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Canon RF-Objektive
Das Canon RF 2/28-70 mm L USM und das RF 1,2/50 mm L USM auf dem Prüfstand.

Im Test: Canon RF-Objektive

Neue Klasse
12.12.2019

Die Objektive Canon RF 1,2/50 mm L USM und RF 2/28-70 mm für Canons spiegellose Vollformatkamera EOS R im Praxiseinsatz und Labortest. Für unser Heft 2/2019 und nun online. Preislich spielen sie in einer neuen Klasse. Auch leistungsmäßig?

 

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Canon RF 2/28-70 mm L USM

Canon RF 2/28-70 mm L USM
Preis: ca. 3250 Euro

© Canon

Nach den ersten beiden in den Handel gekommenen Objektiven zum neuen R-System von Canon, den unspektakulären RF 1,8/35 mm Macro IS STM und 4/24-105 mm L IS USM (Test in fM 12/18), lässt es Canon mit dem Duo für sein Vollformatsystem krachen: Das RF 1,2/50 mm L USM ist eine höchst lichtstarke Normalbrennweite, das RF 2/28-70 mm L USM ein Standardzoom mit unspektakulärem Brennweitenbereich (lichtstarke Modelle beginnen heute fast immer mit 24 mm), doch bislang unerreichter Lichtstärke; die lichtstarken Konkurrenzmodelle beginnen in dieser Klasse fast immer bei Blende f/2,8. Lediglich Sigma kann bislang ein ähnliches Objektiv in seinem Sortiment aufweisen, das 2/24-35 mm DG HSM Art ist jedoch mehr auf den Weitwinkelbereich ausgerichtet. Womit gleich ein Blick auf die Preisgestaltung erlaubt sein soll: Während das genannte Sigma-Zoom eine UVP von 1150 Euro aufweist, verlangt Canon für sein RF 2/28-70 mm 3250 Euro! Schlucken werden Interessierte auch beim Blick auf das Preisschild am RF 1,2/50 mm: Mit 2500 Euro liegt es fast 1000 Euro über der UVP des Spiegelreflexpendants EF 1,2/50 mm L USM.

Nun sind die beiden Ojbektive keine Spiegelreflexobjektive mit anderem Bajonettring, sondern echte Neukonstruktionen. Wir haben sie im Labor und in der Praxis untersucht (im Januar 2019), um herauszufinden, ob sich die Investition überhaupt lohnt.
Gerade sehr lichtstarke Objektive kranken an dem Umstand, dass sie bei der Anfangsöffnung eine weiche, geringe Auflösung bieten und mehr oder weniger stark abgeblendet werden müssen, bis sie (wenn überhaupt) knackig scharf werden. Davon kann sich auch das 50er nicht ganz frei machen: Allerdings reicht bereits eine Stufe abblenden, um seine Maximalleistung zu erzielen, die die 100-Prozent-Marke beim Wirkungsgrad erreicht! Bereits bei Offenblende f/1,2 ist es sehr gut bis ausgezeichnet. Damit bietet die Festbrennweite auch eine überragende Flexibilität, was den Einsatz der Blendenwerte betrifft: Der Fotograf kann die zum Motiv passende Blende auswählen, ohne auf Leistungsspitzen Rücksicht nehmen zu müssen. Negative Effekte durch Beugung haben wir über die ersten fünf Blendenstufen nicht festgestellt.
Von einer Randabdunklung kann sich das 1,2/50 mm naturgemäß nicht frei machen. Sie ist bei offener Blende sehr deutlich und geht um zwei Stufen abgeblendet auf gute Werte zurück. Dabei ist sie stets natürlich im Verlauf. Kaum merklich ist die tonnenförmige Verzeichnung, was ebenfalls sehr gut ist.

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Canon RF 1,2/50 mm L USM

Canon RF 1,2/50 mm L USM
Preis: ca. 2500 Euro

© Canon

Das RF 1,2/50 mm gehört wie auch das 2/28-70 mm in die professionelle L-Reihe von Canon. Insofern sind sie auch mechanisch auf sehr hohem Niveau und vor Spritzwasser geschützt. Beide verzichten auf den Image Stabilizer. Die Gründe dürften in der kompromisslosen Ausrichtung auf höchste Bildqualität und Kostenersparnis liegen. Ungewöhnlich ist auch der hohe Kunststoffeinsatz bei beiden Modellen, was sie allerdings nicht zu Leichtgewichten macht. Beide haben allerdings den Steuerungsring am Front­ende, der sich kameraseitig auf einen Blendenring oder die Empfindlichkeitseinstellung programmieren lässt. Beim 50er gibt es als Besonderheit einen Fokussierbereichsbegrenzer, der auf Wunsch den Einstellbereich unterhalb 80 cm ausspart. Außerdem: Rund eine Sekunde nach dem Ausschalten fährt die vordere Linsengruppe in eine Ruheposition ein. Wie sich das auswirkt, wenn innerhalb dieser Zeitdauer das Objektiv abgenommen wird, haben wir nicht ausprobiert.

Von der Fassungsqualität etwas besser gefällt uns das 2/28-70 mm L USM. Der Punktevorsprung resultiert zudem aus den besseren ausgeführten Maßnahmen gegen vagabundierendes Licht. Auch beim Zoom hat Canon ein ungewöhnliches Feature eingebaut: Der Zoom-Lock bei 28 mm verhindert ungewolltes Herausrutschen der Objektivfront, was schon auf das hohe Gewicht von 1430 g des 28-70 mm hinweist.
Der konstruktive Aufwand hat sich allerdings gelohnt: Als „phänomenal“ bezeichnet Labortester Anders Uschold die Auflösung für diese extreme Lichtstärke. Bei 40 und 70 mm Brennweite gibt es geringe Offenblendschwächen, doch schon bei Blende f/2,8 erreicht das Zoom ausgezeichnete Werte. Die Anfangsbrennweite bewegt sich über den Blendenbereich sogar auf fast dem gleichen Niveau.
Gegen die Randabdunklung hilft Canon digital nach: Bei den größeren Blendenöffnungen steigt das Bildrauschen von der Bildmitte zum Bildrand hin deutlich an. Das Ergebnis ist allerdings erstaunlich, das Zoom zeigt bei allen Brennweiten eine zwar sichtbare, aber natürliche Vignettierung bei f/2 und abgeblendet gute Werte. Wenn die digitale Verzeichnungskorrektur in der Kamera abgeschaltet ist, verzeichnet das 28-70 mm bei 28 mm deutlich tonnenförmig und bei 70 mm sichtbar kissenförmig.

FAZIT
Wenn man bedenkt, dass wir die beiden RF-Objektive nur am Vollformatsensor testen konnten, weil es einfach keine passende APS-C-Kamera gibt, sind die beiden Ergebnisse in den Optikprüfungen sensationell. Ohne von besseren Noten an einem kleineren Sensorformat profitieren zu können, zeigen sie ihr pures Leistungsvermögen am großen Sensorformat. Besonders erfreulich ist, dass die hohe Lichtstärke auch praktisch nutzbar ist und die RF-Linsen schon bei der Anfangsöffnung top Leistungen zeigen. Insofern ist der Preis zwar heftig, doch die Objektive sind ihr Geld wert.

> Hier gelangen Sie zum Download der Tabelle mit den Ergebnissen aus unserem Test (Canon RF 1,2/50 mm L USM, Canon RF 2/28-70 mm L USM).

Labormessungen: Anders Uschold

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Dieser Test wurde in unserer Ausgabe fotoMAGAZIN 2/2019 veröffentlicht. Zur Einzelheftbestellung gelangen Sie hier.

Einen Test der drei Canon-RF-Objektive 2,8/15-30 mm, 2,8/24-70 mm und 4-6,3/24-240 mm finden Sie im fotoMAGAZIN 2/2020.

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Lars Theiß
Über den Autor
Lars Theiß

Unser Technikredakteur Lars Theiß kümmert sich vorwiegend um Tests und Praxisthemen rund um Kameras, Objektive und Zubehör. Seit 1995 arbeitet der besonders an naturfotografischen Themen interessierte Wahlhamburger beim fotoMAGAZIN. Zu seinen Aufgabenbereichen gehören die Objektivtests, Secondhand-Themen und die fotoMAGAZIN-Spezialausgabe Einkaufsberater.