Sehen Sie sich überhaupt als Modefotograf – Was ist die Essenz Ihrer Arbeit?
Vincent Peters: Alexey Brodovich, der legendäre Art Director von Harper`s Bazaar meinte mal, ein gutes Modefoto sei immer ein Porträt einer Frau. Diesen Ansatz habe ich immer gewählt. Aus irgendeinem Grund habe ich auch schon ganz am Anfang versucht, ein zeitloses Element in meinen Bildern zu bewahren. Peter Lindbergh hat das zu einer gewissen Perfektion getrieben. Er hat die Sachen so essenziell in seiner eigenen Mythologie umgesetzt, dass die Bilder weiter Bestand haben. Und das ist auch für mich als Fotograf mein gesamtes Kapital, dass ich die vergangenen dreißig Jahre nutzen konnte. Deshalb stehe ich nicht wie andere Modefotografen da, die in gewissen Zeiten viel erfolgreicher als ich waren aber deren Bilder in 1985, 1990 oder 1995 verhaftet sind. Das ist wie in der Popmusik: Es gibt Leute, die einen unglaublichen Hit auf MTV hatten, aber der bleibt ein Lied aus dieser Zeit. Es ist kein Sound, der ihnen gehört, sondern wurde irgendwann zu einem Kind einer gewissen Zeit. Das wollte ich nie.

fotoMAGAZIN: Das ist auch ein Vorteil von Schwarzweiß: Farbe unterläuft Moden und verortet Bilder stärker in einer Zeit.
Vincent Peters: Absolut. Für mich hat Schwarzweiß aber zudem immer auch ein Gefühl von Dringlichkeit. Es ist etwas passiert. Einer der ersten größeren Einflüsse für mich war das Life-Magazin. Fotografen wie W. Eugene Smith, später Bruce Davidson. Die Fotos von Life aus dem Vietnamkrieg waren die ersten Bilder, die ich mir ganz bewusst angeschaut habe. Da sind wir wieder bei diesem Akzent. Ich glaube, dass ich noch immer alles durch diesen Filter sehe. Dann gibt es auch ganz biografische Zusammenhänge. Ich habe nicht mit meinem Vater gelebt. Eine der wenigen Sachen, die ich von ihm habe, war das Life-Magazine. Vielleicht war das später mein Zugang zu einer Vaterfigur, die ich nicht kannte. Ich habe ihn darin gesehen. Und vielleicht auch Amerika. Ich bin bereits mit 18 Jahren in die USA ausgewandert und sprach damals kein Wort Englisch. Ich entdecke dieses fotografische, rückwirkende Verständnis über die Fotografie. Etwas Besseres kann man auch nicht machen. Du findest das Bild irgendwo in dir selbst. Du musst deine eigene Erfahrung mit dem Bild verbinden. Dann findest du einen Zusammenhang. Und dann sind deine Bilder auch gut und ehrlich.

Interview: Manfred Zollner

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Selected Works von Vincent Peters

"Selected Works" von Vincent Peters.

Der neue Bildband
Vincent Peters: „Selected Works“

teNeues Verlag, 27,5 x 34 cm, 177 Abbildungen, 60 Euro. Der erfolgreiche Bildband ist nun als großformatige Collector´s Edition mit 30 neuen Bildern ergänzt erschienen.

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Manfred Zollner

Unser Chefredakteur Manfred Zollner hat bereits während seines Studiums der Kommunikationswissenschaft sein Taschengeld als Konzertfotograf verdient. Der langjährige stellvertretende Chefredakteur des Heftes leitet seit April 2019 die Redaktion. Darüber hinaus betreut er das einmal im Jahr erscheinende XXL-Heft fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios.