Traumjob Fotograf?

11.08.2010

Fotograf gilt noch immer als Traumberuf. Dabei sieht die 
Wirklichkeit heute ganz anders aus. Ralf Hanselle beobachtete den Berufsalltag der Profis

Sportfotograf Matthias Hangst

Sportfotograf Matthias Hangst

Sportfotograf Matthias Hangst

Sport ist Adrenalin. Es ist eine Stille im weiten Stadion. Ein Kribbeln vor einem erlösenden Schuss. Sport, das ist ein stockender Atem, ein Jubel, ein Schrei. Manchmal, da ist er all das in einem einzigen Bild. Der Decisive Moment, er scheint auf Bolzplätzen daheim zu sein dort, wo sich die Emotionen stauen wie Muskulaturen; wo Energieschübe mit großem Tempo zusammenprallen.

Kaum einer weiß das besser als der passionierte Sportfotograf Matthias Hangst. Der gebürtige Schwabe scheint sich im großen Rund der Stadien wie zuhause zu fühlen. Er zählt zu den besten freien Sportfotografen, die es in Deutschland derzeit gibt. Fünfmal hat es ein Bild von ihm zum Sportfoto des Jahres gebracht. Zweimal hat er den von der Welt am Sonntag ausgelobten Sven-Simon-Preis gewonnen.

Der Profifotograf zählt auf dem Sportplatz zur Minderheit

Wenn Matthias Hangst von Sport redet, dann klingt er ähnlich begeistert wie ein Michael Ballack oder ein Bastian Schweinsteiger. Matthias Hangst ist Profi. Und das schon seit beinahe sechs Jahren. Er agiert dort, wo die Luft dünn ist. Wo nur die Besten fotografieren: Bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen. Ein guter Sportfotograf, sagt er, dürfe nicht nur Fußballfotograf sein. Da steht man nicht nur mit einem 400-Millimeter-Objektiv am Spielfeldrand. Ein Sportfotograf kann eigentlich alles: von der großen Reportage bis zum kleinen Portrait. Und Matthias Hangst er kann das tatsächlich. Immer wieder hat er das in der Vergangenheit bewiesen.

Er hat für den Stern fotografiert und für den Spiegel. Er hat die großen Events auf einen optischen Nenner gebracht. Und doch: Irgendetwas stimmt nicht mehr.
"Ich habe diesen Job immer gerne gemacht, aber in den letzten Jahren hat sich sehr viel verändert." Wenn er das sagt, klingt er wie ein Greis, der auf seine verlorene Jugend zurückschaut.
Dabei ist Hangst gerade einmal 32. Früh hat er Praktika bei heimischen Regionalzeitungen absolviert, dann folgte ein Volontariat bei Pressefoto Baumann. Matthias Hangst ist eigentlich noch jung. Und doch: In der Sportfotografie ist er schon ein Auslaufmodell. 

Denn der Profi ist auf dem Sportplatz längst zur Minderheit geworden. Ambitionierte Amateure und engagierte Quereinsteiger haben diesen Typus sukzessiv verdrängt. Genau hier sieht Hangst auch das Problem. Die meisten Fotografen, sagt er, hätten auf dem Sportplatz eigentlich nichts verloren. Die machten Fotos, aber keine Bilder. In der Regel würden sie nicht einmal ihr Auskommen mit ihrer Kamera suchen.

Und dennoch: Sie sind da. Woche für Woche. Samstag für Samstag. Die Technik hat es möglich gemacht. Autofokus und Verwertungsagenturen im Internet haben den Amateur zum ernsthaften Konkurrenten für den Berufsfotografen gemacht. Ein Konkurrent, mit dem mancher Zeitungsverlag mittlerweile Millionen einspart. Denn während Fotografen wie Matthias Hangst für ihre Bilder angemessen honoriert werden wollen, unterbieten die Laien eine über Jahre gewachsene Preiskultur. Irgendwann, sagt Hangst, wird es daher den Supergau geben. Irgendwann, wenn das platte Ereignisfoto vollkommen über das gute Bild triumphiert haben wird.

So wie Matthias Hangst sehen das mittlerweile viele. Nicht nur im Sportbereich. Medienkrise, Anzeigenflaute und die Konkurrentenschwemme haben den einstigen Traumberuf zum Alptraum werden lassen. Shootings können nicht mehr finanziert werden. Studios müssen Insolvenz anmelden. Die Sorge um das sichere Auskommen hat fast jeden schon erwischt: Werber wie Fotojournalisten; Architekturfotografen wie Bildende Künstler.

Es läuft nicht gut, lautet dementsprechend das Fazit des erfahrenen Fotodesigners Jörg Winde. Der 54-jährige ist Professor im Fachbereich Design an der Fachhochschule in Dortmund. Er kennt die Hoffnungen vieler seiner Studenten genau. Er weiß, dass die heutigen Berufseinsteiger in der Regel so gut ausgebildet sind wie noch nie und dass sie über Zusatzkompetenzen verfügen, wie kaum eine Generation zuvor.

Ein Fotograf, sagt er, muss sich nicht nur mit Fragen der Bildkonzeption und -gestaltung beschäftigen. Er muss auch kaufmännische Qualitäten besitzen und sich zudem auch gut vermarkten können.
Viele können das. Und doch. Winde ist pessimistisch: "Ich warne jeden! Auf dem Fotomarkt muss man sich derzeit sehr warm anziehen." Die Einkommen seien niedrig und meist käme man nur noch mit Zusatzjobs über die Runden: Mit Layout-Aufträgen und mit Broschürenbasteln.

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eine eigene Bildsprache zu entwickeln“

Bildvermarktung über Galerien

Abschrecken lässt sich von diesen gut gemeinten Worten kaum jemand. Zumindest an der FH in Dortmund nicht. Dort sind die Bewerberzahlen für den Fachbereich Fotodesign so hoch wie noch nie. Die Aussicht, eines Tages vielleicht doch zu den wenigen Erfolgreichen zu zählen, lässt viele die Wirklichkeit vergessen.
Das Wort Fotografie, es setzt noch immer äußerst attraktive Bilder frei. Man denkt an die guten alten Zeiten zurück an Diven mit der Kamera. Kreativsein ist daher weiterhin cool. Und Armut? Vielleicht ist sie ja auch ganz sexy, zumindest für den Übergang.

Auch für den gebürtigen Österreicher Reiner Riedler bestimmen Fotos und Kameras Leben und Denken. Es ist noch nicht lange her, da war er als Reisefotograf dazu bereit, für eine interessante Reportage gravierende Einbußen in Kauf zu nehmen.
Immer wieder hat er stressige Aufträge oder unverhältnismäßige Honorarsätze akzeptiert. Selbst als es im Magazinbereich vor gut fünf Jahren zur Regel wurde, Spesenrechnungen nicht mehr zu zahlen, hat Riedler gute Mine zum bösen Spiel gemacht immer getrieben vom guten Bild, auf der Suche nach dem Abenteuer.

Irgendwann aber hat der heute 42-jährige dann einen Strich gezogen. Das war der Tag, an dem er alle Fotos eines Jahres hervorgeholt und genau unter die Lupe genommen hat. An diesem Tag hat er eine niederschmetternde Entdeckung gemacht: All diese Fotos waren Schrott.
Der Wunsch, mit dem immer billiger produzierten Bild mithalten zu können, war zu Lasten der Qualität gegangen.

Über all den Stress und die Eile hatte Reiner Riedler die vielleicht elementarste Wahrheit der Fotografie vergessen: Ein gutes Bild braucht seine Zeit. 
Eine Zeit, die sich der Wiener jetzt wieder nehmen will. Er ist aus der durch die Digitalisierung entstandene Beschleunigungsspirale einfach ausgestiegen.
Heute produziert der studierte Ethnologe seine Fotos zuerst einmal für sich selbst.

"Wenigstens für mich will ich gute Bilder machen," sagt er. "Ich will mit meiner Arbeit zufrieden sein." Damit sich diese Zufriedenheit auch auszahlt, vermarktet er seine Fotos jetzt vornehmlich über den Kunstmarkt.

Dank einer ausgeprägten Bildsprache haben es Riedlers Reportagen als limitierte Editionen in namhafte Galerien geschafft. Ökonomisch gesehen, sagt er, seien Ausstellungen für ihn heute ein wichtiges Standbein. "Andernfalls könnte ich mir die Fotografie vermutlich gar nicht mehr leisten."

Kunst ist nicht nur für Riedler zum Rettungsring geworden. Immer mehr Fotografen aus dem einst angewandten Bereich tauschen ihre Bildredakteure gegen Galeristen ein.
Statt ihre Arbeiten wie bisher in Illustrierten abdrucken zu lassen, ikonisieren sie sie im musealen Kontext. Zudem verewigen sie sich mittels Fotobüchern. Ein Bereich, der längst schon nicht mehr zu überschauen ist.

Der neue Bücherboom

Laut Börsenverein des Deutschen Buchhandels sind vor fünf Jahren 799 Erstauflagen in diesem Bereich erschienen. 1998 waren es bereits 950.
Einst gab es eine Zeit, da waren solche Bücher Raritäten, heiß begehrt unter Sammlern und Käufern. Heute findet man sie im Abverkauf; gestapelt auf dem Grabbeltisch.

Geld kann man mit ihnen meist nicht mehr verdienen. In der Regel bringt man sein Honorar besser selber mit. Druckkostenbeiträge im vier- bis fünfstelligen Euro-Bereich sind bei den meisten Verlagen keine Seltenheit. Und der Buch-Boom hat Folgen: Die Kunst expandiert. Was heute in Büchern und in Museen landet, das ist oft eigentlich nur Journalismus. So lautet das vernichtende Urteil des Berliner Fotokünstlers Stefan Heyne. Auch wenn der zu den wenigen gehören mag, die vom Verkauf ihrer Bildkunst zur Zeit leben können; Heyne sieht die Entwicklung auf dem Fotokunstmarkt durchaus kritisch.

Was dort abhanden gekommen sei, das seien weniger die Käufer; es fehle zur Zeit an gehobener Diskurs-Kultur. Man rede zuviel über Images und zu wenig über Ästhetik. Editionsgalerien wie Lumas hätten diesen Trend beschleunigt. Vielleicht ist diese Wortkargheit aber auch kein Wunder. Dort, wo laut Erhebung der Künstlersozialkasse aus dem Jahr 2009 das monatliche Durchschnittseinkommen gerade einmal 1061 Euro beträgt, bleibt zum Reden nur wenig Zeit.

Gut verdienen tun in der Fotokunst noch immer nur die wirklich Großen die Tillmans und Höfers. Die anderen werden von Existenzängsten geplagt. Die Kraft für ökonomische Widrigkeiten, so Stefan Heyne, zieht man als Künstler zuweilen nur aus dem Glück über eine gelungene Arbeit. Das ist vermutlich in der angewandten Fotografie nicht anders. Auch wenn man dort eher Kompromisse macht. Am Ende des Tages, so etwa der Hamburger Werbefotograf Olff Appold, muss vor allem der Kunde mit der Arbeit zufrieden sein. Da müsse er als Fotograf auch schon mal Abstriche machen.

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Architekturfotograf

Chancen mit innovativer Bildsprache

Seine Kunden jedenfalls sind zufrieden. Vermutlich weil der Hamburger in einem Segment der visuellen Kommunikation arbeitet, in dem Auftraggeber Qualität zu schätzen wissen.

Für Quick-and-Dirty-Jobs ist sich der Hamburger zu schade. Und doch weiß auch er, dass Agenturen in der aktuellen Wirtschaftskrise eher weniger als mehr Geld ausgeben können. Es gibt regelrechte Überlebenskämpfe, sagt er. Kämpfe, die nicht zuletzt auch damit zu tun hätten, dass der Markt für Werbefotografen nicht zu überschauen sei. Bei vielen, meint Appold, habe man es mit Gauklern zu tun. Man wisse nicht, welche Kompetenzen dahinter steckten. Deshalb gäbe es auch kaum verlässliches Zahlenmaterial. Selbst beim BFF nicht, dessen Vorsitzender Appold ist.

Fest steht nur: Der Markt ist voll. Wenn man sich dennoch durchsetzen will, ist es gut, eine innovative Bildsprache zu entwickeln. Am besten eine, die auch multimedial verwendbar ist. Denn eines ist für Olff Appold klar: Das Internet hat alles verändert.

Es hat die analoge Fotografie an ihr Ende gebracht und die klassische Zeitungswerbung zum Auslaufmodell gemacht. Und doch bleibt der selbstständige Werbefotograf optimistisch: Der Stern, sagt er, brauche nur jede Woche ein paar Bilder; das Internet aber brauche sie jeden Tag. Man dürfe sich den neuen Entwicklungen nicht verschließen, dann habe man auch jetzt eine Chance. Die Zeit der Diven ist jedenfalls vorbei.

Was heute zählt ist Dienstleistung. 

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Journalist Ralf Hanselle
Über den Autor
Ralf Hanselle

1972 in Detmold geboren, studierte Philosophie und Germanistik an der Universität Bonn. Nach Hospitanzen und Tätigkeiten bei diversen deutschen Tages- und Wochenzeitungen arbeitet er seit 2000 als freier Publizist. Zu den Schwerpunkten seiner Arbeit zählen Foto- und Kunstkritik sowie Reportagen aus den Bereichen Kultur und Geistesleben.