Fokus Fotorecht: Der Hintern des Nachbarn - Ist der Kunst oder muss der privat bleiben?

Unsere Kolumne um das Thema Recht & Fotografie
12.05.2015

Ein Fotograf fotografiert seine Nachbarn durch das Fenster. Die sind empört, klagen – und verlieren. Das ist Kunst, sagt das Gericht zerknirscht.

Rechtsanwalt und Kolumnenautor Hendrik Wieduwilt

Rechtsanwalt und Kolumnenautor Hendrik Wieduwilt

Dr. Hendrik Wieduwilt ist Anwalt und fotografiert schon lange genug, um zu wissen, wie man einen Film einlegt. Sein Spezialgebiet sind internet- und medienrechtliche Themen, die er gelegentlich auch journalistisch bearbeitet.

© Härting Rechtsanwälte

Voyeurismus oder Kunst, das ist eine häufige Frage in der Fotografie. Bei Arne Svenson stellt sie sich besonders: Seine Bilder zeigen etwa eine kniende Frau, die der Linse unwillkürlich ihr Hinterteil entgegenreckt. Svenson hält drauf, von gegenüber, der Straßenseite mit einer langen Brennweite und ohne schlechtes Gewissen.

Er hat sich vorher mit seinem Anwalt abgesprochen, sich dann viermal Hitchcocks „Fenster zum Hof“ angesehen und losgelegt. Das betroffene Paar sah sich später in einer New Yorker Gallerie aufgehängt, einschließlich der teils unbekleideten Kinder. Der Fall schien den amerikanischen Richtern nicht geheuer: Das sei zwar verstörend, aber Kunst, urteilten sie jetzt – und forderten den Gesetzgeber zum Handeln auf.

Wie ist das in Deutschland? Darf man Nachbarn fotografieren?

Eine Ausstellung mit Bildern von Nachbarn scheint bereits verwegen – davor steht aber das Fotografieren selbst. Darf man einfach über die Straße knipsen? Eines vorweg: Fremde nackte Kinder auf diese Weise zu fotografieren ist spätestens seit Jahresbeginn ein nicht nur schmieriges, sondern auch strafbares Projekt. Der neue § 201a StGB verbietet das.
Anders als beim Thema Straßenfotografie gibt es hier auch keine Ausnahmen für die Kunst.

Strafbar wäre die Fotografiererei auch, wenn sie so „beharrlich“ ausgeübt wird, dass es die „Lebensgestaltung des Opfers schwerwiegend beeinträchtigt“ – das kann dann als Stalking gemäß § 238 Abs. 1 Nr. 5 StGB ins Gefängnis führen. Aber Svensons unfreiwilligen Modelle haben  zunächst gar nichts bemerkt, waren also auch nicht beeinträchtigt.

Nicht strafbar bedeutet aber noch lange nicht legal. Wenn wir zu Hause sind, kann das Äußerliche schon einmal ein bisschen verrutschen. Es muss nicht gleich Bademantel und White Russian sein – aber Menschen erlauben sich blöde Gesichter, ungeschickte Bewegungen oder auch das Selbstgespräch, wenn sie zu Hause sind.
Um Gestik und Körperhaltung ging es auch Svenson, wie er sagt. Das Persönlichkeitsrecht schützt aber diese Momente, in denen Menschen „ganz für sich sein, sich selbst gehören“ können. So formulieren es die Richter am Bundesverfassungsgericht und so sieht es auch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg.

Gut beraten

Da es um Persönlichkeitsrechte geht, also Grundrechte, gibt es allerdings ein winziges Schlupfloch: Wenn der Mensch nicht erkennbar ist, werden auch seine Rechte nicht beeinträchtigt. Svensons Anwalt hat ihn vermutlich gut beraten: Er wollte Menschen als Repräsentanten der Menschheit fotografiert sehen, „nicht identifizierbar“, sagte er dem Fotoblog Petapixel.

Doch Vorsicht! Auch bei abgewendetem Gesicht (und zugewendetem Hintern) kann die Person möglicherweise erkannt werden – durch die Lage, Kleidung, besondere Möbel oder wenn sie durch die Bildunterschrift identifiziert wird (siehe Recht am eigenen Bild, Teil 1).

Vielleicht ruft nun jemand: „Panoramafreiheit!“ Damit ist das Recht gemeint, von öffentlichen Wegen aus fotografieren zu dürfen. Nun ist die eigene Wohnung aber nicht öffentlich – und zudem hilft dieser Paragraf nur gegen urheberrechtliche Ansprüche von Künstlern, nicht aber, wenn das Persönlichkeitsrecht der Fotografierten betroffen ist.

Besser gleich nach New York

Dennoch kann sogar bei erkennbaren Personen die Aufnahme ausnahmsweise legal sein: Etwa wenn andere Grundrechte für den Fotografen streiten – die Presse- und Kunstfreiheit etwa. Das ist ein juristischer Drahtseilakt, der eine exzellente Begründung benötigt, denn die Wohnung gehört zur Privatsphäre und die ist besonders geschützt. Besonders riskant wird es, wenn das Foto doch in eine Ausstellung gelangt. Die kann dann sogar strafbar sein, wegen öffentlicher Zurschaustellung.

Da es um Abwägungsfragen geht, ist die Rechtsprechung stark einzelfallbezogen. Es gibt keine Faustregel, außer vielleicht dieser: Fotografen sollten sich eine Einwilligung besorgen, spätestens für die Ausstellung – oder nach New York ziehen.

Dort hat Jahrzehnte vor Arne Svenson bereits der große André Kertész fotografiert, zum Beispiel Sonnenanbeter, teilweise vom Balkon, mit dem Teleskop. Seine Bilder werden in einer Ausstellung namens „Überwachung“ gezeigt. Er wurde, soweit wir wissen, nicht verklagt.

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Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
Härting Rechtsanwälte - Fokus Recht
Über den Autor
Härting Rechtsanwälte

Fotografen haben Rechte und manchmal auch Pflichten. Die Anwälte Marie Slowioczek und Robert Golz aus der Kanzlei Härting Rechtsanwälte erklären in ihrer Kolumne Fokus Fotorecht neue Gesetzesentwürfe, stellen populäre Irrtümer richtig und bringen Licht ins Dunkel bei Fragen rund um die Fotografie.