Steve McCurry

19.12.2016

Magnum-Star Steve McCurry hat mit seinem Bild des „Afghanischen Mädchens“ 1985 eines der bekanntesten Portraits des 20. Jahrhunderts fotografiert. Wir trafen den Amerikaner in Berlin zu einem Gespräch über Fotoikonen, Kriegsfotos und seinen Indien-Bildband

 

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Steve McCurry: Lesen

Im Oktober veröffentlichte Magnum-Fotograf Steve McCurry einen neuen Bildband. Sein Titel: „Lesen“.
Prestel, 29,95 Euro

© Verlag

Bereits seit über 30 Jahren bereist Steve McCurry die Welt immer auf der Suche nach ganz besonderen Details und Stimmungen, die anderen verborgen bleiben. Für seinen neuesten Bildband hat er nun bewegende Aufnahmen von Lesenden quer durch alle Weltkulturen zusammengestellt. Lesenden mit Büchern und Tageszeitungen an öffentlichen Plätzen. Menschen, die gänzlich in eine Story vertieft im Flugzeug, am Straßenrand oder irgendwo an einem schattigen Plätzchen abtauchen. Von Rom bis Kyoto, von Marrakesch bis Los Angeles.

Im exklusiven fM-Interview in Berlin stand uns der Magnum-Star aber zunächst einmal Rede und Antwort zu seinem 2015 erschienen Indien-Bildband.

 

fotoMAGAZIN: Im Vorwort zu Ihrem Indien-Bildband heißt es, Sie hätten „die Seele Indiens“ fotografiert ...
McCurry: ... Das klingt anmaßend!

fotoMAGAZIN: Was zeichnet für Sie denn diese „Seele Indiens“ aus?
McCurry: Wenn ich an meine beste Zeit in Indien denke, dann erinnere ich mich, wie ich in einem Zug sitze und mit Mitreisenden in philosophische Diskussionen gerate. Dort treffen ganz unterschiedliche Denkweisen aufeinander: die hinduistische, die islamische, die christliche. Die Hindus mit all ihren Gottheiten haben bei mir einen tiefen Eindruck hinterlassen. Es gibt noch immer ein stark ausgeprägtes Kastensystem in Indien. Das erscheint so bizarr. Wir haben alle unsere Kasten – meist ökonomischer Art – aber dort entscheidet deine Geburt darüber, ob du „unrein“ bist oder nicht.

 

fotoMAGAZIN: Im Zeitalter der Globalisierung überschreiten die Konsumkultur, das Fernsehen und das Internet Ländergrenzen und die Welt wird uniformer. Sie haben Indien viele Male bereist: Wie stark hat sich das Land verändert?
McCurry: Es gibt dort sicher noch eine ausgeprägte Kultur und Identität, doch mit dem Internet und der Möglichkeit des Reisens verändert sich heute für immer mehr Menschen etwas. Plötzlich tragen alle die gleiche Kleidung. Heute erscheint selbst der Turban altmodisch. Die jungen Leute wollen lieber hip und cool wirken.

„Früher machten alle beim Holi-Fest aus kulturellen Gründen mit. Heute glotzen alle nur noch. Es ist eine große Show geworden!“

fotoMAGAZIN: Umgekehrt wird das indische Holi-Farbenfest mittlerweile auch von der Jugend im Westen gefeiert.
McCurry: In diesem Jahr bin ich für einen Tag zu einem Holi-Fest nach Indien geflogen. Mindestens 50 Prozent der Zuschauer dort waren Touristen und Fotografen, die meisten davon Inder. Früher machten die Leute bei Holi aus kulturellen Gründen mit. Jetzt glotzen alle nur noch – ob mit oder ohne Kamera.

fotoMAGAZIN: Wann hat sich dieses Fest derart verändert?
McCurry: Als ich dort vor zwanzig Jahren zum ersten Mal fotografierte, war es bereits etwas touristisch. Holi war jedoch noch wild und authentisch. Bei meinem Besuch in diesem Jahr erschien mir das alles mehr wie eine große Show.

fotoMAGAZIN: Das gleiche Phänomen gibt es doch bei den Sadhus, den „Heiligen Männern“: Sie performen heute für die Touristen. Sehen Sie hier die Gefahr, dass Brauchtum zum klischeehaften Stereotyp verkümmert?
McCurry: Ein Ereignis verändert sich dadurch. Traditionell würde ein Sadhu seine Anhänger empfangen. Es gibt ein Ritual, bei dem sie seit hunderten Jahren ihren Segen bekommen. Jetzt wollen ihn die Leute einfach nur noch fotografieren. Der Sadhu reagiert und sagt: ‚Dafür musst du mir Geld geben.‘ Und die Kultur wird korrumpiert.

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Steve McCurry

STEVE McCURRY (*1950)

Der amerikanische Magnum-Fotograf arbeitete nach dem Filmstudium in Philadelphia zunächst als Fotograf für eine Lokalzeitung und als Freelancer, bevor er erstmals nach Indien reiste. Sein Portrait des „Afghanischen Mädchens“, das er 1985 an der Grenze zu Pakistan für National Geographic fotografierte, zählt zu den Foto-Ikonen des 20. Jahrhunderts. McCurrys Bilder wurden vielfach mit Preisen (u. a. bei den World Press Photo Awards) ausgezeichnet. Sein „Indien“-Bildband ist Ende 2015 im Prestel-Verlag erschienen.

© Manfred Zollner

fotoMAGAZIN: Bei Ihren Bildern erkennt der Betrachter, dass Sie nach Authentischem Ausschau halten.
Fotografen wie Jimmy Nelson hingegen inszenieren einen Ethno-Look. Werden uns dabei Stereotypen als authentisch präsentiert?
McCurry: Als Fotokünstler kannst du machen, was du willst, wenn du es als deine künstlerische Interpretation präsentierst. Du kannst jedoch nicht zu den Massai gehen, theatralische Bilder inszenieren und diesen Leuten erklären, dass sich ein Schal viel toller als Kopfschmuck machen würde als am Hals. Dem Massai ist das zwar egal, er wird dafür bezahlt zu posen. Die Fotos verlieren jedoch ihre Authentizität und zeigen eine romantisierte Version der Realität, eine Scheinrealität. Wenn du jemanden portraitieren möchtest, solltest du ihn so fotografieren, wie er ist.

fotoMAGAZIN: Vor zwei Jahren hatten Sie in Hamburg eine Ausstellung unter dem Titel „Überwältigt vom Leben“. Fühlen Sie sich wirklich überwältigt vom Leben?
McCurry: Nein! Ich bin zwar lieber überwältigt als gelangweilt und man sollte so wertvolle Erfahrungen sammeln wie man kann, damit das Leben bedeutungsvoll wird. „Überwältigt“ klingt allerdings so, als ob mir alles zu viel war. So fühlte ich mich nie.

fotoMAGAZIN: Sie haben mal einen Flugzeugabsturz überlebt. Haben Sie Ihr Leben danach verändert?
McCurry: Nur kurzzeitig. Du lernst, wie fragil das Leben ist. Es kann sich jeden Augenblick alles radikal verändern, doch normalerweise fällst du danach schnell zurück in deine alte Routine.

fotoMAGAZIN: Denken Sie noch öfter an den Absturz?
McCurry: Sicher, dieser Absturz war eine heftige Erfahrung. Ich dachte, dass ich sterben würde. Wir waren zu zweit – ich und der Pilot –, unser Flugzeug überschlug sich, doch wir überlebten. Der Unfall passierte an einem Februartag in den slowenischen Bergen.

„Es lohnt sich nicht, für das Foto eines kämpfenden Kriegers zu sterben.“

fotoMAGAZIN: In der britischen Presse wurde mal zitiert, Sie bekämen einen Adrenalinschub, wenn Sie in gefährlichen Situationen seien. Ist dieses Zitat wirklich korrekt?
McCurry: Das habe ich sicher nicht so gesagt. Ich habe zwar in Krisengebieten fotografiert. In Afghanistan war ich bei den Mudschaheddin, doch ich fühle mich nicht zum Kampfgesehen hingezogen. Ich war nie der Ansicht, dass es sich lohnt, für das Foto eines kämpfenden Kriegers zu sterben. Das Zitat klingt so, als ob es keine Rolle spielt, auf welcher Seite du bist: Es wird gekämpft und du willst dort sein, um dieses Macho-Geballer zu zeigen. Wenn ich mal in solche Situationen geraten bin, war ich total verängstigt.

fotoMAGAZIN: Sie sind so viel auf Reisen. Was bedeutet Ihnen der Begriff „Heimat“?
McCurry: Meine Heimat ist dort, wo meine Sachen, meine Bilder und meine Klamotten sind. Ich habe ein Apartment in New York. Ich mag den Gedanken, dass mein Zuhause eine Art Ausgangsbasis ist. Hier sind meine Freunde und meine Familie. Ich bleibe allerdings weniger als vier Monate im Jahr in New York.

 

fotoMAGAZIN: Sie haben Bildikonen wie das „Afghanischen Mädchen“ fotografiert. Heute müssen Sie immer wieder über Aufnahmen sprechen, die weit in der Vergangenheit liegen. Nervt Sie das mittlerweile?
McCurry: Es freut mich, dass ich ein paar bekannte Bilder habe, die man bewundert. Mit dem „Afghanischen Mädchen“ ist das wie mit dem Portrait von Che Guevara. Jeder kennt das Foto. Es ist Teil des öffentlichen Bewusstseins. Wie viele dieser Bilder gibt es auf der Welt? Nicht mehr als fünf bis zehn. Wir Fotografen wollen doch alle, dass man unsere Bilder sieht und mag. Wenn es später tatsächlich in meinem Nachruf heißen sollte „Er hat das Bild des ‚Afghanischen Mädchens’ fotografiert“, dann ist das schon in Ordnung.

fotoMAGAZIN: Sie haben mal das Portraitieren auf die Kommunikation beim Blickkontakt reduziert und nennen das den „geteilten Moment der Aufmerksamkeit“ ...
McCurry: Wenn ich jemanden portraitieren möchte, macht das bei mir nur Sinn, wenn er direkt in meine Kamera blickt. Es erschiene mir eigenartig, ihn zu bitten, woanders hinzuschauen. Es gibt und gab aber natürlich Portraitisten wie Arnold Newman oder Karsh, die Leute toll im Profil fotografierten. Ich bin da minimalistischer und mag einfach den Blickkontakt.

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Steve McCurry: Indien

Bei über 30 Indien-Besuchen hat der Magnum-Fotograf mit Sinn für zeitlose Bildikonen die Gesichter des Landes in leuchtenden Farben festgehalten. Von Individuum und Gesellschaft in einer Nation zwischen mystisch-religiöser Vergangenheit und chaotisch-wilder Gegenwart, wobei der Schwerpunkt von McCurrys Betrachtungen eher im klassischen Indienbild liegt. Ein beeindruckendes XXL-Meisterwerk aus einem facettenreichen Land voll schriller Gegensätze!
Prestel, 49,95 Euro

© Verlag

fotoMAGAZIN: Wie wichtig ist es Ihnen, beim Fotografieren Empathie zu zeigen?
McCurry: Ich halte nach positiven Menschen Ausschau. Es gibt einen Fotografen, dessen Namen ich hier nicht nennen werde, der ausschließlich groteske Leute fotografiert.

fotoMAGAZIN: Bruce Gilden?
McCurry: Das haben Sie jetzt gesagt (grinst). Die Portraitierten müssen bei mir auch nicht unbedingt attraktiv aussehen. Sie können durchaus alt sein oder beispielsweise etwas an sich haben, das uns etwas über ihre Humanität erzählt. Vielleicht geht es mir genau darum. Ich würde es hassen, wenn meine Bilder auf jemand herabschauten. Soll ich wirklich derjenige sein, der mit seinem Bild sagt: Schau wie unattraktiv du bist?

fotoMAGAZIN: Welche Einflüsse Ihrer Erziehung erkennen Sie heute in Ihrem Werk?
McCurry: Wir alle reagieren auf ganz unterschiedliche Dinge. Vielleicht gibt es da persönliche Nöte und Entbehrungen, die man durchlebt hat.

fotoMAGAZIN: Verbinden Sie derlei Erinnerungen mit Ihrer Kindheit?
McCurry: Meine Mutter starb, als ich acht Jahre alt war. Das erschien mir normal, weil ich es nicht anders kannte. Aber es war natürlich nicht normal, denn meine Freunde hatten Mütter.

fotoMAGAZIN: Ist es möglich, dass Sie früh lernen mussten, sich gegenüber anderen zu öffnen, nachdem Ihre Mutter nicht mehr lebte?
McCurry: Ich habe da nie nachgeforscht, aber von Anfang an war ich viel draußen mit Freunden. Ich war ständig weg. Nicht, weil ich mich mit meinen beiden Schwestern oder meinem Vater schlecht verstanden hätte. Es machte mir einfach mehr Spaß, unterwegs zu sein.

fotoMAGAZIN: Kommt daher Ihr Verlangen, heute ständig unterwegs zu sein?
McCurry: Vielleicht. Seit ich so zwischen fünf bis zehn Jahre alt war, war ich immer auf Achse. Und im Alter von 16 Jahren bekam ich dann gleich mein erstes Auto.

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Über den Autor
Manfred Zollner

Unser stellvertretender Chefredakteur Manfred Zollner gilt in der Fotoszene als "Anwalt des guten Bildes." Sein thematischer Schwerpunkt liegt in der professionellen Fotografie, seine Vorliebe gilt der Fotokunst. Die jährlich erscheinende fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios ist sein Projekt. 1991 kam der Münchner als Director of Photography zum fotoMAGAZIN, von 2004 bis 2006 leitete er als Chefredakteur die Zeitschrift Photo Technik International.