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Helmut Newton Selbstporträt, Monte Carlo, 1993
Selbstportrait von Helmut Newton (Monte Carlo, 1993)
© Helmut Newton, Helmut Newton Estate / Courtesy Helmut Newton Foundation

Helmut Newton

Schocker mit Dekadenz
31.10.2020

Der Meister der Provokation schätzt die Zensur. Helmut Newton im Interview über schlechten Geschmack, die Vorliebe der Briten für Fotoamateure und seine Suche nach dekadenten Bildern.

Heute, am 31. Oktober 2020, hätte Helmut Newton seinen 100. Geburtstag gefeiert. Zu diesem Anlass veröffentlichen wir unser Interview mit dem großen Bildermacher aus dem Jahr 1993.

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Helmut Newton, Rue Aubriot, Yves Saint Laurent, 1975

Anlässlich Newtons 100. Geburtstag erschien in diesem Jahr auch der Dokumentarfilm "Helmut Newton – The Bad and the Beautiful" von Regisseur Gero von Boehm.

© Helmut Newton, Helmut Newton Estate / Courtesy Helmut Newton Foundation

fotoMAGAZIN: In einem Ihrer Bücher schreibt Karl Lagerfeld, man habe bei Ihren Fotosessions fast physisch das Gefühl, dass man ein "Newton" würde. Erleben Sie öfter derlei Reaktionen, kommen die Menschen mit bestimmten Erwartungen zu Helmut Newton?
Helmut Newton: Ja, manchmal haben die Leute Erwartungen. Und es ist schön, wenn dies der Fall ist.

fotoMAGAZIN: Wie reagieren Sie darauf?
Helmut Newton: Wenn ich arbeite, denke ich nur an die Fotos und an nicht viel anderes. Manchmal merke ich diese Erwartungen. Es ist natürlich immer besser, mit jemanden zu arbeiten, der sehr narzistisch ist. Ein Narzist ist ein gutes Model.

fotoMAGAZIN: Glauben Sie, dass der Narzismus heute zunimmt?
Helmut Newton: Nö, jetzt herrscht der "Cult of the Personality". Dieser Kult ist zu stark. Die Leute wollen nicht gute Fotos sehen, sondern sehen, wie ein berühmter Mensch aussieht.

fotoMAGAZIN: Das wurde auch von den Medien gefördert.
Helmut Newton: Ja, aber diese wissen genau, was das Publikum will. Ich finde das schlimm. Ganz egal ob das Foto beschissen ist oder nicht – solange die Person berühmt ist, wird es gedruckt.

fotoMAGAZIN: Lagerfeld schildert, dass Sie bei der Arbeit in einem Trancezustand wären. Empfinden Sie das selbst so?
Helmut Newton: Das finde ich nicht. Ich vergesse, was um mich herum vorgeht, weil ich mich konzentriere.

fotoMAGAZIN: Können Sie mir mehr über Ihre Idee des "perfekt kontrollierten Schnappschusses" erzählen?
Helmut Newton: Hehe. Ich sage immer, wenn ich so an einem Bild herummurkse, und alles genau mache, dass dies ein natürlicher Schnappschuss wäre.

fotoMAGAZIN: Aber hinter dem Gedanken steckt mehr als eine flapsige Bemerkung!
Helmut Newton: Das ist das Ideal! Das Foto, das so aussieht, als ob der Augenblick nur eine Minute dauerte, ist das beste Bild.

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Helmut Newton, Selbstporträt in Yvas Studio, 1930er Jahre

Ein Selbstporträt von Helmut Newton in Yvas Studio in den 1930er Jahren. Mehr zu Newtons Leben finden Sie auch in unserem Artikel "Meister der Fotografie: Helmut Newton".

© Helmut Newton, Helmut Newton Estate / Courtesy Helmut Newton Foundation

fotoMAGAZIN: Wenn Sie heute fotografieren, gibt es da noch Einflüsse, die Sie zu Ihrer Ausbildung im Studio Yva zurückverfolgen können?
Helmut Newton: Ja, sicher. Aber es ist mir nicht möglich, diese genau zu erklären. Ich bin sicher, dass man im Gehirn eine Kammer hat, aus der man Sachen der Vergangenheit herausholt.

fotoMAGAZIN: Sie haben ursprünglich auf einer Großbildkamera gelernt ...
Helmut Newton: Das kleinste, was es zu meiner Lehrzeit gab, war die Rolleiflex.

fotoMAGAZIN: Wirkt sich Ihre damalige Arbeitsweise noch heute aus?
Helmut Newton: Ja, denn ich verschieße nur sehr wenig Film.

fotoMAGAZIN: Man hat Sie als ruhigen, langsamen Fotografen beschrieben. Ist das zutreffend?
Helmut Newton: Ich bin schnell, sehr schnell. Ich arbeite nie im Studio, nur im Freien, am Strand ...

fotoMAGAZIN: Warum fotografieren Sie nicht im Studio?
Helmut Newton: Der Grund ist, dass die Leute nicht im Studio vor einem weißen Hintergrund leben, sondern in Häusern, Appartments, Wohnungen, Autos. Vor weißem Papier oder vor dem Vorhang? Nee. Nur Schauspieler leben vor dem Vorhang.

fotoMAGAZIN: Wie finden Sie Kollegen, die im Studio arbeiten?
Helmut Newton: Ich finde zum Beispiel das "Strobe Light" fürchterlich. Alles sieht genau gleich aus, ob der Fotograf gut oder schlecht ist.

fotoMAGAZIN: Was halten Sie von den Moden in der Fotografie, die auch wieder über die Medien gemacht werden?
Helmut Newton: Man braucht ihnen ja nicht zu folgen! Man kann ja machen, was man will.

fotoMAGAZIN: Stimmt es, dass Sie sich schnell langweilen?
Helmut Newton: Ja, ich habe überhaupt keine Geduld. Das ist eine meiner Sünden.

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Helmut Newton, Arena, New York Times

Helmut Newton – The Bad and the Beautiful" ist auf DVD, als Video on demand und als digitaler Download erhältlich.

© Helmut Newton, Helmut Newton Estate / Courtesy Helmut Newton Foundation

fotoMAGAZIN: Dies bringt Sie doch auch voran!
Helmut Newton: Darum versuche ich auch immer, etwas Neues zu machen.

fotoMAGAZIN: War das nicht sogar entscheidend in Ihrer Karriere, dass Sie nicht träge auf der Stelle traten, sondern neue Wege gingen?
Helmut Newton: Das ist ein schönes Kompliment und meiner Meinung nach auch richtig. Es ist eine meiner Stärken, dass es mich nicht interessiert, immer dasselbe zu machen.

fotoMAGAZIN: Was bedeuten Ihnen rückblickend die 60er-Jahre?
Helmut Newton: Das war eine schöne Zeit. Wissen Sie, ich habe 1961 bei der französischen "Vogue" angefangen und ungefähr 1982 aufgehört. Das waren die glücklichsten, die fruchtbarsten Jahre meines Lebens als Modefotograf. Ich habe das geliebt, ich liebe es immer noch. Was ich jetzt mache ist vollkommen anders. Aber die "Vouge"-Jahre waren wunderbar.

fotoMAGAZIN: Was ist Ihnen noch am angenehmsten in Erinnerung geblieben?
Helmut Newton: Die ganze Arbeit. Wir konnten machen, was wir wollten.

Die Leute wollen keine guten Fotos sehen – sie wollen sehen, wie ein berühmter Mensch aussieht.

fotoMAGAZIN: Es waren noch Pionierjahre!
Helmut Newton: Absolut! Damals wurde die Modefotografie plötzlich anders.

fotoMAGAZIN: Die 50er-Jahre und der Aufenthalt bei der britischen Vogue waren hingegen wohl weniger erfreulich.
Helmut Newton: Das war sehr doof! Ich habe nie gut funktioniert in England. Die Engländer sind nette Leute und interessant, ein literarisches Volk, aber sie sind nicht visuell. Außerdem mögen sie keine Profis. Die Engländer lieben Amateure. Das Profisein ist unter ihrer Würde. Das heißt, man macht das nicht für Geld. Mit solchen Leuten kann ich nicht arbeiten. Ich muss ein Team von guten Leuten um mich haben.

fotoMAGAZIN: Haben sich in England bei Ihnen Ideen angesammelt, die Sie nicht verwirklichen konnten? War da ein Potential, das Sie anschließend um so vehementer verfolgten?
Helmut Newton: Weiß ich nicht.

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Helmut Newton, Hühnchen, VOGUE, 1994

1994 lies Newton für die Modezeitschrift Vogue dieses Hühnchen *rupfen".

© Helmut Newton, Helmut Newton Estate / Courtesy Helmut Newton Foundation

fotoMAGAZIN: David Bailey verglich einmal die gestrenge Politik der britischen "Vogue" gegenüber Ihren Bildern mit der Arbeit der amerikanischen Filmzensur in deren schlimmsten Zeiten.
Helmut Newton: Ich finde, die amerikanische "Vogue" hat da noch viel mehr Gemeinsamkeiten.

fotoMAGAZIN: Ende der 60er-Jahre begannen Sie, für "Playboy" und andere Herrenmagazine zu arbeiten. Was führte Sie dazu?
Helmut Newton: Das war eine Reaktion gegen die Mode. Ich habe übrigens gerade wieder eine Serie für "Playboy" gemacht.

fotoMAGAZIN: Dabei wird übermittelt, dass Ihnen die Arbeit für diese Zeitschriften schon frühzeitig langweilig wurde, da dort nur die immergleichen Posen gefragt waren.
Helmut Newton: Das sehe ich nicht so.

fotoMAGAZIN: Ist die Gesellschaft offener für Aktfotografie und Neuerungen in der Aktfotografie?
Helmut Newton: Ich glaube, sie war immer ziemlich offen. Die Zensur ist trotzdem ganz interessant. Ich finde eine Gesellschaft, in der alles erlaubt ist nicht gut.

fotoMAGAZIN: Sie arbeiten gerade an Ihrer Autobiographie ...
Helmut Newton: Das ist ein sehr schlechtes Thema für mich. Die sollte schon vor langer Zeit fertig sein.

fotoMAGAZIN: Sie mögen nach eigenem Bekunden alles, was falsch ist. Können Sie das mal erklären?
Helmut Newton: Ich mag Plastik und Kunstrasen. Ich habe viel "Astroturf" in meinen Fotos. Die Farbe ist schön, ein schönes Grün.

fotoMAGAZIN: Wie kam es Ihrer Meinung nach zu dieser Stimmung der Dekadenz in den Modeaufnahmen der 60er-Jahre?
Helmut Newton: Ich weiß nicht, ich mag diese Dekadenz und versuche immer, sie in meine Bilder hineinzubekommen.

fotoMAGAZIN: Lieben Sie die Provokation?
Helmut Newton: Mmmm. Ein wenig Provokation ist ganz lustig. Man darf die Leute nicht einschlafen lassen, man soll sie aufwecken.

fotoMAGAZIN: Ist die Provokation Ihr Antriebsmittel? Testen Sie gerne Reaktionen?
Helmut Newton: Nein, an die Leute denke ich nicht. Es macht mir Spaß, das zu tun, was ich mache.

fotoMAGAZIN: Ist Europa noch toleranter gegenüber Porovokationen als die USA?
Helmut Newton: Ja. Die amerikanische Moral ist sehr komisch. In New York und Los Angeles ist das anders. Der größte Teil Amerikas ist jedoch sehr verklemmt.

fotoMAGAZIN: Sie leben einen Teil des Jahres in Los Angeles. Was zieht Sie in die Vereinigten Staaten?
Helmut Newton: Ich liebe Amerika und die Amerikaner. Ich liebe Hollywood, das Kino und all das.

fotoMAGAZIN: Den Glamour also!
Helmut Newton: Stimmt, das ist ein gewisser Glamour.

fotoMAGAZIN: Wie kam es zu dem voyeuristischen Element in Ihren Bildern?
Helmut Newton: Das ist nicht gewollt, das kommt ganz natürlich.

fotoMAGAZIN: Sie machen sich routinemäßig Notizen in Skizzenblöcke ...
Helmut Newton: Ich habe erst heute Morgen wieder Aufzeichnungen für mein nächstes Projekt gemacht. Als ich hier am Pool lag, begann ich mit der Arbeit.

fotoMAGAZIN: Diese Phasen der Ruhe sind für Sie also wichtig zur Reflexion.
Helmut Newton: Ich reflektiere dabei nicht, ich denke darüber nach, was ich als nächstes mache.

fotoMAGAZIN: Sie suchen bewusst das manipulierte Foto. Warum interessieren Sie keine natürlichen Bilder?
Helmut Newton: Ich finde sie langweilig.

Das Interview wurde in der fotoMAGAZIN-Ausgabe 11/1993 veröffentlicht.

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Über den Autor
Manfred Zollner

Unser Chefredakteur Manfred Zollner hat bereits während seines Studiums der Kommunikationswissenschaft sein Taschengeld als Konzertfotograf verdient. Der langjährige stellvertretende Chefredakteur des Heftes leitet seit April 2019 die Redaktion. Darüber hinaus betreut er das einmal im Jahr erscheinende XXL-Heft fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios.