Clifton Suspension Bridge North Somerset

Clifton Suspension Bridge North Somerset
Pinhole Image der Clifton Suspension Bridge North Somerset @ Justin Quinnell

Bald ist wieder Worldwide Pinhole Photography Day!

Sind Sie schon bereit für den Lochkameratag?
08.04.2015

Der britische Fotokünstler Justin Quinnell erklärt, wie Sie in wenigen Schritten Bierdosen in Kameras verwandeln können.

Bauanleitung Pinhole Kamera aus Bierdose

Bauanleitung Pinhole Kamera aus Bierdose

Sie benötigen: Zwei Bierdosen, einen Dosenöffner, eine ca. 1mm dicke Nadel, Fotopapier im Format 12,7x17,8) (z.B. Ilford semimatt RC DeLuxe), Isolierband, Kabelbinder und einen Flachbettscanner.

Alle Illustrationen @ Tim Möller-Kaya

Am letzten Sonntag im April ist Worldwide Pinhole Photography Day. Der Fotokünstler, Buchautor und Fotopädagoge Justin Quinnell ist Mit-Organisator und hat bereits dutzende Lochkameras selbst designt. In seiner Bauanleitung für eine Bierdosenkamera wird ein Verfahren eingesetzt, das ohne Entwicklungschemie auskommt.

fotoMAGAZIN Herr Quinnell, was genau passiert am „Worldwide Pinhole Photography Day“?
Justin Quinnell Der Pinhole Day findet jährlich am letzten Sonntag im April statt. An diesem Tag fotografieren Tausende in aller Welt mit einer Lochkamera und laden anschließend ihr Lieblingsbild in die Pinhole Day-Galerie unter pinholeday.org.

fotoMAGAZIN Warum sollte jeder unbedingt mal ein Foto mit einer Lochkamera gemacht haben?
Justin Quinnell Es ist an der Zeit, zum Grundsätzlichen zurückzukehren und herauszufinden, was ein kleines Loch so an Licht einfangen kann. Wir müssen von dem Gedanken wegkommen, dass uns immer mehr Pixel zu glücklicheren Menschen machen. Zudem ist es eine Herausforderung: Du brauchst Geduld und Geschick, um eine Lochkamera zu bauen.

fotoMAGAZIN Welche Belichtungszeiten empfehlen Sie für Aufnahmen mit Ihrer Dosenkamera?
Justin Quinnell Die Dosenkamera kann an einem sonnigen Tag ein Foto machen, aber ich empfehle, die Dose mindestens zwei Wochen zu installieren, um gute Ergebnisse zu bekommen. Stellen Sie Ihre Kameras so früh wie möglich auf und sammeln Sie diese am Abend des 26. Aprils 2015 (Pinhole Day) wieder ein.

fotoMAGAZIN Welchen Tipp haben Sie für Neueinsteiger, die noch nie mit Lochkameras gearbeitet haben?
Justin Quinnell Machen Sie sich nicht so viele Gedanken und positionieren Sie Ihre Kamera außer Reichweite von Menschen, die gerade aus der nächsten Kneipe kommen. Und vergessen Sie nicht, das Klebeband abzuziehen und somit die Belichtung zu starten!

fotoMAGAZIN Was ist Ihre Lieblings-Lochkamera unter den vielen Modellen, die Sie entwickelt haben?
Justin Quinnell Meine Smileycam! Die habe ich gebaut, weil ich etwas Unzerstörbares wollte – das ist sie auch. Nachdem ich sie monatelang von Gebäuden geworfen hatte, entdeckte ich, dass ich sie mir auch in den Mund stecken konnte.

Mehr über den Wordwide Pinhole Photography Day

Das chemiefreie Verfahren

VON SANDRA SCHINK

Für das Ergebnis des oben beschriebenen Verfahrens, das ohne Entwicklerchemie und Fixierbad auskommt, wird ganz normales Fotopapier verwendet, wie es auch in der Dunkelkammer zum Einsatz kommt. 

In diesem Fall wird es aber eben nicht im üblichen Chemiebad-Verfahren entwickelt, sondern entwickelt sich dank des Schwarzschildeffektes bei Langzeitbelichtungen gewissermaßen selbst. So entsteht mit der Zeit ohne weiteres Zutun nur durch die lange Belichtung ein Print-Negativ.

Wer schon mal im Fotolabor eine Schere auf einem offen liegenden, nicht entwickelten Fotopapier liegen gelassen hat, kennt den Effekt: Es entsteht mit der Zeit ein Fotogramm bei dem die durch den Gegenstand nicht abgedeckten Stellen unter der Einwirkung von Tageslicht nachdunkeln. Bei Lumenprints wird dieses fotografische Verfahren künstlerisch eingesetzt.

Dieses Print-Negativ ist weiterhin lichtempfindlich und lässt sich auf herkömmlichem Wege nicht gut fixieren: Wird es wie ein normaler Abzug nach dem Entwickeln in Fixierbad getaucht, gehen viele Nuancen verloren.

Der einzige Weg zum langlebigen Erhalt des Bildes nach der Entnahme aus der Dose ist das umgehende Scannen  auf einem Flachbettscanner. Stefan Michalski empfiehlt in seinem Artikel zur Solargrafie auf kwerfeldein.de das Print-Negativ ohne vorherigen Test zu scannen, da bereits das Licht des ersten Scans zerstörerisch wirken kann - und die Belichtung von vielen Stunden oder gar Wochen und Monaten damit verloren ist.

Wer ohnehin ein Fotolabor hat, benötigt nicht soviel Geduld für die Belichtungsphasen, muss das Filmmaterial oder Fotopapier aber wie üblich im Dunkeln oder im Rotlicht einlegen und verarbeiten. 
Belichtungszeiten für die verschiedenen Materialien lassen sich aus der Tabelle von Jochen Reinecke ableiten.

Pinhole-Kameras können nahezu aus jedem lichtdicht geschlossenen Gefäß hergestellt werden - sogar aus Eiern, in die eine Kollodiumschicht gegossen wird! 

Und wem auch das zu aufwändig ist, der bohrt einfach ein winziges Loch in den Objektivdeckel seiner Digitalkamera oder besorgt sich eine passende Lochblende, stellt die Kamera aufs Stativ und experimentiert risiko- und verlustfrei mit Belichtungszeiten. Die digital entstandenen Pinhole-Bilder werden beim World Pinhole Photography Day allerdings nicht akzeptiert.

Das Interview und die Bauanleitung für die Lochkamera aus einer Bierdose ist in unserer Ausgabe fotoMAGAZIN 5/2015 erschienen.

 

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
Manfred Zollner

Unser stellvertretender Chefredakteur Manfred Zollner gilt in der Fotoszene als "Anwalt des guten Bildes." Sein thematischer Schwerpunkt liegt in der professionellen Fotografie, seine Vorliebe gilt der Fotokunst. Die jährlich erscheinende fotoMAGAZIN EDITION mit herausragenden Fine Art-Portfolios ist sein Projekt. 1991 kam der Münchner als Director of Photography zum fotoMAGAZIN, von 2004 bis 2006 leitete er als Chefredakteur die Zeitschrift Photo Technik International.