Joel Meyerowitz

"Ich war ein Missionar"
11.12.2017

Vor rund einem Jahr wurde Joel Meyerowitz in die „Leica Hall of  Fame“ aufgenommen. Wir baten den Meister der Street Photography und Pionier der künstlerischen Farbfotografie in Wetzlar zu einem Gespräch über Ruhm, Geld und künstlerische Ambitionen.

 

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Joel 
Meyerowitz (*1938 in New York) kam 1962 zur Fotografie. In der Street Photography fand er ein dynamisches Spannungsfeld voller surreal-skurriler Interaktionen, die beim Betrachter Raum für Interpretationen lassen. C/O Berlin zeigt bis zum 11. März 2018 Arbeiten dieses Pioniers der Farbfotografie.

© Manfred Zollner

fotoMAGAZIN: Herr Meyerowitz, wie haben technische Innovationen der Kamera- und Filmindustrie die Ästhetik Ihrer Bilder über die Jahre beeinflusst?
Joel Meyerowitz: Ich glaube, dass die Digitalwelt eine andere Unmittelbarkeit mit sich bringt. Du kannst nach dem Fotografieren sofort die Bilder betrachten und bearbeiten. In gewisser Weise erscheint das Digitale illusionär, doch es ist taktil erfahrbar, da wir das Ergebnis sofort bekommen. Früher mussten die Filme entwickelt werden, du hattest Kontaktbögen. Ich habe das zwar auf eine philosophische Art geliebt, doch wer will schon gerne warten? Die Möglichkeit, sofort Prints erstellen zu können, gibt dem Künstler die Möglichkeit, emotionaler und intellektueller zu kommunizieren. Ich glaube, diese Verbindung der digitalen Ära ist Teil unseres neuen Vokabulars.

fotoMAGAZIN: Wie sehen Sie den aktuellen Retro-Trend zum Analogen?
Meyerowitz: Ich glaube, dass das eine natürliche Reaktion auf unsere digitale Welt ist. Es wird viele geben, die das Vergrößern in der Dunkelkammer wieder erleben wollen und die Zeit ein bisschen entschleunigen möchten. Ich verstehe das, teile dieses Interesse jedoch nicht. Vermutlich, weil ich 78 Jahre alt bin. Mir bleibt nicht mehr genug Zeit, die ich in der Dunkelkammer verschwenden könnte. Heute möchte ich raus in die Welt und meinen Spaß haben.

Fotografie ist eine permanente Einladung, die Welt zu betrachten.

fotoMAGAZIN: Sehen Sie sich heute überhaupt noch gerne Ihre alten Arbeiten an?
Meyerowitz: Das war gerade eine außergewöhnliche Zeit für mich. In den letzten zwei Jahren habe ich mir alles angeschaut, was ich je fotografiert habe. Ich habe gerade mein Archiv an einen privaten Sammler in New York verkauft – 35.000 Vintage-Prints. Der Käufer wird die Arbeiten Institutionen auf der ganzen Welt spenden. Er muss aber noch ein Jahr warten, wegen der amerikanischen Steuergesetze. Er hat sie nämlich nur aus steuerlichen Gründen erworben. (lacht)

fotoMAGAZIN: Sie sind ein Pionier der Farbfotografie. Wie lange dauerte es, bis Sie von Ihren Arbeiten leben konnten?
Meyerowitz: Ich habe 1962 angefangen. Damals gab es nur eine einzige Galerie in New York. In dieser Galerie habe ich eine Ansel Adams-Ausstellung gesehen. Seine Drucke kosteten damals 25 Dollar. Davon konnte er nicht leben und alle Anderen konnten es auch nicht. Erst 1990 habe ich mit meiner kommerziellen Arbeit aufgehört und konnte meinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf meiner Bilder bestreiten. Es war nicht immer leicht – auch weil ich aus der Generation der 1960er-Jahre komme, die der Kunstmarkt in eine Schublade gesteckt hat. Junge Fotografen können jetzt viel Geld machen, wenn sie heiß gehandelt werden. Ältere Fotografen treten in gewisser Weise auf der Stelle. Meine Umsätze sind jedoch konstant und dafür bin ich dankbar.

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„New York City, 1963“ 

Ein Farbbild von Schwarz und Weiß, das viel Raum für Interpretationen der Posen lässt.

© Joel Meyerowitz

fotoMAGAZIN: Sie haben Ihre Street Photography mal mit „Action-Paintings“ verglichen. Womit würden Sie dann Ihr Gesamtwerk vergleichen, das ja weit mehr als „Action-Paintings“ umfasst.
Meyerowitz: Absolut. Meine Arbeit ist sehr vielschichtig. Ich habe mich weiterentwickelt, Dinge weggelassen und Neues ausprobiert. Mich interessiert, wie die Kamera die Welt und meine Entwicklung beschreibt. Fotografie, so wie ich sie verstehe, ist nicht so sehr mit einem visuellen Medium vergleichbar wie mit Poesie, Meditation und Philosophie. Mir geht es um Erkenntnis. Ich versuche, mir dessen bewusst zu werden, was in der Welt passiert und schnell genug zu sein, das festzuhalten. Ich verstehe das als eine Kunstform, die uns unmittelbares Bewusstsein ermöglicht. Das Spiel besteht darin, eine stete Quelle von Begeisterung und Enthusiasmus zu finden.

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„Frau mit Hut an einer Straßenecke, 
New York City, 1974“
Die visuelle Information verteilt sich über das ganze Bild: Gesten, Muster, Farben erscheinen wie um die Passantin mit Hut choreographiert.

© Joel Meyerowitz

fotoMAGAZIN: Sie haben Ausstellungen und einen Bildband gemacht, die sich auf eine sehr kreative Zeitperiode zwischen den Siebzigern und Achtzigern fokussierten. Hat sich Ihre Kreativität dieser Jahre aus der ganz speziellen Stimmung der Zeit entwickelt?
Meyerowitz: Ich glaube, die Nachkriegskunst hat in Amerika und Europa etwas angestoßen. Diese Samen der Kreativität und Grenzüberschreitung keimten in den Sechzigern und blühten bis in die Siebziger und Achtziger hinein. Die Fotografie hat die Kunstwelt damals herausgefordert. Heute steht sie auf einer Stufe mit der Malerei. Museen geben ihr immer mehr Platz und integrieren sie. Ich glaube, diese Wende haben wir vor allem einem Mann zu verdanken: John Szarkowski (der ehemalige Leiter der Fotoabteilung des MoMA). Er hat mich und viele andere sehr geprägt. Szarkowski hat es geschafft, das ganze Spektrum der Fotografie in den Blick zu nehmen: Farbe und Schwarzweiß, Nachrichten- und Landschaftsfotografie, Sport- und Modefotografie. Er vereinte alles und öffnete völlig neue Dimensionen. Das hat die gesamte Kunstwelt angesteckt.

(…) mein Chef engagierte Robert Frank als Fotograf. Zwei Stunden lang beobachtete ich, wie er sich bewegte und fotografierte. Jedes Mal, wenn ich seine Leica klickte, konnte ich sehen, wie ein Moment gefror.

fotoMAGAZIN: Sie arbeiteten als Artdirektor, bevor Sie Fotograf wurden. Wie lange rangen Sie mit sich, bis die Entscheidung für diesen Berufswechsel fiel?
Meyerowitz: Ich habe als Junior-Art-direktor eine Broschüre für einen Kunden gestaltet und mein Chef engagierte Robert Frank als Fotograf. Zwei Stunden lang beobachtete ich, wie er sich bewegte und fotografierte. Jedes Mal, wenn ich seine Leica klickte, konnte ich sehen, wie ein Moment gefror. Ich konnte es kaum fassen: Robert hielt immer den perfekten Augenblick fest. Als ich von dort wegging, erschien mir plötzlich die ganze Welt auf der Straße voller Höhen und Tiefen. Auf dem Weg in die Agentur wurde mir klar, dass ich Fotograf werden wollte. Als mein Chef mich dann fragte wie das Shooting war, meinte ich: ‚Fantastisch. Ich kündige!’ Er wollte das zunächst nicht glauben. Ich erklärte ihm, dass ich nie mehr im Büro, sondern auf der Straße arbeiten wollte. Am folgenden Freitag war mein letzter Arbeitstag. Ich hatte keine Ahnung, wie ich meinen Lebensunterhalt bestreiten sollte. Ich hatte nicht mal eine Kamera. Mein Chef hat mir seine geliehen, eine Asahi Pentax.

Ich konnte mir nicht vorstellen, 55 Jahre lang das gleiche Bild zu fotografieren, wie das viele Kollegen machen. Mein Motor muss immer einen anderen Treibstoff verbrennen, um weiterzulaufen.

fotoMAGAZIN: Es gab in Ihrer Karriere viele kreative Weiterentwicklungen. Was war Ihre Antriebsfeder, immer einen Schritt weiterzugehen? Langeweile?
Meyerowitz: Langeweile war es nicht. Sowohl die Welt, als auch die Fotografie bietet einem ständig Neues an, es ist direkt vor unseren Augen. Fotografie ist eine permanente Einladung, die Welt zu betrachten. Und dann gab es ein paar Dinge, die ich einfach wollte. Nach einigen Wochen mit einer Pentax mit 50 mm-Objektiv hatte ich das Gefühl zu ersticken. Ich merkte, dass ich ein Weitwinkel brauchte. Sobald ich mein Zeiss Flektogon hatte, sah die Welt ganz anders aus. Jedes Mal, wenn ich also eine Art inneren Widerstand spürte, habe ich etwas anderes ausprobiert. Ich konnte mir nicht vorstellen, 55 Jahre lang das gleiche Bild zu fotografieren, wie das viele Kollegen machen. Mein Motor muss immer einen anderen Treibstoff verbrennen, um weiterzulaufen.

fotoMAGAZIN: Haben Ihre kreativen Veränderungen Sie auch als Person verändert?
Maggie Barrett (Joels Ehefrau): In den 26 Jahren, die ich Joel kenne, hat er jene Ambitionen hinter sich gelassen, die ein junger Künstler hat. Die stillen Momente haben heute mehr Bedeutung. Ich glaube, vieles steht mit seiner Arbeit an Ground Zero in Verbindung. Er ist nicht rausgegangen, um dort „Joel Meyerowitz-Bilder“ zu machen, sondern um Historisches festzuhalten. Ich habe gesehen, wie sich Joels Herz in dieser Zeit geöffnet hat und seitdem immer weiter öffnet.
Meyerowitz: Ganz wichtig ist dieses Loslassen von Ambitionen. Solange wir jung sind, haben wir alle Sehnsüchte. Ich war ein Missionar. Ich war Maler und alle meine Freunde waren Maler. Sie fragten: ‚Was machst du da mit einer Kamera? Das ist doch verrückt.’ Ich habe die Fotografie, die Farbfotografie, immer angepriesen. Meine Ambition war es, mit diesem Medium etwas zu machen, das ernst genommen wird. Mit der Zeit möchte man dann natürlich Anerkennung. Ich hatte Glück. Ich hatte eine Ausstellung im Museum of Modern Art, als ich 30 Jahre alt war. Mittlerweile habe ich 25 Bücher veröffentlicht. In der Zeit um den 11. September habe ich gemerkt, dass diese Art von Ehrgeiz verschwindet.

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„New York City, 1962“ 

Ein frühes Meisterwerk, das 
noch Einflüsse von Robert Frank erkennen lässt.

© Joel Meyerowitz

fotoMAGAZIN: Hat der frühe Erfolg Sie unter Druck gesetzt? Andere Künstler hemmt das in ihrer Kreativität.
Meyerowitz: Als ich mit 30 Jahren eine Ausstellung hatte, gab es noch immer kein großes Interesse an Fotografie. Die Ausstellung im MoMA kam und ging. Sie brachte mir kein Geld, keine weiteren Ausstellungen, keinen Ruhm. Es war einfach nur eine Ausstellung. Ich war also gewissermaßen frei und dachte mir: ‚Wer weiß, ob noch einmal eine folgen wird.’ Wenn du heute jung bist und eine Ausstellung hast, erwartet jeder deine nächste Ausstellung und wehe, sie wird ein Misserfolg. Alles ist ein einziger Wettbewerb. Wir hatten früher keinen Wettbewerb. Ich war mit Garry Winogrand, Diane Arbus und Ralph Gibson befreundet. Es ging nie darum, wer den Platz in der Galerie bekommen sollte, weil es so gut wie keine Galerien für Fotografie gab. Uns verband die Liebe zu etwas, das jeder auf seine eigene Art anpackte. Heute kann ich sagen: Ich bin glücklich mit meinem Leben. Ich überschreite noch immer meine Grenzen.

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Why Color?
Die große Retrospektive in Berlin

Wo? C/O Berlin, Amerika Haus, Hardenbergstraße 22-24, 10623 Berlin
Wann? Bis 11. März 2018, täglich von 11-20 Uhr geöffnet
Eintritt? 10 Euro, ermäßigt 6 Euro
Führungen? Sa + So 14 und 18 Uhr, Sa um 18 Uhr in englischer Sprache

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Anne Schellhase

Anne Schellhase war von 2015 bis 2019 Mitglied der fotoMAGAZIN-Redaktion.