Straße bei Guymon, 2009, Mitch Dobrowner

Straße bei Guymon, 2009, Mitch Dobrowner
„Straße bei Guymon, 2009“, aus dem Bildband „Sturm“. Mitch Dobrowner benutzt für seine tonwertreichen Bilder keine Photoshop-Tricks.
Ausschnitt © Mitch Dobrowner

Serie: Sauwetter 2.0 - Der perfekte Sturm

Fotografieren, wenn es stürmt und schneit - Szenario IV
19.03.2015

Vier Jahre verfolgte Mitch Dobrowner Tornados quer durch die USA. Und fotografierte grandiose SW-Portraits der Sturmgewalten, deren Schönheit den Betrachter erschauern lässt

Mitch Dobrowner erinnert sich an sein erstes Mal: „Es war atemberaubend. Wir folgten dem Sturm von South Dakota bis nach Wyoming. Auf einem offenen Feld an erhöhter Stelle hielten wir an. Der perfekte Standort. Die schwarze Wolkendecke war ehrfurchtsgebietend. Blitze zuckten, im heftigen Wind konnte man kaum stehen. Dann kam die Superzelle den Hügel ‘rauf und raste mit 80 km/h auf uns zu. Ich stand wie hypnotisiert da. Dann brüllte Roger mir zu ‚Wir müssen los. Jetzt, sofort!‘

Die beiden schafften es noch, rechtzeitig wegzukommen. Für Dobrowner war es ein Erweckungserlebnis. „Aus dem fotografischen Versuch wurde mein neues Projekt“, erzählt er. Von Mitte 2009 bis 2012 verfolgte Dobrowner Tornados, Superzellen und Zyklone quer durch die USA, meist in der sogenannten Tornado-Alley in den Great Plains östlich der Rocky Montains. Und im Gegensatz zur üblichen Berichterstattung über die Ausmaße der Zerstörung, zeigt Dobrowner die Naturgewalten als grandiose, lebendige Wesen mit Charakter.

„Ich arbeite wie ein Portraitfotograf,“ erklärt er und fährt fort: „Stürme verändern und entwickeln sich. Ich lasse die Natur ihren Job machen. Mein Job ist es, zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle zu sein“.

Vor Ort, wenn der Sturm ankommt

Was sich pragmatisch anhört, erfordert in der Praxis eine Menge Wetterwissen und technische Logistik. Davon war Dobrowner anfangs ziemlich unbeleckt, bis er Roger Hill kennenlernte, ein Meteorologe und professioneller Sturmjäger. Die beiden freundeten sich an und arbeiten seitdem zusammen.
Unterwegs im großen Van ist das Team mit GPS und Doppler-Radar ausgestattet. Damit erkennen sie die Bewegungsrichtung, -geschwindigkeit und Rotation von Sturmzellen. Die Wetterdaten müssen mit den GPS-Daten korreliert werden, also mit verfügbaren Straßen, Feld- und möglichen Fluchtwegen.

Denn Dobrowner jagt Stürmen nicht hinterher, er fährt ihnen voraus und schneidet ihnen den Weg ab. Idealerweise findet er dann einen erhöhten Standort, setzt den Horizont tief ins Querformat und darüber türmt sich das Wetterbiest auf. Fotos macht er erst dann, wenn das infernalische Gebilde einen eigenen Charakter ausformt, eine figürliche Ausprägung, und dabei auch noch das Licht stimmt.

„Bevor ich das Bild mache, habe ich es bereits im Kopf“, erklärt er und verweist auf Ansel Adams Konzept der Visualisierung. Wie Adams, der amerikanische Klassiker heroischer Landschaftsfotografie, und Minor White, fotografierte auch er von Anfang an in Schwarzweiß.
„Für meine Bilder erscheint mir Farbe zu üblich, zu gewohnt. Was ich empfinde, die Dramatik der Natur, kann ich viel besser mit Schwarzweiß interpretieren“.

Adams’ (Dunkelkammer-)Konzept der Visualisierung adaptierte Dobrowner für die digitale Fotografie mit seiner Canon EOS 5D Mark II. Dabei arbeitet er wie mit Analogfilm. Um Kontraste zu verstärken oder Tonwerte zu verändern, verwendet Dobrowner die typischen Farbfilter für Schwarzweiß: Gelb bis Rot für hohe Wolken-/Himmelskontraste oder auch mal Grün um den Ton von Gras aufzuhellen, in seltenen Fällen auch mal Blau.

Um die Filterwirkung real beurteilen zu können, stellt er das Kameradisplay auf Schwarzweiß (über „Bildstile“). Durch die Schwarzweiß-Wiedergabe auf dem Monitor wird die tonwertverändernde Filterwirkung direkt erkennbar, statt nur ein monochrom gefärbtes Farbbild zu zeigen. Histogramm und Anzeigen von Über-/Unterbelichtungen helfen zusätzlich bei der Ermittlung der Belichtung. Fotografiert wird im RAW-Modus, wodurch die RGB-Daten nicht verlorengehen.

"Sturm" Bildband von Mitch Dobrowner

"Sturm" Bildband von Mitch Dobrowner

"Sturm" - Bildband von Mitch Dobrowner

Bei der späteren „Entwicklung“ der RAW-Datei zum 16 Bit-Tiff zieht er lediglich die Farbsättigung auf Null. Das ergibt ein hochaufgelöstes SW-Foto ohne Verluste. 2012 erhielt Dobrowner – ein eher bescheidener, praktischer Typ – den Sony World Photographer of the Year Award und wurde über die USA hinaus international bekannt.

Im Prestel-Verlag ist im Herbst 2013 Mitch Dobrowners empfehlenswerter Bildband „Sturm“ erschienen.

Kurzinterview Mitch Dobrowner

fotoMAGAZIN: Wie schaffen Sie es, Blitze zu fotografieren, wenn Stürme kurze Belichtungszeiten erfordern?

Mitch Dobrowner: Ich benutze Zeiten von 1/30 – 10s, abhängig vom Wind. Es blitzt mit einer gewissen Regelmäßigkeit, bei 2s hat man schon gute Chancen einen Blitz zu treffen.

fotoMAGAZIN: Braucht man eine spezielle Ausrüstung für Sturmfotos?

Dobrowner: Wenn es regnet, nehme ich meine Mütze und stülpe sie über die Kamera. Etwas Spezielles gibt es nicht. Ich muss flexibel bleiben und fotografiere mit zwei Zooms, 24 -105 mm und 70-200 mm. Im Angesicht eines heranrasenden Zyklons muss ich mich auf Komposition und Belichtung konzentrieren, nicht auf Objektivwechsel.

fotoMAGAZIN: Wie gefährlich ist die Extremwetterfotografie?

Dobrowner: Auf flachem Feld könnten Blitze gefährlich werden. Ich bin aber nicht ängstlich. Es ist einfach zu  aufregend, Zeuge eines so gewaltigen Naturphänomens zu sein.

Im ersten Teil unserer Serie Sauwetter 2.0 erzählt der New New Yorker Fotograf Matthias Calmer über ein improvisiertes Schlechtwetter-Shooting in einem nassen Taxi. Wie man in einem warmen Studio einen Mann im Schnee fotografiert, hat uns der Hamburger Fotograf Joscha Kinstner verraten.
Und eine spezielle Ménage-à-trois im Regen inszenierte der Stuttgarter Fotograf Raffael Krötz

Die vollständige Praxis-Serie ist in unserer Ausgabe fotoMAGAZIN 2/2014 erscheinen. 

 

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Heinz-Jürgen Kruppa