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Mario Testino
Mario Testino 2015 am Set eines Shootings für Carolina Herrera in Barcelona.
© Barwerd van der Plas/ Courtesy 29 Arts in Progress Gallery

Mario Testino

Der Fashion-Star auf neuen Wegen
02.02.2022

Er ist einer der berühmtesten Modefotografen unserer Tage. Ein Exklusiv-Interview mit dem Peruaner über Sexappeal, Lady Diana und die neue Lust auf Dokumentarfotografie.

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Eva Herzigová

Eva Herzigová, Rome, Vogue Paris, 2006.

Foto: © Mario Testino

Wir haben Jahre auf dieses Interview gewartet. Jetzt ist der legendäre Fashion-Fotograf am Beginn eines neuen Weges angkommen. Im Interview mit Chefredakteur Manfred Zollner berichtet er über seine neuen Pläne mit der Dokumentarfotografie.

fotoMAGAZIN: Sie haben mehrfach Prinzessin Diana porträtiert. Welche Erwartungen hatte Diana, als sie zur Fotosession kam und wie gehen Sie generell mit den Erwartungshaltungen der Porträtierten um?
Mario Testino: Prinzessin Diana hat­te eigentlich keine besonderen Erwartungen. Sie vertraute mir völlig. Wenn Leute bestimmte Erwartungen mitbringen, mache ich, was ich kann, damit sie sich am Set wohlfühlen und ihre Persönlichkeit in den Bildern zur Geltung kommt.

fotoMAGAZIN: Die Modewelt hat sich dramatisch verändert. Was bedeutet das für die Fotografen? Können Sie bitte diese Veränderungen beschreiben?
Mario Testino: Ich denke, die Anforderungen an Fotografen sind heute komplexer geworden, da wir die sozialen Medien, Filme, „Behind the Scenes“-Aufnahmen und sogar TikTok berücksichtigen müssen. Das bedeutet, dass die Fotografen weniger Zeit haben, sich auf ihre Bilder zu konzentrieren, um all diesen Formaten gerecht zu werden.

fotoMAGAZIN: Unterscheidet sich die italienische Herangehensweise an die Modefotografie von der französischen oder britischen?
Mario Testino: Ich bin Peruaner und folge da ganz meinem Bauchgefühl und meiner Intuition. Ich denke, es kommt ganz darauf an, wie wir erzogen worden sind – sowohl visuell als auch kulturell – und wie wir mit den Menschen umgehen.

fotoMAGAZIN: Welche Charaktereigenschaften suchen Sie bei einem Model?
Mario Testino: Ich arbeite immer am liebsten mit Menschen, die Persönlichkeit mitbringen und nicht wie eine leere Hülle erscheinen und mir keine Ideen vermitteln können. Mir ist es sehr wichtig, die Persönlichkeit in meinen Bildern zu zeigen.

Du musst das Innerste einer Person zum Vorschein bringen.

fotoMAGAZIN: Sie gelten als Entdecker des späteren Supermodels Giselle Bündchen. Haben Sie ihr Potenzial sofort erkannt?
Mario Testino: Ich habe Giselle bei einem Casting in New York kennengelernt und sofort gemerkt, dass sie ein ganz besonderer Mensch mit viel Energie ist.

fotoMAGAZIN: Was macht das Charisma einer Person aus?
Mario Testino: Normalerweise kommen die Menschen recht jung in die Modewelt, werden langsam erwachsen und die persönliche Ausstrahlung entwickelt sich dann dabei.

fotoMAGAZIN: Wie bringt man Sexappeal in ein Bild?
Mario Testino: Du musst das Innerste einer Person zum Vorschein bringen und sie ermutigen, das preiszugeben, was sie gerade denkt.

fotoMAGAZIN: Ist Glamour zeitlos in der Fotografie?    
Mario Testino: Ich denke, Glamour kommt und geht, wie alles andere auch, aber man kann ihn einsetzen, wenn man will. Wenn nicht, dann kann jeder den Blick auf etwas anderes lenken.

fotoMAGAZIN: Haben Sie eine Porträt-Philosophie?
Mario Testino: Mein Ziel ist es immer, dass sich die Person am Set richtig wohl fühlt, denn dann ist das Porträt am wirkungsvollsten.

fotoMAGAZIN: Sie haben zuletzt den Bildband „Ciao“ mit Aufnahmen aus Italien veröffentlicht. Werden Sie irgendwann auch einen über England zusammenstellen?
Mario Testino: Im Moment weiß ich noch nicht genau, wie meine nächsten Bücher aussehen werden, doch es wird verschiedene Varianten von „Ciao“ geben. Die könnten dann „Hello”, „Bonjour”, „Hola” oder „¿Qué tal?” heißen.

fotoMAGAZIN: Was ist das Geheimnis des „Visual Storytelling“ in einem Fotobuch – wie entwickelt man eine Geschichte aus hunderten Einzelbildern?
Mario Testino: Das kommt ganz darauf an, was man in einem Buch erzählen möchte. Als ich „Ciao“ mit meinen Italien-Bildern vorbereitete, beschloss ich, es in drei Teile aufzuteilen: Der erste Teil ‚In Giro’ erzählte von der Ankunft, dem Kennenlernen eines Ortes und seiner Entdeckung. In ‚Alla Moda‘, dem zweiten Teil, zeigte ich die Modewelt und näherte mich dem Land. Darauf folgte ‚Al Mare‘, jener Ort, an dem du deinen Urlaub verbringst; das Essen, die Plätze und Strände, die du dort vorfindest.

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Sprung vom Felsen

Philip Bode, Palmarola, 2016.

Foto: © Mario Testino

fotoMAGAZIN: Gibt es eine Fotosession, die unter all Ihren Shootings noch heute ganz besonders heraussticht? Und wenn ja: Warum?
Mario Testino: Davon gibt es mehrere. Die letzte Session mit Prinzessin Diana bleibt wohl am stärkten in Erinnerung, nicht nur wegen der erstaunlichen gemeinsamen Momente die wir an diesem Tag hatten, sondern auch in Anbetracht der späteren Ereignisse. Andererseits war mein Shooting mit Madonna für Versace ebenfalls unvergesslich. Ich arbeitete mit Tageslicht und damals gab es in Mailand keine Tageslichtstudios. Also haben wir uns ein Studio in einem leerstehenden Gebäude eingerichtet. Donatella Versace brachte die ganze Ausstattung mit und gestaltete das Umfeld. Sie stellte selbst Duftkerzen auf. Schließlich fühlte sich alles wie ein richtiges Zuhause an und Madonna konnte sich dort rundum wohlfühlen.

fotoMAGAZIN: Was interessiert Sie heute in der Fotografie am meisten?
Mario Testino: Ich möchte Dinge dokumentieren, die ich auf der ganzen Welt entdecke. Dinge, die etwas mit Tradition und Weiterführung zu tun haben. Ich habe das Projekt „A Beautiful World“ ins Leben gerufen, das sich diesem Thema widmet und auf das sich jetzt mein ganzes Interesse konzentriert.

fotoMAGAZIN: In Ihrer Heimatstadt Lima haben Sie ein eigenes Testino-Museum. Was stellen Sie dort aus und wie ist die Idee zu diesem Museum entstanden?
Mario Testino: Leider ist das Museum in Lima jetzt wegen Covid-19 geschlossen und wir haben nicht vor, es wieder zu öffnen – aber wir werden Sie informieren, sobald es neue Projekte gibt.
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Zur Website des Fotografen:
> www.mariotestino.com

Die aktuelle Ausstellung „Mario Testino: Unfiltered“

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29 Arts in Progress Gallery, Mailand

„Mario Testino: Unfiltered“ in den Räumlichkeiten der 29 Arts in Progress Gallery in Mailand.

© 29 Arts In Progress Gallery

Noch bis zum 28. Februar 2022 in der 29 ARTS IN PROGRESS Gallery in Mailand ist "Mario Testino: Unfiltered" zu sehen. 
> www.29artsinprogress.com

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Manfred Zollner

Unser Chefredakteur Manfred Zollner hat bereits während seines Studiums der Kommunikationswissenschaft sein Taschengeld als Konzertfotograf verdient. Der langjährige stellvertretende Chefredakteur des Heftes leitet seit April 2019 die Redaktion. Darüber hinaus betreut er das einmal im Jahr erscheinende XXL-Heft fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios.