Martin Schoeller

Der Meister des Close-Ups über seine Anfänge als
 Fotograf
02.10.2013

Seine spektakuläre Karriere in den USA und
 ehrliche Portraits in Zeiten geschönter Idealbilder.

Ein Berliner Fotostudio im Dezember 2012. Martin Schoeller fotografiert Hape Kerkeling für das Cover einer deutschen Fernsehillustrierten. Dem etwas verfrüht eintreffenden fotoMAGAZIN-Redakteur eilt die besorgte Kollegin der Hörzu entgegen. Nein, dies ist kein hinterlistiger Versuch, hier ein Gespräch mit dem deutschen Entertainer zu bekommen. Unser Interesse gilt einem der international erfolgreichsten deutschen Fotografen, der uns gleich ein Interview geben wird. Martin Schoeller versucht nach dem Shooting noch schnell zu klären, ob seine geplante Portraitsession mit Julian Assange am nächsten Tag in London klappt, dann lümmelt er sich aufs Studiosofa und nimmt sich Zeit für uns.

fotoMAGAZIN: Herr Schoeller, nach Ihrem Studium und einer Assistenz bei Uwe Düttmann zogen Sie nach New York. War die Assistenzstelle bei Annie Leibovitz Ihre erste Wahl? Ich hätte vermutet, dass Sie zuerst bei Avedon anfragten.
Martin Schoeller: Avedon war mir damals noch nicht so wichtig. Ich habe mein Glück tatsächlich zuerst bei Irving Penn versucht, der mir sehr freundlich absagte, weil er schon genug Assistenten hatte. Das Leibovitz-Management engagierte mich als dritten Assistenten, doch in relativ kurzer Zeit wurde ich Annies erster Assistent, weil die beiden anderen kündigten. Dabei war mein Englisch zu diesem Zeitpunkt noch nicht sonderlich gut.

fotoMAGAZIN: Eine Assistentenstelle bei berühmten Fotografen ist eine Sache, anschließender Erfolg auf eigenen Beinen aber noch lange nicht garantiert, oder?
Schoeller: Es war auch für mich zunächst wirklich nicht einfach. Ich hatte eine Zeit, in der ich mir nur billiges Bier und Fastfood leistete, während ich in den Straßen von Manhattan Passanten im August Sander-Stil portraitierte. Ich war ja schon beim Einleuchten von Annies Portraits immer ganz nah dran an den Menschen und experimentierte nach den langen Arbeitstagen bei ihr mit dem Licht für eigene Portraits. Den Durchbruch brachte dann später der Auftrag, Vanessa Redgrave für eine britische Zeitschrift (Time Out) zu portraitieren.

fotoMAGAZIN: Wie waren Sie durch Ihr Studium im Berliner Lette-Verein auf die Arbeit in New York vorbereitet?
Schoeller: Mein Studium an der Fotoschule war sehr technisch ausgerichtet und diese technischen Grundlagen waren hervorragend. Auch die Arbeit unter Druck haben wir im Lette-Verein gelernt.

fotoMAGAZIN: Haben Sie das Interesse für die Fotografie aus der Familie mitgebracht?
Schoeller: In meiner Familie hat keiner fotografiert. Mein Vater ist viel intellektueller als ich, der hatte in Frankfurt beim Hörfunk seine eigene Literatursendung. Ich wusste bis ich 19 Jahre alt war noch nicht, was ich einmal werden wollte. Ich hatte mich gerade so durchs Abitur gequält. Während des Studiums wurde mir aber schnell klar, dass die Fotografie mein Ding war. Erst kürzlich habe ich meine alte Bewerbungsmappe für den Lette Verein wieder angesehen: Ich hätte mich nicht ausgewählt

fotoMAGAZIN: Sie hatten sich beim Lette Verein gemeinsam mit einem Frankfurter Kumpel beworben.
Schoeller: Dieser Freund hatte mich überzeugt, es dort mal zu versuchen. Ich erinnere mich noch, wie er mir am Telefon Tipps für meine Portfolio-Mappe gab. Dann haben sie ihn abgelehnt. Erst kürzlich habe ich mir wieder meine Bewerbungsmappe angesehen: Aus heutiger Sicht hätte ich mich nicht ausgewählt (schmunzelt).

fotoMAGAZIN: Sie arbeiten für einige der besten Zeitschriften der Welt und portraitieren einige der bedeutendsten Persönlichkeiten der Gegenwart. Wie bleibt man nach so vielen erfolgreichen Jahren geerdet?
Schoeller: In meinen Frankfurter Jahren war ich ziemlich punkig-alternativ eingestellt. Ein wenig von dieser Einstellung ist mir bis heute noch geblieben. Ich mache kein großes Spektakel, wenn ich mit Prominenten zusammen bin.

fotoMAGAZIN: Von welchem Fotografen würden Sie sich selbst gerne mal portraitieren lassen?
Schoeller: Ich lasse mich grundsätzlich nicht gerne von anderen fotografieren, doch ein Portrait von Richard Avedon und Helmut Newton hätte mich interessiert. Unter den lebenden Portraitisten fällt mir keiner ein, der mich reizen würde.

fotoMAGAZIN: Fotografieren Sie dieser Tage noch immer analog?
Schoeller: Nur noch meine Close-ups. Bei Auftragsarbeiten bin ich vor etwa einem Jahr auf ein Phase One-Rückteil umgestiegen. Bei den Close-ups mag ich das leichte Korn meiner Großvergrößerungen und  finde es nicht schlecht, dass die Portraitierten sich nicht sofort auf dem Screen betrachten können.

fotoMAGAZIN: Sie sagten mal, es gäbe keine ehrlichen Fotos. Wie ist das zu verstehen?
Schoeller: Wir sehen immer nur einen Ausschnitt, einen Moment mit einer Person, den man festhält. Ich versuche, dieser Person damit am nächsten zu kommen. Mal gelingt mir das mehr, mal weniger. Hollywood-Schauspieler machen es einem nicht immer leicht. Ich suche bei meinen Close-ups nach einem Moment zwischen den Posen. Etwa nach einem Lachen, wenn für einen kurzen Augenblick die Pose verschwunden ist.

fotoMAGAZIN: Sie haben 2012 für das Time-Magazine das Cover des Jahres produziert, das viel Aufsehen erregte. Eine junge Mutter, die ihren dreijährigen Sohn noch stillt.
Schoeller: Ich habe die Aufregung um dieses Bild nicht verstanden. Time hatte vier Mütter ausgewählt und am Ende fiel die Entscheidung für ein Foto, in dem der Junge auf einem Stuhl (meines Sohnes) steht und an der Brust seiner Mutter hängt. Dadurch, dass Mutter und Sohn stehen, wirkt die Szene stärker. Früher war es einfacher für mich, Hollywood-Stars für meine Close-ups zu fotografieren. Die wollen doch in erster Linie nur gut aussehen

fotoMAGAZIN: Sie erzählten mal, einige Hollywood-Stars hätten heute regelrecht Angst vor Ihren Bildern. Ist das wirklich so?
Schoeller: Früher war es zumindest einfacher für mich, meine Close-ups zu machen. Ich machte ein Auftragsportrait und am Ende noch für mich ein Close-Up dazu. Mittlerweile kennt man mich und meine Close-ups. Und nicht  jeder Star möchte unretuschiert fotografiert werden, die wollen doch in erster Linie nur gut aussehen.

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© Martin Schoeller/Time

fotoMAGAZIN: Sehen Sie Zwillinge seit Ihrem Identical-Buchprojekt anders?
Schoeller: Definitiv. Ich habe viel mit den Zwillingen geredet. Manche erzählten mir, dass sie während der Schulzeit nur die Zwillinge genannt wurden, weil sich die Leute nicht einmal mehr die Mühe machten, sie auseinanderzuhalten. Mich fasziniert die Nähe, die Zwillinge zueinander haben. Sie sind Partner im Geiste. Meine Begegnungen haben mich viel über genetische Vererbung nachdenken lassen.

Factfile: Martin Schoeller

Geboren am 12. April 1968 in München; Sohn des Journalisten und Literaturkritikers Wilfried F. Schoeller; aufgewachsen in Frankfurt/Main; Nach dem Abitur Studium beim Lette Verein in Berlin; Assistenz bei Uwe Düttmann in Hamburg; 1993-1996 Assistent von Annie Leibovitz in New York; Erste wichtige Veröffentlichung: Ein Portrait der Schauspielerin Vanessa Redgrave im britischen Time Out-Magazin; Seit 1999 Nachfolger von Richard Avedon als Redaktionsfotograf des New Yorker; In Deutschland repräsentiert die Berliner Galerie Camera Work Schoellers Werk.

Fotografisches Markenzeichen:
Mit Tageslicht-Neonröhren ausgeleuchtete, ungeschönte Close-Ups, die Prominente im Augenblick jenseits der sonst so häufig sichtbaren Maskerade zeigen.

Dieses Interview ist erschienen in unserer Ausgabe fotoMAGAZIN 5/2013.

 

 

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Über den Autor
Manfred Zollner

Unser Chefredakteur Manfred Zollner hat bereits während seines Studiums der Kommunikationswissenschaft sein Taschengeld als Konzertfotograf verdient. Der langjährige stellvertretende Chefredakteur des Heftes leitet seit April 2019 die Redaktion. Darüber hinaus betreut er das einmal im Jahr erscheinende XXL-Heft fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios.