Zu den beliebtesten Spezialobjektiven zählen Makros. Diese Aufnahme entstand mit dem neuen Sony FE 2,8/100 mm Macro GM OSS.
© Petar SabolNeben klassischen Zooms und Festbrennweiten existiert eine eigene Objektivkategorie: Spezialobjektive. Sie sind für fotografische Aufgaben konzipiert, die mit Standardoptiken nur eingeschränkt oder gar nicht zu bewältigen sind. Dazu zählen extreme Vergrößerungen, gezielte Eingriffe in Perspektive und Schärfeebene oder bewusst verfremdende Abbildungscharakteristika. Am gebräuchlichsten sind Makroobjektive, die jeder Objektivhersteller anbietet – wir konzentrieren uns daher auf besonders stark vergrößernde Spezialobjektive.
Besondere Herausforderungen an Bildgestaltung und Bedienung stellen zudem Tilt-Shift-, Fisheye- oder 3D-Objektive. Weniger schwierig im Umgang, aber dennoch klar als Spezialobjektive einzuordnen, sind Porträtobjektive mit Softfokus oder steuerbarem Bokeh. Viele der vorgestellten Objektive stammen von kleineren Fremdherstellern, die gezielt Lücken im Sortiment der großen Anbieter besetzen. Häufig verzichten diese Spezialobjektive auf Autofokus, was je nach Einsatzgebiet – etwa bei Tilt-Shift- oder Fisheye-Objektiven – kein entscheidender Nachteil ist.
Was sind Spezialobjektive und wofür werden sie eingesetzt?
Spezialobjektive zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht auf universelle Einsatzmöglichkeiten ausgelegt sind, sondern auf klar umrissene fotografische Aufgaben. Sie kommen dort zum Einsatz, wo Bildwirkung, Perspektive oder Detailgrad bewusst über das hinausgehen sollen, was klassische Objektive leisten. Gerade in der Makro-, Architektur-, Produkt- oder experimentellen Fotografie eröffnen Spezialobjektive Gestaltungsspielräume, die sich nur eingeschränkt per Software nachbilden lassen.
Makro – Spezialobjektive für extreme Vergrößerungen
Ein klassisches Makroobjektiv sollte mindestens einen Abbildungsmaßstab von 1:1 erreichen, das Motiv wird also auf Sensor oder Film in Originalgröße abgebildet. Bei dieser Angabe bleibt die Sensorgröße allerdings unberücksichtigt. Ein Spezialobjektiv mit einem Abbildungsmaßstab von 1:1 vergrößert an Micro Four Thirds stärker als am Vollformat, da das Bild um den Faktor 2 beschnitten wird. Aus 1:1 wird somit effektiv 2:1. Kleinere Sensoren haben zudem den Vorteil, dass sie bei gleichem Motivabstand kürzere Brennweiten nutzen und dadurch eine größere Schärfentiefe ermöglichen – ein klarer Vorteil in der Makrofotografie.
Das Laowa 4,5/180 mm 1,5X Ultra Macro Apo ist für viele Anschlüsse erhältlich.Preis: ca. 580 Euro.
© LaowaWelche Rolle spielen Sensorgröße und Focus Stacking bei Makro-Spezialobjektiven?
Trotzdem ist die Schärfentiefe bei hohen Vergrößerungen oft noch zu gering. In solchen Fällen hilft Focus Stacking, bei dem mehrere Aufnahmen mit unterschiedlichen Schärfeebenen zu einem Bild verrechnet werden. Für diesen Einsatz sollte ein Makro-Spezialobjektiv möglichst wenig Focus Breathing aufweisen, der Bildausschnitt sollte sich also beim Fokussieren nicht verändern.
Aktuelle Makro-Spezialobjektive im Überblick
In den vergangenen Monaten sind mehrere bemerkenswerte Makro-Spezialobjektive auf den Markt gekommen. Sonys FE 2,8/100 mm Macro GM OSS erreicht eine 1,4-fache Vergrößerung, lässt sich mit 1,4x- und 2x-Telekonvertern kombinieren und erzielt so Abbildungsmaßstäbe von bis zu 2,8:1. An APS-C-Kameras ergibt sich mit 2x-Telekonverter sogar eine effektive Vergrößerung von 4,2:1. Autofokus und Bildstabilisator sind integriert, der Preis liegt allerdings bei rund 1600 Euro.
Sonys FE 2,8/100 mm Macro GM OSS ist hervorragend ausgestattet, aber mit 1600 Euro hochpreisig.
© SonyDeutlich günstiger ist das Laowa 4,5/180 mm 1,5X Ultra Macro Apo für Canon EF und RF, Nikon Z, L-Mount sowie Sony E. Es bietet ebenfalls einen Autofokusmotor (mit Ausnahme der Canon-RF-Version), erreicht den maximalen Abbildungsmaßstab von 1,5:1 jedoch nur bei manuellem Fokus.
Noch spezieller sind die sogenannten Probe-Spezialobjektive von Laowa. Sie verfügen über einen periskopartigen Tubus, mit dem sich Motive in schwer zugänglichen Bereichen fotografieren oder filmen lassen. Die aktuellen Zoommodelle T8/15–24 mm und T12/15–35 mm erreichen Abbildungsmaßstäbe zwischen 1:1 und 2,3:1 und kosten zwischen 3500 und 4300 US-Dollar. Günstiger ist die Festbrennweite 14/24 mm Macro Probe mit 2:1-Vergrößerung und integriertem LED-Licht für rund 1880 Euro. Ein ähnliches Konzept verfolgt AstrHori mit dem 8/18 mm 2x Macro für APS-C-Kameras, das bereits für etwa 850 Euro erhältlich ist.
Das „Rüsselobjektiv“ Laowa 14/24 mm Macro Probe ist ein sehr spezielles Gerät für APS-Sensoren.
© LaowaTilt-Shift-Objektive – Spezialobjektive für Perspektive und Schärfeebene
Tilt-Shift-Objektive gehören zu den technisch anspruchsvollsten Spezialobjektiven. Sie erlauben es, die optische Achse relativ zur Bildebene zu verschieben oder zu kippen. Beim Shiften wird das Objektiv parallel zur Sensorebene verschoben, um beispielsweise stürzende Linien in der Architekturfotografie zu korrigieren oder verzerrungsfreie Panoramen zu erstellen. Beim Tilten wird das Objektiv gegenüber der Bildebene gekippt, wodurch sich die Lage der Schärfeebene gezielt verändern lässt – ein Effekt, der sowohl in der Produktfotografie als auch für kreative Miniatureffekte genutzt wird.
Tilt-Shift-Objektive wie das Laowa 2,8/55 begrenzen durch Neigen der Linse die Schärfentiefe, sodass nur ein schmaler Streifen – üblicherweise waagerecht in der Bildmitte – scharf abgebildet wird. Vorder- und Hintergrund dagegen wirken unscharf, sodass ein Miniatur-Effekt eintritt und Bilder aus erhöhter Perspektive wie eine beleuchtete Modellwelt erscheinen.
© LaowaWelche Hersteller bieten Tilt-Shift-Spezialobjektive an?
Die meisten Kamerahersteller führen Tilt-Shift-Objektive vor allem für Spiegelreflexsysteme. Fujifilm bildet eine Ausnahme und bietet für die spiegellosen GFX-Mittelformatkameras zwei entsprechende Spezialobjektive an: das GF 5,5/20 mm T/S und das GF 5,6/110 mm T/S Macro.
Das LensBaby Composer Pro II mit Edge 35 kostet rund 470 Euro.
© LensBabyBei Fremdherstellern ist insbesondere Venus Optics mit der Marke Laowa stark vertreten. Das 2,8/55 mm und das 2,8/100 mm sind gleichzeitig 1:1-Makro-Spezialobjektive und für zahlreiche spiegellose Bajonette erhältlich. Beide fokussieren ausschließlich manuell und erlauben einen Shift von bis zu ±12 mm, bei GFX ±8 mm. Eine Besonderheit ist das Laowa 5,6/12–24 mm Zoom Shift für APS-C-Kameras, das als einziges Zoom-Spezialobjektiv ausschließlich eine Shift-Funktion bietet.
Ein vergleichsweise günstiges Tilt-Shift-Spezialobjektiv ist das TTArtisan 4/17 mm, das für rund 580 Euro erhältlich ist. Darüber hinaus bietet TTArtisan mit dem 1,4/35 mm und dem 1,4/50 mm zwei reine Tilt-Objektive zu sehr niedrigen Preisen an. Wer eher experimentieren möchte, findet bei Lensbaby preiswerte Alternativen mit bewusst weniger kontrollierbaren Effekten.
Fisheye – extreme Weitwinkel-Spezialobjektive
Fisheye-Objektive zählen zu den auffälligsten Spezialobjektiven. Sie decken Bildwinkel von bis zu 180 Grad ab und zeichnen sich durch eine extreme tonnenförmige Verzeichnung aus, die hier ausdrücklich gewollt ist. Man unterscheidet zwischen zirkularen Fisheyes mit kreisförmigem Bild und vollformatigen Varianten, die den Sensor vollständig ausleuchten. Aufgrund der großen Schärfentiefe wird bei vielen Fisheye-Spezialobjektiven manuell fokussiert, was in der Praxis selten problematisch ist.
Spezialobjektive erklärt: Das 7Artisans 5,6/9 mm leuchtet am Vollformat den ganzen Sensor aus. Über ein Hinterlinsen-Filtergewinde (34 mm) kann es ND64- oder ND1000-Filter aufnehmen.
© 7ArtisansZirkulare, vollformatige und Dual-Fisheye-Spezialobjektive
Neben klassischen Fisheyes existieren Zoom-Fischaugen, die je nach Brennweite zwischen zirkularer und vollformatiger Abbildung wechseln. Ein aktuelles Beispiel ist das Laowa 2,8/8–15 mm Fisheye, das für zahlreiche spiegellose Systeme verfügbar ist. Für VR- und 3D-Anwendungen kommen Dual-Fisheye-Spezialobjektive zum Einsatz, etwa die Canon-RF-Modelle mit zwei optischen Systemen in einem Gehäuse.
Das Canon RF-S 4/7,8 mm Dual Fisheye erzeugt
stereoskopische Bilder und ist mit rund 490 Euro
einigermaßen preiswert.
Klassische und moderne Spezialobjektive für Bokeh
Porträt-Spezialobjektive mit ausgeprägtem Bokeh setzen auf besondere optische Konstruktionen. Neben hoher Lichtstärke spielen Blendenform und Aberrationskorrektur eine entscheidende Rolle. Viele klassische Objektive vom Gebrauchtmarkt sind für ihr ungewöhnliches Bokeh bekannt, etwa für wirbelnde oder seifenblasenartige Unschärfekreise.
Einige Hersteller greifen diese Charakteristika gezielt auf. Meyer Optik Görlitz hat mehrere historische Rechnungen neu aufgelegt, darunter Primoplan- und Trioplan-Spezialobjektive. Moderne Varianten mit besonders weichem Bokeh basieren auf Apodisationsfiltern, wie das Sony FE 2,8/100 mm STF GM OSS oder das Fujifilm XF 1,2/56 mm R APD. Einen anderen Ansatz verfolgt das Voigtländer Portrait Heliar 1,8/75 mm, bei dem sich die sphärische Aberration gezielt steuern lässt.
Software statt Spezialobjektiv – echte Alternative?
Einige Effekte von Spezialobjektiven lassen sich heute per Software simulieren. Dazu zählen perspektivische Korrekturen, Tilt-Effekte oder künstlich erzeugtes Bokeh. Makro-Spezialobjektive bilden hier allerdings eine Ausnahme, da extreme Vergrößerungen physikalisch kaum ersetzbar sind. Digitale Korrekturen gehen zudem meist mit Qualitätsverlusten einher. Letztlich bleibt es eine Frage der Arbeitsweise, ob der gewünschte Look bereits bei der Aufnahme mit einem Spezialobjektiv entstehen soll oder erst in der Nachbearbeitung.
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