Freelensing: Tipps & Tricks

Völlig losgelöst
06.06.2017

Sie wünschen sich krasse Schärfeverläufe und tolle Bokeh-Effekte? Kein Problem! Sie werden sehen, mit unseren Freelensing Tipps & Tricks gelingt das sogar, ohne Ihren Geldbeutel zu strapazieren

 

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SCHÄRFEZONEN NACH SCHEIMPFLUG
Theodor Scheimpflug hat die nach ihm benannten Regeln um 1900 entwickelt: Wenn man das Objektiv verkippt, verläuft die Schärfeebene nicht mehr parallel zum Film (heute: Sensor). Bildebene, Objektivebene und Schärfeebene schneiden einander dann in einer gemeinsamen Geraden.

© Illuteam43 für fotoMAGAZIN

Beim „Freelensing“ oder auch „Lens Whacking“ wird ein aus der Kamera gelöstes Objektiv zum Fotografieren nur noch mit der Hand im Kamerabajonett gehalten. Wenn Sie dabei das Objektiv verkippen, erzielen Sie einen sofort ins Auge fallenden extremen Schärfeverlauf. Wir haben ein paar hilfreiche Tipps & Tricks für Sie zusammengetragen.

Scheimpflügen: Gelingt mit ein wenig Übung auch freihändig

Die Theorie hinter der Freelensing-Technik ist schon über 100 Jahre alt und wurde von Theodor Scheimpflug entwickelt. Scheimpflug erkannte, dass bei der Bildaufnahme eine Verkippung der Bildebene oder des Objektivs eine Verkippung der Schärfeebene im Motivraum zur Folge hat.

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SCHEIMPFLUG FÜR UNSCHÄRFEEFFEKTE
Die Scheimpflug-Regel lässt sich für durchgehend scharfe Fotos nutzen (Mitte) oder auch für ausgeprägte Unschärfeeffekte (rechts). Eine wertvolle Informationsquelle hierzu ist die Website von Walter E. Schön: www.weschoen.de

© Illuteam43 für fotoMAGAZIN

Dieser Effekt wird normalerweise dazu eingesetzt, weitläufige Motive durchgehend scharf zu erfassen, ohne übermäßig stark abblenden zu müssen. Seltener wird er genutzt, um eine besonders geringe Schärfentiefe zu erhalten. Man spricht im zweiten Fall auch von Anti-Scheimpflug. In beiden Fällen steckt die gleiche Theorie dahinter, nur wird die Schärfeebene einmal entlang der Szene gelegt, einmal quer zur Szene (siehe Abbildung).

Scheimpflugs Ansatz fand rasch Einzug in die Kameratechnik und wurde umgesetzt in Form der oft altmodisch aussehenden Laufbodenkameras oder Fachkameras auf optischer Bank, später auch bei Tilt-Shift-Objektiven wie der Canon TS-E- oder der Nikon PC-E-Reihe und mittlerweile sogar in preisgünstigeren Vertretern wie dem Lensbaby Edge 80. Tatsächlich gelingt es aber mit ein wenig Übung auch, das Verkippen der Objektivs freihändig (daher „Freelensing“) zu steuern.

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Vorsicht beim Ausprobieren!

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RICHTIGER ANSATZ
Wenn Sie das Objektiv aus dem Bajonett der Kamera lösen und es dann mit der Hand im Bajonett halten, können Sie es kippen. Die Schärfeebene verlagert sich, und es entstehen besonders interessante Unschärfeeffekte.

Freelensing ist für Ihre Kamera nicht ganz ungefährlich. Zum einen kann Staub ins Kameragehäuse gelangen, zum anderen kann bei SLRs das eintauchende Objektivende am Spiegel anschlagen. Bei der Canon EOS 5D Mark II des Autors ist das auch bereits häufiger geschehen. Zwar funktioniert alles noch tadellos, aber eine Garantie dafür gibt es natürlich nicht. Die Kontrolle im Live-View-Modus ist angeraten.

Mit einer spiegellosen Kamera sind Sie auf der sichereren Seite. Auch hier ist aber Vorsicht geboten, ansonsten laufen Sie Gefahr, mit dem Objektivende an das Sensor-Schutzglas zu stoßen.

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Objektive strippen: Bildkreise und Auflagemaße vergleichen

Wenn man ein Objektiv vor der Kamera verkippt, kann sich die Ausleuchtung des Sensors verändern. Sie ist dann in der Bildebene nicht mehr kreis-, sondern ellipsenförmig. Die Folge kann eine starke Vignettierung sein, die bis zur völligen Abdunklung großer Bildbereiche führen kann. Somit sind fürs Freelensing oder generell für die Tilt-Shift-Fotografie Objektiv-Kamera-Kombinationen optimal, bei denen der Bildkreis des Objektivs wesentlich größer ist als die Diagonale des Sensors.

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ABSTAND HALTEN
Der freie Sicherheitsabstand (Abstand b) zum Spiegel einer SLR-Kamera ist beim Freelensing abhängig vom Auflagemaß (Abstand a), von der Spiegelgröße und von der Eintauchtiefe des Objektivs. Taucht das Objektivende zu tief in den Spiegelkasten ein, schlägt es an den Spiegel an.

Außerdem vergrößert das Kippen im Regelfall auch den Objektivabstand zur Bildebene. Das wiederum kann bedeuten, dass sich nicht mehr auf Unendlich fokussieren lässt, sondern nur noch Gegenstände im Nahbereich scharf abgebildet werden können. Wenn Sie Freelensing mit einem vom Hersteller für das Kameragehäuse vorgesehenen Objektiv durchführen möchten, geraten Sie schnell an Grenzen. Probieren Sie zum Beispiel einmal die Kombination einer Canon APS-C-Kamera mit dem Canon EF 1,8/50 mm. Im Nahbereich funktioniert das, aber bereits für portraitübliche Abstände reicht der Spielraum fürs Eintauchen des Objektivs ins Kameragehäuse nicht mehr.

Richtig Spaß macht Freelensing, wenn Sie ein Objektiv wählen, das ein etwas längeres Auflagemaß als das Kameragehäuse hat.

Mögliche Lösungen liegen auf der Hand. Man könnte etwa am Objektiv den Bajonettring und alle nicht unbedingt notwendigen Fassungsteile entfernen („strippen“ = das Objektiv entkleiden) und somit ein tieferes Eintauchen in den Spiegelkasten ermöglichen. Eine andere Lösung ist, eine geeignetere Objektiv-Kamera-Kombination zu wählen.

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AUFLAGEMASS UND BILDKREIS
Verschiedene Objektiv-Gehäuse-Kombinationen mitsamt den Auflagemaßen im Vergleich. Fürs Freelensing ist das Auflagemaß des Gehäuses idealerweise kleiner als das des Objektivs. Ferner sollte der Bildkreisdurchmesser des Objektivs größer sein als die Sensordiagonale.

So können Canon-Fotografen zum Beispiel Nikon-Objektive verwenden, denn das Auflagemaß (der Abstand zwischen Bajonett-Auflagefläche und Sensor) beträgt beim Canon-EF-Bajonett 44 mm, beim Nikon-F-Bajonett aber 46,5 mm. Dieser kleine Abstandsgewinn kann einen großen Unterschied in der Flexibilität ausmachen. Noch größere Flexibilität bieten Kombinationen aus Kleinbildkamera und Mittelformat-Objektiv oder Sonys Nex/E-Bajonett und Canons EF- bzw. Nikons F-Objektiven. In der Tabelle sehen Sie einige Beispiele.

Richtig Spaß macht Freelensing, wenn Sie ein Objektiv wählen, das ein etwas längeres Auflagemaß als das Kameragehäuse hat, und wenn Sie dann das Objektiv auch noch strippen, damit es tiefer eintauchen kann. Bedenken Sie aber, dass die Verwendung eines Objektivs mit sehr viel größerem Auflagemaß eventuell zu einem zu großen offenen Freiraum zwischen Objektiv und Gehäuse führen kann. Wenn Sie dann keinen Balgen zum Abschatten verwenden, gelangt zu viel Streulicht auf den Sensor.

Mit ein wenig Übung gelingt das Verkippen des Objektivs per Hand

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GESTRIPPTES OBJEKTIV
So sieht das Canon EF 1,8/50 mm aus, wenn man alles Überflüssige strippt (rechts). Im Profilvergleich mit seinem jüngeren Bruder EF 1,8/50 mm STM (links) wird deutlich, dass das modifizierte Objektiv ein gutes Stück weiter eintauchen kann.

Objektive modifizieren: So geht´s

Wie das Strippen eines Objektivs aussehen kann, zeigen wir Ihnen anhand eines Beispiels: wir strippen das „Nifty Fifty“ Canon EF 1,8/50 mm II.

Während bei klassischen russischen Objektiven wie dem Helios 44-2 die Demontage denkbar einfach ist, muss man beim Canon EF 50 mm doch ein paar Tricks kennen. Aber keine Sorge, denn andere haben diese Tricks schon vor uns herausgefunden. Geben Sie einfach bei YouTube „disassemble canon ef 50“ ein und schon liefert Ihnen das Netz mehrere Anleitungen dazu (für andere Objektive gelingt das natürlich auch). Wir sind folgender Anleitung gefolgt:

 

Nach dem Lösen einiger Schrauben steht nur noch das Aufhebeln einer Verklebung an – so ist der komplette Umbau in weniger als fünf Minuten erledigt. Canon-Objektive sind so konstruiert, dass die Springblende beim Abnehmen komplett öffnet. Bei anderen Fabrikaten wie Nikon ist aber das Gegenteil der Fall, und man muss dann zum Offenhalten der Blende noch eine kleine Modifikation mit einem Stückchen Draht oder Klebeband vornehmen, um die Blende zu öffnen. Das entfällt, wenn Sie einfach ein Nikon-Exemplar mit Blendenring verwenden.

Optimal fokussieren: Übung macht den Meister

Wer Freelensing ohne das Strippen des Objektivs einsetzt, der kann mit zwei Fingern das gekippte Objektiv auch weiterhin am Fokusring scharfstellen. Bei gestrippten Objektiven hingegen fokussiert man durch eine Abstandsänderung per Hand. In beiden Fällen ist es wichtig, die Schärfe sorgfältig zu kontrollieren, denn die Ergebnisse wirken nur dann richtig eindrucksvoll, wenn sich im Bild neben ungewöhnlich unscharfen Bereichen auch noch knackscharfe Bereiche finden. Drei Möglichkeiten gibt es, die Scharfeinstellung zu kontrollieren.

1. Live-View:

Wenn Sie im Live-View-Modus die Ansicht auf 5fach bis 10fach vergrößern einstellen, erhalten Sie eine zuverlässige Kontrolle über Ihre Fokussierung. In Kombination mit einer Displaylupe ist das ein gangbarer Weg, der scharfe Ergebnisse sichert. Wenn Ihre Kamera einen elektronischen Sucher hat und Focus-Peaking beherrscht, gelingen scharfe Fotos noch einfacher.

2. Sucher-Autofokus:

Bei Nikon und anderen Systemen läuft die Autofokus-Sensorik auch ohne aufgesetztes Objektiv weiter mit. Sie müssen dann zwar manuell fokussieren, erhalten aber weiterhin den wichtigen AF-Pieps, wenn der gewählte AF-Sensor perfekten Fokus meldet.

Bei Canon ist das leider nicht so einfach. Canon-Gehäuse erkennen am Fehlen des AF-Confirm-Chips, dass kein Objektiv aufgesetzt ist und deaktivieren die AF-Anzeige. Um das Gehäuse auszutricksen, besorgen Sie sich einfach einen gechippten Adapter für den Anschluss von Nikon-F-Objektiven an Canon-EF-Gehäusen. Der Nachteil dieser Lösung ist, dass Sie damit den verfügbaren Freiraum um 2,5 mm schmälern. Außerdem funktionieren nicht alle Adapter mit allen Gehäusen. Für Kompatibilität zum Beispiel mit der EOS 5D Mark III muss man etwas tiefer in die Tasche greifen. Bei uns hat der neue Adaptertyp von Quenox funktioniert.

3. Optischer Sucher:

Das ist immer eine Option, aber man unterschätzt leicht die Anforderungen. Was im Okular noch knackscharf wirkt, stellt sich später auf einem großen Monitor oft nur als mäßig scharf heraus. Es hilft, die Dioptrienkorrektur exakt einzustellen und zur Sicherheit auch ganz einfach mehrere Aufnahmen zu machen.

Die Theorie zum Freelensing ist über 100 Jahre alt

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STREULICHTSCHUTZ
Der einfachste Schutz gegen Streulicht besteht aus einem kleinen Kragen aus Moosgummi. Für den Zuschnitt ist ein preiswerter Kreisschneider das ideale Werkzeug.

Streulicht beherrschen: Ein DIY-Kragen verschafft Abhilfe

Bei der Freelensing-Technik klafft zwischen Gehäuse und Objektiv ein Spalt. Durch diesen Spalt kann genauso Licht auf den Sensor fallen wie direkt durch das Objektiv – es entstehen dann wolkige Blendenflecke („Flares“). Mit ein bisschen Glück kann das richtig gut aussehen, aber wer auf Nummer Sicher gehen möchte, unterdrückt diesen Effekt. Eine Möglichkeit hierzu ist, die Lichtquellen mit Abschattern zu versehen. Eine weitere Möglichkeit ist die Verwendung einer ähnlichen Balgenkonstruktion, wie man sie von der Fachkamera her kennt:

 

Auch die Ausrichtung der Kamera beeinflusst das Ausmaß der Flares. Wenn Sie die optische Achse des Objektivs zur dominanten Lichtquelle richten, werden die Flares geringer. Ferner hilft es, wenn die offene Stelle zwischen Objektiv und Gehäuse im Schatten liegt. Das kann mit einem simplen Moosgummikragen über dem Objektiv erreicht werden. In den Bildern sehen Sie unsere Lösung, die aus einem Stück vier Millimeter starkem Moosgummi besteht, das wir mit einem Kreisschneider zugeschnitten haben.

Für den Fall, dass Sie auf eine elegantere und aufwendigere Lösung mit Balgen schielen, bedenken Sie, dass diese Konstruktion dann in irgendeiner Weise doch wieder fest im Kamerabajonett verankert werden muss. Typischerweise kommt dann ein dünner Makroring oder ein Adapterring ins Spiel. Der Abstand zwischen Kamera und Objektiv wird dadurch verringert und der Spielraum fürs Verkippen verkleinert. Bei manchen Kombinationen stört das kaum, aber bei knappen Paarungen kann das darüber entscheiden, ob Sie noch sinnvoll verschwenken können oder nicht.

Besten Dank an Walter E. Schön und Stefan Steib, für die freundliche und kompetente Unterstützung in puncto Bildkreis, optimaler Verschwenkung und Auflagemaß.

Dieser Artikel ist in unserer Ausgabe fotoMAGAZIN 06/2016 erschienen.

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
fotoMAGAZIN

1949 erschien die erste Ausgabe der ersten Fotozeitschrift im deutschsprachigen Raum. Seither begleiten wir die Fotogeschichte. Unsere Kamera- und Objektivtests unter Labor- und Praxisbedingungen helfen Einsteigern und Profis seit jeher bei der Kaufentscheidung. Mancher Fotograf wurde von uns entdeckt. Und seit Steven J. Sasson 1975 für Kodak die erste Digitalkamera entwickelte, haben wir die digitale Fotografie auf dem Schirm. Unsere Fotoexpertise ist Ihr Vorteil.

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