Fokus Fotorecht: Wann ist eine Einwilligung erteilt?

Unsere Kolumne um das Thema Recht & Fotografie
21.07.2015

Reihe zum Recht am eigenen Bild, Teil 3: Lächeln in die Kamera und der Mythos vom Gruppenbild

Fokus Fotorecht - Marie Slowioczek

Fokus Fotorecht - Marie Slowioczek

Marie Slowioczek ist Anwältin und hat schwerpunktmäßig mit Fragen des gewerblichen Rechtsschutzes wie Marken- und Urheberrecht zu tun. Aber auch privat bleiben ihr als ambitionierter Hobbyfotografin und Moderatorin eines Onlinefotoforums die alltäglichen und speziellen Probleme des Rechts in und an der Fotografie nicht verborgen.

© Härting Rechtsanwälte

Was haben die folgenden Situationen gemeinsam?
1) Eine schöne Frau steht auf der Straße und lächelt dem Fotografen in die Kamera. Das Foto lädt er sofort in seinen Instagram-Account, Hashtag #sexyladysuchtdich und verlinkt eine Seitensprung-Agentur.

2) Sieben Kumpels werden gemeinsam beim Herrentag geknipst. Das Foto landet bei einer Marketing-Agentur, die es für eine Bierwerbung benutzt.

3) Bei einem Festival wird kräftig die tanzende Menge fotografiert, natürlich für die Homepage des Fotografen, Rubrik Konzertfotografie.

Die Gemeinsamkeit liegt darin, dass die in ihnen entstandenen Fotos ohne Einwilligung des Abgebildeten verbreitet werden dürfen. Oder vielleicht doch nicht? Zeit, ein paar Dinge richtigzustellen.

Dass Fotos grundsätzlich nur mit der Einwilligung des Abgebildeten verbreitet werden dürfen, dieser also das „Recht am eigenen Bild“ hat, dürfte mittlerweile bekannt sein. Die Einwilligung kann auf zweierlei Weise erteilt werden: Es gibt die ausdrückliche Einwilligung – der Abgebildete sagt also: „Ich weiß, was du mit dem Foto vorhast und ich bin damit einverstanden.“ Idealer- aber nicht notwendigerweise wird die ausdrückliche Einwilligung schriftlich erteilt, häufig unter der Überschrift „Model Release“ oder „Mitwirkendenvertrag“. Daneben gibt es aber noch die stillschweigende, unausgesprochene Einwilligung, die allein durch das Verhalten des Fotografierten zum Ausdruck gebracht wird. Der Jurist spricht von konkludenter Einwilligung, also einer Einwilligung, die sich aus dem Verhalten des Gegenübers herleiten lässt. Ab jetzt wird es kniffelig, denn nichts lässt mehr Interpretation zu als menschliches Verhalten. Recht eindeutig ist da noch der Fall, wenn jemand das Fotografieren nur stoisch über sich ergehen lässt. In das bloße Dulden der Aufnahme lässt sich keine Zustimmung zur Verbreitung des Bildes hineinlesen.

Lächeln in die Kamera

Aber was ist mit unserem ersten Beispiel: Die Fotografierte sieht die Kamera und lächelt sogar freundlich. Das kann doch nur als Zustimmung gewertet werden. Stimmt, aber wozu genau? Für eine wirksame Einwilligung ist es unverzichtbar, dass der Fotografierte den Zweck, die Art und den Umfang der späteren Verbreitung seines Bildes erkennen kann. Er muss also recht genau wissen, wo, wie und mit welcher Absicht sein Bild benutzt werden wird. Die Dame in unserem Beispiel wird wohl damit einverstanden sein, dass der Fotograf das Bild macht und auch herumzeigt, z. B. am Fotostammtisch. Damit rechnet sie. Aber wollte sie wirklich, dass ihr Abbild gleich im Internet landet? Vielleicht nicht. Bei einem Hochladen auf die private oder gewerbliche Webseite des Fotografen kann man schon zweifeln, schließlich ist ihr Abbild plötzlich für die ganze Welt verfügbar. Ganz gewiss aber können wir ausschließen, dass sie ohne weiteres als Gesicht der „Sexy Lady“ im Zusammenhang mit einer Seitensprung-Vermittlung herhalten wollte. Bei Verwendungen, die schnell in die Privat- oder Intimsphäre des Abgebildeten eingreifen, etwa weil sie einen erotisch-sexuellen Bezug haben, kann man von einer konkludenten Einwilligung nicht ausgehen, es sei denn, dem Abgebildeten ist der Zusammenhang deutlich klar, etwa wenn man auf einer Erotikmesse die Darsteller bei einer Performance fotografiert. Bei einer alltäglichen Straßenszene ist das aber kaum der Fall. Trotz des Lächelns in die Kamera kann sich der Fotograf also nicht auf eine stillschweigende Einwilligung in die konkrete Verbreitung unter #sexladysuchtdich berufen.

Anderes Beispiel: der Straßenmusikant. Häufig freuen sich Straßenmusikanten, wenn sie fotografiert werden. Dies insbesondere dann, wenn es sich um Profimusiker handelt, die so zu Bekanntheit gelangen und ein paar CDs verkaufen wollen. Sie hoffen auf etwas Werbung, deshalb darf man annehmen, dass sie auch mit einer umfassenden Verbreitung, z. B. in den Sozialen Medien einverstanden sind. Dient das Foto aber zur Illustration eines Zeitungsbeitrags, in dem Straßenmusikanten pauschal als unmusikalische Stümper verunglimpft werden, fehlt es an einer wirksamen konkludenten Einwilligung. Denn wer mag sein Bild schon gerne für Negativschlagzeilen hergeben? Dieser Kontext der Verbreitung ist für den Musikanten auch nicht erkennbar, selbst wenn der Fotograf den Presseausweis offen an der Brust trägt.

Mythos Gruppenbild

Unser zweites Beispiel illustriert eine hartnäckigen Legende: der Mythos Gruppenbild. Es heißt, wenn mehr als 3, 5 oder 7 Personen – je nach Gerüchtekoch – auf einem Bild seien, bräuchte man keine Einwilligung. Das ist in dieser Pauschalität nur eins – nämlich falsch. Ein Bildnis ist ein Bildnis, egal wie viele andere Bildnisse noch auf dem Foto sind. Ist eine Person erkennbar, muss vor der Verbreitung des Fotos ihre Einwilligung eingeholt werden. Und zwar von jedem einzelnen. Selbst das Jahrgangsbild mit 100 glücklichen Abiturienten darf nicht ohne weiteres veröffentlicht werden.

Für den Fotografen der Herrentagsgruppe heißt es also: Alle sieben Jungs fragen, ob sie mit der Verbreitung einverstanden sind. Und in diesem Fall wirklich fragen, auch wenn sie in die Kamera grinsen wie Honigkuchenpferde. Denn für eine werbliche oder kommerzielle Nutzung des Bildes kommt in den allerseltensten Fällen eine konkludente Einwilligung in Frage. Diese Absicht ist für die Abgebildeten schlichtweg nicht erkennbar. Gleiches gilt auch, wenn die Bilder zur Meinungsäußerung verwendet werden, etwa um einen Parteienwahlkampf zu illustrieren.

Teilnehmer an öffentlichen Veranstaltungen

Zuletzt hört man hin und wieder: Wer sich an öffentlichen Orten zeigt, der muss auch damit rechnen, fotografiert zu werden. Richtig, aber muss er auch damit rechnen, dass sein Foto verbreitet wird? Manchmal schon. Bilder von Versammlungen und Aufzügen dürfen ohne Einwilligung der Abgebildeten gezeigt werden. Dies ist eine gesetzliche Ausnahme von der strengen Regel. Allerdings gilt sie nur dann, wenn es gerade darum geht, die Masse zu zeigen. Pickt man eine Person besonders heraus und ist diese erkennbar, braucht man wieder deren (konkludente) Einwilligung für die Verbreitung. Wer sich z. B. auf einer Demo wie dem Christopher Street Day besonders herausputzt und für die Fotografen posiert, dem darf man unterstellen, dass er mit der Verbreitung der Aufnahmen auch in recht großem Umfang einverstanden ist. Natürlich wieder mit den oben dargestellten Einschränkungen. Steht der Abgebildete allerdings nur am Rande, trifft dies eher nicht zu. Allein die Teilnahme an einem Konzert, einem Karnevalsaufzug oder der Besuch einer Diskothek per se heißt noch lange nicht, dass man mit der Verbreitung seines Fotos einverstanden ist, selbst wenn es durchaus üblich ist, dass an diesen Orten fotografiert wird. In unserem dritten Beispiel kommt es also darauf an, was der Fotograf abbildet. Zeigt er nur die Masse der Zuschauer, ist keine Einwilligung nötig. Setzt er den Fokus jedoch auf den kreischenden Fan in der ersten Reihe, sollte er diesen freundlich um Erlaubnis bitten, wenn er die Bilder auf seiner Homepage im Portfolio verwenden möchte.

Es ist also nicht immer nötig, allem und jeden einen Model-Release-Vertrag unter die Nase zu halten. In gewissem Rahmen kann schon ein freundliches Lächeln ausreichen, wenn für den Abgebildeten erkennbar ist, wie, wo und in welchem Kontext ein Bild Verwendung finden soll. Wichtig ist jedoch zu wissen, dass der Fotograf beweisen muss, dass das Modell die Folgen seiner Einwilligung gekannt hat. Planen Sie also die werbliche Nutzung oder eine besonders umfangreiche Verbreitung eines Fotos oder die Verwendung einer intimen Abbildung, ist es von großem Vorteil, wenn Sie die Einwilligung umfassend schriftlich festgehalten haben. Es sei denn, es ist gar keine Einwilligung nötig. Auch das kommt vor. Eine Ausnahme von der Regel habe ich heute schon verraten, die anderen besprechen wir in einer nächsten Ausgabe unserer Kolumne.

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Härting Rechtsanwälte - Fokus Recht
Über den Autor
Härting Rechtsanwälte

Fotografen haben Rechte und manchmal auch Pflichten. Die Anwälte Marie Slowioczek und Robert Golz aus der Kanzlei Härting Rechtsanwälte erklären in ihrer Kolumne Fokus Fotorecht neue Gesetzesentwürfe, stellen populäre Irrtümer richtig und bringen Licht ins Dunkel bei Fragen rund um die Fotografie.