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Streetfotografie: Urbane Kunst fotografieren_Werk von Bordalo II
Bordalo II "Fröhlicher Tucan" in Berlin. Foto: © Michael Harker

Streetfotografie: Urbane Kunst fotografieren

Mehr als bunte Wände
16.01.2020

Wer viel in größeren Städten unterwegs ist, der stößt auch auf urbane Kunst. Fotograf Michael Harker verrät hier, wo tolle Street-Art-Werke zu finden sind, auf was beim Fotografieren geachtet werden sollte und was hinter den bunten Wänden noch so steckt.

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Big Mural von Fintan Magee in Estarreja

Anlässlich des Urban-Art-Festivals "ESTAU" im Jahr 2016 fertigte der australische Künstler Fintan Magee das Big Mural "Head in the Clouds" in Estarreja, Portugal.

© Michael Harker

Gesichter, die auf die vorbeigehenden Fußgänger blicken, fantasievolle Gemälde, die der Umgebung Leben einhauchen oder Tiere, die das Treiben in den Straßen beobachten – Big Murals sind vielerorts mehr als nur bunte Hauswände. Die riesigen Kunstwerke, die sich über mehrere Stockwerke erstrecken, sind nicht selten mit einer politischen oder gesellschaftskritischen Botschaft versehen. In seinem Bildband "Icons of Street Art" hat der Fotograf Michael Harker Werke von 150 Künstlern festgehalten – darunter Bordalo II, Fintan Magee, Mantra, Nark, Pantónio, Reka One, Tristan Eaton, Roa und Vhils. Bordalo etwa ist international bekannt für seine Tierfiguren, die er aus Schrottteilen meist an Wände bastelt und dann ganz oder in Teilen mit Farbe besprüht. Die Kunst von Vhils wird von einer bestimmten Technik geprägt – dem Aufbrechen der Wandoberfläche. Mit dem Presslufthammer wird die formgebende Schicht entfernt, und so quasi eine neue Realität ans Licht gebracht.

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5Pointz und seine Graffiti von den Bahngleisen aus

Von den Bahngleisen aus hatte man einen guten Blick auf die Graffiti-Vielfalt von 5Pointz.

© Michael Harker

Von 5Pointz bis Lissabon

Alles begann vor etwa 18 Jahren als seiner Frau, Dr. Suzanne Bäumler, und ihm auf verschiedenen Reisen die bunten Kunstwerke in den Straßenzügen verschiedener Städte, anfänglich vor allem in Paris, immer wieder auffielen. Besonders beeindruckt zeigten sich beide vor allem auch von den Werken in 5Pointz. Der Fabrikgebäude-Komplex in Long Island City in Queens, New York, zeigte – bis zu seinem Abriss mit umstrittener Vorgeschichte im Jahr 2014 – Graffiti von Künstlern aus aller Welt.
In Lissabon sorgt bereits seit 2010 die Fahrt vom Flughafen in die Stadt für eine intensive Begegnung mit Street-Art. In der Avenida Fontes Pereira de Melo zieren Kunstwerke dann ganze Häuserfassaden. Dank der gemeinsamen Freunde Ana Fernandes und Marcial Aleixo kam das Ehepaar hier auch zum ersten Mal in Berührung mit einem sozialpolitisch ausgerichteten Projekt, das einem benachteiligten Stadtviertel zu neuer Identität verhalf. Mit der Zeit legte Harker schließlich einen seiner Schwerpunkte auf die Street-Art-Fotografie.

Tipps für die Fotografie von urbaner Kunst

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Big Mural von Reka One in Paris

Ein weiteres Big Mural im 13. Arrondissement fertigte Reka One (James Reka) 2015 im Rahmen eines Streetart-Projekts der Galerie Itinerranc an.

© Michael Harker

Wichtig ist es laut Harker, dass vor allem auch die Umgebung zu sehen ist. Diese zeigt das Umfeld, in dem das Werk entstanden ist und dessen Größe. Stils könnten gerne für die Details gemacht werden, doch wenn das Big Mural richtig zur Geltung kommen soll, ist es essentiell die Umgebung auf dem Bild miteinzufangen. Wie bei so vielen anderen Motiven in der Fotografie ist es auch in diesem Bereich von großem Nutzen, mit offenen Augen durch die Welt zu gehen. Zudem sollte jeder Fotograf gemäß Harker seine eigene Bildsprache auch in die Aufnahmen von Street Art miteinbringen. "Als Fotograf hat man seine eigene Idee dessen, was man fotografiert."
Eine Frage, die sich möglichweise dem ein oder anderen aufdrängt, ist die des Urheberrechts. Street-Art kann dann urheberrechtlichen Schutz genießen, wenn die sogenannte Schöpfungshöhe erlangt wird, das Werk also einen individuellen geistigen Charakter hat. Zwar können wir hier keine rechtsverbindlichen Aussagen treffen, doch ganz allgemein gefasst, kann Street-Art in Deutschland relativ problemfrei fotografiert werden. Da die urbane Kunst vor allem in der Öffentlichkeit auftaucht, gilt hier grundlegend die Panoramafreiheit Nach § 59 UrhG. Harker ergänzt hierzu, dass wenn möglich eine Namensnennung des Künstlers stattfinden sollte.

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Wo gibt es Street-Art zu sehen?

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Urbane Kunst in Wien, ein Big Mural von Mantra

Mantra ist für seine überdimensionalen Schmetterlingsvitrinen bekannt. Dieses Kunstwerk am Richard-Waldemar-Park in Wien entsand im Rahmen des Festival "Calle Libre" (2017).

© Michael Harker

In vielen Städten entwickelten sich Urban-Art-Festivals: So begann beispielsweise das WOOL Straßenkunst-Festival von Covilhã, Portugal, an immer wieder neuen Orten Künstler einzuladen. Es folgten Wien mit "Calle Libre", Berlin mit "One Wall" und Paris mit "Ourcq Living Colors". Harker empfiehlt Wien, Paris, Berlin und Portugal im Allgemeinen in Bezug auf die Festivals. Aber auch "einfach mal googeln" könne nicht schaden.  Die "Saison" dauere meist von Juni bis September oder Oktober. Dank der Festivals, in deren Rahmen viele der Big Murals entstehen, ist die Akzeptanz von Street-Art in der Öffentlichkeit bereits gestiegen. In manchen Städten sind sogar ganze Viertel oder freie Flächen der Street-Art gewidmet. So wird "Le Mur" in der Rue Oberkampf in Paris alle paar Monate von einem anderen Künstler gestaltet. Auf diese Weise entstehen quasi Galerien in den Straßen der Städte.

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Sozialkritische Street-Art an einer Häuserfassade von Künstler Nark in Lissabon

Manche Künstler stellen sozialkritische Themen in den Fokus. So auch Nark in Lissabon: Ein Mädchen signalisiert, dass es genug hat, während es wie eine Marionette behandelt wird.

© Michael Harker

Wer gerne auch auf der nächsten europäischen Städtereise schöne Street-Art einfangen möchte, dem empfiehlt Harker die Metropolen Lissabon, Paris, Berlin, Wien, Amsterdam und London. Ihm gefällt es dabei besonders gut, dass das Interesse an Street-Art die Menschen auch in Teile von Städten außerhalb der klassischen Ziele führt: "Der Tourismus ändert sich und man lernt ganz andere Stadtteile kennen." Gleichzeitig haben die Urban-Arts-Werke vielerorts auch zu einer Veränderung des Stadtbilds beigetragen und sogar ganze Viertel aufgewertet – tristen Gegenden neues Leben eingehaucht.

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Street-Art nahe Lissabon von L7M

Die Krähe, der "Wächter der Vergessenen" von Künstler L7M, wacht seit 2015 über das Viertel Quinta do Mocho im Kreis Loures (Portugal).

© Michael Harker

So wurde 2014 etwa im Kreis Loures (Portugal), in Quinta do Mocho ein dreitägiges Street-Art-Festival veranstaltet. Harker erzählt, dass die Kriminalitätsrate im Viertel hoch war, ebenso die Arbeitslosigkeit. Um der Ghettoisierung entgegenzutreten und das Viertel attraktiver zu machen, gestalteten 2014 eine Handvoll Street-Art-Künstler die freudlosen Wände des Viertels um. Heute bieten Jugendliche aus dem Viertel Führungen an, Besucher aus aller Welt kommen, die Kriminalität ist zurückgegangen und die Bewohner sind stolz auf ihr Viertel.

Demokratische Kunst

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Big Mural von Tristan Eaton in Berlin

Das Werk "Attack of the 50 foot socialite" (2014) von Tristan Eaton in Berlin zeigt eine Interpretation des Filmklassikers "Angriff der 20-Meter-Frau".

© Michael Harker

Street-Art ist für Harker die wahrscheinlich demokratischste Kunst unserer Zeit. Denn sie entstehe für die Menschen und verändert ihren Alltag. Manche Ideen wachsen sogar zusammen mit den Anwohnern. Der Kontakt mit dem Betrachter ist unmittelbar und bedarf keiner Erklärung. "Die Kunstwerke sind für jeden zugänglich. Man muss nicht in Museum gehen, um sie zu sehen."
Zur Verbreitung und Globalisierung der Street-Art haben maßgeblich auch das Internet und soziale Netzwerke beigetragen. So wird beispielsweise auf verschiedenen Webseiten wie isupportstreetart.com und streetart360.net über Street-Art informiert. Auch die Urban-Arts-Künstler untereinander stehen in Kontakt. Sogar einige Galerien haben laut Harker bereits verstanden, welche Bedeutung der Street-Art heute zukommt und fördern sowie zeigen diese.

"icons of street art – the big mural book"

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"Fröhliche Tukan" (2015) von Bordalo II

Der "Fröhliche Tukan" (2015) von Bordalo II befindet sich am ehemaligen RAW-Gelände in Berlin.

© Michael Harker

Die in dem Buch präsentierten Fotografien von Michael Harker zeigen das Charisma und die Bedeutung der Street-Art anhand von Beispielen aus Berlin, Wien, Lissabon, Paris, London, New York City und Bangkok. Es werden Arbeiten von über 150 Künstlern gezeigt. Das Vorwort stammt von BORDALO II, der mit seinen "trash animals" das Thema Umwelt und deren Zerstörung kreativ übersetzt.
Aktuell arbeitet Harker an zwei weiteren Buchprojekten, eines davon ein Fotoband über Indien.

 

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Lea Spraul

Seit September 2019 ist Lea Spraul Volontärin in der fotoMAGAZIN-Redaktion. Sie ist vor allem zuständig für Angelegenheiten, die sich online abspielen – unter anderem Instagram, Facebook, YouTube und Beiträge auf fotomagazin.de. Neben ihrer Tätigkeit in der Redaktion studiert sie „Digital Journalism“ im Master.