Die Kameras der Praktica L-Serie waren das Nonplusultra für Amateurfotografen in der DDR.
© Winfried Warnke
Anspruchsvolle Fotografie ohne den Einsatz von Akkus oder Batterien ist heutzutage wohl nicht vorstellbar. Aber die analoge Spiegelreflexfotografie hat immer wieder Typen herausgebracht, die auf jegliche elektronischen Bauteile verzichten.
Die DDR-Kamera Praktica L gehört zu dieser Kategorie: Es gibt Mechanik in Reinkultur. Ob Filmtransport, Entfernungseinstellung oder Verschluss-/Blendensteuerung – alles wird mechanisch geregelt, eine Belichtungsmessung existiert nicht. Die Kameras Praktica L und der kaum veränderte Nachfolger Praktica L2, hergestellt 1969 bis 1980, stellen die Grundvarianten der gesamten Modellreihe dar, die von 1969 bis 1989 gefertigt wurden. Diese populärste DDR-Kameraserie brachte es auf stolze 43 verschiedene Modelle mit einer Produktionsgesamtzahl von knapp fünf Millionen Exemplaren. In der Grundausstattung L kommt die Praktica dabei sogar ohne Belichtungsmesser daher.
Die Praktica L verkörpert mit Produktionsbeginn 1969 eine radikale Veränderung in der Produktionsphilosophie der Praktica-Kameras. Die Kamera wurde nicht mehr aus diversen Einzelteilen wie ein Puzzle zusammengeschraubt, sondern je nach Modell per Modulbauweise mit vormontierten Einheiten in einem nahezu identischen Gehäuse und identischer Deckkappe zusammengefügt. Eine deutlich günstigere Produktionsweise, viel größere Stückzahlen und eine breite Variantenvielfalt waren die Folge. Der bisher verwendete Gummi-Rollo-Verschluss wurde durch einen wesentlich haltbareren und präziseren Metall-Lamellenverschluss abgelöst, die L-Baureihe verdankt diesem Verschluss ihren Namen.
Praktica L: Hier ist alles analog
Die Kameras der L-Baureihe und deren vielen Varianten waren über zwei Jahrzehnte die Kameras für den engagierten DDR-Fotoamateur. Trotz des hohen Preises (1977 mussten für eine Praktica L mit 1,8/50 mm Oreston-Objektiv 550 DDR-Mark bezahlt werden, was fast einem durchschnittlichen Netto-Monatslohn entsprach) waren diese Kameras nicht leicht zu bekommen, da ein großer Teil der Praktica-Kameras als Devisenbringer in den Westen ging und dort umgelabelt auch bei Photo Porst und Quelle verkauft wurde.
Die Praktica L ist eine Lernkamera und wohl auch aus diesem Grund heute Kult. Man kommt nur zu befriedigenden Ergebnissen, wenn man sich mit grundlegenden technischen Parametern beschäftigt hat. Verschlusszeit, Blende und Entfernungsfestlegung haben Folgen für mein Bildergebnis. Ich muss etwas verstehen, um zu gewünschten Ergebnissen zu kommen. Das Fehlen fremdbestimmter Automatik zwingt zur bewussten Fotografie. Bei der Praktica L ist alles analog. Dieser Kameratyp verkörpert die heutige analoge Renaissance: Haptisches Erleben bei der Bedienung, vom Filmtransporthebel über Einstellräder und Rückspulkurbel, ist garantiert.
Ideale Ergänzung: der Belichtungsmesser Gossen Sixtino
Die Praktica L besitzt keinen Belichtungsmesser. Bleibt man dem puristischen Grundgedanken treu, ergänzt ein externer Belichtungsmesser, der ohne Batterie auskommt, diese Kamera vortrefflich. Der Gossen Sixtino passt hier prima: kompakt, mit batterieunabhängiger Selenzelle und analogem Belichtungsabgleich ist er eine tolle Ergänzung. Durch die Möglichkeit, zwischen Objekt- und Lichtmessung zu wählen, passt er auch, grundlegende Parameter zu erlernen. Damals wie heute ist der Praktica-M42-Objektivanschluss ein Anschaffungsargument. Die Auswahl an (gebrauchten) Linsen ist gigantisch und Leckerbissen aus dem Hause Zeiss erhöhen den Kaufanreiz.
Ein externer Belichtungsmesser, der ohne Batterie auskommt, wie der Gossen Sixtino, ergänzt die Praktica L perfekt.
© Winfried WarnkeÜberhaupt: Die Anschaffung einer gut erhaltenen, funktionstüchtigen Praktica L geht nicht ins Geld. Die Praktica L(2) mit Objektiv Zeiss Jena Tessar 2,8/50 mm geht für ca. 50 Euro über den Tisch. Rechnet man dann noch 15 Euro für einen exzellent erhaltenen, funktionstüchtigen Gossen Sixtino hinzu, steigt man äußerst günstig in die Geheimnisse analoger Fotografie ein. Purismus in Reinkultur mit hohem Lerneffekt.
Mehr zur Geschichte der Marke Praktica lesen Sie hier: Praktica: die Geschichte einer DDR-Kameralegende
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