Das ideale Portrait-Objektiv: Wir stellen 6 Modelle vor

Vor- und Nachteile der gängigsten Brennweiten im Überblick
14.03.2018

Portraits stellen nicht nur an die fotografierte Person besondere Ansprüche, für ein perfektes Ergebnis muss auch der Fotograf einiges beachten. Eine der wichtigsten Entscheidungen betrifft dabei die gewählte Brennweite. Wir stellen Ihnen sechs ideale Portrait-Objektive vor.

Seit den Anfangszeiten nehmen Portraits in der Fotografie eine ganz besondere Position ein. Sie reflektieren das, was wir täglich sehen: Menschen. Ob freundlich, lasziv, traurig, glücklich oder cool, jede Portrait-Aufnahme verströmt einen ganz besonderen Reiz. Ein Moment, eine Stimmung, eine Reaktion, festgehalten für die Ewigkeit. Für den Fotografen bringen ambitioniert erstellte Portraits einige große Herausforderungen mit sich. Natürlich haben Sie Recht, wenn Sie nun an Drittelregel, Schärfe auf den Augen und ähnliche technische Merkmale denken, aber gehen Sie einen Schritt weiter. Bei einem guten Portrait kommt es vor allem auf die Emotionalität an. Um diese perfekt einzufangen, ist das richtige Objektiv eine wichtige Grundvoraussetzung. Die Optik entscheidet über die Trennung zwischen Person und Hintergrund, den Schärfeverlauf, das Bokeh im Hintergrund und zu guter Letzt auch über den physischen Abstand zwischen Fotograf und Modell. Gerade der letztgenannte Punkt wird dabei häufig unterbewertet. Dringe ich in die Intimsphäre des Portraitierten ein oder bin ich so weit entfernt, dass der Kontakt förmlich abreißt? Wir haben sechs Objektivtypen für Sie zusammengestellt, die Sie unterstützen, in jeder Situation das bestmögliche Ergebnis zu erzielen.

​Telezoom 70-200 mm

70-200_seb6863.jpg

Telezoom_70-200_seb6863

Telezooms sind bei Portrait- und Mode-Aufnahmen vor allem aufgrund ihrer Flexibilität sehr beliebt. Von Close-Ups bis zu Oberkörperaufnahmen im Querformat lässt sich damit alles aufnehmen, ohne die Position ändern zu müssen.

© Sebastian Sonntag

Das klassische Telezoom mit einer Brennweite von 70-200 mm findet sich in den Fototaschen von Sport-Experten ebenso wie bei Mode- oder Architektur-Fotografen. Auch für Portraits eignet sich das Tele optimal, besonders in der lichtstarken Variante mit Offenblende f/2,8. Die Vorteile des 70-200 mm liegen auf der Hand: Die Abbildungsleistung ist hervorragend, durch den Zoom bleibt man flexibel und die große Offenblende stellt das Hauptmotiv vom Hintergrund frei. Schaut man sich diese drei Punkte im Detail an, werden die Einsatzmöglichkeiten des 70-200 mm noch klarer: Die hohe Auflösung und der sehr schnelle und präzise Autofokus ermöglichen selbst bei bewegten Nahaufnahmen des Oberkörpers eine große Blende, ohne Kompromisse bei der Schärfe eingehen zu müssen. So können Sie gehende, laufende, springende Personen ebenso ablichten wie lachende Trauzeugen bei einer Hochzeitsgesellschaft oder spielende Kinder. Verwenden Sie bei bewegten Aufnahmen den kontinuierlichen Autofokus und wählen Sie bewusst einen etwas größeren Bildausschnitt, um bei einer unerwarteten Bewegung nicht einen Teil des Hauptmotivs zu verlieren.

Aktuelle Versionen mit eingebautem Bildstabilisator erweitern den Spielraum und erhöhen die Chance auf unverwackelte Bilder. Das Zoom hilft Ihnen vor allem im unwegsamen Gelände und sobald es schnell gehen muss. So wünschen Kunden bei professionellen Modeproduktionen häufig Oberkörper-Aufnahmen und Close-Ups eines Motivs ebenso wie Ganzkörper-Shots. Mit einem Telezoom lichten Sie im besten Fall alle drei Varianten hintereinander ab, ohne sich auch nur einen Schritt bewegen zu müssen. Auch die mit dem Wechsel vom Hoch- zum Querformat oft einhergehende Brennweitenveränderung ist kein Problem.

Die lichtstarke Offenblende ist ebenfalls ein Vorteil des 2,8/70-200-mm-Objektivs. Gerade bei langen Brennweiten genügt die Blende f/2,8, um bereits den Bereich kurz hinter dem Kopf der Portraitierten in der Unschärfe verschwimmen zu lassen. Natürlich erreicht das Zoom nicht die Blendenwerte einer Festbrennweite, in der Praxis zeigt sich allerdings, dass gerade bei Close-Ups eines Gesichts häufig eher etwas abgeblendet werden muss, als dass man sich eine noch größere Blende wünschen würde.

85_februar_2015_blossom14267.jpg

Festbrennweite_85_februar_2015_blossom14267

Bei Portrait-Fotografen besonders beliebt sind lichtstarke Festbrennweiten. 85 mm ermöglichen tolle Gesicht- und Oberkörper-Aufnahmen.

© Sebastian Sonntag

​Festbrennweite 85 mm

Für Oberkörper- und Gesicht-Close-Ups eignet sich eine lichtstarke 85-mm-Festbrennweite so gut wie fast keine andere Optik. Üblicherweise gibt es diese Objektive in Varianten mit Offenblende f/1,4 oder f/1,8. In den allermeisten Fällen genügt die meist deutlich günstigere Variante mit f/1,8.

Die größten Stärken dieser Festbrennweite liegen in der sehr hohen Bildqualität und der für Portraits perfekten Brennweite. Der Hintergrund wird beim 85 mm weniger gestaucht als bei längeren Brennweiten, insgesamt wirkt das Bild etwas weicher und harmonischer. Zudem ergibt sich mit dieser Brennweite sowohl bei Oberkörper- als auch Gesicht-Aufnahmen eine sehr gute Entfernung zwischen Fotografen und Model. Man steht sich nahe, kann problemlos miteinander kommunizieren und die Stimmungen des Anderen erfühlen, ohne dass Sie bei Nahaufnahmen in die Intimsphäre eindringen müssten. Diese Vorteile gehen einher mit einer sehr guten Bildqualität, wie sie für Festbrennweiten generell typisch ist.

Da im Gegensatz zum Zoom keine Kompromisse eingegangen werden, fallen Objektivfehler häufig geringer aus und die Auflösung ist sehr hoch. Auf der Negativseite steht eine meist deutlich sichtbare Vignettierung bei sehr großen Offenblenden, die jedoch den Charakter eines Portraits noch unterstreichen kann, zudem agiert der Autofokus meist langsamer als bei einem Sport-Zoom 70-200 mm.

Die eigentliche Besonderheit, die sehr große Offenblende, spielt bei vielen Aufnahmen eine eher untergeordnete Rolle. Wer Ganzkörper- oder auch Oberkörper-Aufnahmen unter beengten Bedingungen macht, freut sich über die Möglichkeit, die Person mit Blende f/1,8 noch vom nahen Hintergrund trennen zu können; bei weitläufigeren Locations, im Studio und bei Nahaufnahmen wird dagegen in der Regel eher etwas abgeblendet, um den zweiten Vorteil der großen Offenblende zu nutzen: die höhere Schärfe bei leicht geschlossener, der idealen Blende. An einen Vollformat-Body montiert erinnert der Stil eines 85ers stark ans Mittelformat, weshalb sich die Optik auch gut für charakterstarke Schwarzweiß-Aufnahmen oder auch ein Zurechtschneiden ins 4:3-Format eignet.

Seite 1 von 3
Seite 1
Seite 2
Seite 3
Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Sebastian Sonntag

Der Münchner Sebastian Sonntag ist sowohl freier Journalist, als auch Fotograf. In seinen Arbeiten konzentriert er sich auf die experimentelle Seite der Mode- und Beautyfotografie.