Reportage: Willkommen im Club

Fotoclub-Boom: Der neue Charme der Fotogemeinschaft
06.11.2013

Fotografieren als Hobby mit einem festen Platz im Terminkalender – das gibt es nur noch in Fotoclubs. Seit rund 120 Jahren vernetzen sie die Amateurwelt und dekorieren 
Fotografen. Nicht einmal Online-Communitys schaden ihnen: Die Zahl der Clubs wächst sogar.

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© Olka Osadzinska für fotoMAGAZIN

Ein Bild nach dem anderen verschwindet vom Tisch. Schon nimmt das Weiß der Papierdecke den größten Raum ein. Kritische Blicke, abwägendes Kopfnicken, Fingerzeige von den Fachleuten. Je kleiner die Auswahl der Fotos, umso länger diskutiert die externe Jury. Draußen, vor der Tür, warten gespannt die Mitglieder der Fotografen-Vereinigung Kreuzberg. Verstohlen schielt immer wieder jemand durch einen Glasausschnitt in der Tür. Flüstert dann "Liegt meins noch"? Club-Wettbewerb: Was hier im Hinterzimmer auf die Papiertischdecke kommt, sind Fotos zum Thema Schatten geworfen von Statuen, Stuhlbeinen, Fahrrädern, Leitern oder Kristallgläsern. Eigentlich ist den Machern der Fotos das Urteil egal. Eigentlich. Man plaudert und scherzt, zeigt sich auf dem Notebook Bilder der letzten Reise, blättert in Fotozeitschriften oder spielt mit der Zweitkamera. Aber irgendwie: Gewinnen wäre schon schön. Wo Menschen wegen ihrer Fotoleidenschaft zusammenkommen, wollen sie sich messen. Fotoclubs und Wettbewerbe gehören untrennbar zusammen.

Heimat der Hobby-Fotografen

Theoretisch ist Fotografieren heute keine große Sache mehr. Jeder kann es und jeder tut es, und zwar immer und überall sei es mit der kleinen, digitalen Kompaktkamera oder gleich mit dem Handy. In Fotoclubs ist es dagegen noch ein echtes Hobby, in guter alter Manier. Zu dem man sich bekennt und das einen charakterisiert. Eine Freizeitleidenschaft, die wie auch das Fußballtraining oder der Kirchenchor fest im Terminkalender eingetragen wird. Mit Ausflügen, Jahreshauptversammlungen und Weihnachtsfeiern. Man hilft sich gegenseitig, beäugt sich aber auch eifersüchtig. Man gibt Geld aus fürs Hobby, investiert in die Ausrüstung und zahlt regelmäßig seinen Mitgliedsbeitrag. Wie andere Vereine auch, erfüllt der Fotoclub gleichzeitig soziale Aufgaben. Da es Manchem mehr um die Gemeinschaft als um die Fotografie geht, ist die Qualität zwangsläufig sehr unterschiedlich.

Fotoclubs gibt es schon seit man Lichtbilder einigermaßen massenhaft vervielfältigen kann. Vor etwa 120 Jahren organisierten sich die ersten leidenschaftlichen Amateure in eigens dafür gegründeten Gruppen. Ende des 19. Jahrhunderts war das Fotografieren noch eine elitäre Freizeitbeschäftigung. Spätestens seit dem digitalen Zeitalter unserer Tage kann es sich aber fast jeder leisten.

Derzeit gibt es in Deutschland rund 350 Fotoclubs – so viele sind zumindest Mitglied beim Deutschen Verband für Fotografie (DVF) – und das sind fast alle. Denn nur so kann man im nationalen und internationalen Wertungssystem mitmachen, sich auszeichnen lassen mit Urkunden, Medaillen, Ehrennadeln, Pokalen oder Titeln. Deutscher Fotomeister oder Exzellenter Künstler des Deutschen Verbands für Fotografie – das klingt doch nach was. Für Ehrennadeln und Ehrentitel muss man jahrelang konstant erfolgreich sein und bei DVF-Wettbewerben Punkte sammeln. Ab zehn Retina-Punkten etwa gibt es die erste Anstecknadel in Bronze. Auch über nationale Grenzen hinweg existieren solche Anerkennungssysteme: So ist der DVF als Fotoclubvertreter Deutschlands in der Fédération Internationale de l'Art Photographique (FIAP), dem Weltdachverband. Auch hier gibt es wiederum Ehrentitel für eine bestimmte Anzahl an Annahmen bei internationalen Fotosalons. Der höchste Ritterschlag, über den das Präsidium persönlich entscheidet: der Maître Photographe de la FIAP (Meisterfotograf der FIAP). Erst zehn Fotografen in Deutschland dürfen sich so nennen.

Wolfgang Wilde ist bei der FIAP eine Exzellenz in Gold und in Deutschland einer von zwei Fotografen überhaupt, die bisher den Ehrentitel Exzellenter Meister des DVF erhielten. Innerhalb von 17 Jahren kam die beeindruckende Zahl von hundert Retina-Punkten zusammen. Dem nun fast 80-Jährigen, der Mitte Fünfzig seinen Job hinwarf und mit der Kamera um die Welt zog, ist sein Fotoclub sehr wichtig: "Er ist für mich eine große Familie, wo man sich trifft, über dies und jenes schwätzt und wo auch ein Dialog über die verschiedenen Bereiche der Fotografie stattfindet."

Direkter Kontakt

"Jede Medaille hat zwei Seiten", sagt Gunther Riehle, Gründer des AC Photo German Megacircuit und selbst leidenschaftlicher Wettbewerbsfotograf, mit Blick von außen. "Für Anfänger finde ich es gar nicht schlecht, Mitglied in einem Fotoclub zu werden, weil man da direkten Kontakt hat." Dinge gezeigt zu bekommen statt sich durchs Handbuch zu plagen, von Kontakten und Erfahrungen zu profitieren das mache natürlich Sinn. Und: "Man wird auch ein wenig mit der Peitsche gezwungen, den Hintern aus dem Haus zu bewegen, wenn ein Wettbewerb ansteht." Was ihm nicht gefällt: "Wenn ein paar Jungs das Zepter in der Hand haben." Gunther Riehle ist weder in einem Fotoclub noch im DVF, dafür Einzelmitglied bei der Photographic Society of America (PSA), die ihn kürzlich zum Grand Master kürte. Er beobachtet, dass viele Top-Fotografen auch beim DVF Direktmitglieder sind und gar nicht einem Club angehören.

Der gute alte Fotoclub, mit seinen Vor- und Nachteilen. Mit den Platzhirschen, die den Ton angeben und scheinbar alles ganz genau wissen. Die goldenen Regeln für ein gutes Bild in Stein gemeißelt. Die Spiegelreflex als oberstes Gebot. Andererseits das Lernen mit anderen, der Spaß am Miteinander, gegenseitige Unterstützung und die soziale Pflicht, dranzubleiben an der Fotografie. Wer in dieser Szene zuhause ist, kann es sich kaum vorstellen.

Altherrenverein?

Aber ja, viele Menschen wissen überhaupt nicht, dass Fotoclubs existieren, oder dass sie noch existieren. Sind sie nicht längst von Onlineangeboten abgelöst worden? Wo doch ohnehin alles digital ist? Wurde das anerkennende Wort von Vereinskollegen nicht ersetzt durch Like-Buttons? Die Bildkritik durch Kommentarfunktionen? Und deutlich hört man immer wieder das Wort "Altherrenverein". "Rentnertreff". Der Fotoclub scheint nicht von anderen Begriffen zu trennen, die sich genauso gestrig anhören wie Spiegelreflex, Ausbelichtung und analog. Ist das alles nicht längst überholt? Die Realität sieht anders aus: "Wir erleben gerade eine Renaissance der Fotoclubs", meint Karl-Heinz Tobias, der 2. Vizepräsident des DVF. Während über die ganzen Jahre die Zahl der Mitglieder konstant geblieben sei, zeige sich nun ein Anstieg. Um 15 Prozent haben die Clubs in den letzten zwei Jahren zugelegt. Beim DVF-Jugendwettbewerb und bei den Deutschen Fotomeisterschaften machen immer mehr Fotografen mit. Wie man sich das erklärt? "Trotz Online-Communitys und iPads wollen Fotografen neuerdings vermehrt anderen persönlich begegnen und ihre Bilder auf den Tisch legen, diskutieren und sprechen, soziale Kontakte halten", so Tobias. "Die Freude, gemeinsam Fotografie zu erleben, ist dabei entscheidend." Auch der Dachverband FIAP, mit seinen 85 nationalen Organisationen und knapp einer Million Einzelmitgliedern, sieht eine entscheidende Veränderung. "Momentan geht die Tendenz in den Clubs hin zu mehr Jugendlichen und mehr Frauen", so der Vizepräsident Jacky Martin. "Die jungen Fotografen sind zurzeit sehr an Clubmitgliedschaften interessiert, vor allem hinsichtlich der Arbeit mit Photoshop."

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© Andrea Aust

Ist es also der Boom des Digitalen, der den Fotoclubs ihren Aufwärtstrend beschert? Vielleicht profitiert man zudem vom aktuellen Interesse am Haptischen, am "Do it yourself" und am Ehrenamt?

Es entstehen neue Clubs, doch auch in den alten bewegt sich etwas. Oft angestoßen durch einen Generationswechsel im Vorsitz. "Wenn man mit Vierzig zu den Jungen gehört, versucht man etwas zu ändern", bringt es Gerd Weber, 1. Vorsitzender der Osram Fotogruppe auf den Punkt. Er legte einen Schwerpunkt auf Photoshop-Workshops, als das noch etwas Neues war. "Dadurch haben wir Zulauf bekommen." Als die Mitgliederzahl von 12 auf 35 gestiegen war, wurden Diskussionen langsam mühsam und seither werden nur vereinzelt neue Mitglieder aufgenommen. Über jeden Zugang entscheidet die Gruppe.

Auch bei den Kreuzbergern gibt es inzwischen eine Warteliste. Auch hier hat die jüngere Generation den Vorsitz übernommen. Man trifft sich ganz modern im vegetarischen Bistro und arbeitet momentan mit einem finnischen Fotoclub an einem gemeinsamen Projekt mittels Dropbox über Grenzen hinweg. Die Jugend und Jugendliche fanden sich in den Clubs über weite Strecken nur dann, wenn sie die Kinder oder Enkel von Mitgliedern waren. Doch auch da gibt es neue Ansätze: Christian Scholz etwa, Lehrer am Gymnasium Klotzsche in Dresden, leitet dort eine Foto-AG, die Mitglied im DVF ist. Sie ist so beliebt, dass vierzig bis fünfzig Schüler jedes Jahr darauf hoffen, aufgenommen zu werden, doch nur etwa sechs Plätze werden im Schnitt frei. Dass sie nach dem Abitur in Erwachsenenfotoclubs wechseln, hat aber nie funktioniert. Also regte Scholz die Gründung eines Jugendfotoclubs an, der inzwischen seit vier Jahren existiert und der von Foto-AG-Absolventen geleitet und organisiert wird. "Man geht da als junges Mitglied unter", bestätigt Frank Gommlich, der Vorsitzende dieses Fotoclubs09, über die bestehenden Fotoclubs. Oft würden nicht nur eine sondern gleich zwei Generationen dazwischen liegen. Die einen reden über Blendenreihen, die anderen über digitale Nachbearbeitung. "Der Bildaufbau muss natürlich sitzen, aber Belichtung und Tiefenschärfe sind heutzutage kein Problem mehr", so Gommlich über Fotografie in Zeiten von Photoshop. Da treffen dann Welten aufeinander, ganz ohne überhaupt iPhone, Instagram oder Lomographie anzusprechen. Wie bei klassischen Fotoclubs auch, gibt es beim Fotoclub09 regelmäßig Treffen, Workshops, Ausstellungsbesuche und Ausflüge. Sie fahren zur photokina und stellen auf den diesjährigen Fototagen in Zingst sogar selber aus.

Online-Communitys

Doch wie stehts um die Konkurrenz aus dem Netz?
Auch in Online-Fotocommunitys trifft sich die Amateurszene. Auch hier zeigt man sich Fotos, diskutiert, kritisiert. Das Publikum ist selbstredend viel größer als im kleinen Stadtteilclub. Man bekommt ein direktes und schnelles Feedback und hat selbst jede Menge zu schauen – allein bei Flickr werden täglich 3,5 Millionen neue Fotos hochgeladen. Nicht mal eine Jacke muss man sich dafür anziehen, und die Sache ist sogar kostenlos, zumindest bei der Basismitgliedschaft.

Klingt unschlagbar, doch offensichtlich lösen die Communitys nicht automatisch die Clubs ab, auch wenn sie scheinbar zeitgemäßer und komfortabler sind. Ob sich Fotofans einen klassischen Fotoclub suchen oder sich im Internet bei Flickr, Fotolog oder Fotocommunity austauschen, ist vermutlich schlicht Typsache. Auf beiden Seiten scheint es momentan nur Sieger zu geben, die allerdings in ganz unterschiedlichen Ligen spielen:
Ist die Mitgliederzahl bei Fotoclubs in Deutschland vierstellig, dann ist die Mitgliederzahl auf der mehrheitlich von Deutschen besuchten Plattform Fotocommunity gleich siebenstellig, beim international genutzten Flickr sogar achtstellig. 

"Ich glaube nicht, dass Fotocommunities Fotoclubs ersetzen, sondern ergänzen", sagt demnach auch Daniel Schaffeld, Geschäftsführer von Fotocommunity. Eine weitgehend friedliche Koexistenz also. Spannend auch, dass sich die auf den ersten Blick so unterschiedlichen Angebote doch gleichen. Ganz offensichtlich hat sich in der über hundert Jahre währenden Ära der Fotoclubs herauskristallisiert, was Amateuren wichtig ist. Und das bieten auch die Onlineplattformen, beziehungsweise die Mitglieder sorgen selbst dafür. Beispiel Wettbewerbe: Die gibt es auch online. So initiierte die Fotocommunity bislang achtzig Wettbewerbe mit je über 4000 Einsendungen plus der von Mitgliedern organisierten.

Trend zum Offline-Treffen

Bei Flickr gibt es seit kurzem den Flickr Friday, wo Mitglieder jede Woche ein Thema ausrufen. Selbst das wichtigste Merkmal der Online-Communitys, nämlich dass sie online sind, wird durchbrochen. Denn auch die Mitglieder dieser Plattformen treffen sich schon offline. Bei der Fotocommunity etwa verabreden sich die User über einen Kalender privat zu realen Treffen sei es zum Fotografieren, zum Stammtisch, zum Ausstellungsbesuch, zum Workshop. 300 bis 400 Usertreffen finden in ganz Deutschland jeden Monat statt.

In den großen amerikanischen Städten hat Flickr bereits lokale Ortsgruppen. Ganz vorn liegt San Francisco mit 462 Mitgliedern. Inspiriert von den USA, hat in Bayern das Flickr-Mitglied Andrea Peipe begonnen, Meetups zu veranstalten. "Offline-Treffen finde ich extrem wichtig", erzählt sie. "Man erreicht ein ganz anderes Level an Kreativität und es ist einfach schön, sich mit Gleichgesinnten zu unterhalten!" Vor der Sache mit den Meetups hatte sie überlegt, einem Fotoclub beizutreten. Doch die Mitgliedsbeiträge und die festen Treffen schreckten sie ab. Außerdem hatte sie Sorge, dass dort konservativer fotografiert wird als bei Flickr, wo Fotografen gern mal verrückte Fotos machen. Vermutlich meint sie keine Schattenwürfe von Stuhlbeinen und Statuen.  

Dieser Artikel ist in unserer Ausgabe 6/13 erschienen.

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Anja Martin - Journalistin
Über den Autor
Anja Martin

Die langjährige fotoMAGAZIN-Autorin Anja Martin lebt in Berlin, wenn Sie nicht gerade irgendwo an einer exotischen Location am anderen Ende der Welt unterwegs ist. Denn Reisereportagen sind der zweite große Schwerpunkt der Journalistin, die sonst unter anderem auch für die Süddeutsche Zeitung, die taz oder die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung schreibt.