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Cyanotypie
Die Cyanotypien von Nicole Chuard sehen einfach aus und sind doch höchst präzise Arbeiten.
Bilder: © Nicole Chuard

Wiederentdeckung der Cyanotypie

Wiedergeburt einer analogen Fototechnik
21.06.2022

Kinderleicht und unterschätzt: Die Cyanotypie erlebt eine Renaissance. Wir zeigen Ihnen, wie Sie selber die blauen Bilder machen.

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Papiere und Werkzeuge

Mit einem Glasrahmen und kräfigen Klammern können Sie sich einen einfachen Belichtungsrahmen bauen.

Foto: © Nicole Chuard

Noch nie war das Interesse an der Cyanotypie so groß wie heute – so groß sogar, dass während der globalen Lockdowns die nötigen Chemikalien vielerorts ausverkauft waren. Die Cyanotypie ist ein einfaches, monochromes Foto­papier, das ohne Dunkelkammer mit Tageslicht belichtet wird – kein Lichtbildverfahren ist so vielseitig und universal einsetzbar. Es reicht von der kreativen Beschäftigung nebenher bis zu einer intensiv ausgelebten künstlerischen Anwendung.

So kinderleicht die ersten Schritte sind, so schwierig wird die Technik, wenn man feine tonale Abstufungen will. Die lichtempfindliche Schicht lässt sich auf Papier und auf viele andere Materialien wie zum Beispiel Holz oder Gips auftragen. In diesen Fällen müssen Sie darauf achten, dass die Lösung nicht zu tief einzieht, da sonst keine Reaktion mit den UV-Strahlen stattfinden kann. Die Cyanotypie kann mehr sein als nur blau, allein durch das Tonen mit natürlichen Farbstoffen gelingt es der Fotokünslerin Annette Golaz, mehrfarbige Bilder zu belichten. Viele Baupläne aus dem 19. Jahrhundert haben sich erhalten, weil die Cyanotypie gilt als lichtecht.

Chemische Grundlagen der Cyanotypie

Die klassische lichtempfindliche Beschichtung von John Herschel von 1842 besteht aus einer Lösung aus Ammoniumeisen(III)-citrat (grünes Blutlaugensalz) und Ka­lium­hexacyanidoferrat(III) (Kaliumferricyanid oder rotes Blutlaugensalz). UV-Lichtstrahlen bewirken eine fotochemische Redoxreaktion, wobei das Eisen(III) zu einem Eisen(II)-Fotoprodukt reduziert und ein Teil des Citrats zu Acetondicarbonsäure und Kohlendioxidgas oxidiert wird. Es entsteht das feste Pigment Berliner Blau. Es ist das erste künstlich hergestellte Farbpigment, mit dem sich auch Stoffe färben ließen. Das klassische Blaufärben von Stoffen beruht jedoch, egal ob mit dem Farbstoff Indigo oder der Färberwaid-Pflanze, auf der Oxidation mit Sauerstoff, die Cyanotypie reagiert hingegen auf UV-Lichtstrahlen. Für die Belichtung einer Cyanotypie ist also Sonnenlicht oder eine künstliche UV-Lichtquelle nötig.

Die Cyanotypie als Fotogramm

Vor allem mit Kindern und an Schulen ist das Erstellen von Cyanotypie-Fotogrammen beliebt. Die ersten Schritte sind einfach, es genügt ein beschichtetes Papier auf einem Brett zu befestigen und Gegenstände daraufzulegen. Bei Fotogrammen von Pflanzen lohnt es sich, diese mit einer Glasscheibe anzupressen oder einen Kontaktrahmen vom Fotoflohmarkt zu verwenden. Am besten gelingen Fotogramme mit zuvor getrockneten und gepressten Pflanzen oder Scherenschnitten.

Die Cyanotypie als Blaupause

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Cyanotypie eines Stutz Phaeton

Den Siegeszug erlebte die Cyanotypie als Blaupause: Hier ein Bauplan eines Stutz Phaeton von 1908 des Karosseriebauers A. Vendrine & Cie aus Paris.

Foto: © 1908 A.Vendrine & Cie/ Sammlung Peter Michels

Die kontrastarme Eigenschaft des Verfahrens erlaubt das präzise und schnelle Abbilden von Strichzeichnungen oder Scherenschnitten. Über 100 Jahre nahm man die Cyanotypie, um Bau- und Konstruktionspläne zu kopieren. Zeichnen Sie einfach etwas mit einem Tuschestift auf ein Transparentpapier oder mit einem Marker auf eine Hellraumprojektorfolie. Der gezeichnete Film lässt sich mehrfach verwenden. Da die übliche Projektorfolie dünner als ein klassischer Fotonegativfilm ist, brauchen Sie nicht spiegelverkehrt zu schreiben. Bereits fertiges Cyanotypiepapier ist von den Firmen Jacquard SolarFast oder SunPrint im Fotofachhandel oder Künstlerbedarf erhältlich.

Arbeiten mit Negativen

Für das Kopieren von einer analogen Aufnahme wird ein speziell belichtetes Negativ benötigt. Um gute Abzüge zu erhalten, ist ein flaues, jedoch detailreiches Negativ hilfreich – also beim Fotografieren eher etwas überbelichten und im Labor etwas unterentwickeln. Da die Cyanotypie ein 1:1-Kontaktverfahren mit UV-Licht ist, lässt sie sich nicht im Analoglabor auf dem herkömmlichen Vergrößerer belichten. Für nennenswerte Bildformate müssten Sie demnach zur Großformatfotografie greifen. Rechnen Sie mit etwa dem Dreifachen der Belichtungszeit, wenn Sie ein normal belichtetes Schwarzweißnegativ verwenden möchten.

Digitale Aufnahmen

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Gradationskurve

So ungefähr sollte die angewendete Gradationskurve aussehen, wen Sie ein Digitalfoto in ein Negativ für eine Cyanotypie umwandeln.

Screenshot: © Lars Theiß

In Verbindung mit der digitalen Aufnahme kann die Cyanotypie ihre Trümpfe voll ausspielen. Im Bildverarbeitungsprogramm wandeln Sie einfach Ihr Bild in ein Negativ um, das Sie ausdrucken. Dies geht sogar mit den meisten Homeoffice-Druckern. Wichtig ist, dass Sie im Bildbearbeitungsprogramm eine Cyanotypie-Gradationskurve auf das Bild anwenden. Der Hersteller der Solarfast Cyanotypie-Sets bietet dazu ein Onlinetool für Einsteiger an: www.jacquardcyanotype.com.

Praktische Kits
Anfänger-Sets gibt es für rund 50 Euro im Fotohandel und Künstlerbedarf. Den meisten Sets liegt eine Gebrauchsanweisung bei. Ebenfalls gibt es bereits fertig beschichtete Papiere und Stoffe von den oben genannten Firmen. Da die nötigen Chemikalien umweltfreundlich sind, können Sie sich auch die Rohchemie besorgen und eigene Vorstellungen ausprobieren.

Für die Cyanotypie können Sie viele Papiere verwenden. Je nach Saugfähigkeit wird das Blau intensiver. Mit einem Einsteiger-Aquarellpapier wie Le Grand Bloc von Boesner erzielen Sie gute Ergebnisse, Sie dürfen dieses Holzschliffpapier nur nicht zu lange wässern. Besser, jedoch teurer sind Aquarellpapiere aus Baumwollfasern. Fortgeschrittene sollten Hahnemühle Platinum oder Bergger COT 320 aus Baumwollfasern ausprobieren. Für das Ansetzen der Lösung brauchen Sie einen Messbecher, zwei Braunglasflaschen, einen Becher, einen breiten Pinsel und ein paar starke Leimklammern aus dem Baumarkt.

Wie sind die Belichtungszeiten bei der Cyanotypie?

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Cyanotypien im Sonnenicht

Cyanotypien lassen sich einfach im Sonnenlicht belichten.

Fotos: © Kilian Bannwart Fotografie

Bei schönem Wetter dauert eine Belichtung zehn Minuten, bei schlechtem auch mal 40 Minuten; die Belichtung ist abgeschlossen, wenn die belichtete Fläche ein dreckiges Blaugrau aufweist. Es lohnt sich für Anfänger, eine Belichtungsreihe in Drei-Minuten-Schritten zu machen. Klassisch entwickelte SW-Negative brauchen ca. 30 bis 40 Minuten Belichtungszeit. Wer vom Wetter unabhängig sein will, besorgt sich ein kleines Gesichts-Solarium mit UV-
Röhren/50 Watt für unter 100 Euro. Als Profi-Alternative bietet Jobo den Artisan UV-Belichter mit Timer für 1690 Euro an.

So setzen Sie die Chemie an

Für die Cyanotypie-Lösung brauchen wir zwei Komponenten. Die eine Lösung aus dem grünen Ammoniumeisen(III)-citrat wird allgemein als Lösung A bezeichnet. Sie muss im Kühlschrank gelagert werden, weil sie schimmeln kann. Sowohl diese als auch Lösung B aus dem roten Kaliumhexacyanidoferrat(III) sollten 24 Stunden vor dem ersten Gebrauch angesetzt werden.

Hier können Sie die Cyanotypie intensiv lernen:

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Pflanze
Foto: © Jacek Gonsalves

Anette Golaz wird während des Experimental Photo Festival EXP.22 (20.-24. Juli 2022) in Barcelona Workshops anbieten.
> www.experimentalphotofestival.com

Peter Michels unterrichtet regelmäßig im Kurszentrum Ballenberg. Cyanotypie steht am 22.-23. August und 19.-20. September auf dem Programm.
> www.ballenbergkurse.ch

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Peter Michels

Bei Peter Michels liegt das Schreiben und Unterrichten rund um die Fotografie in der DNA. Er unterrichtet Kamerabau, historische Fotoprozesse und Analogfotografie. Ihm ist es zu verdanken, dass in der Schweiz Analogfotografie als schützenswertes Handwerk definiert wurde. Als Kurator konzipierte er die Werkschau PHOTO an den Standorten Zürich und München.