Fotokunst aus dem Automaten

15.03.2010

Der alte FotoFix-Automat hat sich in seiner analogen Form jüngst aus der Medienwelt verabschiedet. Ein Nachruf auf die alten Streifenfotos aus der Bilderbox

Eine junge Frau steht mit einem Hummer in den Händen vor dem Küchentisch. Topflappen hängen an den Kacheln, eine zart gemusterte Tapete bedeckt die Wand darüber. Irgendetwas stimmt hier nicht. Die Dinge wirken merkwürdig verschoben. Die Brüchigkeit des Bildes manifestiert sich in dem weißen Raster, das die Szenerie in 16 Einzelteile zerlegt. Wurde das Bild zerschnitten?

Nein! Jan Wenzel produziert seine Bilder im FotoFix-Automaten, jedes in der unmanipulierten Viererabfolge als Streifen, die er dann als Einzelbild betrachtet oder zu einem Fantasiebild aus mehreren Streifen (wie bei der Küchenszene) montiert. Mit dem Fotoautomaten schafft er aus Abfolgen realer Kabinenwelten eine Gleichzeitigkeit von Raum und Zeit. Meine ersten Fotos im Passbildautomaten habe ich 1990 in Bautzen gemacht. In der DDR waren Fotoautomaten nicht in Gebrauch; das Patent lag im Westen. Ich ging damals regelmäßig zu der FotoFix-Kabine im Bahnhof. Anfangs allein, später mit Freunden. Wir erprobten die neue Apparatur als Bühne, erzählt Wenzel über seine Begegnung mit FotoFix.

Rein in die Kabine, Drehstuhl auf die richtige Höhe bringen und Vorhang zu   wer kennt das nicht? Dieses Bewusstsein, dass nun schonungslos in regelmäßigen Abständen geblitzt wird. Wer hat hier nicht schon Grimassen geschnitten oder sich mit Freunden vor das Objektiv gezwängt? Wenzel begann bereits damals zu inszenieren, indem er den vertikalen Streifen als Bildsequenz gestaltete und mit positionierten Gegenständen improvisierte.

Jan Wenzel wurde 1972 in Bautzen geboren, zog 1994 zum Studium der Germanistik und Kunstgeschichte nach Leipzig. Dort faszinierten ihn die leerstehenden Gründerzeithäuser. Ihre Bewohner hatten sie zur Zeit der Wende verlassen. Wie ein Dieb schlich er sich in diese vergangene Zeit, von der noch Möbelstücke und verstreute Kleinigkeiten zeugten. Diese Fundstücke mit dem Fotoautomaten abzulichten, war in der Situation des gesellschaftlichen Wandels eine Möglichkeit, sich ihrer dokumentierend zu entledigen, ohne sie zu romantisieren oder ganz zu verlieren. Damit auch größere Gegenstände in der Fotokabine Platz haben, muss er diese demontieren. Dabei interessiert ihn die Arbeitsweise eines Bastlers, der aus dem Vorgefundenen Neues komponiert. Mit dem Einsatz des FotoFix-Automaten als Medium gelingt ihm der Transfer vom Realen zum Imaginären.

Wenzel unterwirft sich dem Rhythmus des Automaten, liefert der Kamera Motive in der von ihr geforderten Schnelligkeit. Dazu bedarf es einer exakten Choreographie. Als seine Bildentwürfe immer komplexer werden, erwirbt er schließlich 1997 eine Maschine.


Schon im Jahr 1889 nutzen die Menschen den ersten Fotoautomaten für Spaßbilder

Wenzel ist nicht der erste Künstler, der Fotoautomaten einsetzt, jedoch vielleicht der letzte, der einen analogen Apparat verwenden kann, denn laut Herstellerfirma sind in Deutschland alle durch digitale Systeme ersetzt worden.

Die Firma wurde 1956 von Johannes Schwarzfeldt gegründet und dominiert seit über fünfzig Jahren den deutschen Markt. Neben Pass- und Bewerbungsfotos hat sie den Spaßfaktor entdeckt und wirbt heute mit Herzensgrüße an den Liebsten oder der Illusion des Traumbodys in zwei Minuten. Schon seit der erste Fotoautomat 1889 auf der Pariser Weltausstellung präsentiert wurde, nutzten ihn die Menschen zum spontanen Fotospaß.

Fotografen sahen in dem kostengünstigen Dienstleister einen Konkurrenten. Zugleich setzte die Kritik ein, dass ein Automat keine wahren Portraits schaffen könne, dass man sich deshalb auf den Bildern nicht wirklich ähnlich sehe. In diesem Sinne ließ Botho Strauß seinen Protagonisten in Die Widmung zur Fotografin gehen, da er sich nicht in Fotomaten, in diese Todesblitzzellen hineinwagte.

Genau dieser Effekt der unkontrollierbaren, mechanisch in einem gleichbleibenden Setting entstandenen Portraits begeisterte Ende der Sechzigerjahre Andy Warhol, der den zeitlich geregelten Ablauf der vier Aufnahmen nutzte, um zu posen und zu duplizieren. Die Beziehung zwischen Model und Fotograf war aufgehoben, und damit auch die subjektive Interpretation des Fotografen. Der Portraiterte blieb allein mit sich und der Maschine. Warhol machte den Photomaton zum Studio für Selbstinszenierungen und Portraits von Freunden und Prominenten.

Andy Warhol machte den Automaten zum Mini-Studio seiner Inszenierungen

Mit ihm und der am Seriellen ausgerichteten Pop Art begann für FotoFix unter dem Namen Photobooth (Engl.: Fotoautomat) der Einzug in die Kunstgeschichte. Wenzel führt die auf Warhol verweisende Technik der Zeitcollage radikal weiter; er erzeugt einen virtuellen Bildraum mit analogen Mitteln, erläutert das einst von Reinhold Mißelbeck herausgegebene Lexikon der Fotografen. Er fügt den vertikalen Bewegungsablauf zum Moment zusammen und verkehrt dadurch die Welt.

Auch andere Künstler haben den Photomaton für sich entdeckt. Der Österreicher Arnulf Rainer nutzte beispielsweise 1968/69 einen Automaten im Wiener Westbahnhof für seine Grimassenfotos. Anfangs zog ich das Selbstaufnehmen in der Kabine jedem Fotografen vor, ich wollte kein gutes Foto und brauchte Alleinigkeit bei der Arbeit. Das große Problem bei den Fotokabinen war nur, den Moment der Auslösung zu erraten, weshalb Rainer später einen Fotografen bevorzugte. Zeitweilig nutzte auch Jürgen Klauke den Fotoautomaten für seine Selbstinszenierungen.

Joachim Schmid interessiert nicht das eigene Bild. Seit 1982 hat er in zwölf Jahren in vier Kontinenten und mehr als vierzig Städten 937 gefundene Amateur- und Passbilder gesammelt, davon 15 bis 20 Prozent Abfälle aus Fotoautomaten. Damit hat sich Schmid als scharfsichtiger Retter dieses fotografischen Treibguts erwiesen, so John S. Weber im Vorwort zu Bilder von der Straße. Indem er sich dieser Readymades à la Marcel Duchamp bediente, parodierte er den künstlerischen Wert der Fotografie.

Das weggeworfene Automaten-Foto spielt auch im Jahr 2001 in dem zum Kinohit avancierten französischen Spielfilm Die fabelhafte Welt der Amélie von Jean-Pierre Jeunet eine entscheidende Rolle als Vermittler in der märchenhaften Liebesgeschichte zwischen Amélie Poulain und dem Sammler Nino.
Schon 1974 hatte Herman Costa seine erste Ausstellung mit Fotokompositionen, die in Kabinen an verschiedenen Orten entstanden waren.

Für ihn war das Atelier im öffentlichen Raum von Bedeutung.
Liz Rideal geht noch einen Schritt weiter und verfremdet die FotoFix-Art bis zur Abstraktion, indem sie hunderte Fotostrips mit gleichen oder ähnlichen Strukturen zu einem riesigen Bild zusammenfügt. Bahnbrechend war die 1987 in New York und Rochester von Bern Boyle und Linda Duchin kuratierte Show Photomaton; der Begleitkatalog befasst sich erstmals mit der Geschichte der Automatenbilder.

Rolf Behme gibt als eingeschworener FotoFix-Künstler 1996 sein Pamphlet FotoFix. Es blitzt viermal heraus. Näkki Goranin, besitzt seit 1960 einen eigenen Automaten und hat damit unzählige Selbstportraits produziert. Letztes Jahr ist ihr Band American Photobooth zur 80-jährigen Geschichte erschienen.

Thomas Kwapil dreht bei seinen Arbeiten die Portraitsituation einfach um, indem er mittels Spiegel das Kameraauge aus der Kabine auf die Straße lenkt. Mich interessiert, was draußen passiert. Für Kwapil ist es keine Überlegung mehr, ob analog oder digital, er kann nur noch auf die neue Technik zurückgreifen. Auch Jan Wenzel sieht sich mit der Endlichkeit des analogen Mediums konfrontiert. Material hat er noch für rund 13.000 Fotopapierstreifen. Für ihn eine existentielle Erfahrung, ist doch seine künstlerische Laufbahn mit dem FotoFix-Automaten aufs Engste verbunden. In seiner jüngsten Arbeit Instant History hat er sich mit dem Übergang vom analogen zum digitalen Photomaton beschäftigt und die Maschine selbst zum Model seiner Bilder gemacht. Anne Kotzan

Sie können bis zu drei Kameras vergleichen, um eine andere auszuwählen, entfernen Sie eine aus dem Vergleich.
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Anne Kotzan