Im Test: Sony Alpha 7R IV

Pixel satt
22.12.2020

Sagenhafte 61 Megapixel löst die Sony Alpha 7R IV auf. Kommt diese Rekordauflösung wirklich der Bildqualität zugute? Das und mehr wollten wir im Vergleichstest mit anderen hochauflösenden Vollformatkameras wissen.

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Sony Alpha 7R IV

Der Vollformatsensor der Alpha 7R IV erreicht die Rekordauflösung von 61 Megapixeln.

© Sony

Mit der Alpha 7R IV geht Sonys Vollformat-System in die vierte Runde. Wie üblich bringt die neue Kamera nicht nur technische, sondern auch ergonomische Verbesserungen mit sich. Am auffälligsten ist der von Generation zu Generation gewachsene Griff – und so ist er auch bei der Alpha 7R IV wieder einige Millimeter tiefer geworden und die Kamera liegt mit großen und schweren Objektiven noch etwas besser in der Hand. Auf der Rückseite fallen der Joystick und die AF-on-Taste größer aus und auf der Oberseite lässt sich endlich auch das EV-Korrekturrad gegen ein versehentliches Verstellen sperren. Platz für zusätzliche Bedienelemente wäre noch auf der vom Fotografen aus gesehen linken Seite. Den hat Sony bisher nur bei der Alpha 9 mit dem Drive-Rad gefüllt, bei der Alpha 7R IV werden Serienbilder und Co. weiter über die Viererwippe des Kontrollrads aufgerufen. Insgesamt stehen wie gehabt drei Einstellräder zur Verfügung, wobei das hintere, neben dem EV-Rad gelegene, neu gestaltet wurde und sich nun flüssiger drehen lässt.
Etwas Nachholbedarf hat Sony beim Monitor: Im Gegensatz zu anderen Highend-Kameras besitzt er eine Diagonale von lediglich 7,5 cm (3,0 Zoll). Er lässt sich um 107 Grad nach oben und 41 Grad nach unten klappen, aber nicht zur Seite – für Selbstportraits ist er also nicht zu gebrauchen und auch bei Hochformataufnahmen vom Stativ kann man ihn nicht sinnvoll ausklappen. Dafür bleibt er immer in der optischen Achse und das Kippen nach oben und unten ist schneller erledigt als bei seitlich ausklappbaren und drehbaren Monitoren.

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Sony Alpha 7R IV back

Monitor: 7,5 cm / 1,44 Mio. Punkte, kippbar.

© Sony

Merkwürdig inkonsequent ist die Touchscreen-Implementierung. So lässt sich zwar per Finger das AF-Messfeld setzen und auslösen, aber die Menübedienung ist per Touch nicht möglich. Im Wiedergabemodus kann man Bilder per Doppeltipp vergrößern, aber nicht weiterblättern oder ein Video starten. Der OLED-Sucher gehört mit 5,76 Millionen Punkten zusammen mit der Panasonic Lumix S1R zu den am höchsten auflösenden unter den spiegellosen Kameras im Test und liefert ein beeindruckend großes und detailreiches Bild. Bei feinen Strukturen moiriert er allerdings beim Fokussieren recht stark.
Etwas unübersichtlich und wenig strukturiert fällt das Menü aus; Abhilfe kann das Mein-Menü schaffen, in dem jeder Fotograf die für ihn wichtigsten Funktionen hinterlegen kann. Kritik gab es in der Vergangenheit an der Abdichtung der Alpha 7R IV. Diese wurde beispielsweise am Batteriefach, den Schnittstellen und Gehäusefugen verbessert; Sony weist allerdings darauf hin, dass weiterhin keine vollständige Resistenz gegen Staub und Spritzwasser gewährleistet wird.

Intelligenter Autofokus

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Sony Alpha 7R IV top

Der Griff der Alpha 7R IV ist etwas größer geworden, der Monitor bringt den bekannten Klappmechanismus mit.

© Sony

Viel Energie hat Sony in die Weiterentwicklung des Autofokus gesteckt. Seit der zweiten Alpha-7R-Generation setzen die Japaner auf einen Hybrid-AF, der eine Kontrasterkennung mit Phasendetektionspixeln auf dem Sensor kombiniert. In der Alpha 7R IV kommen 576 Phasendetektions- und 424 Kontrast-Messfelder zum Einsatz. Die Phasendetektion deckt 74 Prozent des Bildbereichs ab; beim Umschalten auf APS-C sogar 99 Prozent. Mindestens genauso wichtig wie Anzahl und Abdeckung der Messfelder ist die Motivverfolgung. So beherrscht die neue Alpha das Real-Time-Tracking, das auf einer Musterkennung und Künstlicher Intelligenz (KI) beruht. Hierfür reicht es, das zu verfolgende Motiv mit dem Auslöser zu markieren, bei gedrückt gehaltener Auslösetaste wird dieses nun verfolgt, wenn es sich im Bildrahmen bewegt – bei manchen Motiven erkennt die Kamera es sogar wieder, wenn es kurz aus dem Sucher verschwindet. Neben größeren Objekten identifiziert die Kamera auch Augen von Menschen und sogar Tieren – bei der Alpha 7R III wurde der Tieraugen-AF mit dem Firmware-Update 3.0 nachgerüstet. Etwas umständlich ist, dass man im Menü zwischen menschlichen Augen und Tieraugen umschalten muss – hier könnte die KI noch dazulernen.

4K-Video und digitale Audio-Schnittstelle

Die Alpha 7R IV nimmt 4K mit 24p, 25p oder 30p auf. Besser im Testfeld ist nur die Panasonic S1R, die auch 4K/60p beherrscht. Hierauf muss man bei Sony wohl warten, bis der langwerwartete Videospezialist Alpha 7S III angekündigt wird. Die 7R IV kann brillantes 4K-Video ohne Crop aufnehmen; die noch etwas bessere Qualität erzielt sie im Super35-Modus mit einem Crop von ungefähr 1,6x, da hier alle Pixel ausgelesene und per 6K-Oversampling zu einem 4K-Video zusammengefasst werden. Die Länge der Videos ist übrigens nicht mehr auf 30 Minuten beschränkt. Der Autofokus funktioniert im Video gut – inklusive Tracking und Augen-AF. Für anspruchsvolle Filmer stehen S-Log2/3 und Hybrid Log Gamma für HDR-Displays zur Verfügung. Eine Aufzeichnung auf einem externen Rekorder über HDMI mit einer Farbunterabtastung von 4:2:2 ist ebenfalls möglich, allerdings wird das Signal nur mit 8 Bit ausgegeben. Eine Stärke ist der S&Q-Modus (Slow and Quick) für Zeitraffer und Zeitlupen-Aufnahmen in Full-HD. Hier lässt sich die Framerate zwischen 1 und 120 fps einstellen. Neben analogen Mikrofon- und Kopfhörer-Schnittstellen bringt die Alpha 7R IV erstmals eine digitale Schnittstelle über den Multiinterface-Hotshoe mit. Über ihn lässt sich das neue Mikrofon ECM-B1M (ca. 380 Euro) mit acht Aufnahmekapseln und Rauschreduzierung nutzen.

Bildstabilisator und Pixel-Shift

Je höher die Sensorauflösung, desto anfälliger ist eine Kamera für Verwacklungen – jedenfalls dann, wenn die Bilder entsprechend groß dargestellt werden. Deshalb spielt der Bildstabilisator in der 7R-Serie eine besonders wichtige Rolle. In der Alpha 7R IV arbeitet er wie in der Vorgängerin auf 5 Achsen und kompensiert gemessen nach CIPA-Standard laut Sony 5,5 Blendenstufen (mit dem Zeiss Planar 1,4/50 mm). Wir haben mit dem FE 4,5-5,6/100-400 mm GM OSS bei 400 mm mit ruhiger Hand scharfe Bilder mit 1/20 s hinbekommen – das sind gut vier Blendenstufen Gewinn gegenüber der klassischen Verwacklungsregel.
Auf dem beweglich gelagerten Sensor basiert auch der Pixel-Shift-Modus zum Erstellen von noch höher auflösenden Aufnahmen aus mehreren Einzelbildern. Statt 4 können nun bis zu 16 Bilder miteinander verrechnet werden. Die Bildserien werden im Raw-Konverter Imaging Edge zusammengesetzt und mit bis zu 240 Megapixeln als JPEG oder TIFF gespeichert. Der Pixel-Shift eignet sich natürlich nur für unbewegte Motive und setzt ein sehr stabiles Stativ und einen festen Untergrund voraus. Dann sind in den Bildern tatsächlich noch mehr Details erkennbar als in den 61-Megapixel-Aufnahmen.

Sony hat viele weitere Details verbessert, zu den wichtigsten gehören der Intervallmodus, der mit elektronischem Verschluss bis zu 9999 Aufnahmen in Abständen von 1 bis 60 Sekunden ermöglicht. Wer hieraus ein Zeitraffervideo erstellen will, muss das am Rechner mit der Software Imaging Edge machen. Neu ist auch, dass nun beide SD-Karten-Laufwerke den schnellen UHS-II-Standard beherrschen. Schneller geworden ist auch die USB-Schnittstelle (Typ C), die außerdem das Laden des
Akkus erlaubt, der mit 670 Aufnahmen im Monitor- und 530 Aufnahmen im Sucherbetrieb eine gute Laufzeit erreicht. Das WLAN der Kamera ermöglicht nun das drahtlose Tethering per Imaging Edge. Nachholbedarf hat Sony nach wie vor bei der Integration eines Raw-Konverters in die Kamera und auch eine Funktion für Mehrfachbelichtungen sucht man vergeblich.

Geschwindigkeit und Bildqualität

Die Alpha 7R IV schießt wie versprochen 10 Bilder/s mit AF-Nachführung – das gilt für JPEGs und komprimierte Raws. Bei unkomprimierten Raws sank die Geschwindigkeit in unserem Test auf knapp 7,2 Bilder/s. Sony gibt eine Serienlänge von 68 Bildern an. Wir haben mit der aktuell schnellsten SD-Karte (Stand: Oktober 2019) sogar etwas bessere Ergebnisse erzielt, nämlich 73 JPEGs oder komprimierte Raws und 31 unkomprimierte Raws. Längere Serien sind möglich, wenn die Kamera auf Super35 – also einen APS-C-Crop – umgeschaltet wird. Dann beträgt die Auflösung 26 Megapixel. Wir haben bei 10 Bildern/s 220 JPEGs, 144 komprimierte und 66 unkomprimierte Raws in Folge ermittelt. Der Einzel-AF ist mit einer durchschnittlichen Auslöseverzögerung von rund 0,25s (gemessen mit dem 2,8/24-70 mm GM) recht schnell, aber langsamer als bei der Nikon Z 7 und Panasonic Lumix S1R.
Wenig überraschend erreicht die Alpha 7R IV die höchste gemessene Auflösung im Testfeld – höhere Werte haben wir unter allen jemals getesteten Kameras nur bei der 100-Megapixel-Mittelformat-Kamera Fuji GFX100 gemessen. Bei ISO 100 beträgt der Wirkungsgrad hervorragende 96% und sinkt dann langsam. Bei ISO 3200 fällt er erstmals unter 80 %. Ein deutlicher Einbruch erfolgt bei ISO 12.800 (67 %), was allerdings außerhalb unseres Wertungsbereichs liegt, der bei ISO 6400 endet. Was die Alpha 7R IV bei der Auflösung gewinnt, verliert sie beim Rauschen. In dieser Disziplin sind nicht nur die Alpha 7R III, sondern auch alle anderen Kameras im Testfeld besser. Visuell stört das Rauschen auch in der 100-%-Ansicht erst ab ISO 3200; störender sind Schärfeverluste, die ab ISO 6400 recht ausgeprägt sind. Zusammen mit dem Rauschen ist die Eingangsdynamik der JPEGs schlechter als bei der Konkurrenz. Bei Artefakt- (4,0) und Scharfzeichnungsnote (1,9) schneidet die Alpha 7R IV etwas besser ab als ihre Vorgänger. Nichtsdestotrotz traten im Praxistest bei einigen Architekturaufnahmen Moirés auf.

FAZIT
Wer auf die höchste Auflösung Wert legt, ist mit der Alpha 7R IV im Kleinbild-Bereich am besten beraten. In den hohen ISO-Stufen sind allerdings andere Kameras die bessere Wahl – das niedrigste Rauschen haben wir bei der Nikon Z 7 gemessen. Hinzu kommt, dass man bei den Kameras mit 42 bis 47 Megapixeln kräftig sparen kann. Die härteste Konkurrenz kommt dabei aus dem eigenen Haus: Die Alpha 7R III gibt es schon für 2800 Euro, der 7R II mit dem praktisch identischen Bildsensor (allerdings deutlich geringerer Geschwindigkeit) sogar schon für 1800 Euro.

Hier gelangen Sie zum Download der Tabelle mit allen Ergebnissen aus unserem Test (Nikon Z7, Panasonic Lumix S1R, Sony Alpha 7R II, Sony Alpha 7R III, Sony Alpha 7R IV).

Labormessungen: Anders Uschold

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Dieser Test ist in unserer Ausgabe fotoMAGAZIN 11/2019 erschienen.

 

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Andreas Jordan
Über den Autor
Andreas Jordan

Andreas Jordan ist Sozialwissenschaftler und Mediendesigner und arbeitet seit 1994 als Redakteur und Autor mit den Schwerpunkten Multimedia, Imaging und Fotografie für verschiedene Fach- und Special-Interest-Magazine (u. a. Screen Multimedia, Computerfoto, MACup) und Tageszeitungen (Hamburger Abendblatt, Berliner Kurier). Seit 2003 ist er Redakteur beim fotoMAGAZIN und leitet dort seit 2007 das Ressort Test & Technik.