craig_easton_portrait.jpg

Craig Easton
Der Dokumentarfotograf lebt in Wirral bei Liverpool. Bei den Sony World Photography Awards 2021 wurde er als „Fotograf des Jahres“ ausgezeichnet.
Foto: © Courtesy of the Artist

Craig Easton

Sony World Photography Award Gewinner
16.10.2021

Im April 2021 hat Craig Easton mit seiner dokumentarischen Bildserie „Bank Top“ den renommierten „Sony World Photography Award“ gewonnen. Wir sprachen mit ihm über seine preisgekrönten Fotos und Klischeebilder des britischen Establishments.

Interview: Tom Seymour

Die Fotoserie „Bank Top“ begann 2019 als Teil eines Projekts mit dem Titel „Kick Down the Barriers“ auf Initiative des Blackburn Museum and Art Gallery. „Kick Down the Barriers“ war als Reaktion auf zwei BBC-Sendungen entstanden, in denen behauptet wurde, Blackburn sei die am stärksten gesellschaftlich gespaltene Stadt Großbritanniens. Um diese Wahrnehmung zu hinterfragen, beauftragte das Museum einige Künstler damit, Blackburns Communitys genauer unter die Lupe zu nehmen. Craig Easton war einer von ihnen.

Easton wurde in Edinburgh geboren und lebt heute in Wirral bei Liverpool.  Er ist bekannt geworden mit einer in der Dokumentarfotografie verwurzelten Arbeit, die sich damit beschäftigte, wie der Norden Großbritanniens in den überwiegend auf London fixierten Medien Großbritanniens dargestellt wird. Davor hatte bereits sein Projekt „Sixteen“ große Anerkennung gefunden, bei dem Easton sechzehn Fotografen einlud, das Leben und die Erwartungen von Sechzehnjährigen in Großbritannien zu betrachten. Mit der Unterstützung des „Sony World Photography Awards“ will er nun seine Arbeit in „Bank Top“ bei Blackpool fortsetzen.

fotoMAGAZIN: Was brachte Sie zu dem Projekt „Bank Top“?
Craig Easton: Ich arbeite seit längerer Zeit in den Kommunen im Norden Großbritanniens. Hier lebe ich, und in meiner Arbeit geht es darum, wie marginalisierte Gemeinschaften in den Mainstream-Medien dargestellt werden. Ich habe lange Zeit in London gearbeitet und kenne die Diskrepanzen zwischen dem, was die Leute dort über den Norden denken und der Wirklichkeit.

fotoMAGAZIN: Während der Arbeit an „Bank Top“ haben Sie parallel das Projekt „Sixteen“ weiter verfolgt. Wie hängen diese beiden Projekte zusammen?
Craig Easton: Bei „Sixteen“ geht es um die Idee der Leistungsgesellschaft, darum, wie der soziale Hintergrund, der Wohnort, die Bildung und die ethnische Zugehörigkeit beeinflussen, was junge Menschen denken, im Leben erreichen zu können. Vor kurzem habe ich außerdem an einem Projekt mit dem Titel „Thatcher‘s Children“ gearbeitet, das sich mit der generationsübergreifenden Armut im Norden Englands beschäftigt. Nachdem ich mich bereits mit diesen Projekten beschäftigt hatte, wurde ich vom Blackburn Museum eingeladen, an „Bank Top“ zu arbeiten. Ich sollte der Darstellung entgegenwirken, die insbesondere in einer BBC-Sendung Blackburn als „die am stärksten segregierte Stadt Großbritanniens“ bezeichnete. Bei dem Projekt ging es darum, die Geschichte korrekt zu erzählen – aus der Perspektive jener Menschen, die dort leben.

Eine großformatige 10 x 8 Zoll-Kamera macht mich
auf der Straße sehr präsent.

fotoMAGAZIN: Wie würden Sie die Kluft zwischen der Perspektive des auf London zentrierten Establishments auf den Norden Großbritanniens und der Realität beschreiben?
Craig Easton: Es fällt mir schwer, das genau zu fixieren. Aber es hat mit der Zeit zu tun, die Journalisten oder Dokumentarfilmer im Norden verbringen. Um fair zu sein: Es ist sehr einfach, in einen Ort wie Blackburn oder Burnley oder Bolton zu gehen und ihn als gesellschaftlich gespalten darzustellen. Das ist allerdings wirklich fauler Journalismus und meiner Meinung nach gefährlich und spaltend. Das wird dann schnell zum Narrativ und kann letztlich zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung werden. Wir leben in einer Zeit, in der Leute versuchen, unsere Gesellschaft in einer Art Kulturkrieg darzustellen. Das ist jedoch nicht so. Der Kulturkrieg wird von den Eliten und Politikern und Leuten an der Macht ausgerufen, um elitär und mächtig zu bleiben. In dieser Story geht es darum, das in Frage zu stellen und es nicht zu bestätigen.

fotoMAGAZIN: Mit welchen Hindernissen mussten Sie bei diesem Projekt kämpfen?
Craig Easton: Ich sehe keine Hindernisse bei meiner Arbeit. Ich verbringe viel Zeit an einem Ort und lasse die Dinge sich organisch entwickeln. Bei „Bank Top“ hing ich auf der Straße herum und unterhielt mich mit den Leuten. Dabei baust du Beziehungen auf. Es ging mir nicht darum, dass ich dort eintauche. Ich war dort, um zu verstehen, wie dieser Ort dargestellt wird; ob diese Darstellung der Wahrheit entspricht, ob es da eine andere Story gibt. Und das entwickelt sich, wenn man mit den Leuten spricht und erkennt, was sie denken – das passiert, wenn man neugierig ist. Die Antworten kommen mit der Zeit von selbst.

fotoMAGAZIN: Sie haben diese Serie mit einer Großformatkamera aufgenommen. Warum haben Sie sich dafür entschieden?
Craig Easton: Eine großformatige 10 x 8 Zoll-Kamera macht mich auf der Straße sehr präsent. Ich bin als Fotograf erkennbar mit dem Stativ und dem großen Tuch über meinem Kopf. Ich liebe diese Art zu arbeiten. Ich mag es, mit dieser Kamera zu arbeiten, und ich denke, dass ich damit andere Bilder mache. Du wirst langsamer und hast mehr Respekt vor dem Prozess. Die Bildauswahl passiert also schon auf der Straße. Wenn du mit analoger Großbildtechnik fotografierst, ist es schwierig (und teuer), mit viel Filmmaterial zu arbeiten. Ich glaube, wir haben etwa 85 Aufnahmen belichtet, und 80 werden in das Projekt aufgenommen. Bei meinen anderen Projekten, wie „Thatcher‘s Children“, habe ich den etwas üblicheren Reportagestil gewählt, und dabei viele Rollen Film belichtet. Aber wenn du mit dem 10 x 8 Zoll-Format arbeitest, läuft das anders. Ich fotografiere dann meine Motive nur einmal im Laufe einer halben Stunde – und dieses Bild verwende ich anschließend. Jedes Portrait, das ich aufgenommen habe, ist anschließend in meiner Bildauswahl gewesen.

Bei diesem Projekt geht es um die Gesellschaftsstruktur,
die Klassengesellschaft und um Armut.

fotoMAGAZIN: Gab es etwas, das Sie bei Ihrer ursprünglichen Vorstellung von Blackburn nicht berücksichtigt hatten – das Ihnen erst auffiel, als Sie dort arbeiteten?
Craig Easton: Ich wollte unbedingt die Beziehung zwischen der Industriegeschichte Blackburns und der britischen Geschichte des Kolonialismus verstehen. Darüber habe ich eine Menge gelernt. Ich wollte hinterfragen, wie die südasiatische Gemeinschaft oder die polnische Gemeinschaft in Blackburn gelandet sind. Das hatte mit der Außenpolitik unserer Regierung zu tun. Blackburn war ein großer Antriebsmotor, als in Großbritannien früher Wohlstand geschaffen wurde. Deshalb habe ich auch Bilder alter, stillgelegter Mühlen und einige Hinweise auf die Textilgeschichte in meine Arbeit eingefügt. Es wurden beispielsweise südasiatische Communitys nach Lancashire eingeladen, um in der Textilindustrie zu arbeiten. Das ist im Laufe unserer Geschichte immer wieder passiert und ich hoffe, wir können uns noch daran erinnern. Denn das ist nicht die Geschichte, die uns erzählt wird. Bei diesem Projekt geht es nicht um Glauben, Kultur oder Ethnizität. Es geht um die Gesellschaftsstruktur, die Klassengesellschaft und um Armut.

fotoMAGAZIN: Glauben Sie, dass sich die Menschen im Land bewusst sind, wie stark das Klassendenken das Vereinigte Königreich noch immer strukturiert?
Craig Easton: Nein, das glaube ich nicht. Ich denke, dass Menschen wie Donald Trump und Boris Johnson deshalb gewählt wurden; weil sie in der Lage waren, die Saat des Spalterischen zu streuen und so zu tun, als ob die weiße Arbeiterklasse anders wäre als die südasiatische oder die schwarze Arbeiterklasse. Sie haben erkannt, wie man spalten und herrschen kann. Deshalb ist das so gefährlich. Und deshalb waren die Menschen auch so wütend über die besagte BBC-Sendung. Deren Macher hatten absolut kein Recht, solche Behauptungen über die Segregation aufzustellen. Journalisten sollten stattdessen lieber mal die gesellschaftlichen Entbehrungen oder die über viele Jahre fehlgeleitete Industriepolitik in Orten wie Blackburn betrachten.

fotoMAGAZIN: Über Wahrheit und Objektivität in der Dokumentarfotografie wird heute heftig diskutiert. „Bank Top“ ist eine dokumentarische Arbeit, doch ist sie auch objektiv?
Craig Easton: Ich glaube nicht an den Begriff der Objektivität. Das ist meiner Ansicht nach für viele eine Art Freikarte. Man kann nicht so tun, als ob man objektiv wäre. Ich bin ein weißer Mann aus dem Westen. Wir haben die „Visual History“ über Generationen definiert. Ich möchte jedoch versuchen, die Dinge anders anzugehen. Es ist nicht meine Aufgabe, um die Welt zu reisen und zu erklären, was Sache ist. „Bank Top“ ist eine subjektive Bildserie, aber sie ist offen und ehrlich. Ich möchte die Geschichten der Menschen hören und sie integer und würdevoll reflektieren. Ich maße mir nicht an, ihre Geschichte zu erzählen, sondern versuche, sie zu verstehen. Und nun bin ich hier, stehe auf um meinen Beitrag zu liefern.

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
fotoMAGAZIN

1949 erschien die erste Ausgabe der ersten Fotozeitschrift im deutschsprachigen Raum. Seither begleiten wir die Fotogeschichte. Unsere Kamera- und Objektivtests unter Labor- und Praxisbedingungen helfen Einsteigern und Profis seit jeher bei der Kaufentscheidung. Mancher Fotograf wurde von uns entdeckt. Und seit Steven J. Sasson 1975 für Kodak die erste Digitalkamera entwickelte, haben wir die digitale Fotografie auf dem Schirm. Unsere Fotoexpertise ist Ihr Vorteil.

Artikel unter dieser Autorenzeile sind Gemeinschaftsprojekte der Redaktion.