Bildbearbeitung: Komplementärfarben gezielt einsetzen

So holen Sie mehr aus Ihren Bildern
27.03.2017

Durch eine gezielte Bildbearbeitung von Komplementärfarben können Bilder stimmiger und interessanter wirken. Wir erklären Ihnen die Grundlagen und geben hilfreiche Tipps zur Umsetzung

 

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Oben: Nach der Farbkorrektur, unten: Ausgangsbild. Rot und Blau sind keine Komplementärfarben, Rot und Orange auch nicht, Grünblau und Orange dagegen schon. Die Reduktion auf zwei komplementäre Farben – wie hier nach der Farbkorrektur – lässt Bilder stimmiger wirken

© IndirasWork@Fotolia.com

Bildgestaltung? Kontrast? Da war doch mal was im Kunstunterricht ... Da gab es den Hell-Dunkel-Kontrast, den Bunt-Unbunt-Kontrast, die analogen Farbharmonien, die Triaden der Grundfarben und (Trommelwirbel) den Komplementärkontrast. Tatsächlich kann uns Fotografen das Wissen um die Komplementärfarben wesentlich helfen, Bilder stimmiger und interessanter zu gestalten.

1. Der Komplementärkontrast: theoretische Grundlagen

Komplementär sind zwei Farben dann, wenn sie auf dem Farbkreis einander gegenüberliegen. In Zahlen ausgedrückt beträgt dann der Farbwinkel (englisch Hue) 180 Grad. Komplementäre Farben zeichnen sich dadurch aus, dass sie gemischt Grau ergeben – das kann man auch in Photoshop leicht testen. Malen Sie einmal mit dem Pinsel im Modus Farbe, auf 50 % Deckkraft, mit einer Farbe über ihre Komplementärfarbe. Voilà, es entsteht Grau.

Unser Auge versucht stets, Farben zu egalisieren und globale Farbstiche zu eliminieren. So wirken zum Beispiel Buchseiten unter der Nachttischlampe weiß, obwohl sie genau genommen eher ins Orangene gehen.

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Bei analogen Farben weicht der Farbwinkel im Farbkreis nur wenig ab, bei der Triade liegen 120 Grad zwischen den Farben, beim Komplementärkontrast 180 Grad

Auch bei räumlich benachbarten Komplementärfarben ist der Sehsinn bemüht, diese konträren Farben gleichzumachen, aber es gelingt ihm nicht. Durch diese Spannungssituation erscheinen die beteiligten Farben besonders leuchtend und gesättigt.

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Zum Umgang mit Farbharmonien bietet sich das kostenlose Color-Tool von Adobe an (früher hieß es Kuler). Online ist es verfügbar via color.adobe.com, offline in Photoshop unter Erweiterungen > Adobe Color-Themen

2. Der Farbkreis: Unterschiede und Varianten

Bevor wir uns der Praxis widmen, sollte noch der Begriff des Farbkreises genauer erläutert werden, denn es existiert eine Vielzahl von Farbkreisen. Es gibt in der Literatur Vorschläge von Goethe, von Hering, von Itten und von einigen anderen mehr. Einmal werden die Farben Rot/Grün/Blau als Grundfarben festgelegt und dann wieder die Farben Rot/Gelb/Blau. Wir beschränken uns auf die Betrachtung der zwei aktuell besonders verbreiteten Farbkreise, nämlich jenen nach dem RGB-Farbmodell, das Photoshop und ähnlichen Programmen zugrunde liegt, und dem nach dem Rot-Gelb-Blau-Ansatz von Herrn Itten, der tatsächlich ebenfalls in Photoshop verwendet wird, und zwar im Modul Erweiterungen > Adobe Color-Themen (siehe auch: Adobe Color CC).

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Links: Rot-Grün-Blau-basierter Farbkreis, rechts: Rot-Gelb-Blau basierter Kreis nach Itten. Kreative setzen noch immer häufig den älteren Itten-Farbkreis ein, um Farbharmonien zu bestimmen. Auch das Color-Tool von Adobe nutzt diesen Farbkreis

Diese zwei Farbkreise weichen voneinander ab. Wenn Sie sich Komplementärfarben über Photoshops Farbwähler-Dialog per Hue-Wert +180 Grad zusammenstellen, landen Sie bei anderen Werten, als wenn Sie in den Color-Themen „komplementär“ einstellen. Die Abweichung ist je nach Farbe unterschiedlich gravierend, aber sie ist immer vorhanden.

Welche Komplementärfarben wirken nun stimmiger? Wir haben für Sie einige Fotos angesagter Fotografen wie Ivan Gorokov, Jean Noir und Martin Strauss analysiert, die oft und gerne den Komplementärkontrast einsetzen.

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Der Dialog der Adobe Color-Themen bietet ein interaktives Farbrad, um Komplementärfarben oder auch Triaden und andere Harmonien zu bestimmen. Die aktive Vordergrundfarbe wird über das mittlere Symbol übergeben (1), die neu bestimmte Farbe kann über das linke Symbol an Photoshop zurückgegeben werden (2). Ersatzweise merkt man sich einfach den Farbwinkel in der HSB-Angabe (hier 196)

Weiter unten finden Sie die Ergebnisse zusammengefasst, wobei die Wertangaben mit der Pipette in Photoshops Farbwählerdialog gemessen wurden.

3. Farbharmonie herstellen: praktische Umsetzung

Für den praktischen Einsatz der Farbharmonien muss man Farben im Bild messen und im Farbwinkel gezielt verändern können. Photoshop bietet hierfür mehrere Möglichkeiten an. Stets dient dabei die altbekannte Pipette zur Aufnahme der Farben. Wichtig ist bei diesem Werkzeug, den Fangbereich auf einen größeren Radius (zum Beispiel 11 x 11 Pixel) auszudehnen. Die aufgenommene Farbe wird zur aktuellen Vordergrundfarbe. Zwischen Vordergrund- und Hintergrundfarbe wechseln Sie mit der Taste X. Wenn Sie die fragliche Farbe aufgenommen haben, können Sie per Fenster > Erweiterungen > Adobe Color-Themen Adobes Farbwerkzeug aufrufen und über das mittlere Bediensymbol die gewählte Farbe übergeben.

Wenn Sie nun über dieses Tool die Komplementärfarbe, zum Beispiel zur Haut, bestimmt haben, können Sie diese an Photoshop über das linke Bediensymbol zurückgeben. Ersatzweise können Sie sich die Farbe auch einfach anhand der ersten Zahl in der HSB-Zeile als Farbwinkel merken (im Beispiel 196). Im Anschluss messen Sie dann im Bild die aktuelle Farbe (im Hintergrund, im Himmel) und merken sich den Wert wieder (im Beispiel ganz oben 210). Für uns ist die Differenz relevant, also 14. Jetzt verwenden Sie eine Einstellungsebene vom Typ Farbton/Sättigung, wählen dort mit dem Fingersymbol die fragliche Farbe im Bild aus und verschieben deren Farbton auf -14.

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Mit einer Photoshop-Einstellungsebene Farbton/Sättigung gelingt die Farbanpassung besonders schnell: Wählen Sie das Fingerwerkzeug (1), klicken Sie mit der erscheinenden Pipette auf die fragliche Farbe (2) und stellen Sie dann am Farbtonregler (3) die zuvor berechnete Differenz ein. Die Bereichsauswahl erleichtert es, die Wirkung einzugrenzen (4). Wenn das nicht ausreicht, nutzt man einfach die Maske der Einstellungsebene

Für das Bild ganz oben haben wir zwei dieser Einstellungsebenen eingefügt und mit diesen zum einen die Farbe des Himmels angepasst (auf 196) und zum anderen die Farbe des Kleides (auf rund 25 und damit auf einen Wert nahe Hautfarbe). Für den Himmel haben wir weiterhin im gleichen Dialog nach Augenschein auch die Sättigung und die Helligkeit eingestellt. Das Ergebnis sehen Sie im oberen Bild.

Das gezeigte Verfahren taugt natürlich nicht nur für die People-Fotografie, sondern liefert auch bei Food-, Produkt- und Naturaufnahmen stimmigere Ergebnisse. Und wenn einmal die beschriebene Technik nicht das gewünschte Resultat liefert, dann probieren Sie stattdessen einen neuen Weißabgleich mittels Filter > Camera-Raw-Filter oder testen Sie die Einstellungsebene Color-Lookup, besonders mit Teal & Orange (unter Ebene > Neue Einstellungsebene > Color Lookup > Eigenschaften 3DLUT-Datei).

Fazit: Analyse zum Komplementärkontrast

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Ein klarer Trend: Aktuell werden in der Fotografie häufig die Farben im Bild auf zwei Farbtöne reduziert, die komplementär sind

Die Analyse der Bilder der Fotografen Gorokov, Noir und Strauss zeigt den Trend zum Komplementärkontrast:

  • Hauttöne sind warm-orange und sollten unberührt bleiben. Sie weisen einen Farbwinkel von 20 bis 35 Grad auf und können als Referenz für die Komplementärfarbe dienen. Itten und die Adobe Color-Themen liefern dann eine Farbe mit Farbwinkel 176 bis 203 Grad (im speziellen Color-Themen-Farbkreis liegen diese Farben exakt den Hauttönen gegenüber). Dieser Farbton entspricht Grünblau oder englisch Teal, und so entsteht auch der in Kinofilmen angesagte Teal & Orange-Look, den man aus Filmen wie Hugo Cabret und vielen anderen kennt.
  • Die Komplementärkombinationen Grünblau/Orange, Blau/Orange, Violett/Gelb und Blau/Gelb sind am häufigsten zu finden und wirken am stimmigsten. Die Kombinationen Grün/Rot oder Cyan/Rot finden sich seltener.
  • Je nach Künstler oder Kinofilm stellt man auch leichte kreative Abweichungen fest. So reichen Varianten des Teal & Orange- Looks bis zur extremen 20/200-Grad-Farbkombination. Das ist wiederum exakt die Komplementärkombination nach RGB-Farbkreis beziehungsweise nach dem Farbwinkel in Photoshops Farbwählerdialog.

 

Dieser Artikel ist in unserer Ausgabe fotoMAGAZIN 04/2017 erschienen.

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Über den Autor
fotoMAGAZIN

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