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Fotograf Sebastião Salgado
Sebastião Salgado nach dem Interview. Der Fotograf war zur Eröffnung der Ausstellung seiner „Gold“-Serie am 6. Februar 2020 in der Galerie Bene Taschen nach Köln gereist. Seine Bilder sind dort noch bis zum 9. Mai zu sehen.
| Foto: © Phillip J. Bösel

Sebastião Salgado

Das Elend der Einsamen
14.04.2020

In unserem Exklusiv-Interview spricht der brasilianische Fotoreporter Sebastião Salgado über das Elend in der Welt und darüber, wie die Fotografie sein Leben verändert hat.

fotoMAGAZIN: Herr Salgado, in zwei Tagen werden Sie 76 Jahre alt. Sie haben den wieder aufgeforsteten Grundbesitz Ihrer Famile im Amazonas in einen Nationalpark verwandelt. Haben Sie auch festgelegt, was einmal mit Ihrem riesigen Bildarchiv geschehen soll – wird es eine Salgado-Stiftung geben?
Sebastião Salgado: Nein. Wenn ich das jetzt regeln würde, würde das bedeuten, dass ich meinen Job aufgäbe. Ich bin aber noch immer Fotograf.

fotoMAGAZIN: Können Sie sich überhaupt ein Leben ohne Kamera vorstellen?
Sebastião Salgado: Ich habe immer eine Kamera bei mir!

fotoMAGAZIN: Sie sagen, Fotografieren sei für Sie eine Art zu leben, ein Lebensstil.
Sebastião Salgado: Wenn ich morgens aufwache, denke ich an die Fotografie. Wenn ich träume, dann träume ich von meinen Fotos, von den Leuten, die ich fotografiert habe. Und wenn ich einen Alptraum habe, dann ist es der von einer Kamera, in der gerade kein Film geladen ist und ich keinen (Analog-)Film finden kann, während die Action gerade vor mir passiert. Was ich in meinem Leben als Fotograf gemacht habe, das war mein Leben selbst. Ob für mein politisches Wissen, meine ideologischen oder meine soziologischen Kenntnisse – die Fotografie wurde meine Sprache für all das.

Wenn ich einen Alptraum habe, dann ist es der von einer (Analog-)Kamera, in der kein Film geladen ist.

fotoMAGAZIN: Was haben Sie durch die Fotografie gelernt?
Sebastião Salgado: Die Fotografie hat mir erlaubt, etwas über diesen Planeten zu erfahren – in mehr als 130 verschiedenen Ländern. Ich bin in diese Länder reingegangen und habe die Menschen wirklich kennengelernt. Die Fotografie macht etwas Erstaunliches möglich: Wenn du dich integrierst, dann werden die Menschen Teil von dir und deiner Kamera. Es entsteht eine besondere Verbindung zwischen dem Fotografen und der Person, die er fotografiert.

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Goldrausch in der Serra Pelada, 1986

Goldrausch in der Serra Pelada, 1986: Salgados heute berühmteste Reportage. Nun hat der Brasilianer seine Bilder von damals neu gesichtet und damit einen exzellenten Bildband und eine neue Ausstellung konzipiert.

© Sebastião Salgado

fotoMAGAZIN: Wie oft passiert es, dass Sie Ihre Bilder in Ihren Alpträumen verfolgen?
Sebastião Salgado: Das passiert nicht oft.

fotoMAGAZIN: Welche Aufnahmen sind das?
Sebastião Salgado: Meine Bilder sind wie meine Söhne. Ich kann nicht sagen, welchen ich mehr mag. Ich erinnere mich an all meine Bilder, selbst an deren Belichtungszeit und die verwendete Blende. Ich erinnere mich auch an den genauen Aufnahmeort und an den Geruch des Ortes. Diese Fotos sind mein Leben.

fotoMAGAZIN: Sie haben viel Elend gesehen. Die brennenden Ölfelder in Kuwait erscheinen uns auf Ihren Bildern wie Aufnahmen der Apokalypse ...
Sebastião Salgado: Hier handelt es sich um Bilder der Gewalt, aber nicht um Elend. Elend ist für mich etwas anderes. Unsere Bestimmung ist es, in einer Gemeinschaft zu leben. Wahres Elend ist, wenn du allein lebst und alle Hoffnung verloren hast. Wenn du in keiner Beziehung bist, keine Freunde hast und niemand, mit dem du dich verständigen kannst. Wenn du krank bist und niemanden liebst. Elend bedeutet für mich, wenn du reich bist, mit einem satten Bankkonto allein in Deutschland lebst und einen BMW vor der Haustür hast.
Als ich die Menschen in der brasilianischen Goldmine fotografierte, gab es dort 52.000 Personen, die unter härtesten Bedingungen lebten, ohne medizinische Versorgung! Aber diese Menschen waren gerne dort. Sie blieben in der Hoffnung, Gold zu finden und in einem Monat vielleicht reich zu werden – trotz all der Erniedrigungen. Wenn du auf meinen Fotos all diese Menschen auf den Leitern siehst, dann muss man dennoch sagen, dass das System komplett organisiert war. Jeder Typ hier hatte seinen Flecken Erde von 2 x 2 Metern und es gab eine unglaubliche Gemeinschaft hier. Das ist der Punkt. Sie waren glücklich in dieser Community. Diese Leute hatten eine Familie, ein Haus.

Ich erinnere mich auch an den genauen Aufnahmeort und an den Geruch des Ortes. Diese Fotos sind mein Leben.

fotoMAGAZIN: Würden Sie etwas anders machen, wenn Sie heute noch einmal Gelegenheit hätten, eine Goldmine wie diese aufzusuchen?
Sebastião Salgado: Ich würde alles ganz genauso angehen. Um so etwas zu machen, musst du einen Ort haben, wo du bleiben kannst. Ich lebte bei einem Typen, brachte meine Hängematte mit, einen Reisbeutel, schwarze Bohnen und einen Vorrat von gesalzenem Trockenfleisch für einen Monat. So lebte ich mit den Minenarbeitern und übernachtete unter den gleichen Umständen wie sie. Ich mache das noch immer so, wenn ich heute für mein nächstes Buchprojekt auf einen Fototrip in Amazonien gehe und bei den Indianern lebe. Es ist ein wahres Vergnügen, dort zu sein. Es gibt eben noch andere Vergnügungen im Leben als die, die wir uns hier in den Industrienationen vorstellen können.

Nicht nur du machst ein Bild. Das ganze Bündel, das dir das Leben mitgegeben hat ist immer mit dabei.

fotoMAGAZIN: Sie sprechen nicht gerne vom fotografischen Stil eines Bildermachers, sondern lieber davon, was ein Fotograf aus seinem Innersten ins Bild bringt. Können Sie das genauer erklären?
Sebastião Salgado: Hier könnten jetzt 50 Fotografen sein, die in der Goldmine fotografiert haben und es gäbe 50 ganz unterschiedliche Fotos; weil wir alle einen ganz anderen Background mitbringen und unterschiedliche Interessen haben. Wir bringen eine ganz unterschiedliche  Erziehung und Bildung ein. Nicht nur du machst das Bild. Das ganze Bündel, das deine Herkunft dir fürs Leben mitgegeben hat, ist immer mit dabei. Das macht den Unterschied aus im Augenblick der Aufnahme.

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1986 fotografierte Sebastião Salgado in Brasiliens Serra Pelada in einer Freiluftgoldmine

Ein Meisterwerk der humanistisch gesinnten Reportagefotografie: 1986 fotografierte Sebastião Salgado in Brasiliens Serra Pelada die damals weltweit größte Freiluftgoldmine der Welt. Mehr als 50.000 Glücksritter lebten hier unter widrigsten Umständen und spartanischen Verhältnissen ihren Traum von El Dorado aus.

© Sebastião Salgado

fotoMAGAZIN: Sie müssen heute ein riesiges Bildarchiv besitzen, das sich über all die Jahre angesammelt hat. Haben Sie das Gefühl, dass sich darin noch einige ungehobene Schätze befinden?
Sebastião Salgado: Die „Gold“-Bilder habe ich 1986 fotografiert und das Buch dazu ist gerade erst erschienen. Ich hatte davor tatsächlich noch keine Zeit, die Bilder auszuwählen. Diese Story hatte ich zunächst als Teil meines „Workers“-Bildbandes veröffentlicht. Kaum war dieser fertig, merkte ich, dass sich da gerade eine Riesenstory auf unserem Planeten entwickelte, und fotografierte die nächsten sieben Jahre die Migration für den Bildband „Exodus“. Danach arbeitete ich an „Genesis“: Ich hatte keine Zeit, um mit diesen Bildern zu arbeiten. 2016 habe ich mir dann allerdings meine Kniescheibe in Amazonien gebrochen ...

fotoMAGAZIN: Mitten im Regenwald?
Sebastião Salgado: Ja, ich wollte über einen kleinen Bach springen, doch am anderen Ufer war der Boden rutschig und ich stürzte. Mein Knie war sofort riesig geschwollen und ich blieb einen Monat vor Ort. Zum Glück hatte ich ein ganzes Team mit mir. Als ich dann endlich zurückkam, waren zwei Knie-Operationen nötig. Ich musste sechs Monate die Arbeit aussetzen. Dabei sagte ich mir, jetzt wo ich nicht fotografieren kann, werde ich die „Gold“-Story ausgraben. Ich wusste, dass da eine nette Reportage wartete und traf endlich meine Bildauswahl. So entstand das neue Buch im Taschen Verlag. Sie haben natürlich Recht: Ich besitze ein riesiges Bildarchiv. In jede meiner Reportagen habe ich viel Zeit gesteckt. Wenn ich einmal älter bin, werde ich mir alles genauer anschauen.

fotoMAGAZIN: Ich habe das Gefühl, dass Sie bei Ihrer Arbeit bislang immer vorwärts schauten und kaum zurück.
Sebastião Salgado: Das ist wie beim Radfahren. Wenn du vergisst, in die Pedale zu treten, kippst du um. Solange du die Energie hast und den Wunsch weiterzumachen, musst du das auch tun.

fotoMAGAZIN: In den 1990er-Jahren hatten Sie als Fotograf eine Krise. Wie sind Sie aus dieser Situation rausgekommen und wie haben Sie sich in dieser Zeit entwickelt?
Sebastião Salgado: Ich habe rausgefunden, indem ich Bäume pflanzte und zusah, wie ein kleiner Baum in der Natur wuchs, Blätter bekam und manchmal bereits die ersten Früchte trug. Wenn die Bäume erst einmal größer sind, wimmelt es dort von tausenden Lebewesen: Ameisen, Termiten, Vögel, Fliegen. Die Natur ist ganz erstaunlich. Als ich meinen Wald aufforstete, entdeckte ich eine ganz wich­tige Sache: All diese kleinen Dinge sind wichtig. Die Mineralien, die Vegetation, die Tiere! Das hat mich verändert und in mir den Wunsch wachsen lassen, mir den Planeten genauer anzusehen und die Natur zu fotografieren.

fotoMAGAZIN: Sind Sie heute ein anderer Mensch als vor der Krise?
Sebastião Salgado: Ich habe gelernt, dass die größte Reise, die ich in all den Jahren bei der Arbeit an „Genesis“ gemacht habe, eine Reise zu mir selbst war. Ich habe dabei meine Beziehung zu den anderen Lebewesen entdeckt und lernte, dass beispielsweise Mineralien in uns leben und kein getrennter Teil von uns sind. Ich habe auf meinen Reisen 4000 Jahre alte Bäume gesehen  – die Hälfte von ihnen verbrannte vor 2000 Jahren, doch diese hatten überlebt. Wenn du aufmerksam bist, entdeckst du all die Tiere im Wald. Es ist eine Lüge, dass wir die einzige rationale Spezies sind.

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Bild aus der Goldmine im Amazonas-Dschungel von Sebastião Salgado

Die einst größte Goldmine der Welt: Ein infernalisches Erdloch im Dschungel. „Als ich am Rande dieses riesigen Lochs ankam, standen mir die Haare zu Berge“, erinnert sich Salgado. „In Bruchteilen von Sekunden sah ich die Geschichte der Menschheit vor mir – der Bau der Pyramiden, der Turm zu Babel, die Minen des König Salomon.“ In seinem neuen Bildband „Gold“ erzählt er nun die Geschichte der Gier nach Gold im Amazonas-Dschungel neu und facettenreich wie nie.

© Sebastião Salgado

fotoMAGAZIN: Haben Sie heute ein anderes Bild von Schönheit?
Sebastião Salgado: Nein. Schönheit ist für mich Würde, das Gleichgewicht eines Ortes und des Lichts, eine starke Präsenz im Leben. Wahre Schönheit liegt für mich nicht in einem schönen Gesicht. Wenn du einen Baum fotografierst, dann musst du ihn respektieren, denn er hat eine große Würde. Wenn du diese respektierst, dann schenkt dir der Baum schöne Bilder (lächelt).

fotoMAGAZIN: Was macht ein Foto zur Ikone?
Sebastião Salgado: Ich habe keine Ahnung. Niemand weiß, warum Bilder Ikonen werden. Warum speziell ein Bild und nicht ein anderes, das genauso mir stark erscheint? Es ist wohl, weil die Menschen sich gerne darüber unterhalten haben und damit dem Bild mehr Einfluss gaben.

Zur Person

Sebastião Ribeiro Salgado Júnior wurde am 8. Februar 1944 in Aimorés (Brasilien) geboren und lebt heute in Paris. Der studierte Wirtschaftswissenschaftler ist einer der bekanntesten humanistisch gesinnten Fotoreporter der Gegenwart. Ende 2019 wurde er mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

Der neue Bildband:  „Gold“

Salgados Bilder der Arbeiter, die täglich in ein 200 Meter tiefes Erdloch im Amazonas-Regenwald hinabstiegen, gehören zu den besten Fotos seiner langen Karriere. Nun ist seine grandiose Fotoreportage in imposanter Fülle in dem neuen Bildband „Gold“ erschienen. Einige der besten „Gold“-Motive werden darüber hinaus derzeit in der Kölner Galerie von Bene Taschen präsentiert.

  • Sebastião Salgado, Lèlia Wanick Salgado, Alaan Riding
  • 24,8 x 33 cm, Hardcover, 208 Seiten
  • Taschen Verlag, 50 Euro

Weitere Bildbände: "Genesis" (mehr dazu hier) und "Another America" (mehr dazu hier)

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Manfred Zollner

Unser Chefredakteur Manfred Zollner hat bereits während seines Studiums der Kommunikationswissenschaft sein Taschengeld als Konzertfotograf verdient. Der langjährige stellvertretende Chefredakteur des Heftes leitet seit April 2019 die Redaktion. Darüber hinaus betreut er das einmal im Jahr erscheinende XXL-Heft fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios.