Earth Day: Tierische Action

Wildlife-Tipps vom Profi
18.08.2015

Anlässlich des internationalen Tags der Erde haben wir hier einen feinen Praxis-Tipp für Sie – denn perfekte Action-Bilder in der Natur sind keine Zufallsprodukte

Aus einem trägen Raubtier zu einem schnellen Jäger

Aus einem trägen Raubtier zu einem schnellen Jäger

Binnen weniger Sekunden wird aus einem trägen Raubtier ein schneller Jäger​

Uwe Skrzypczak gibt Ihnen Tipps, wie Sie Ihre SLR zur Schnellschusskamera machen und für die Action bestens vorbereitet sind.

Aufnahmedaten: Canon EOS 7D, EF 2,8/24-70 mm L bei 70 mm (KB: 112 mm), 1/125 s bei Blende 13, Neutral, ISO 200, WB: Auto, Tv, Belichtungskorrektur + 0,5

Foto: Uwe Skrzypczak

Oft sehen wir außergewöhnliche Landschaftsfotos, die trotz ihrer Intensität auch eine gewisse Ruhe austrahlen. Meist bleiben dem Fotografen nur Sekunden, um im entscheidenden Moment auf den Auslöser zu drücken. Ein Landschaftsfotograf muss den optimalen Winkel der Sonnenstrahlen nutzen, um das Morgenrot in aller Farbenpracht zu fotografieren. Der Wildlife-Fotograf braucht neben dem Gefühl für das beste Licht noch das Gespühr, Verhaltensabläufe in der Natur vorauszuahnen. Selbst für ein gutes Foto von einem vermeintlich still stehenden Wildtier benötigen Sie Konzentration und gute Reflexe. Zum Beobachten der Umgebung sind Kopf und Körper des Tiers fast permanent in Bewegung, weil in der Wildnis die ständige Gefahr eines tödlichen Angriffs droht. Wenn eine Aktion startet - etwa ein Gepard auf die Jagd geht - dann bleibt dem Fotografen keine Zeit mehr, seine Ausrüstung zu checken  oder das Objektiv zu wechseln. Mit Teleobjektiven von 500 mm Brennweite und mehr benötigen Sie zudem viel Praxiserfahrung, um einen Gepard, der in gut drei Sekunden auf 80 km/h beschleunigt, in Ihrem Kamerasucher zu halten.

Voraussetzungen für die Wildlife-Fotografie sind gute fotografische Grundkenntnisse und eine „schnelle“ Kameraausrüstung. Bei einem begrenzten Anschaffungsbudget ist eine APS-Kamera mit einem ca. 1,5fachen Verlängerungsfaktor der Objektivbrennweite und dem schnellstmöglichen Autofokus und Motordrive dieser Preisklasse die richtige Wahl. Beim Teleobjektiv ist einer etwas kürzeren, lichtstarken Variante mit einem 1,4fach-Konverter als Reserve der Vorzug vor jedem lichtschwachen Superzoom zu geben. Ein gutes Auge, eine ansprechende Bildgestaltung und die Fähigkeit, Situationen vorauszuahnen kann man sich antrainieren. Sehr gute Reflexe sind ein Muss, um Action-Augenblicke wie jagende Raubkatzen zu fotografieren. Um solche Situationen aufzuspüren, ist ein ausgeprägter Jagdinstinkt hilfreich. Äußerst wichtig sind die Grundeinstellungen der Kamera: eine schnelle Verschlusszeit, eine Autofokus-Einstellung, die den schnellsten, mittleren Kreuzsensor im Sucher anspricht und die höchste Motordrive-Leistung.

Vorbereitung für die Aktion

Die Belichtungs-Grundeinstellung ist die Blendenautomatik, wenn möglich kombiniert mit ISO-Automatik (begrenzt auf den höchsten, vom Bildrauschen erträglichen ISO-Wert). Für beste Flexibilität sollte die Verschlusszeitenvorwahl auf volle Stufen eingestellt sein, damit Sie beispielsweise mit sechs Klicks von einer schnellen 1/2000 s zur 1/30 s für Mietziehfotos wechseln können. Meine Grundverschlusszeit ist 1/250 Sekunde: drei Klicks nach rechts, 1/2000 s für Action-Szenen – drei Klicks nach links, 1/30 s für Mitzieher. Nur meine dritte Kamera, meist eine Semi-Pro mit Standardzoom 2,8/28-70 mm oder 35-105 mm ist normalerweise auf 1/1000 s und einen größeren Autofokus-Messzellenbereich eingestellt. Damit fotografiere ich reflexartig und aus dem fahrenden Auto.

Wenn Sie sich in Ihrer Freizeit auch immer wieder mit den technischen Möglichkeiten Ihrer Kamera vertraut machen, gewinnen Sie Sicherheit, die Ihnen auf Reisen die Zeit gibt, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Der springende Leopard

Der springende Leopard

Der springende Leopard

Es erforderte höchste Konzentration vom Wildlife-Profi, derlei Szenen festzuhalten und im richtigen Augenblick auf das Tier zu fokussieren.

Aufnahemdaten: Nikon D3, AF-S Nikkor 4/200-400 mm G ED VR bei 400 mm, 1/500 s bei Blende 4, Neutral, ISO 200, WB: Auto, Tv

Foto: Uwe Skrzypczak

Wie nützlich solch eine „Schnellschusskamera“ sein kann, sieht man an den Gepardenfotos. Bevor andere Fotografen ihre „großen Rohre“ aus der Dachluke gehievt hatten, war das Beste der Szene schon vorbei. In der Motordrive-Serie von 12 Aufnahmen mit drei oder vier Bildern pro Sekunde sind nur zwei dabei, auf denen beide Geparden synchron in meine Richtung schauen (sie Bild oben rechts). Obwohl das Bild wie gestaltet wirkt, war dahinter nichts als mein Reflex, im richtigen Moment die Kamera rattern zu lassen.

Die Kunst der Konzentration

Ohne ständige Konzentration helfen aber weder Reflexe noch die teuerste Ausrüstung. Vor allem Leoparden können unsere Konzentrationsfähigkeit ausreizen. In Aktion sind sie schwierig zu fotografieren. Man kann diese Schleichjäger normalerweise nur sehen, wenn sie es zulassen, meist tagsüber auf Bäumen schlafend oder dösend. Sind sie auf der Jagd, verschwinden sie im Gebüsch oder Ufergestrüpp um auf einmal an einer unerwarteten Stelle hervorgeprescht zu kommen. Ist man ein paar Sekunden unkonzentriert oder hat die Kamera nicht richtig eingestellt – 1/2000 s um die Szene einzufrieren und den Autofokus auf den schnellen, mittleren Kreuzsensor – ruiniert man eine seltene Szene, wie das auch mir schon passiert ist. Der voreingestellte Mehrfeld-Autofokus konnte beim Hochreißen der Kamera nicht schnell genug reagieren, 1/500 s friert solch eine Szene nicht ein, und die Sprungkurve des Leoparden taugte auch nicht wirklich zum Mitziehen. Das obere Bild ist gerade noch brauchbar scharf.

In Afrika sind die Tiere tagsüber oft sehr träge.
Bleiben Sie cool und fixieren Sie Ihre  Kamera auf einen Punkt für Sequenzen!

Die Fotosequenz eines jagenden Geparden wäre ohne vorherige Fixierung auf das Geschehen mit einem sehr langen Teleobjektiv praktisch außerhalb der menschlichen Reflexe und Motorik. Ich musste den Gepard bereits vor dem Start scharf im Sucher haben und idealerweise die Jagdrichtung vorausahnen. Der Versuch bei vollem Tempo neu anzuvisieren, scheitert oft an den physikalischen Grenzen des Kamera-Autofokus. Eine mögliche zweite Chance gibt es nur dann, wenn der Gepard nach einer 90° Wende durch die Abdrift stark verlangsamt oder wenn er sich zum Töten der Beute niederlegt. Die hier gezeigten Momente einer Gepardenjagd (siehe Galerie) laufen in der Natur in einer Zeitspanne zwischen acht und maximal 20 Sekunden ab.

Salventechnik für die Action

Temporeiche Action-Sequenzen lassen sich praktisch nur mit einer Kamera mit einem schnellen Motordrive fotografieren. Wählt man, wie ich, ausschließlich das RAW-Format als Aufnahmedatei, tritt das Problem auf, dass die Pufferspeicher aktueller Digitalkameras kaum mehr als drei Sekunden Serienbelichtungen verarbeiten können. In solchen Situationen nutzt man deshalb die „Salventechnik“: Man verfolgt das Motiv im Sucher und löst die Kamera nur zu den besten Einzelszenen für jeweils drei bis fünf Fotos aus.

Bleiben Sie geduldig!

Ein Löwe wagt den Absprung

Ein Löwe wagt den Absprung

Ein Löwe wagt den Absprung

​Uwe Skrzypczak hat zeitig auf das Motiv fixiert und macht die perfekte Bildsequenz.

Aufnahmedaten: Canon EOS 7D, EF 2,8/24-70 mm L bei 70 mm (KB 112 mm), 1/2000 s bei Blende 4,5, Neutral, ISO 200, WB: Auto, Tv, Belichtungskorrektur + 0,5

Foto: Uwe Skrzypczak

​Neben all der schnellen Kameratechnik ist für die Wildlife-Fotografie auch sehr viel Geduld erforderlich. Oft dauert es Tage oder gar Wochen, um bestimmte Tierarten oder deren Verhaltensmuster zu finden. Wenn Sie dann ein vorher antizipiertes Foto umsetzen möchten, kann es Ihnen passieren, dass Sie über Stunden mit brennenden Augen pausenlos durch den Kamerasucher schauen, bis der Körper irgendwann mangels ausreichender Flüssigkeitsaufnahme in der Hitze dehydriert. Interaktionen zwischen Tieren ziehen sich oft unendlich hin. Der Kampf zwischen den beiden Zebrahengsten (siehe Aufmacher ganz oben) dauerte über vier Stunden, bis die Tiere derart in Rage waren, dass es endlich zu wilden Aufsteigern und den abgebildeten Luftkämpfen kam.

Bei derlei Aufnahmen ist ein Grundwissen über das Verhalten der Tiere, die man fotografieren möchte, sehr wichtig. In Afrika und anderen Tropengebieten der Erde zeigen sich die meisten Tiere tagsüber sehr träge, um in der Hitze keine unnötige Energie zu verschwenden. Findet man beispielsweise in der Mittagshitze weitab von ihrem Bau herumstreunende Wildhunde auf Beutesuche, dauert es meist bis Sonnenuntergang, um sie in Aktion fotografieren zu können. Wartet man nicht, können sie bereits 40 Meilen weiter gezogen sein.

Cool bleiben und die Kamera auf einen Punkt fixieren ist wichtig, wenn Sie die Bilder später als Sequenz zeigen möchten. Diese Sequenzen wirken aber nur dann gut, wenn die Fotos anschließend einen Beschnitt auf gleichen Bildstand zulassen. Dazu müssen Sie vorher den Autofokus umstellen, damit die Sensoren die vermutete Bewegungsbahn des Hauptmotivs abdecken können. Löwen können auch auf Bäume klettern, verlieren aber schnell ihren Halt und riskieren bei der Landung Knochenbrüche und andere Verletzungen, mit denen sie schnell zur Beute von Hyänen werden. Das Vorausahnen besonderer Lichtstimmungen ist ein bestimmender Faktor für außergewöhnliche Natur- und Wildlife-Fotos. Die Elefanten-Szene (siehe Galerie) entstand an einem bewölkten Morgen, wie Sie am düsteren Hintergrund sehen. Das Warten auf besseres Licht wurde durch ein perfektes Spotlight auf die Elefantengruppe belohnt.

Ein gutes Auge, eine ansprechende Bildgestaltung und die Fähigkeit, Situationen vorauszuahnen kann man sich antrainieren. Sehr gute Reflexe sind ein Muss, um Action-Augenblicke wie jagende Raubkatzen zu fotografieren. Um solche Situationen aufzuspüren, ist ein ausgeprägter Jagdinstinkt hilfreich.

Das perfekte Licht

Wenn Sie das perfekte Licht gefunden haben, benötigen Sie oft so etwas wie ein drittes Auge oder ein körpereigenes Radar. Aufziehende Gewitter mit dramatischen Lichteffekten sind ideal für besonders außergewöhnliche Fotos. Allerdings bergen die fallenden Regenmengen sehr hohe Risiken. Besonders die riesigen Kurzgras-Savannen der südlichen Serengeti versinken dann derart im Schlamm, dass man selbst mit den besten Geländefahrzeugen keine Chance hat weiter zu fahren. Man muss bei diesem Wetter mit seinem Fahrzeug möglichst permanent vor der „Wasserkante“ bleiben. Bei den Gewitterfotos (siehe Galerie) sind wir vorher in einiger Entfernung an dem Geparden vorbei gefahren, aber mein Kollege wollte unbedingt ein paar Fotos von der sich aufplusternden Riesentrappe schießen. Ich interessiere mich in erster Linie für Säugetiere und Reptilien. Trotzdem habe ich mich auch mit dem Teleobjektiv auf die Trappe konzentriert (der kleine weiße Spot im Gewitterfoto). Als der Regen begann, mussten wir schlagartig mit dem Auto starten und ich sah gerade noch im Augenwinkel, dass der Gepard aufgeschlossen hatte und auf die Riesentrappe als Dinner fixiert war. Handkamera, acht Bilder in einer Sekunde aus dem fahrenden Auto bei fast zwei LV Unterbelichtung brachten mir zwar keine Knackschärfe, das resultierende Bild lässt sich aber problemlos über einen Meter groß auf Leinwand drucken. 

Gassi-Tour statt Safari: perfektes Training für Ihre ACTION-FOTOS

Gassi-Tour statt Safari

Gassi-Tour statt Safari

Gassi-Tour statt Safari

Fotos: Uwe Skrzypczak

Die Fotografie ist aus technischer Perspektive ein erlernbares Handwerk, also ein ganz normaler Beruf. Wenn er die praktischen Grundlagen erlernt hat, liegt es in der Hand jedes Fotografen, sich technisch und künstlerisch zu verbessern. Die Nutzung neuester Technologien ist dabei besonders hilfreich. Die Kameraautomatik nimmt uns heute viele Entscheidungen ab und auch der Autofokus reagiert viel schneller als die menschliche Motorik. Wir müssen jedoch weiterlernen, um all diese technischen Mittel optimal einzusetzen.

Dazu muss man nicht auf teure Reisen gehen: Ein Hund ist ideal zum Üben, um Action-Szenen im Kamerasucher zu halten und dabei das Autofokus-Messfeld nachzuführen. 
Wenn Kameras mit neuen Autofokustechnologien auf den Markt kommen, teste ich sie im Garten mit Willy, meinem „fliegenden Teppich“. So kann ich trainieren, dass ich auf meiner nächsten Reise den Autofokus auf die richtigen Parameter voreingestellt habe und unscharfe Bilder vermeide. Ein weißgrauer Hund im Schnee ist beispielsweise wegen der geringen Farbunterschiede und Farbkontraste genauso schwierig vom modernen Autofokus-3D-Tracking zu erfassen wie ein hellbrauner Löwe auf hellbrauner Erde. Zur einwandfreien Funktion benötigt diese Autofokuseinstellung ein Mindestmaß an Farbunterschieden und Farbkontrasten. Wenn Sie sich in Ihrer Freizeit auch immer wieder mit den technischen Möglichkeiten Ihrer Kamera vertraut machen, gewinnen Sie Sicherheit, die Ihnen auf Reisen die Zeit gibt, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren – auf das Licht und auf Ihr Motiv.

Ein Text von Uwe Skrzypczak. Aktuelle Artikel von Uwe Skrzypczak findet ihr auf seiner Website und auf seinem Blog.

Diese Praxis-Tipps sind im fotoMAGAZIN  erschienen.

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Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
fotoMAGAZIN

1949 erschien die erste Ausgabe der ersten Fotozeitschrift im deutschsprachigen Raum. Seither begleiten wir die Fotogeschichte. Unsere Kamera- und Objektivtests unter Labor- und Praxisbedingungen helfen Einsteigern und Profis seit jeher bei der Kaufentscheidung. Mancher Fotograf wurde von uns entdeckt. Und seit Steven J. Sasson 1975 für Kodak die erste Digitalkamera entwickelte, haben wir die digitale Fotografie auf dem Schirm. Unsere Fotoexpertise ist Ihr Vorteil.

Artikel unter dieser Autorenzeile sind Gemeinschaftsprojekte der Redaktion.