Im Test: Leica M10

Die Messsucherkamera im Praxis- und Labortest
20.06.2017

Leicas erste Versuche, die M-Reihe in das digitale Zeitalter zu bringen, wiesen noch Kinderkrankheiten auf. Die neue M10 erfüllt nun viele der verbliebenen Wünsche von Messsucherfotografen. Wir haben sie mit der gut vier Jahre alten Leica M (Typ 240) verglichen.

 

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Leica M10 front black

Die M10 ist in Silber-Schwarz oder – wie hier – in Schwarz erhältlich

© Leica

Gut vier Jahre haben die Anhänger der Messsucherfotografie auf das neue M-Modell warten müssen, mit dem Leica wieder zu den gewohnten Modellnamen zurückgekehrt ist: Auf die M8, M9 und M (Typ 240) folgt nun die M10. Nachdem die Kinderkrankheiten der ersten Modellgenerationen schon mit der M (Typ 240) weitgehend überwunden waren und dieses Modell mit CMOS-Sensor auch erstmals Live-View und Videoaufnahmen unterstützte, blieben vor allem zwei Wünsche: Ein schlankeres Gehäuse in den Abmessungen einer analogen M und weniger Rauschen bei hohen ISO-Werten.

Die Leica M10 im schlanken Gehäuse

Die Verschlankung des Gehäuses war eine Herausforderung, auch wenn es nur um 3,5 mm ging. Die Elektronik wurde dank einer neuen Leiterplattentechnologie kompakter und die Vorderseite der Kamera konnte so weiter nach hinten versetzt werden – nicht jedoch der nun etwas vorstehende Objektivanschluss, da ja der Abstand zwischen Bajonett und Sensor gleich bleiben muss. Diese vermeintlich geringfügige Änderung erforderte erhebliche Anpassungen beim gekoppelten Messsucher, mit dem die Fokussierung aber auch noch präziser geworden ist. Die Suchervergrößerung hat mit 0,73fach etwa den Stand einer analogen M7 erreicht; bisher vergrößerten die Sucher der digitalen M nur 0,68fach. Die effektive Messbasis ist damit von 47,1 auf 50,6 mm gewachsen. Am grundsätzlichen Bauprinzip des Suchers hat sich allerdings nichts geändert; ein von manchen erhoffter Hybridsucher nach Art der Fujifilm X-Pro2 ließe sich nicht so einfach mit einem Messsucher kombinieren. Als Alternative bleibt die Fokussierung auf Basis des Live-Bildes; bei der M10 ist es endlich auch möglich, beliebige Bildausschnitte zur Schärfenkontrolle zu vergrößern, statt wie bei der M (Typ 240) nur die Bildmitte. Die Schlankheitskur wirkte sich auf den Akku aus, dessen Größe und Kapazität geschrumpft ist. Dass der Videomodus bei der M10 weggefallen ist, mag auch daran liegen, dass im Gehäuse weniger Platz für die passive Kühlung der Elektronik blieb.

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Leica M10 schräg

Die Kamera ist gegenüber der M (Typ 240) etwas schlanker geworden

© Leica

CMOS-Sensor mit 24 Megapixel

Die Kommunikation zwischen Objektiv und Kamera beschränkt sich nach wie vor auf die mechanische Kopplung von Fokusring und Messsucher sowie die optische Abtastung der Objektivkodierung. Die Blende wird nicht übertragen und kann nur durch einen Vergleich des durch das Objektiv fallenden Lichts mit dem Umgebungslicht grob geschätzt werden. Die M (Typ 240) hatte diesen Schätzwert auch in die EXIF-Metadaten eingetragen, was für Leica allerdings als Bug galt. Mit der M10 haben sie dies abgestellt, was viele M-Freunde bedauern, auch wenn die Blendenwerte irritieren konnten, wenn sich die Kamera verschätzt hatte.
Der CMOS-Sensor der M10 hat wieder 24 Megapixel; auf eine Steigerung der Auflösung hat Leica verzichtet. Die Herkunft des Sensors gibt Leica nicht preis; sicher ist nur, dass er nicht wie beim Vorgängermodell von CMOSIS entwickelt wurde. Möglicherweise stammt er aus der Sensorschmiede TowerJazz von Leicas Technologiepartner Panasonic. Ähnlich dem Sensor der M (Typ 240) ist er durch das Mikrolinsen-Design darauf ausgelegt, auch dann noch Bilder ohne Farbverschiebungen an den Rändern zu produzieren, wenn die Lichtstrahlen in einem flachen Winkel auf den Sensor treffen. Der ISO-Bereich ist auf ISO 100 bis 50.000 gewachsen, wobei die unterste Empfindlichkeitsstufe nicht mehr mit Einbußen beim Dynamikumfang verbunden ist.

Ausstattung und Bedienung der Leica M10
 

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Leica M10 Innenleben

Das Innenleben der M10: Den Messsucher (oben links) hat Leica verbessert

© Leica

Die Bedienung der M10 ist gegenüber dem Vorgängermodell vereinfacht. Links neben dem 3,0-Zoll-Display gibt es nur noch drei statt sechs Tasten. Dass man nun zum Löschen eines Bildes über das Menü gehen muss, stört kaum. Auch der Serienbildmodus und der Selbstauslöser werden jetzt per Menübefehl aktiviert; bisher war dafür der Hauptschalter mit zuständig, der die Kamera nur noch ein- und ausschaltet. Das Menü selbst ist klarer strukturiert; nach kurzem Antippen der Menü-Taste (auf einen längeren Druck reagiert keine der Tasten) erscheinen die konfigurierbaren Favoriten, nach jedem weiteren Antippen die jeweils nächste Menüseite.
Eine Referenz an die analogen Modelle ist das dedizierte ISO-Rad, das von der vom Display besetzten Rückseite an die einstige Position der Rückspulkurbel verlegt wurde. Man muss es mit zwei Fingern hochziehen, um die Empfindlichkeit einzustellen. Neben ISO-Werten zwischen 100 und 6400 (in ganzen Schritten) stehen ein im Menü wählbarer Wert bis ISO 50.000 (in Drittelschritten) und eine Automatik zur Wahl. Der gewählte Wert wird auch im Sucher eingeblendet. Wer die Empfindlichkeit oft anpasst, braucht das Rad erst wieder hineinzudrücken und so vor einer unabsichtlichen Verstellung zu schützen, wenn er die Kamera wieder in die Tasche steckt.

Ein leider unpraktisches Überbleibsel aus der analogen Zeit ist die abnehmbare Bodenplatte, die einst dazu diente, den Film einzulegen. Bei der M10 muss man sie abnehmen, um die Speicherkarte oder den Akku zu wechseln. Für seine anderen Modellreihen hat Leica längst eine modernere Lösung entwickelt, die sogar eine Batteriefachklappe überflüssig macht und dennoch den Witterungsschutz gewährleistet.

Leica M10 ohne USB-Schnittstelle

Für die M (Typ 240) gab es noch einen Multifunktionshandgriff, der statt der Bodenplatte montiert werden konnte und auch eine elektrische Verbindung mit der Kamera hatte. Er stellte unter anderem eine USB-Schnittstelle bereit, die der M10 fehlt. Auch HDMI- oder AV-Buchsen sucht man vergeblich. Der Anschluss für den Multifunktionshandgriff ist zwar auch bei der M10 vorhanden, jedoch unzugänglich. Vermutlich wird er für Wartungszwecke benötigt, etwa zur Kalibrierung des Messsuchers. Eine Schnittstelle hat die M10 dennoch, nämlich der im Blitzschuh verborgene Anschluss für einen optionalen elektronischen Sucher. Diese Schnittstelle hatte Leica mit der T eingeführt und deren Visoflex (Typ 020) kann auch die M10 nutzen, einschließlich des darin inte-grierten GPS-Empfängers. Die Auflösung von 2,4 Millionen Bildpunkten erreicht zwar nicht den Stand der Leica Q (3,7 Millionen) oder SL (4,4 Millionen), aber diese Auflösung, die höhere Bildfrequenz und die kürzere Latenzzeit sind ein großer Fortschritt gegenüber dem EVF-2 für die M (Typ 240).

Für die Verbindung zwischen der Kamera und anderen Geräten hat Leica ein WLAN-Modul eingebaut, mit dem die M10 ein eigenes Funknetz erzeugen oder sich in ein existierendes Netz einbuchen kann. Mit einer App für iOS-Geräte kann die Kamera dann ferngesteuert werden; auf dem iPhone oder iPad wird zur Kontrolle ein Live-Bild angezeigt. Die Aufnahmen lassen sich auch auf iOS-Geräte übertragen. Für die Datenübertragung auf einen Computer bleibt aber nur der Weg über einen SD-Kartenleser. Wer eine M im Tethering-Modus nutzen will, bleibt auf die M (Typ 240) angewiesen, die auch wegen ihres Videomodus weiter im Sortiment bleibt.

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Testbild mit Leica M10

In kontrastreichen Gegenlichtsituationen zeigt sich der gegenüber der M (Typ 240) vergrößerte Dynamikumfang der M10.
Kamera: Leica M10
Objektiv: Summilux-M 1,4/35 mm
Einstellungen: ISO 100, f/4, 1/2000 s

© Michael J. Hußmann

Geschwindigkeit und Bildqualität der Leica M10

Eine manuell fokussierte Messsucherkamera setzt der Geschwindigkeit Grenzen, aber die Auslöseverzögerung ist mit 0,18 s hinreichend kurz. Im Serienbildmodus erreicht die M10 nun 4,8 Bilder/s, wozu ein offenbar schneller auslesbarer Sensor und der höhere Durchsatz des Maestro-2-Prozessors beitragen. Bis zu 27 Raw- und mehr als 200 JPEG-Dateien können bei dieser Bildfrequenz gespeichert werden – die Folge eines vergrößerten Pufferspeichers. Der Sensor der M10 hat kein auflösungsminderndes Tiefpassfilter; dennoch ist die auf Basis der JPEG-Dateien gemessene effektive Auflösung etwas geringer als die der M (Typ 240). Sie bleibt allerdings bis ISO 6400 praktisch ungeschmälert erhalten. Das weist auf ein verbessertes Rauschverhalten im oberen ISO-Bereich hin, das die Messwerte bestätigen: Zwischen ISO 100 und 200 ist das Rauschen der M10 und M (Typ 240) gleichermaßen niedrig; während es aber im Fall der M10 auch ab ISO 800 nur mäßig anzieht, steigt es beim Vorgängermodell deutlich. Der Dynamikumfang ist um rund eine Blendenstufe gewachsen. Bei der Artefaktnote schneidet die M10 etwas schlechter, bei der Scharfzeichnungsnote aber deutlich besser ab. Nur beim Eckenrauschen im Test mit einem Summarit 2,4/50 mm bleibt die M10 hinter dem Vorgänger zurück.

FAZIT

Mit der M10 erreicht Leicas digitale M-Reihe erstmals ein „Sehr gut“ im fotoMAGAZIN-Test. Die neue M bietet zeitgemäße Elektronik in einem an die kompakten Abmessungen analoger Modelle angelehnten Gehäuse mit einem nochmals verbesserten Messsucher.

Hier gelangen Sie zum Download der Tabelle mit allen Ergebnissen aus unserem Test (Leica M10, Leica M/Typ 240).

Labormessungen: Anders Uschold

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Dieser Test ist in unserer Ausgabe fotoMAGAZIN 4/2017 erschienen.

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.

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Über den Autor
Michael J. Hußmann

Michael Hußmann nahm schon in seiner Jugend Kameras auseinander um zu schauen, was drin steckt. Nach Abschluss seines Studiums der Informatik und Linguistik über Tätigkeiten als Wissenschaftler im Bereich der Künstlichen Intelligenz und Softwareentwickler schreibt er als freier Journalist über Digitalkameras, optische, technische und ästhetische Grundlagen der Fotografie, Digital Imaging, Farbmanagement, Künstliche Intelligenz und neue Technologien.