Make-up in der Dampflok-Fotografie

Fotogeschichte
16.04.2021

Um Dampflokomotiven detailreich zu fotografieren, wurden sie früher mit Kalkfarbe bemalt – dem sogenannten „Fotografieranstrich“.

Eine Dampflokomotive zu fotografieren ist selbst heute mit dem großen Dynamikumfang digitaler Aufnahmetechnik schwierig. Der Schweizer Fotograf Rene Groebli wählte in den 1940er-Jahren den Weg der „Subjektiven Fotografie“. Er reiste durch Frankreich und fotografierte Lokomotiven in voller Fahrt, eingehüllt in Dampf, oft mit diagonal gehaltener Kamera, um die Wirkung von Geschwindigkeit und Energie zu verstärken. Sein Bildband „Die Magie der Schiene“ wurde 1949 publiziert. Das Buch gilt heute als eines der Meisterwerke der Fotografie. Diese Art der Fotografie war neu. Werksfotografen der Lokomotivfabriken hatten damals ganz andere Ansätze, um gute Bilder ihrer Maschinen zu machen. Ihre Fotos sollten objektiv und präzise zeigen, wie Lokomotiven aussehen. Jedes Detail musste auf ihren Fotos erkennbar sein. 

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Lokomotive 03 278

Ein Foto der Borsig-Werke in Berlin. Die abgebildete Lokomotive 03 278 wurde am 2. Juli 1937 ausgeliefert und war bis zum 28. August 1978 im Dienst. Der helle Fotografieranstrich ist deutlich erkennbar, ebenso die betonten Kanten beim Tender. Auch die roten Räder wurden mit einem Fotografieranstrich versehen. Weitere Bildbearbeitungen, die zusätzlich in der Retusche gemacht wurden, sind hier ebenfalls deutlich sichtbar: Das Gras wurde weich gezeichnet und der Himmel entfernt, ohne darauf zu achten, dass es eine einheitliche Horizontlinie erkennbar bleibt. https://eisenbahnstiftung.de

Foto: © Borsig Werkbild/Gerhard Moll

Wie bringt man eine 25 Meter lange Maschine in Schwarz und Rot auf eine schwarzweiße Fotoplatte oder auf Film?

Die Farben waren nicht einfach zu fotografieren. Welches Filmmaterial eignete sich, welche Kamera, welche Linse und welches Wetter benötigten die Fotografen? Anders als heute hatten die damaligen Emulsionen nur einen Dynamikumfang von ca. fünf, maximal sieben Blendenstufen. Ein nachträgliches Anpassen im Labor ging nur, wenn man alle Lichter und Schatten innerhalb dieser Blendenstufen unterbringen konnte. Um eine Lok von 25 Meter Länge abzulichten, brauchte der Fotograf ein großes Areal ohne störenden Hintergrund oder Vordergrund und ohne Fahrbetrieb. Dann war eine Großformatkamera mit Tilt/Shift-Verstellung nötig. Die Aufnahmeplatte sollte idealerweise größer sein als 13 x 18 cm, das Objektiv vorzugsweise eine Normalbrennweite ohne Verzerrung und sonstige Störungen wie Bokehs. Die Arbeit musste vom Stativ erfolgen, denn für die Aufnahme kam nur eine möglichst kleine Blende in Frage – sonst hätten sich je nach Aufnahmeposition Teile der Lokomotive im Unschärfenbereich befunden. Dies erforderte wiederum eine lange Belichtungszeit, sollte das Wetter nicht mitspielen. Idealerweise wartete der Bildermacher auf einen Tag mit einer hellen, gleichmäßigen Bewölkung.

Das Dampflok-Shooting

Die Lokomotiven wurden speziell für das Fotografieren vorbereitet: Man verpasste ihnen den sogenannten „Fotografieranstrich“. Dazu übergoss oder bemalte man die Lokomotiven mit einer Mischung aus Kreide- oder Kalkmehl und Wasser. Die schwarzen Loks wurden so vorübergehend grau und das Schattenspiel der Formen, Leitungen und Nieten verbesserte sich beim Fotografieren immens. Man darf hier wirklich von einem „Make-up“ für Lokomotiven sprechen. Der Vorteil der verwendeten Kalkfarbe: Zum Abwaschen wurde die Lokomotive anschließend einfach in den Regen gestellt. Hatte der Fotograf sein Bild im Kasten und entwickelt, dann konnte er es einem Retuscheur überlassen. Dieser fertigte die präzisen Druckvorlagen für Zeitschriften und Bücher an. Hersteller von Modelleisenbahnen bieten heute noch Lokomotiven im Fotografieranstrich an – reine Vitrinen- Objekte, denn die Loks verkehrten nie in dieser Farbgebung im Betriebseinsatz. Mit dem Aufkommen des Farbfilms entfielen Fotografieranstriche weitgehend, was die Arbeit für die Fotografen erschwerte. Fortan mussten mehrere Negative in der Retusche zusammengefügt werden. Doch selbst heute noch gibt es Varianten des Anstrichs, beispielsweise jene Matt-Sprays, welche die Reflektionseigenschaften von Objekten in 3D-Scannern erhöhen.

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Über den Autor
peter.michels

Bei Peter Michels liegt das Schreiben und Unterrichten rund um die Fotografie in der DNA. Er unterrichtet Kamerabau, historische Fotoprozesse und Analogfotografie. Ihm ist es zu verdanken, dass in der Schweiz Analogfotografie als schützenswertes Handwerk definiert wurde. Als Kurator konzipierte er die Werkschau PHOTO an den Standorten Zürich und München.