Vintage Vibes: Minox 35 ML

In einer Zeit, in der Smartphones und ­Digitalkameras die Foto­grafie ­dominieren, ­entdecken immer mehr
junge Menschen den Charme ­analoger Kameras. „Vintage Vibes“ stellt Kult­modelle vor, die nicht nur ­nostalgischen Wert haben, sondern auch ­heute noch beeindruckende Ergebnisse liefern.

Winfried Warnke

Winfried Warnke

Kolumnist und freier Autor

Mit eingefahrenem Objektiv ist die Minox 35 ML lediglich so groß wie eine Zigarettenschachtel und damit absolut „hosentaschentauglich“.

Mit eingefahrenem Objektiv ist die Minox 35 ML lediglich so groß wie eine Zigarettenschachtel und damit absolut „hosentaschentauglich“.

© Winfried Warnke

Auf der Photokina 1974 wurde der Begriff „Kompaktheit“ für Kleinbildkameras komplett neu definiert: Auf der Weltleitmesse für Fotografie wurde damals mit der Minox 35 EL die kleinste und leichteste Kamera für Kleinbildfilm vorgestellt. Das damalige Zauberwort der Werbebranche für diese Kameraserie lautete „hosentaschentauglich“. Und damit erzielte sie entsprechend für viel Aufmerksamkeit, passen die Minox 35-Modelle tatsächlich in nahezu jede Hosentasche und können damit definitiv als Immer-dabei-Kamera bezeichnet werden.

Ausgereifter Nachfolger der 35 EL

Die hier vorgestellte Minox 35 ML weist alle Vorzüge der 35-er Serie auf und ist durch Weiterentwicklungen in dieser Baureihe eine ausgereifte Kamera. Mit einem Gewicht von 180 Gramm, abgerundeten Ecken, einklappbarem Objektiv und der Größe einer Zigarettenschachtel kann man kaum glauben, dass sie mit klassischen Kleinbildfilmen (135er-
Format) bestückt werden kann. Das scharfzeichnende vierlinsige Objektiv Color-Minotar und eine präzise Belichtungssteuerung machen diese Kamera sogar diafilmtauglich.

Zwischen Blenden- und Programmautomatik (mit Zeit- und Blendensteuerung) kann gewählt werden, sodass die Minox 35 ML auch für Laien gut zu handhaben ist. Der Leuchtrahmensucher informiert umfassend: Leuchtdiodenanzeige der Programmautomatik, Belichtungszeiten, Überbelichtungs- und Langzeitwarnung. Messwertspeicher und elektronischer Selbstauslöser komplettieren die Ausstattung. Wichtig: Die Stromversorgung erfolgt über eine auch heute noch gängige Batterie vom Typ P 28 (4SR44). Die Minox 35 ML besitzt keinen Entfernungsmesser, was gerade im Nahbereich schnell zu Fehleinschätzungen der Entfernung führen kann. Das leicht weitwinklige Objektiv mit Brennweite 35 mm verzeiht aber leichte Fehleinschätzungen.

Gehäuse aus Kunststoff von Bayer

Das Misstrauen, das die Fachwelt anfangs der Minox 35 wegen seines Kunststoffgehäuses und dem Ausklappmechanismus entgegengebracht wurde, erwies sich als unbegründet. Der damals von Bayer hergestellte, hochmoderne glasfaserverstärkte Kunststoff Makrolon ist äußerst robust und dabei extrem leicht. Um das zu unterstreichen, warb Minox mit einer Ballerina, die auf einer Minox 35 steht.

Um derart geringe Gehäuseabmessungen zu ermöglichen, griffen die Minox-Ingenieure in eine bewährte Trickkiste. Denn die Idee, das im Weg stehende Objektiv bei Nichtgebrauch durch einen Klappmechanismus zu versenken, war nicht neu: Kodak hatte mit einigen Retina-Modellen schon in den 1940er und 50er Jahren diesen Weg beschritten. Zudem ging man andere Wege als Rollei mit der ebenfalls legendären Rollei 35, die 1966 auf dem Markt kam: Dieser kompakte Technik-Kasten war eher etwas für erfahrenere Fotografen, während die Minox ein hübsches Lifestyle-Accessoire war, das zudem technisch einfacher zu bedienen war, unter anderem durch die Belichtungsautomatik. Damit hatte die Minox 35 auch einen viel größeren Käuferkreis.

Minox 35 ML heute oft gebraucht zu finden

Der heutige Gebrauchtmarkt ist gut bestückt mit Minox 35 Modellen. Kein Wunder, wurden doch in fast 30 Jahren Produktionszeit bei rund 30 verschiedenen Varianten nahezu zwei Millionen Kameras dieser Serien hergestellt. Beim heutigen Gebrauchtkauf sollte man das Startmodell, die Minox 35 EL, meiden. Der elektronische Verschluss gab in vielen Fällen schnell den Geist auf, die Rücklaufquote defekter Ware war gewaltig. Auch der Filmtransport war in der Minox 35 EL oft unregelmäßig. Die ausgereifte Minox 35 ML gibt es, auch dank der hohen Produktionszahl von rund 150.000 Kameras, im gepflegten einwandfreien Zustand privat für rund 60 Euro und im gewerblichen Handel für etwa 100 Euro – ein günstiger Preis für ­diesen einmaligen, analogen Klassiker mit ­„Haben-wollen-Effekt“.

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