Pascal Kerouche

"Ich habe eigentlich nie über die Option nachgedacht, Fotograf zu werden"
23.06.2016

Pascal Kerouche über seinen Weg in die Fotografie, das echte Leben in der Bronx und wie es so ist, Haus- und Hof-Fotograf von Snoop Dogg zu sein

 

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Der Fotograf Pascal Kerouche höchstpersönlich

Der Fotograf Pascal Kerouche höchstpersönlich. Neben der Musik- und Werbefotografie interessieren ihn außerdem bildjournalistische Projekte

© Olaf Lumma

Die aktuellen Promobilder für Samy Deluxes Comeback zieren inzwischen namhafte Blätter und wer sich das Portfolio von Pascal Kerouche genauer anschaut, bemerkt sehr schnell: der Typ hatte auch international gefeierte Hip Hop-Größen vor der Linse. fM-Volontärin Anne Schellhase hatte bei dem Shooting für Samy Deluxes "Berühmte letzte Worte" die Gelegenheit, dem Werbefotografen über die Schulter zu schauen und ganz nebenbei mehr über Kerouche zu erfahren.

Interview: Anne Schellhase

fotoMAGAZIN: Pascal, du bist Jahrgang 83 und im beschaulichen Bremervörde geboren. War es schon immer dein Wunsch Fotograf zu werden?
Pascal Kerouche: Ich habe eigentlich nie über die Option nachgedacht, Fotograf zu werden. Das Interesse für Fotografie bzw. das Visuelle bestand bei mir schon immer: Mit 13 fotografierte ich bereits Musiker wie Michael Jackson, Nas und Xzibit auf Konzerten. Da steckte jedoch kein ernst zu nehmendes Bestreben hinter, dies eines Tages mal beruflich zu machen.

fM: Und wie kam es dann dazu, dass du heute diesen Beruf ausübst?
Kerouche: Ich hatte sehr viel Glück und bin eher zufällig zur Fotografie gekommen. Ehrlich gesagt hatte ich nach dem Abitur keine Ahnung, was ich mit meinem Leben anfangen soll. Meine Begeisterung für Foto, Film und Hip Hop bestand jedoch nach wie vor. Ich wollte diese drei Dinge miteinander verbinden und setzte mir in den Kopf nach New York zu fliegen und dort eine Dokumentation über den Untergrund Hip Hop zu drehen.

Ich bin halt kein Typ, der aus einem anderen Land dahin kommt und sich das alles nur von außen anschaut, der hier und da mal eintaucht, um dann wieder im feinen Hotelzimmer zu verschwinden …

fM: Du bist also tatsächlich einfach in die Staaten geflogen?
Kerouche: Ja, genau. Ich bin nach New York geflogen, um meine Idee umzusetzen. Und die Leute aus der Branche mochten mich sehr: Ich bin halt kein Typ, der aus einem anderen Land dahin kommt und sich das alles nur von außen anschaut, der hier und da mal eintaucht, um dann wieder im feinen Hotelzimmer zu verschwinden. Als ich nach New York flog, hatte ich lediglich 70 Dollar in der Tasche, war also ziemlich abgebrannt. Dreimal täglich holte ich mir ein Croissants für genau einen Dollar am Corner Store – so hielt ich mich über Wasser. Außerdem lebte ich komplett in der dortigen Kultur: Ich habe mir in der Bronx mit sieben Mitbewohnern eine Drei-Zimmer-Wohnung geteilt und Monate lang auf dem Boden geschlafen. Naja, und ich war bis zu 20 Stunden in den Ghettos New Yorks unterwegs, um die Rapper auf der Straße zu filmen.

Schon zu diesem Zeitpunkt habe ich die Künstler zusätzlich auch immer fotografiert. Ich würde sagen das Verhältnis zwischen Film und Foto lag anfangs bei 90:10. Nach und nach änderte sich die Gewichtung immer mehr, sodass ich heute eher zu 80% fotografiere. Irgendwann bekam ich einen Anruf, weil jemand Bilder für ein CD Cover brauchte. Dieser Anruf war so gesehen mein erster Auftrag und kam von einem DJ aus der Bronx, DJ Bad Guy. Also habe ich die Fotos für eines seiner Mixtapes gemacht. Ich bekam 500 Dollar für die Bilder – Das war die Rettung!

fM: Und dann kamen die Aufträge?
Kerouche: Kann man so sagen. Ich habe mich sehr oft auf Konzerte geschlichen, dort habe ich Backstage fotografiert und mir die Kontaktdaten der Künstler selbst oder von Mitgliedern aus deren Team gesichert. Dass da jemand ist, der sich für den Lifestyle der Szene interessiert, haben die Leute natürlich auch mitbekommen. Und im Grunde ist die Musikszene relativ klein: Kennt man einen, kennt man alle. Binnen weniger Stunden bearbeitete und verschickte ich die Bilder dann – dieses Tempo schätzten die Künstler sehr. Mit vielen dieser Musiker bin ich heute noch befreundet, sie nahmen mich mit ins Studio, zu ihren Konzerten usw. In den Aufnahmestudios hängen dann auch größere Künstler rum, so hat sich das Ganze dann entwickelt. Der erste namhafte Künstler, den ich in New York fotografiert habe, war übrigens Ja Rule.

fM: Aprospos Ja Rule: Ein Blick auf dein Portfolio verrät, dass du bereits sehr viele bekannte Persönlichkeiten aus der amerikanischen Hip Hop-Branche vor der Kamera hattest. Wie sieht die Geschichte dazu aus?
Kerouche: Ich bekam den Auftrag, Künstler von Ja Rule zu fotografieren. CMC (Cash Money Click), Black Child und Ronnie Bumps. Eben all die Künstler, die zu dem Zeitpunkt bei ihm unter Vertrag standen. Also bin ich nach Manhattan ins Studio gefahren, Ja Rule war ebenfalls dort: Von da an war ich Mitglied der Murder Inc. Gang, hing ständig mit den anderen im Studio rum, habe bei den Videodrehs für Ja Rule fotografiert und die Pressefotos gemacht. Das müsste so im April 2006 gewesen sein, also vor rund zehn Jahren.

Als dann die MTV Music Awards in New York stattfanden, schlich ich mich am Abend zuvor auf die Pre-Party von Lil´Kim. Wie sich herausstellte, war ich der einzige Mensch mit einer Kamera in dem Gebäude. Snoop Dogg war auch da und Lil ´Kim kam grade erst aus dem Knast – das war also eine große Sache, denn niemand hatte Lil´Kim seit längerer Zeit gesehen. Ich habe dann ein paar Bilder von Snoop und ihr gemacht und mich anschließend einfach an ihn und seine Entourage drangehängt. Wir wollten noch auf die Party von P. Diddy, doch kamen leider nicht rein. Letzten Endes sind wir dann mit einem Haufen anderer Leute in Snoops Hotelzimmer gelandet: Die Story würde jetzt noch sehr lang weitergehen, endete jedoch damit, dass er meinte ich solle mich melden, wenn ich je in L.A. wäre. Das tat ich dann auch, als ich zufällig dort war. Er lud mich in sein Studio ein, bot mir an zu bleiben und von da an hing ich ganze sechs Monate 24 Stunden am Tag mit Snoop Dogg rum.

Vor einigen Jahren bin ich des Öfteren an einen Punkt gelangt, an dem ich mit all dem Schluss machen und künftig nur noch kommerziellen Kram machen wollte.

fM: Wie ist es einer solchen Hip Hop Größe so nahe zu sein?
Kerouche: Ehrlich gesagt habe ich nie drüber nachgedacht, zumindest am Anfang nicht. Die Dinge haben sich irgendwie so entwickelt. Als ich anfing darüber nachzudenken, war ich schon viel zu gut mit diesen Leuten befreundet, als dass es noch außergewöhnlich hätte sein können. Snoop Dogg beispielsweise ist für mich eine ganz normale Person. Merkwürdig wird das Gefühl eigentlich immer nur dann, wenn ich mit dem Teil meiner Freunde Zeit verbringe, der nicht mit Snoop Dogg & Co. befreundet ist, denn für sie ist Snoop alles andere als eine ganz normale Person.

fM: Gibt es lustige Anekdoten aus der Zeit in Amerika?
Kerouche: Haufenweise. Nehmen wir eine aus der Zeit mit Snoop Dogg: Immer wenn wir auf Tour waren, hatten wir diese kleine Challenge getrennt zu den Shows gehen, weil ich felsenfest behauptete es ohne jeglichen Vorteil unserer Freundschaft Backstage zu schaffen. Meistens habe ich unsere kleine Wette auch gewonnen. Als er einmal auf dem Splash Festival spielte kam ich breit grinsend auf ihn zu. Er hetzte die Security auf mich, die mich in den Schwitzkasten nahm und vom Gelände schmiss. 20 Minuten später war er es dann, der breit grinste und bis heute schreibt er mich nie auf die Gästelisten seiner Shows. Einfach aus Freude am Spaß dieser kleinen Wette zwischen uns.

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Making of: Samy Deluxes "Berühmte letzte Worte"

Making of: Das Team um Kerouche begutachtet die ersten Ergebnisse des Shootings

Assistent: Bjarne Kuhrt
Digi-Assistent: Alex Woeckener
Haare & Make Up: Anne Henrichsen
Styling: Elisabeth V. Hardenberg
Studio: Play Studio

© Pascal Kerouche

fM: Zurück nach Deutschland: Wie hat sich deine Rückkehr damals gestaltet?
Kerouche: Als ich damals aus New York wieder nach Deutschland kam, habe ich erst mal lange Zeit nichts gemacht. Ich kannte bis auf Paul Ripke auch niemanden aus der Szene, da ich ja zuvor durchgehend in Amerika war. Fotografisch gesehen habe ich weder eine Lehre gemacht, noch als Fotoassistent gearbeitet oder ähnliches. Mein ganzes berufliches Handeln geschah bis dato aus dem Bauch heraus – technisch gesehen hatte ich allerdings gar keine Ahnung. Irgendwann stellte Paul mir das Fotografen-Duo Köster & Lumma vor. Die beiden nahmen mich unter ihre Fittiche und brachten mir das technische Know-how bei. Bis heute verbindet uns eine sehr gute Freundschaft. Ich kann die beiden zu jeder Tages- und Nachtzeit anrufen und arbeite oft in ihren Studios.

fM: Wer oder was hat deine Arbeit außer den beiden noch geprägt?
Kerouche: Neben der Musik und den Musikern selbst sind es vor allen Dingen Gespräche und Situationen des täglichen Lebens, die mich inspirieren. Natürliche bewege ich mich bei Instagram und viele Ideen entstehen durch Songs, die ich höre und die Stimmung, die diese in mir auslösen. Beispielsweise habe ich eine Strecke namens „Homicide Harlems“ in den „Wagner Projects“ in NY geschossen. Kurz bevor diese Strecke entstand, saß ich gemeinsam mit meinem Freund und Untergrund-Rapper T-Parris in einem Hotelzimmer in Harlem. Er spielte mir seinen unfertigen Song „Homicide Harlem“ vor und in meinem Kopf entstanden Bilder. Meine gleichnamige Fotostrecke spiegelt wieder, was dieser Song in mir auslöste.

fM: Ist deine eigene Musikbegeisterung auch der Grund dafür, dass du überwiegend Musiker fotografierst? Oder ergibt sich das einfach daraus, dass du dich in der Musik-Szene bewegst?
Kerouche: Ach, in Amerika ist das im Grunde ja einfach so entstanden und es macht mir unglaublich viel Spaß, gerade weil es genau die Welt ist, in der ich mich wohl fühle. Nichtsdestotrotz muss man sagen, dass die Musikfotografie gerade in Deutschland zum Teil schon eine sehr undankbare Sparte für Fotografen ist. Vor einigen Jahren bin ich des Öfteren an einen Punkt gelangt, an dem ich mit all dem Schluss machen und künftig nur noch kommerziellen Kram machen wollte. Ein Versuch endete damit, dass ich ganze drei Monate keine Aufträge mehr in dem Bereich annahm, um am Ende doch wieder zurück zur Musikfotografie zu kommen – Ich schätze, ich kann einfach nicht anders.

Diese aufwändigen Nachbearbeitungen via Photoshop halte ich persönlich für vollkommen überflüssig und unehrlich.

fM: Wieso empfindest du diesen Bereich als so undankbar?
Kerouche: Aus mehrerlei Gründen. Zum einen hat man immer mit dem Ego des Musikers zu kämpfen. Ich versuche den Künstlern zwar immer auf Augenhöhe zu begegnen, dennoch ist es manchmal harte Arbeit. Und zum anderen ist es dieser Zweig auf der finanziellen Ebene einfach ein unglaublich undankbarer Job: Da die Verkaufszahlen für Alben deutlich zurückgegangen sind, wollen die Labels kaum noch Geld für professionelle Pressefotos ausgeben. Und sie benötigen diese auch kaum mehr, denn es gibt tausende Kids, die es cool finden Musiker zu fotografieren – und dies auch für Lau machen.

fM: Bei dem Shooting mit Samy Deluxe ist mir aufgefallen, wie viel Wert du auf eine gute Beleuchtungssituation legst: Bedeutet das im Umkehrschluss, dass du in Sachen Nachbearbeitung Zeit sparen willst?
Kerouche: Je weniger Nachbereitung via Photoshop gemacht werden muss, desto besser. Dabei geht es mir nicht nur um ein Zeitersparnis. Viel wichtiger ist mir, beispielsweise keine komplett neue Lichtstimmung mit Photoshop zu inszenieren und – bis auf kleine Korrekturen am Hautbild des Portraitierten – ein ehrliches Bild zu machen. Diese aufwändigen Nachbearbeitungen via Photoshop halte ich persönlich für vollkommen überflüssig.  Außerdem habe ich es einfach so von Köster & Lumma gelernt und bin bisher sehr gut damit gefahren.

fM: Apropos: Wie hast du Samy Deluxe kennengelernt?
Kerouche: Auch die Szene in Hamburg ist relativ klein. Ein sehr guter Freund von mir ist der Rapper Nico Suave, mit ihm bin ich eigentlich immer unterwegs wenn er einen Auftritt hat und es gab viele Überschneidungen mit Samy. Das erste Mal habe ich ihn allerdings 2010 in seinem Studio getroffen, als ich den Auftrag bekam Autogrammkarten für ihn zu fotografieren. Dies war unsere erste Begegnung und seitdem fotografiere ich viele seiner Shows und andere Events.

fM: In deiner Serie „Almost Not Famous“ zeigst du bekannte Persönlichkeiten in ihren ursprünglichen Wunschberufen: Wie ist die Idee dazu entstanden und wird es eine Fortsetzung geben?
Kerouche: Almost Not Famous wird auf jeden Fall weitergehen, die Terminfindung mit allen Beteiligten ist jedoch eine kleine Herausforderung. Hinzu kommt, dass ich Projekte wie dieses natürlich selbst finanzieren muss. Ich hoffe zum Ende diesen Jahres einen zweiten Teil der Strecke realisieren zu können und es werden auch ein paar gute Namen dabei sein. Wer genau möchte ich allerdings noch nicht verraten.

Und die Idee dazu ist eher zufällig entstanden: Auf der Suche nach einem neuen Projekt bin ich an einem Friseursalon vorbei gekommen und sah, wie Das Bo gerade seinen Kittel ausschüttelte. Ich begrüßte ihn scherzhaft mit den Worten „Bist du jetzt Friseur?“ und die Idee war geboren. Der Plan ist, noch eine Reihe mit deutschen Künstlern zu machen, bevor auch internationale Künstler einen Tag lang in die Rolle ihres Wunschberufes schlüpfen dürfen.

fM: Planst du aktuell eine Ausstellung?
Kerouche: Aktuell ist nichts geplant, jedoch habe ich dies für die nahe Zukunft im Hinterkopf. Im vergangenen Jahr habe ich mehrere Vorträge gehalten, bei denen ich die Geschichten hinter meinen Bildern erzählte. Ich dachte immer das wäre unglaublich langweilig, doch es machte mir super viel Spaß. Deswegen arbeite ich derzeit nebenher an einem Buch, in dem ich gar nicht so viele offizielle Bilder aus New York zeige, sondern eher Schnappschüsse und private Fotos samt Story zu den einzelnen Aufnahmen. Ich kann mir vorstellen zum Release erneut Vorträge zu halten und eine Ausstellung zu machen. Ein Datum gibt es hierfür allerdings noch nicht.

Almost Not Famous

fM: Letzte Frage: Bei dem Shooting mit Samy hattest du eine Fuji Instax dabei. Fotografierst du viel analog?
Kerouche: Nein, ich lief zwar mal eine Zeit lang mit einer Hasselblad 202fa rum, was witzig war und Spaß gemacht hat, allerdings beschränkt sich das Analoge bei mir lediglich auf die Fuji Instax. Ich mag Polaroids und habe zu Hause im Flur eine Wand, die quasi mit Sofortbildern tapeziert ist. Außerdem gibt mir diese Kamera die Möglichkeit, sofort Fotos zu verschenken und auf diese Art etwas zurück zu geben.

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fM-Volontärin Anne Schellhase beim Shooting mit Samy Deluxe

fM-Volontärin Anne Schellhase beim Shooting mit Samy Deluxe

© Pascal Kerouche

Anmerkung der Autorin: Vielen Dank an Sigma Deutschland und Pascal Kerouche für diesen wirklich deluxen Tag!

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Über den Autor
Anne Schellhase

Das jüngste Mitglied der fotoMAGAZIN Redaktion ist Anne Schellhase. Die studierte Sozialpädagogin fotografiert leidenschaftlich, vor allem analog, gerne als Lomographin - was in der Redaktion immer wieder zu interessanten Debatten führt. Anne kümmert sich um unseren Online-Auftritt und ist meist die Erste, die antwortet, wenn Sie auf dieser Seite kommentieren oder uns über Social-Media-Kanäle kontaktieren.