Bundespräsident Joachim Gauck in Afghanistan

Bundespräsident Joachim Gauck in Afghanistan
Bundespräsident Joachim Gauck in Afghanistan
© Steffen Kugler/Bundesbildstelle

Steffen Kugler: Der Regierungsfotograf

Immer nah dran und dennoch immer im Hintergrund
02.04.2015

Steffen Kugler dokumentiert offiziell die Amtsgeschäfte der Bundeskanzlerin und des Bundespräsidenten in der Berliner Republik

Es ist eine der großen Bildikonen der Bundesrepublik. Am 7. Dezember 1970 fiel Willy Brandt vor dem Ehrenmal der Helden des Ghettos von Warschau spontan auf die Knie. Es war ein Ausdruck von Demut und Ohnmacht. Gesehen hat diese symbolische Geste kaum jemand.
Es gibt ein Filmdokument; Fotos vom Kniefall sind selten. Eines stammt vom legendären Sportfotografen Sven Simon, ein anderes von Engelbert Reineke. Reineke war damals offizieller Fotograf der Bundesregierung; ein Amt, das zurückreicht bis in das Gründungsjahr der Bonner Republik. 

Heute wird es von gleich vier Fotografen ausgefüllt. Fotografen, die die Amtsgeschäfte von Bundeskanzlerin und Bundespräsidenten dokumentieren sollen: die Staatsbesuche, die Bankette und Gipfeltreffen. Einer von ihnen ist Steffen Kugler, und das seit gut sechs Jahren.

Steffen Kugler im Hintergrund hinter der Kanzlerin

Steffen Kugler im Hintergrund hinter der Kanzlerin

Steffen Kugler bei der Arbeit im Hintergrund.

© Bundesbildstelle

Immer bleibt er in diesem Job dezent im Hintergrund; immer ist er auf der Suche nach symbolträchtigen Augenblicken – so wie seine Vorgänger; die Dokumentaristen einer mittlerweile 65-jährigen Republik: „Als Regierungsfotografen haben wir zwei Aufgaben: Wir erstellen ein historisches Archiv und wir stellen aktuelles Bildmaterial für die Öffentlichkeit her.“

Historie, dieser Begriff fällt immer wieder, wenn Steffen Kugler über seine Arbeit redet. „Ich würde gerne so fotografieren, dass die Menschen noch in zwanzig Jahren eine Vorstellung davon bekommen können, wie das damals war, als erstmals eine Frau im Bundeskanzleramt regierte.“

Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Hangout

Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Hangout

Bundeskanzlerin Angela Merkel nimmt im Bundeskanzleramt an einem Google-Hangout zum Thema Integration teil.

© Bundesregierung/Steffen Kugler

Dabei ist diese Frau nicht einmal Kuglers direkte Chefin. Angesiedelt ist sein Arbeitsplatz im Presse- und Informationsamt der Bundesregierung; direkt unterhalb des Regierungssprechers. Diese Unabhängigkeit ist dem studierten Politikwissenschaftler wichtig: „Selbst wenn Merkel morgen nicht mehr Kanzlerin ist, werde ich immer noch Regierungsfotograf sein.“

Das sei anders als etwa in den USA, wo der sogenannte White-House-Fotograf von der Administration bestellt werde und mit ihr auch das Haus wieder verließe.

Blick hinter die Kulissen der Politik

Bundeskanzlerin Merkel beim Klimagipfel

Bundeskanzlerin Merkel beim Klimagipfel

Bundeskanzlerin Merkel am Rande des Klimagipfels

© Steffen Kugler/Bundesbildstelle

In Deutschland ist eben alles etwas formeller, sachlicher, unprätentiöser. Es geht um Strukturen und nicht um Personen. Das merkt man auch in der Fotografie. Und ein wenig merkt man das auch bei Steffen Kugler. Er wirkt nicht wie ein typischer Bildjournalist; nicht draufgängerisch und nicht hemdsärmelig.

Kugler ist eher der Typ „reflektierter Intellektueller“. Er hat viel über sein berufliches Selbstverständnis nachgedacht. Für ihn ist Regierungsfotograf kein x-beliebiger Fotojob. Es geht nicht um ein paar Schnappschüsse vom Staatsbesuch mit Barack Obama. Regierungsfotografie hat viel mit Kuglers Demokratieverständnis zu tun: „In diesem Beruf habe ich eine Verantwortung. Ich will den Blick hinter die Kulissen freilegen. Ich denke, das schafft mehr Verständnis und Interesse für Politik.“

Für diese tieferen Einsichten absolviert Steffen Kugler oft lange Arbeitstage. „Es gibt Wochen, da sitze ich mindestens einmal am Tag in einem Flugzeug.“ So wie am 4. Juni 2013. Damals gelang ihm ein Foto, das tags darauf die Titelseiten von der F.A.Z. bis zur Süddeutschen schmückte: Angela Merkel fliegt über das Hochwasser an der Oder hinweg. Vielleicht die Bildikone dieses Jahres.

Doch Kugler sieht Fotos wie dieses mit gemischten Gefühlen. Einerseits will er Einblicke in Bereiche geben, die den Pressefotografen versperrt sind; andererseits will er als steuerfinanzierter Fotograf nicht in den freien Medienmarkt eingreifen. Regierungsfotografie ist eben immer auch ein kleiner Spagat – zwischen Dokumentation und Public Relations; zwischen Archivierung und Aufklärung.

Kugler und seinen Kollegen ist das bewusst. „Wir sind die Fotografen, die am nächsten dran sind; aber wir sind auch die mit der größten Verantwortung.“

Factfile

Beruf: Offizieller Fotograf der Bundesregierung
Ausbildung: Praktika bei verschiedenen Agenturen; danach Volontariat bei der dpa
Beschäftigungsverhältnis: Angestellter
Berufliches Credo: „Ich will den politischen Alltag transparent machen.“

Dieser Artikel ist in unserer Ausgabe fotoMAGAZIN 12/2014 erschienen.

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Journalist Ralf Hanselle
Über den Autor
Ralf Hanselle

1972 in Detmold geboren, studierte Philosophie und Germanistik an der Universität Bonn. Nach Hospitanzen und Tätigkeiten bei diversen deutschen Tages- und Wochenzeitungen arbeitet er seit 2000 als freier Publizist. Zu den Schwerpunkten seiner Arbeit zählen Foto- und Kunstkritik sowie Reportagen aus den Bereichen Kultur und Geistesleben.